{"id":266,"date":"2005-12-14T17:33:01","date_gmt":"2005-12-14T16:33:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=266"},"modified":"2016-02-23T10:00:33","modified_gmt":"2016-02-23T09:00:33","slug":"die-folgen-des-fernsehens-und-seiner-kommerzialisierung-fur-bildung-wissen-und-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=266","title":{"rendered":"Die Folgen des Fernsehens und seiner Kommerzialisierung f\u00fcr Bildung, Wissen und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Eine kurzgefasste Zusammenstellung wichtiger Erkenntnisse &ndash; unter anderem des Hirnforschers Manfred Spitzer.<br>\n<!--more--><br>\nFernsehen gibt es in Deutschland seit den f&uuml;nfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Bis 1984 allerdings &ouml;ffentlich-rechtlich und mit einer &uuml;berschaubaren Zahl von Programmen, einer beschr&auml;nkten Dosis sozusagen.<\/p><p>Seit der Wende von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl wurden Milliarden in die Programmvermehrung und in die Kommerzialisierung gepumpt.<\/p><p>Die Folgen hat der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch <em>&bdquo;Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft&ldquo;<\/em> beschrieben. <\/p><p>Professor Spitzer hat naturwissenschaftlich belegt, wovor die Planungsabteilung im Bundeskanzleramt schon 1978 gewarnt hat: <\/p><blockquote><p>Die Dosis des Fernsehens&hellip; nahm vor etwa 15 Jahren deutlich zu. Und wir haben in den letzten Jahren einen Anstieg der Aggressivit&auml;t unter Jugendlichen. Nach k&uuml;rzlich vom baden-w&uuml;rttembergischen Kultusministerium ver&ouml;ffentlichten Angaben wurde in diesem Land von 1997 bis 2003 eine Zunahme aggressiver Verhaltensweisen bei Sch&uuml;lern um &uuml;ber 40% festgestellt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Manfred Spitzer:<\/p><blockquote><p>Die Gewalt in den Medien schadet besonders jungen Kindern unter acht Jahren, da diese noch Schwierigkeiten haben, zwischen Realit&auml;t und Phantasie zu unterscheiden. Sie hat nachweislich eine ganze Reihe von Auswirkungen bei Kindern: Sie verst&auml;rkt Aggressivit&auml;t und antisoziales Verhalten, verst&auml;rkt aber auch &Auml;ngste, selbst Opfer von Gewalttaten zu werden. Zudem desensibilisiert Gewalt in den Medien die Jugendlichen gegen&uuml;ber realer Gewalt und Gewaltopfern. Schlie&szlig;lich f&uuml;hrt Gewalt in den Medien zu einem &bdquo;verst&auml;rkten Appetit&ldquo; auf mehr Gewalt im Unterhaltungsprogramm aber auch im realen Leben.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>In ihrem Buch &uuml;ber Medienforschung vertreten Ludwig und Pruys (1998) eine weit verbreitete Auffassung zur Notwendigkeit von Gewalt im Fernsehen:<\/p><blockquote><p>Solange es Literatur und Kunst gibt, haben K&uuml;nstler die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen ausgelotet &hellip; und damit die Diskussion &uuml;ber gesellschaftliche Normen und Werte vorangetrieben&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p>Dazu Manfred Spitzer: <\/p><blockquote><p>Ich bestreite jedoch, dass die Gewalt im Fernsehen das Produkt von K&uuml;nstlern ist, die damit irgend eine gesellschaftlich sinnvolle Diskussion vorantreiben wollen. <\/p>\n<p>Ich bestreite weiterhin, dass man allen ernstes behaupten kann, die Gewalt in den Medien w&uuml;rde unsere Gesellschaft im Hinblick auf Normen und Werte voranbringen. Es geht bei Gewalt in Bildschirm-Medien vielmehr um handfeste finanzielle Interessen, wie &uuml;brigens die genannten Autoren auch an anderer Stelle unumwunden zugeben.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Manfred Spitzer weiter: <\/p><blockquote><p>Allein in Deutschland werden in wenigen Jahren j&auml;hrlich einige 10.000 Menschen durch das Fernsehen sterben. Es gef&auml;hrdet die Menschenw&uuml;rde, beeintr&auml;chtigt das gl&uuml;ckende Leben, und es beg&uuml;nstigt Hass, Aggressivit&auml;t, Krankheit und Tod. Seine negativen Externalit&auml;ten (=Folgen) m&uuml;ssen den m&ouml;glichen positiven Auswirkungen sowie den Profitgesichtspunkten der Medien-Macher gegen&uuml;bergestellt werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>In einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen &uuml;ber <strong>&bdquo;Medienverwahrlosung als Ursache von Schulversagen&ldquo;<\/strong> wurde genau dieser Zusammenhang festgestellt. Ich zitiere aus einem Beitrag von Prof. Christian Pfeiffer: <\/p><blockquote><p>Die schulischen Lerninhalte verblassen angesichts der emotionalen Wucht der filmischen Bilder&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p>Und <\/p><blockquote><p>Wer t&auml;glich stundenlang fernsieht, hat zudem kaum noch Zeit, die schulischen Hausarbeiten konsequent zu erledigen. Au&szlig;erdem bewegt er sich zu wenig. Das sch&auml;digt nicht nur den K&ouml;rper sondern auch den Geist.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Und so hat man in diesen Untersuchungen wachsende Leistungsunterschiede zwischen den Jugendlichen mit besonderer Medienverwahrlosung und den weniger Fernsehabh&auml;ngigen beobachtet.<\/p><p>Weder das Wissen dar&uuml;ber, dass Fernsehgewalt die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung abbaut, noch das Wissen &uuml;ber die Folgen des hohen Fernsehkonsums f&uuml;r die Lernf&auml;higkeit und Lernbereitschaft sind neue Erkenntnisse. Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes hat schon 1978, also sechs Jahre vor der Programmvermehrung und vor der Kommerzialisierung des Fernsehens, vor diesen Folgen gewarnt; der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat sich diese Warnungen zu Eigen gemacht. Helmut Schmidt hat sich geweigert, &ouml;ffentliches Geld in diese sich abzeichnende mediale Verwahrlosung zu investieren.<br>\nWir wurden als Kulturpessimisten, Technikfeinde und Investitionshemmnis attackiert.<\/p><p>Dann wurden 1982 die Schleusen ge&ouml;ffnet. Milliarden des Bundeshaushalts und der damaligen Bundespost und sp&auml;teren Telekom wurden in Verkabelung und Satelliten-Fernsehen investiert. Das waren Milliarden f&uuml;r den Drogenanbau &ndash; so k&ouml;nnte man im &uuml;bertragenen Sinne sagen.<br>\nNichts und niemand hat die politisch Verantwortlichen in Bundesregierung und Bundestag dazu gezwungen. Der Versuch, die eigene Welt selbst und verantwortlich zu gestalten, w&auml;re nicht vergeblich gewesen. Das hat der damalige Bundeskanzler Schmidt bewiesen. Er hat bis zu seinem Abschied im September 1982 der Lobbyarbeit der Medienkonzerne widerstanden. Kanzler Kohl und sein Postminister Schwartz-Schilling haben sich diesen Interessen gebeugt. Zwangsl&auml;ufig war das nicht. Es sei denn, man unterstellt, die von uns gew&auml;hlten Politiker h&auml;tten sich grunds&auml;tzlich der Medienmacht zu beugen. Das mag ja so sein. Aber die Pressionen von Bertelsmann, Kirch und Springer waren und sind keine Sachzw&auml;nge. Sie sind deutliche Zeichen f&uuml;r den Niedergang der Demokratie. Das sollte man dann auch so benennen und nicht weiter besch&ouml;nigen.<br>\n&Uuml;brigens, das w&auml;re hier noch zu vermerken: die Kommerzialisierung des Fernsehens und des H&ouml;rfunks hat sich bei uns nicht allein &uuml;ber den Markt durchgesetzt. Ohne den Einsatz &ouml;ffentlichen Geldes w&auml;re der Durchbruch, im konkreten Fall der Durchbruch zum geistigen Elend eines gro&szlig;en Segments unserer Gesellschaft, nicht m&ouml;glich gewesen. Nicht der Markt hat die Betroffenen in Schwierigkeiten gebracht. Das waren private Interessen, die sich einzelner Politiker und Parteien bedient haben, um &ouml;ffentliches Geld f&uuml;r ihre privaten Interessen einzusetzen. In der Sprache des scheidenden Bundeswirtschafts- und Arbeitsministers: Bertelsmann, Kirch, Springer haben Milliarden abgezockt.<br>\nAuch heute h&auml;tte man, wenn man sich aus den Klauen der Medienm&auml;chtigen befreien w&uuml;rde, gen&uuml;gend Gestaltungsfreiheit. Sie zu nutzen, w&auml;re sogar geboten, w&uuml;rde man ernst nehmen, was man sonst so alles bei Nutzung des Begriffs &bdquo;Wissensgesellschaft&ldquo; so daher schw&auml;tzt. Wir k&ouml;nnten den Bildungsstand unseres Volkes und damit die viel zitierten Pisa-Ergebnisse auf einen Schlag verbessern, wenn wir die Kommerzialisierung und den damit verbundenen totalen Griff des Fernsehens nach den Menschen eind&auml;mmen w&uuml;rden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kurzgefasste Zusammenstellung wichtiger Erkenntnisse &ndash; unter anderem des Hirnforschers Manfred Spitzer.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,60,41],"tags":[295,1588],"class_list":["post-266","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-medienanalyse","tag-kohl-helmut","tag-private-medien"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/266","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=266"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/266\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31514,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/266\/revisions\/31514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}