{"id":26613,"date":"2015-06-30T15:06:39","date_gmt":"2015-06-30T13:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26613"},"modified":"2019-04-10T11:44:17","modified_gmt":"2019-04-10T09:44:17","slug":"auftauen-einfrieren-oder-die-zeichen-der-zeit-wahrnehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26613","title":{"rendered":"Auftauen, Einfrieren \u2013 oder die Zeichen der Zeit wahrnehmen?"},"content":{"rendered":"<p>Das Aktuelle ist schnell benannt: der ukrainische Pr&auml;sident Poroschenko m&ouml;chte zusammen mit dem rum&auml;nischen Pr&auml;sidenten Johannis den &bdquo;eingefrorenen Konflikt&ldquo; zwischen Moldawien und der von Moldawien abgespaltenen Dnjesterrepublik (Transnistrien) auftauen, &bdquo;damit ein unabh&auml;ngiges Moldawien  seine territoriale Integrit&auml;t wiedererlangen und Transnistrien re-integrieren kann.&ldquo;[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26613#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Er will damit zugleich die von ihm immer wieder beschworene territoriale Einheit der Ukraine wiederherstellen, versteht sich. Von <strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26613#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nWenige Tage vor dieser Ank&uuml;ndigung hatte Poroschenko den ehemaligen Pr&auml;sidenten  Georgiens, Michail Saakaschwili, bekannt f&uuml;r seinen provokativen Kriegskurs gegen Russland 2008, als dessen Ergebnis die Enklaven S&uuml;dossetien und Abchasien zur&uuml;ckblieben, zum Gouverneur des Bezirks Odessa ernannt. &bdquo;Ich kam nach Odessa, um Krieg zu verhindern&ldquo;, erkl&auml;rte Saakaschwili in einem Interview der deutschen Tagesschau vor wenigen Tagen, konnte sich aber nicht bremsen, sofort dazu zu setzen: &bdquo;Es gibt den klaren Plan Russlands, die Region zu zerst&ouml;ren.&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] &sbquo;Krieg verhindern&lsquo;, hei&szlig;t f&uuml;r Saakaschwili also unmissverst&auml;ndlich, Russlands &sbquo;klaren Plan&lsquo; zu verhindern. <\/p><p>Hinter diesen Ank&uuml;ndigungen steht die auch NATO, unter anderen in Person des US-Oberkommandierenden Breedlove, der die Welt die Neuigkeit mitteilte, dass Russland in Transnistrien und anderswo &bdquo;bereits eine breite Informationskampagne&ldquo; betreibe. <\/p><p>Tatsache ist, dass Transnistrien, bis heute international nicht anerkannt, seit seiner Abspaltung von Moldau unter dem Schutz einer russischen Friedenstruppe von 1500 Mann steht. Antr&auml;ge zur Aufnahme in den Bestand der russischen F&ouml;deration, wurden von Moskau bisher nicht angenommen.<\/p><p>Die von Poroschenko und Saakaschwili angek&uuml;ndigte Aktion m&uuml;sste milit&auml;risch gegen Russland als Garantiemacht der transnistrischen Unabh&auml;ngigkeit durchgesetzt werden. Auf Grund der Lage Moldaus als Binnenstaat zwischen Rum&auml;nien und der Ukraine, sowie der Transnistriens &ouml;stlich des Dnepr direkt entlang der s&uuml;d&ouml;stlichen Grenze der Ukraine entst&uuml;nde zudem eine zweite Front im S&uuml;dosten der Ukraine in unmittelbarer N&auml;he der abgespaltenen Donbass-Gebiete und der Krim. Es ist klar, dass dieser Plan entweder hei&szlig;e Luft oder eine Provokation an Russlands Adresse nach der Art Saakaschwilis von 2008 ist &ndash; was immer Poroschenko und die NATO sich davon versprechen. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150630_ehlers_.png\" alt=\"\" title=\"\"><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150630_ehlers_02_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Wie aus dem Nichts<\/strong><\/p><p>Wie aus dem Nichts tauchen zeitgleich zu diesen neuerlichen  Zuspitzungen der ukrainischen Krise weitere &bdquo;eingefrorene Konflikte&ldquo; wieder aus dem K&uuml;hlschrank der neueren Geschichte auf: <\/p><p>Um die Enklave Berg-Karabach wird wieder gek&auml;mpft, nachdem der Krieg, der zwischen Aserbeidschan und Armenien im Zuge der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion 1991 ausbrach, 1994 mit einem Waffenstillstand beendet worden war. Zwischen 40.000 und 50.000 Menschen fanden den Tod, eine Million Menschen wurden vertrieben. Ergebnis des Krieges war die Bildung der armenischen Republik Berg-Karabach. Sie wurde international nicht anerkannt. Aserbeidschan orientiert seitdem auf eine R&uuml;ckeroberung der an Armenien verlorenen Gebiete. Russland wurde Schutzmacht Armeniens, das auch Mitglied der Eurasischen Union ist; zugleich ist Russland jedoch seit 2013 Waffenlieferant im gro&szlig;en Stil f&uuml;r Aserbeidschan.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]  <\/p><p>Aus Armenien werden unterdes seit Mitte Juni Massenproteste gegen wirtschaftliche und soziale Missst&auml;nde gemeldet. Konkreter Anlass sind Strompreiserh&ouml;hungen durch russische Stromanbieter um 16%, die am 1. August 2015 in Kraft treten sollen, die Einf&uuml;hrung eines Rentensystems, das aus den L&ouml;hnen finanziert werden soll, sowie eine von Oligarchen beherrschte Politik. Westliche Beobachter sehen bereits einen armenischen Maidan, einen latenten Dauerkonflikt, obwohl sie einr&auml;umen m&uuml;ssen, dass es in den armenischen Protesten bisher keine antirussischen T&ouml;ne gab.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] <\/p><p>Auch S&uuml;dossetien und Abchasien, die von Georgien nach dem Krieg 2008 zwischen Georgien und Russland abgespaltene Enklaven, r&uuml;cken wieder in den Blick der westlichen Akteure, allerdings in diesem Fall nicht wegen dort stattfindender Proteste oder K&auml;mpfe, sondern umgekehrt wegen deren Ausbleiben: Vom Westen kritisiert wird, dass Wladimir Putin ein Integrations- und Sicherheitsabkommen mit S&uuml;dossetien f&uuml;r die kommenden 25 Jahre unterzeichnete. Die EU-Au&szlig;enbeauftragte Federica Mogherini nannte die Ann&auml;herung zwischen Russland und dem Konfliktgebiet S&uuml;dossetien eine Gefahr f&uuml;r die Stabilit&auml;t der Region. Ukrainische Netz-Quellen berichten von Milit&auml;r&uuml;bungen Russlands auf den &bdquo;von Russland okkupierten georgischen Territorien&ldquo;, gemeint sind S&uuml;dossetien und Abchasien. Die &Uuml;bungen dienten dazu, &bdquo;die politische F&uuml;hrung Georgiens in Angst zu halten&ldquo; und den von Georgien &bdquo;angenommenen Kurs auf den Westen zu vereiteln.&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Unversehens r&uuml;ckt auch der Balkan wieder auf den Plan: Am 8. Mai kam es in Mazedonien in der Gegend von Kumanowo zu Schie&szlig;ereien mit 22 Toten. In der Woche darauf gingen 20.000 Menschen gegen Korruption und illegale &Uuml;berwachung durch die Regierung auf  die Stra&szlig;e. Zelte wurden aufgeschlagen. Wenige Tage sp&auml;ter demonstrierten 30.000 Menschen gegen die Opposition. Der Pr&auml;sident der deutsch-mazedonischen Gesellschaft  Kolbow erkl&auml;rte in der &bdquo;Saarbr&uuml;cker Zeitung&ldquo;, es gebe &bdquo;Anzeichen, dass sich Russland nach der Ukraine nun auch in Mazedonien  positionieren wolle, um einen Keil in das westliche B&uuml;ndnis zu treiben&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] <\/p><p>Selbst Bosnien-Herzegowina, in dem die Widerspr&uuml;che zwischen kroatisch-muslimischen und serbischen Teilen der Bev&ouml;lkerung durch die Beschl&uuml;sse von Dayton 1995 zusammengebunden wurden, von westlicher Diplomatie wohlgemerkt, taucht als &bdquo;eingefrorener Konflikt&ldquo; wieder auf, an dem Russland Interesse habe. Die Bundesregierung, war schon im November 2014 im Spiegel-online anl&auml;sslich des Besuches von Putin in Serbien zu lesen, sei &bdquo;alarmiert &uuml;ber Russlands aggressive anti-westliche Politik auf dem Balkan.&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] <\/p><p><strong>&Uuml;berall Russland&hellip;<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die westliche ver&ouml;ffentlichte Meinung ist klar, dass es so kommen musste: Ungeachtet der Tatsache, dass die Mehrheit der genannten Konflikte durch Russland ged&auml;mpft und auch die Lasten daf&uuml;r getragen werden, schrieb die Zeitschrift &bdquo;Die Zeit&ldquo; schon im September letzten Jahres, auf dem H&ouml;hepunkt der K&auml;mpfe in der Ukraine kurz vor den Verhandlungen von Minsk I unter der  &Uuml;berschrift: &bdquo;Moskau sammelt eingefrorene Konflikte&ldquo;: &bdquo;Potenzielle Eskalationsherde bedeuten f&uuml;r den Kreml Macht &ndash; weil auch der Westen nicht will, dass es &uuml;berall zugleich hoch hergeht. Doch Geduld kann eine Strategie sein.&ldquo; <\/p><p>Aufgez&auml;hlt werden sodann S&uuml;dossetien, Abchasien, Berg-Karabach, Transnistrien, die Krim. Und weiter: &bdquo;Die Ostukraine, in der er (Putin &ndash; ke.) eine Art Stellvertreter-B&uuml;rgerkrieg f&uuml;hrt, k&ouml;nnte bald folgen &ndash; und wer wei&szlig;, wer noch so alles. Wom&ouml;glich hat er die baltischen Staaten im Blick, Moldau oder Serbien.&ldquo; Bei der &bdquo;Unberechenbarkeit Putins&ldquo; bleibe f&uuml;r den Umgang mit dem &bdquo;neuen russischen Regionalimperialismus&ldquo; nur, &bdquo;dass er (Putin &ndash; ke.) so weit wie m&ouml;glich einged&auml;mmt werden muss.&ldquo; <\/p><p>Die Schlussfolgerung des Autors von &bdquo;Die Zeit&ldquo; lautet: &bdquo;Au&szlig;erdem, ein bisschen Ungewissheit dar&uuml;ber, wie der Westen in dem einen oder anderen Fall reagieren w&uuml;rde, st&uuml;nde ihm (dem Westen &ndash; ke.) sogar gut zu Gesicht.  Es gen&uuml;gt, dass dem Kreml  bewusst bleibt, ein gro&szlig;es Risiko einzugehen, tastete er das Baltikum oder gar Polen an. Weshalb die Nato gut daran t&auml;te, den dortigen Luftraum schwarz vor Luft&uuml;berwachungssystemen werden zu lassen und immer sch&ouml;n &Uuml;bungen abzuhalten, um pr&auml;sent zu sein. Ein Vorgehen  wie in der Ukraine an der Ostsee, das w&auml;re ein Konflikt, der nicht zum Einfrieren taugt: F&uuml;r diese L&auml;nder gilt die Sicherheitsgarantie der Nato!&ldquo;[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] &ndash; Wenn das alles keine Geduld ist!<\/p><p>Die bisherige Spitze der aktuellen Kampagne lieferte jedoch soeben nach Berichten der BILD, &uuml;bernommen von der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo; und anderen Bl&auml;ttern[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>], US-Au&szlig;enminister Joe Biden. In einer Fernsehansprache vor einem Millionenpublikum, nur einen Tag, nachdem Barak Obama und Wladimir Putin nach zweij&auml;hriger Pause wieder ein Telefongespr&auml;ch miteinander f&uuml;hrten, r&uuml;ckte er die Au&szlig;enpolitik Russlands in die N&auml;he von Nazi-Deutschland.<\/p><p>Die folgende Szene beschreibt BILD so: Biden erkl&auml;rte: &bdquo;Wenn Putin sagt: Wo auch immer  Menschen  sind, die russisch sprechen, habe ich eine Verpflichtung als russischer F&uuml;hrer, sie zu besch&uuml;tzen&hellip;&ldquo; Hier habe Biden, so BILD weiter, seine Aussage unterbrochen  und den Moderator gefragt: &bdquo;Klingt dies bekannt?&ldquo; Der habe geantwortet: &bdquo;Nazi-Deutschland&ldquo;. &bdquo;Biden selbst&ldquo; so BILD weiter, &bdquo;will es nicht  aussprechen. Doch er blickt in die Kamera, kneift bedeutsam die Lippen zusammen und nickt bestimmt mit dem Kopf&hellip;&ldquo;  <\/p><p>Nun erhebe sich die Frage, so BILD, ob das eines der &uuml;blichen &bdquo;Fettn&auml;pfchen&ldquo; sei, f&uuml;r deren Betreten Biden ber&uuml;chtigt sei? Oder eine konzertierte Aktion, die mit Obama und vielleicht auch  mit dessen m&ouml;glicher Nachfolgerin Hillary Clinton abgestimmt war. Auch sie habe ja den Hitler Vergleich gezogen. Nun aber nutze Biden diesen Vergleich in seiner Funktion als stellvertretender Commander in Chief. &bdquo;Damit d&uuml;rfte nur noch wenig Zweifel bestehen, wie Amerika &uuml;ber Putin denke.&ldquo; &ndash; Dem ist an dieser Stelle nur  hinzuzuf&uuml;gen, dass dies wohl inzwischen auf Gegenseitigkeit beruht, soweit es um die Bewertung geht, wie die USA ihre nationalen Interessen weltweit durchzusetzen versuchen. <\/p><p><strong>Offenbarungseide der Ratlosigkeit<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich sind ideologische Attacken wie die Bidens oder auch jene der Zeitung &bdquo;Die Zeit&ldquo; und die diesen Attacken hier und dort folgenden b&uuml;rgerkriegs&auml;hnlichen oder direkten milit&auml;rischen Zuspitzungen nur Offenbarungen der Ratlosigkeit gegen&uuml;ber der sich vertiefenden Krise der herrschenden Ordnungssysteme &ndash; und dies keineswegs nur an den R&auml;ndern der ehemaligen Sowjetunion, sondern weltweit. Im globalen Ma&szlig;stab geht es um Umgruppierungen in der Weltordnung, in den Staaten um die Integration von bev&ouml;lkerungspolitischen G&auml;rungsprozessen, um die Bew&auml;ltigung zunehmender Pluralit&auml;t im Zuge der weltweiten Migration, um immer &ouml;fter auftretende Forderungen nach Autonomie. Positiv gesehen geht es um die Herausbildung des Bed&uuml;rfnisses von immer mehr Menschen, Gruppen und V&ouml;lkern nach selbstbestimmter Entwicklung, als Bedrohung verstanden um Separatismus, um Desintegration bisher g&uuml;ltiger Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen im Alltag wie auch der Gruppen und V&ouml;lker miteinander. <\/p><p>Man mag schauen, wohin immer, ob nach Europa oder &uuml;ber Europas Grenzen hinaus, ob nach Russland, nach China, nach Indien oder ob auch auf die &uuml;brigen Kontinente: &Uuml;berall ein &bdquo;Erwachen der V&ouml;lker&ldquo;, gr&ouml;&szlig;erer und kleinerer, wie Analytiker und Strategen heute weltweit konstatieren, voller Sorge die einen, voller Hoffnung die anderen.  Dabei muss man nicht nur auf Leute wie Brzezinski[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] schauen, die das &bdquo;Erwachen der V&ouml;lker&ldquo; als Problem erleben, das sie kontrolliert sehen m&ouml;chten, aber eingestehen m&uuml;ssen, das der von ihnen favorisierte Weltpolizist  USA diese Entwicklung nicht mehr im Griff hat. Man kann inzwischen auch Stimmen aus den neu heranwachsenden Teilen der Welt h&ouml;ren, als Beispiel nur zu nennen, die des Inders und Weltb&uuml;rger Parag Kanna, der die Herausbildung einer Ordnung von &bdquo;communities&ldquo; als Vision formuliert. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was Kanna vortr&auml;gt, manches klingt gewollt &bdquo;optimistisch&ldquo;, entscheidend ist, dass er und Leute wie er den Blick f&uuml;r die Zukunft, genauer, den Blick auf die Bewegungen &ouml;ffnen, die sich f&uuml;r die weitere Entwicklung andeuten. [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>Direkt gesagt, was wir in den aktuellen Konflikten erleben, auch dies keineswegs nur im eurasischen Raum, ist die Krise des Nationalstaats, angesto&szlig;en durch die blutigen Erfahrungen der beiden zur&uuml;ckliegenden Weltkriege zum einen, durch den Zerfall der danach entstandenen bipolaren Weltordnung zum zweiten, durch die Herausbildung neuer globaler Vernetzungen, Institutionen und gesellschaftlicher Organismen zum Dritten. Heute gilt nationale Identit&auml;t nicht mehr als nat&uuml;rlich, schon gar nicht als biologisch gegeben, auch wenn es R&uuml;ckf&auml;lle in solche Kategorien gibt und nationalistische Ideologien immer wieder f&uuml;r politische Ziele benutzt werden. Mit dieser Entwicklung sind alle Staaten heute konfrontiert.<\/p><p>Es bilden sich &uuml;bernationale Korporationen,  Verwaltungsstr&auml;nge und kulturelle R&auml;ume heraus, die zum Teil schon heute engere Bindungen und tragf&auml;higere Identit&auml;ten herstellen als die der Nationalstaaten und zu diesen sozusagen querlaufen. Sie fordern ein neues Staatsverst&auml;ndnis. Nationen reduzieren sich zunehmend auf Hilfsfunktionen f&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Zusammenh&auml;nge. Ein nicht zu &uuml;bergehendes Beispiel daf&uuml;r ist selbstverst&auml;ndlich die Europ&auml;ische Union ungeachtet der gef&auml;hrlichen Kinderkrankheiten der &Uuml;berzentralisierung, die der Prozess der Ent-Nationalisierung im Pendelschlag zur fr&uuml;heren nationalistischen Zersplitterung Europas heute durchl&auml;uft. Die Zukunftsbotschaft weist jedoch eindeutig in Richtung eines f&ouml;deral gegliederten Europa autonomer Regionen, selbstverwalteter Korporationen und Kommunen, die sich aus den gewachsenen nationalen Formen l&ouml;sen und neu miteinander formieren. Das Europa der Fiskalpakte ist keineswegs alternativlos. Die Auseinandersetzungen um den Status Griechenlands in der EU stehen daf&uuml;r exemplarisch. Es g&auml;rt erkennbar in der europ&auml;ischen Peripherie. <\/p><p>Keineswegs immer und nicht &uuml;berall  l&auml;uft dieser Prozess friedlich, besonders dort nicht, wo die Aufl&ouml;sung der bisherigen nationalen Gewissheiten als Bedrohung erlebt. Sogar aggressiv bis zum Terrorismus entwickelt er sich dort, wo die  Herausbildung autonomer Identit&auml;ten im Namen der &bdquo;Sicherheit&ldquo; der nationalen H&uuml;llen  von Kr&auml;ften behindert  oder sogar gewaltsam bek&auml;mpft wird, die sich eine andere als die nationalstaatliche Form des menschlichen Zusammenlebens unter ihrer Hegemonie nicht vorstellen k&ouml;nnen. Die Ukraine zum einen, der &bdquo;Islamische Staat&ldquo; zum anderen zeigen, anders als Griechenland innerhalb der EU, aber ebenfalls exemplarisch, wohin dieser Z&uuml;ge f&uuml;hren k&ouml;nnen.  <\/p><p>Vor dem Hintergrund der Krise des Nationalstaats ist die Zunahme weiterer &bdquo;eingefrorerer Konflikte&ldquo;, gewisserma&szlig;en programmiert. Sie sind ein Ausdruck des Unverm&ouml;gens, aus der sich aufl&ouml;senden nationalstaatlichen  Grundordnung der Welt von heute unmittelbar in die sich andeutenden Organisationsformen einer anderen als der bisherigen Staatlichkeit &uuml;berzugehen. Ein globaler Prozess von Trial and Error zur Entwicklung gesellschaftlicher und v&ouml;lkerrechtlicher Beziehungen wird in den gegenw&auml;rtigen Konflikten sichtbar. Das ist selbstverst&auml;ndlich eine bedrohliche Situation, offen f&uuml;r gef&auml;hrliche Fehlentwicklungen. <\/p><p>Bei genauer Betrachtung sind aber gerade die zunehmenden Forderungen nach Autonomie, einschlie&szlig;lich der daraus zun&auml;chst hervorgehenden latenten, halb oder ganz  &bdquo;eingefrorenen Konflikte&ldquo; von der Realit&auml;t gro&szlig; hervorgebrachte Schulen zuk&uuml;nftigen selbstbestimmten Lebens in gegenseitiger Achtung, anstelle bisheriger nationaler, gar noch immer oder sogar wieder ethnisch oder ideologisch eingeengter nationalistischer Konkurrenzen. Basis eines solchen Zusammenlebens k&ouml;nnen die zur G&uuml;ltigkeit f&uuml;r alle Menschen entwickelten Menschenrechte geben, die das Recht auf Grundversorgung durch die Gemeinschaften mit einschlie&szlig;en. Anders gesagt eine Entwicklung, wie die eben skizzierte, wird notwendigerweise auch zu einer Weiterentwicklung des V&ouml;lkerrechtes f&uuml;hren m&uuml;ssen, indem das Recht der Staaten untereinander und das Selbstbestimmungsrecht der V&ouml;lker durch das Recht auf individuelle Wahl der Zugeh&ouml;rigkeit zur der einen oder anderen Gro&szlig;gemeinschaft als dritte S&auml;ule des menschlichen Zusammenlebens erg&auml;nzt wird. <\/p><p>Von einer solchen Realit&auml;t sind wir heute noch weit entfernt, wie die aktuellen politischen Ereignisse zeigen.  Aber weder ein absichtliches Einfrieren, das auf Abkapselung, noch ein Auftauen, das auf gewaltsame Aufl&ouml;sung autonomer oder nach Autonomie strebender  Einheiten zielt, wie jetzt von Poroschenko f&uuml;r den S&uuml;dosten der Ukraine und Moldawien angek&uuml;ndigt, sind der Entwicklung eines friedlichen &Uuml;bergangs aus der gegenw&auml;rtigen Krise in eine neue Ordnung des Zusammenlebens von Menschen und V&ouml;lkern f&ouml;rderlich. Selbst die von Poroschenko angestrebte Einheit innerhalb eines Nationalstaates ist so nicht zu erreichen. Das eine wie das andere l&auml;uft auf kriegerische Auseinandersetzungen hinaus.  <\/p><p>&bdquo;Geduld&ldquo; w&auml;re zweifellos, da w&auml;re dem Autor von &bdquo;Die Zeit&ldquo; durchaus zu folgen, die lebensf&ouml;rdernde Art und Weise, mit den schon vorhandenen, wie auch mit der absehbar wachsenden Zahl zuk&uuml;nftiger, latenter, halb oder ganz eingefrorener Konflikte um Autonomie umzugehen. Geduld braucht jedoch keine Luft&uuml;berwachungssysteme, die den Himmel schwarz f&auml;rben, sondern Einsicht und aktive Toleranz.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Kai Ehlers ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.kai-ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Non profit news, 19.03. 2015<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/interview-saakaschwili-101.html\">Tagesschau, 23.06.2015<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Telepolis, 04.05.2015 und Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung, 20.08.2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Zeit online, 24.06.2015 und Tagesschau, 26.06.2015<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.informnapalm.org\/\">informnapalm<\/a> und Deutschlandfunk livestream, 03.06.2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] ntv, 20.05.2015, 19.05.2015<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/putin-russland-vergroessert-einfluss-in-serbien-und-bosnien-herzegowina-a-1003180.html\">Spiegel-online, 16.11.2014<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2014-08\/frozen-conflicts-ukraine-russland\">Zeit online, 27.08.2014<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/joe-biden-us-vizepraesident-vergleicht-putin-mit-hitler-1.2540812\">S&uuml;ddeutsche Zeitung, 27.06.2015<\/a> &ndash; <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland\/joe-biden\/obama-vize-vergleicht-putin-mit-hitler-41537994.bild.html\">BILD, 29.06.2015<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Sbigniew Brzezinski, Strategic Vision, Basic Books 2012 (fr&uuml;here Schriften)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Parag  Khanna, How to run the world., Random House, New York, 2011<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Aktuelle ist schnell benannt: der ukrainische Pr&auml;sident Poroschenko m&ouml;chte zusammen mit dem rum&auml;nischen Pr&auml;sidenten Johannis den &bdquo;eingefrorenen Konflikt&ldquo; zwischen Moldawien und der von Moldawien abgespaltenen Dnjesterrepublik (Transnistrien) auftauen, &bdquo;damit ein unabh&auml;ngiges Moldawien seine territoriale Integrit&auml;t wiedererlangen und Transnistrien re-integrieren kann.&ldquo;[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26613#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Er will damit zugleich die von ihm immer wieder beschworene territoriale Einheit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26613\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,181,11],"tags":[1460,1426,466,1315,259,260,1556],"class_list":["post-26613","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europapolitik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-biden-joe","tag-hegemonie","tag-nato","tag-poroschenko-petro","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26613","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26613"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26613\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50843,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26613\/revisions\/50843"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26613"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26613"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26613"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}