{"id":26641,"date":"2015-07-02T09:29:25","date_gmt":"2015-07-02T07:29:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26641"},"modified":"2024-08-28T19:33:54","modified_gmt":"2024-08-28T17:33:54","slug":"die-globale-ordnung-zerbricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26641","title":{"rendered":"Die globale Ordnung zerbricht"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150701_scheidler.jpg\" alt=\"Fabian Scheidler\" title=\"Fabian Scheidler\"><\/div><p>Warum schreitet die &ouml;kologische Zerst&ouml;rung des Planeten trotz unz&auml;hliger Klimagipfel ungebremst voran? Warum hungern mehr Menschen als je zuvor auf der Erde, obwohl noch nie so ungeheure Reicht&uuml;mer angeh&auml;uft wurden wie heute? Warum erweisen sich die globalen Eliten als unf&auml;hig, die Richtung zu &auml;ndern, obwohl ihr Kurs in einen planetaren Crash f&uuml;hrt? Antworten auf diese Fragen liefert der Berliner Autor und Journalist <strong>Fabian Scheidler<\/strong> in seinem soeben erschienenen Buch, in dem er die Wurzeln jener Zerst&ouml;rungskr&auml;fte freilegt, die heute die menschliche Zukunft infrage stellen. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach mit ihm &uuml;ber das &bdquo;Ende der Megamaschine&ldquo; und &uuml;ber M&ouml;glichkeiten, gemeinsam einen Ausgang aus der gef&uuml;hlten Ohnmacht zu finden.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Herr Scheidler, Sie gehen in Ihrem aktuellen <a href=\"http:\/\/www.mediashop.at\/typolight\/index.php\/buecher\/items\/fabian-scheidler---das-ende-der-megamaschine\">Buch<\/a> der Frage nach, was die Wurzeln der sozialen, &ouml;konomischen und &ouml;kologischen Krisen sind, die wir derzeit erleben. Dazu b&uuml;rsten Sie einen Gro&szlig;teil der modernen Geschichte gegen den Strich und konstatieren dabei unter anderem, der Neoliberalismus sei gar nicht des Pudels wahrer Kern, sondern stelle nur &bdquo;die j&uuml;ngste Phase eines wesentlich &auml;lteren Systems, das von Anfang an, seit seiner Entstehung vor etwa 500 Jahren, auf Raubbau gr&uuml;ndete&ldquo; dar. Wie kamen Sie auf die Idee &ndash; und was meinen Sie, wenn sie von &bdquo;Megamaschine&ldquo; sprechen?<\/em><\/p><p>Wenn wir uns mit den globalen Krisendynamiken besch&auml;ftigen, den Finanzkrisen, der Versch&auml;rfung der Kluft zwischen Arm und Reich und der Biosph&auml;renkrise, dann sprechen wir oft &uuml;ber die letzten 30 Jahren, die Phase des &bdquo;Neoliberalismus&ldquo;. Nat&uuml;rlich ist diese Phase von einem radikalen Angriff auf soziale Rechte und die Umwelt gepr&auml;gt, aber die Wurzeln der globalen Krisen reichen meines Erachtens wesentlich tiefer. Um diesen angemessen begegnen zu k&ouml;nnen, brauchen wir daher mehr als eine R&uuml;ckkehr zu den vermeintlich glorreichen 1960er Jahren. Wir brauchen eine Transformation, die die Tiefenstrukturen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems erfasst. <\/p><p>In meinem Buch ging es mir darum, diesen Tiefenstrukturen auf die Spur zu kommen und herauszufinden, was uns eigentlich davon abh&auml;lt, den dringend notwendigen Wandel einzuleiten. Denn an Wissen &uuml;ber unser dysfunktionales Finanz- und Wirtschaftssystem, den Klimawandel und die strukturellen Ursachen von Armut fehlt es ja wahrlich nicht.<\/p><p>Der Ausdruck &bdquo;Megamaschine&ldquo; ist dabei eine Metapher f&uuml;r ein &ouml;konomisches, milit&auml;risches und ideologisches System, das vor etwa 500 Jahren in Europa entstand und sich rasant &uuml;ber die Welt verbreitete. Die historische Bestandsaufnahme zeigt sehr deutlich, dass dieses System von Anfang an mit radikaler Ausbeutung von Mensch und Natur und massiver physischer Gewalt verbunden war. <\/p><p><em>Ist &bdquo;Megamaschine&ldquo; also gleichbedeutend mit jenem Gesellschaftssystem, das man auch Kapitalismus nennt?<\/em><\/p><p>In vieler Hinsicht, ja. Das Wort &bdquo;Kapitalismus&ldquo; erweckt aber oft den Eindruck, es gebe so etwas wie ein selbst&auml;ndiges Wirtschaftssystem und daneben den Staat, das Milit&auml;r, &bdquo;freie Medien&ldquo; und andere eigenst&auml;ndige Institutionen. Die historische Analyse zeigt jedoch, dass sich all diese Institutionen von Anfang an co-evolution&auml;r entwickelt haben, dass sie eng miteinander verflochten sind und ohne einander gar nicht existieren k&ouml;nnen. <\/p><p>Der &bdquo;freie Markt&ldquo; etwa, der so gern von Wirtschaftsliberalen beschworen wird, hat &uuml;berhaupt nie existiert, selbst nicht in der Hochphase des Liberalismus im 19. Jahrhundert: Unternehmen und Unternehmer waren von Anfang an auf einen starken militarisierten Staat angewiesen, um ihre Eigentumsanspr&uuml;che auch durchsetzen zu k&ouml;nnen. Die &bdquo;Urspr&uuml;ngliche Akkumulation&ldquo;, von der Marx schreibt, war stets damit verbunden, dass Menschen gewaltsam von ihrem Land vertrieben wurden, dass Widerstand polizeilich und milit&auml;risch gebrochen wurde. Und die wirtschaftliche Expansion Europas war stets auch eine milit&auml;rische. Die ersten Aktiengesellschaften, die um 1600 gegr&uuml;ndet wurden, waren staaten&auml;hnliche Gebilde mit hochger&uuml;steten Milit&auml;rapparaten, eigenen S&ouml;ldnerheeren und Flotten: Die 16 Prozent Dividende f&uuml;r die Aktion&auml;re in Amsterdam und London wurden von Anfang an mit Gewalt, einschlie&szlig;lich diverser V&ouml;lkermorde, erwirtschaftet.<\/p><p>Umgekehrt h&auml;tte der moderne Staat &ndash;&nbsp;und in den ersten Jahrhunderten war dieser Staat vor allem eine Milit&auml;rmaschinerie &ndash;&nbsp;niemals ohne das private Kapital entstehen k&ouml;nnen. Die H&auml;ndler und Bankiers von Genua, Augsburg und Antwerpen liehen Kaisern und K&ouml;nigen das Geld, um ihre S&ouml;ldnerheere aufzubauen, mit denen nicht nur Kriege gef&uuml;hrt, sondern auch Steuern eingetrieben wurden, die der Staat wiederum brauchte, um seine Schulden zu bezahlen und noch mehr Soldaten anzuheuern. Im Gegenzug zu den Krediten wurden den H&auml;ndlern und Bankiers dann Monopole zugesprochen, die ihnen erlaubten, ungeheure Kapitalmengen zu akkumulieren, die unter den Bedingungen echter Konkurrenz niemals m&ouml;glich gewesen w&auml;ren. <\/p><p>Moderner Staat und Kapital sind also Teil eines Kreislaufsystems, sie sind so etwas wie untrennbare Zwillinge. Das sieht man auch heute daran, dass die meisten der 500 gr&ouml;&szlig;ten Unternehmen der Welt ohne verdeckte oder offene Subventionen gar nicht mehr existieren w&uuml;rden &ndash; und zwar nicht nur die Gro&szlig;banken, die ohne staatliche Rettungsmilliarden l&auml;ngst zusammengerbrochen w&auml;ren, sondern auch gro&szlig;e Teile der fossilen Energiewirtschaft, der Autobranche und viele mehr. <\/p><p>Und wenn wir die Destruktivit&auml;t dieses Systems &uuml;berwinden wollen, brauchen wir nicht nur andere wirtschaftliche Institutionen und Logiken, wir brauchen auch und vor allem eine Transformation des Staates sowie politischen Systems, um beide aus ihren Verflechtungen mit den gro&szlig;en Konzernen herauszul&ouml;sen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><blockquote style=\"text-align: center\"><p>\n&bdquo;L&auml;ngst kritisieren auch bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie Joseph Stiglitz, ehemaliger Chef&ouml;konom der Weltbank, die &sbquo;Ausw&uuml;chse&lsquo; des Neoliberalismus und beklagen die wachsende soziale Ungleichheit als dessen unerw&uuml;nschtes Nebenprodukt.<br>\nFalsch, sagt David Harvey: Weshalb kommt diesen Leuten denn &sbquo;nie der Gedanke, dass die soziale Ungleichheit wom&ouml;glich von Anfang an der Zweck der ganzen &Uuml;bung war&lsquo;? Die neoliberale Wende, so Harvey, wurde in den 70er-Jahren zu dem alleinigen Zweck eingeleitet, die Klassenmacht einer gesellschaftlichen Elite wiederherzustellen, die bef&uuml;rchtete, dass ihre Privilegien nachhaltig beschnitten werden k&ouml;nnten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><em style=\"display: block;text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.rotpunktverlag.ch\/cgi-bin\/germinal_shop.exe\/VOLL?session_id=5E204E36-15CB-4DCB-9621-6EA797F639B7&amp;titel_nummer=5000343&amp;prolitnummer=5000343&amp;titel_id=5000343&amp;caller=rotpunkt&amp;verlag=50\">David Harvey: Kleine Geschichte des Neoliberalismus<\/a><\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Sie haben auch die Medien erw&auml;hnt. Welche Rolle spielen sie in diesem System?<\/em><\/p><p>Neben physischer Macht und struktureller Gewalt &ndash; etwa durch Eigentumsverh&auml;ltnisse und Schulden &ndash; spielt ideologische Macht eine zentrale Rolle f&uuml;r das Funktionieren der Megamaschine. Denn die Gewalt, ohne die das System nicht auskommt, braucht Legitimation. <\/p><p>In der Fr&uuml;hen Neuzeit erf&uuml;llte diese Funktion vor allem die staatliche und kirchliche Propaganda, die durch den Buchdruck ihre Reichweite noch erheblich erweitern konnte. In dem Ma&szlig;e, wie der Buchdruck aber billiger wurde, sich sozusagen &bdquo;demokratisierte&ldquo; und revolution&auml;re Bewegungen die Repression herausforderten, entstanden im sp&auml;ten 18. und fr&uuml;hen 19. Jahrhundert zahlreiche kritische Zeitungen und Verlage. Es war die Zeit dessen, was J&uuml;rgen Habermas die &bdquo;b&uuml;rgerliche &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; genannt hat. Im Laufe des 19. und fr&uuml;hen 20. Jahrhunderts aber konzentrierte sich das Medieneigentum dann zunehmend in der Hand von immer weniger Magnaten, von Julius Reuter, dem Gr&uuml;nder der ersten Presseagentur, bis zu Alfred Harmsworth, William Hearst &ndash; dem Vorbild von &bdquo;Citizen Kane&ldquo; &ndash; und Alfred Hugenberg. Noam Chomsky und Edward S. Herman haben dieses Prozess ausgiebig in ihrem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Manufacturing_Consent\">Manufacturing Consent<\/a>&ldquo; analysiert.<\/p><p>Der Clou dabei ist: Wenn die Presse einfach der Logik des Marktes ausgeliefert wird, dann braucht es kaum noch offizielle Zensur, um das Spektrum der &ouml;ffentlichen Diskussion auf systemkompatible Positionen einzuengen. Die Eigent&uuml;merstruktur, die Abh&auml;ngigkeit von Anzeigen, die Auswahl der Quellen und der vorauseilende Gehorsam gegen&uuml;ber m&auml;chtigen Interessengruppen filtern unbequeme, nicht systemkonforme Positionen effektiv heraus. Das k&ouml;nnen wir auch heute in der deutschen Medienlandschaft an zahlreichen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24698\">Beispielen<\/a> sehen, etwa an der verzerrten Berichterstattung &uuml;ber Griechenland oder &uuml;ber die Ukraine-Krise.<\/p><p>Wenn man sich vergegenw&auml;rtigt, dass inzwischen fast der gesamte deutsche Zeitungsmarkt <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25587\">sechs Milliard&auml;rsfamilien geh&ouml;rt<\/a>, dann braucht man sich &uuml;ber die Inhalte, die man liest &ndash; oder auch nicht liest &ndash;, kaum zu wundern. Diese Pressemacht ist sehr wichtig, denn wenn die Menschen seri&ouml;s &uuml;ber politische und &ouml;konomische Zusammenh&auml;nge informiert w&uuml;rden, k&ouml;nnten die Eliten unter den Bedingungen einer formalen Demokratie ihre Politik, die sich gegen Bev&ouml;lkerungsmehrheiten richtet, nicht mehr durchsetzen.<\/p><p><em>Und diese &bdquo;Maschine&ldquo; funktioniert nun nicht mehr richtig, sagen Sie&hellip; Warum ist das so?<\/em><\/p><p>Es gibt sowohl innere als auch &auml;u&szlig;ere Grenzen f&uuml;r die globale Megamaschine. Die inneren Grenzen sind &ouml;konomischer Art. Seit Mitte der 1970er Jahre haben wir es mit einer strukturellen Krise der Akkumulation zu tun. Damals, nach dem Boom der Nachkriegszeit, gab es einen schweren Einbruch, Gro&szlig;britannien etwa war praktisch bankrott, ebenso die Stadt New York, es war eine schwere globale Rezession. <\/p><p>Die Antwort darauf war dann das, was wir heute als &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; bezeichnen: radikale Umverteilung von unten nach oben; Schw&auml;chung der Gewerkschaften und Lohndr&uuml;ckerei; Verlagerung der Produktion in Billiglohnl&auml;nder; Privatisierung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen; Deregulierung und Ausweitung spekulativer Aktivit&auml;ten. David Harvey nennt das &bdquo;Akkumulation durch Enteignung&ldquo;. Das trifft es ganz gut.<\/p><p>All diese Mittel waren zwar effektiv, um f&uuml;r einzelne Wirtschaftsakteure Profite zu sichern und zu steigern; auf das Gesamtsystem haben sie aber destabilisierend gewirkt. Spekulation etwa lohnt sich f&uuml;r die Summe der Spekulanten nur, wenn irgendwer auch die Verluste tr&auml;gt, die beim Platzen von Blasen entstehen. Und aller neoliberalen Rhetorik von freien M&auml;rkten und Risiko zum Trotz, war das von Anfang an die &ouml;ffentliche Hand, die die Verluste schlie&szlig;lich &uuml;bernahm und zwar nicht erst seit der Finanzkrise 2008 sondern schon seit den 1980er Jahren, etwa in der gro&szlig;en &bdquo;Savings and Loans Crisis&ldquo; in den USA. Private Schulden werden so in &ouml;ffentliche umgewandelt. Und Lohndr&uuml;ckerei hat zur Folge, dass die Kaufkraft der Bev&ouml;lkerung mehr und mehr schwindet. Um weiter konsumieren zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sich die B&uuml;rger dann verschulden. Hier wie dort w&auml;chst also die Schuldenlast im System, um den Prozess der Akkumulation noch irgendwie aufrecht zu erhalten. <\/p><p>Hinzu kommt ein anderer Prozess, der die vom neoliberalen Rollback geschaffenen Probleme weiter versch&auml;rft: Immer mehr Arbeit wird durch Technik ersetzt, nicht nur in Industrie und Landwirtschaft, sondern durch die Computerisierung auch in den Dienstleistungssektoren der Mittelschicht. Der Arbeitsgesellschaft geht, global gesehen, die Arbeit aus, das System kann immer weniger Menschen eine Perspektive geben. Die Folge von dieser doppelten Dynamik ist, dass inzwischen immer mehr Regionen in Massenarbeitslosigkeit versinken. <\/p><p>Das einzige denkbare Gegenmittel gegen diesen Tsunami von Arbeitslosigkeit und Verschuldung w&uuml;rde darin bestehen, gewaltige &ouml;ffentliche Investitionen in Gang zu setzen, die durch eine massive Besteuerung von Verm&ouml;gen und Gewinnen aus Kapitalertr&auml;gen finanziert werden, und gleichzeitig radikale Arbeitszeitverk&uuml;rzungen mit Lohnausgleich durchzusetzen. Aber dagegen k&auml;mpfen die &ouml;konomischen Eliten und ihre politischen Helfer nat&uuml;rlich mit aller Kraft an &ndash; und versch&auml;rfen damit die systemische Krise immer mehr. Und auch von den Nationalstaaten und ihren jeweiligen politischen Klassen ist hier nicht viel zu erwarten, da sie in der Logik einer sich zuspitzenden Standortkonkurrenz gefangen sind. Je erfolgreicher alle Akteure also ihre kurzfristigen Interessen verfolgen, desto schneller untergraben sie die Grundlagen des Systems, von dem sie selbst sich ern&auml;hren, sie s&auml;gen sozusagen am Ast, auf dem sie sitzen.<\/p><p><em>Alles ist also nur ein wirtschaftliches Problem?<\/em><\/p><p>Nein es ist weit mehr. Denn neben den inneren Grenzen st&ouml;&szlig;t das System auch an &auml;u&szlig;ere Grenzen. Die &bdquo;Megamaschine&ldquo; zerst&ouml;rt die globalen lebenserhaltenden Systeme der Biosph&auml;re, von denen sie selbst auf lange Sicht abh&auml;ngt, und zwar mit atemberaubender Geschwindigkeit. Das betrifft nicht nur das Klima, auf das sich die Kritik gern fokussiert. Wir bewegen uns auch in eine <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article108412963\/Der-Krieg-der-Zukunft-geht-ums-Wasser.html\">S&uuml;&szlig;wasserkrise<\/a> von globaler Tragweite hinein, die im Westen der USA und in Nordchina l&auml;ngst begonnen hat; wir verlieren ein Prozent unserer fruchtbaren B&ouml;den pro Jahr; wir haben bereits das schnellste und m&ouml;glicher Weise gr&ouml;&szlig;te Artensterben in der Geschichte des Lebens auf der Erde <a href=\"http:\/\/www.commondreams.org\/news\/2015\/06\/22\/brink-sixth-great-extinction-humanity-must-conserve-or-die\">in Gang gesetzt<\/a>. Diese Krisen wiederum l&ouml;sen schwere soziale, &ouml;konomische und politische Verwerfungen aus. Die Kombination dieser verschiedenen Krisendynamiken bringt eine chaotische Situation hervor, die jeder Idee von &bdquo;global governance&ldquo; Hohn spricht. Die Megamaschine f&auml;hrt so in Zeitlupe gegen die Wand, und ihre Steuerm&auml;nner drehen planlos an verschiedenen Reglern, mit denen sie am Ende alles nur schlimmer machen k&ouml;nnen.<\/p><p>Eine umfassende Transformation ist daher unvermeidbar, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nicht, ob sie kommt, sondern lediglich, wie sie aussehen wird: Wird sie von reaktion&auml;ren Kr&auml;ften bestimmt, die ihre Macht und Privilegien mit allen Mitteln weiter aufrecht zu erhalten versuchen, auch um den Preis von Massenverelendung und eines ruinierten Planeten? Oder k&ouml;nnen emanzipatorische Kr&auml;fte die Krisen und Br&uuml;che nutzen, um neue Formen des Wirtschaftens und der politischen Organisation auf den Weg zu bringen? <\/p><p>Im Moment zeichnet sich da eher so etwas wie ein reaktion&auml;rer &bdquo;Coup d&rsquo;Etat der Konzerne&ldquo; ab: Mithilfe von staatlichen und suprastaatlichen Akteuren wie der EU versuchen die &ouml;komischen Eliten, ein neues Rechtssystem zu schaffen, um die Reste demokratischer Kontrolle auszuschalten und so eine Art neofeudales Tributsystem zu errichten, das ihre Profite in einer wankenden globalen &Ouml;konomie sichern soll. <\/p><p>&bdquo;Investitionsschutz&ldquo;-Abkommen wie TTIP sind zum Beispiel ein Baustein in dieser Strategie. Die Ausschaltung der Demokratie sowie jeder makro&ouml;konomischen Vernunft im Erpressungsspiel gegen Griechenland ist ein anderes Beispiel. Hier sollen die Profite eines eigentlich l&auml;ngst bankrotten Zombiebankensystems gerettet werden, indem ein ganzes Land ausgeblutet und die Zukunft der EU aufs Spiel gesetzt wird. <\/p><p>Immerhin gibt es aber auch Hoffnungsschimmer: Immer mehr Menschen wachen langsam auf und wehren sich gegen diesen &bdquo;Staatsstreich in Zeitlupe&ldquo;, wie etwa der Widerstand gegen TTIP zeigt. Aber es sind immer noch viel zu wenige.<\/p><p><em>Einen wichtigen Teil Ihres Denkgeb&auml;udes und Kritiksystems macht auch die Destruktion &bdquo;zivilisatorischer Mythen&ldquo; aus. Das erinnert ein wenig an die Walter Benjamins <a href=\"http:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=17&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=0CDYQFjAGOApqFQoTCPLl44uLgsYCFcuHLAodyS0AaQ&amp;url=http%3A%2F%2Feva.unibas.ch%2Fdownload%2F95613-Benjamin_-_Thesen.pdf&amp;ei=a5V2VbKEJMuPsgHJ24DIBg&amp;usg=AFQjCNFG9MAal7SID9oRRNDjqYr5Z_5C4A&amp;sig2=z4kvxoWBFQNF5YFgBG6EwQ&amp;bvm=bv.95039771,d.bGg\">Geschichtsphilosophischen Thesen<\/a> und Brechts &bdquo;<a href=\"http:\/\/ingeb.org\/Lieder\/werbaute.html\">Fragen eines lesenden Arbeiters<\/a>&ldquo;. Wurden Sie hiervon inspiriert? Und: Um welche &bdquo;Mythen&ldquo; geht es Ihnen dabei?<\/em><\/p><p>Sie haben zwei gro&szlig;artige, bewegende Texte angesprochen, von Brecht und von Benjamin. Sie sind sehr wichtige Einspr&uuml;che gegen eine ideologisch verzerrte Geschichtsschreibung, die Geschichte als ein Ringen gro&szlig;er M&auml;nner beschreibt und die Expansion des Westens als eine universale success story von Fortschritt und Zivilisierung verkauft.<\/p><p>In meinem Buch war es mir wichtig, Geschichte aus der Perspektive der Menschen zu erz&auml;hlen, die unter dem System von Anfang an gelitten haben, die von seinem R&auml;derwerk erdr&uuml;ckt oder traumatisiert wurden. Historiker geh&ouml;ren ja in der Regel zu den wohlhabendsten 10 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung, und neigen daher &ndash; bewusst oder unbewusst &ndash; dazu, Geschichte aus der Perspektive der Gewinner zu schreiben. <\/p><p>Und aus dieser Perspektive &ndash; der Sicht der Herrschenden und Privilegierten &ndash; lassen sich die letzten 500 Jahre tats&auml;chlich als ein gro&szlig;es Aufw&auml;rts erz&auml;hlen. F&uuml;r die Millionen Indigenen in Nord-, S&uuml;d- und Mittelamerika, die in der Conquista und nordamerikanischen Kolonisierung ermordet wurden, oder f&uuml;r die durch Sklavenhandel, Kolonialismus und moderne &bdquo;Strukturanpassungen&ldquo; zerst&ouml;rten Gesellschaften Afrikas und S&uuml;dostasiens und f&uuml;r viele andere ergibt sich jedoch eine ganz andere Geschichte. Und wenn man diese Menschen mit einbezieht, die Toten und die Lebenden, dann bricht der Mythos von der heilbringenden zivilisatorischen Mission des Westens in sich zusammen, dann zeigt sich eher so etwas wie der benjaminsche &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Angelus_Novus\">Engel der Geschichte<\/a>&ldquo;, der auf eine lange Verw&uuml;stungsspur zur&uuml;ckblickt. <\/p><p>Zugleich gab und gibt es aber auch massiven Widerstand, der sich gegen die Zumutungen des Systems zur Wehr setzt. Auch wenn es in 500 Jahren nicht gelungen ist, seine Logik zu &uuml;berwinden &ndash; auch der Realsozialismus vermochte das ja nur sehr bedingt und um einen sehr hohen Preis &ndash;,&nbsp;so haben diese sozialen Bewegungen uns doch einen wichtigen Spielraum von Freiheiten verschafft, auf dem der Weg in eine umfassende gesellschaftliche Transformation aufbauen kann.<\/p><p><em>Und die n&auml;chsten, ggf. ersten Schritte auf diesem Weg, sollten, k&ouml;nnten Ihrer Auffassung nach welche genau sein? Was t&auml;te am dringendsten not?<\/em><\/p><p>&Uuml;berall auf der Welt sind l&auml;ngst Millionen Menschen dabei, Auswege aus der destruktiven Logik der endlosen Kapitalakkumulation zu suchen. Es geht darum, &ouml;konomische Strukturen wieder in die Hand von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern zu bringen und die Logik des Profits durch eine Logik des Gemeinwohls zu ersetzen. <\/p><p>Die Energiewende von unten ist daf&uuml;r ein gutes Beispiel. Wenn Menschen daf&uuml;r k&auml;mpfen, ihre Stromversorgung den fossilen Riesen zu entrei&szlig;en und sie in eine kommunale Genossenschaft &uuml;berf&uuml;hren, die mit regionalen erneuerbaren Energien arbeitet, dann ist das nicht nur ein Beitrag zum Ausstieg aus Atomkraft, Kohle und &Ouml;l. Es ist auch eine Selbsterm&auml;chtigung der B&uuml;rger, ein Akt echter Demokratie. Und es ist ein Beitrag zum Ausstieg aus der Logik endloser Geldvermehrung. <\/p><p>So etwas brauchen wir auf allen Ebenen. Es geht darum, uns zu fragen: Was brauchen wir f&uuml;r ein gutes Leben? Und diese Dinge dann in gemeinwohlorientierten Strukturen bereitzustellen, ob das die Wasser- und Gesundheitsversorgung ist, Ern&auml;hrung oder Wohnen, ja sogar das Geldsystem. Das bedeutet nat&uuml;rlich auch, bisherige Macht- und Eigentumsverh&auml;ltnisse herauszufordern. Das Charmante an einem solchen dezentralen, pluralen Ansatz ist, dass die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger selbst vor Ort praktisch aktiv werden k&ouml;nnen, Erfolgserlebnisse haben und nicht auf eine abstrakte Revolution irgendwann in der Zukunft warten m&uuml;ssen. <\/p><p>Ein Ausstieg aus der Megamaschine ist machbar, so wie auch ein Atomausstieg machbar war. Das Energiebeispiel zeigt aber auch, dass es einen langen Atem braucht, der Atomausstieg hat immerhin 40 Jahre gedauert. <\/p><p><em>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Fabian Scheidler<\/strong>, geboren 1968, studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universit&auml;t Berlin und Theaterregie an der Hochschule f&uuml;r Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt\/M. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor f&uuml;r Printmedien, Fernsehen, Theater und Oper. 2009 gr&uuml;ndete er mit David Goe&szlig;mann das unabh&auml;ngige Fernsehmagazin Kontext TV, das regelm&auml;&szlig;ig Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit produziert. Zahlreiche Vortr&auml;ge zu Globalisierungsthemen bei Kongressen von Attac, Deutsche Welle, Greenpeace, Evangelische Akademie u. a. Otto-Brenner-Medienpreis f&uuml;r kritischen Journalismus (2009). Programmkoordinator f&uuml;r das Attac-Bankentribunal in der Volksb&uuml;hne am Rosa-Luxemburg-Platz (2010). Als Dramaturg und Theaterautor arbeitete er viele Jahre f&uuml;r das Berliner Grips Theater. 2013 wurde seine Oper &bdquo;Tod eines Bankers&ldquo; am Gerhart-Hauptmann-Theater in G&ouml;rlitz uraufgef&uuml;hrt.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen und -schauen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Internetseite: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.counter-images.de\/megamaschine\/\">Die Megamaschine<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Video: Fabian Scheidler und Daniela Dahn im Roten Salon der Volksb&uuml;hne: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rrR_VaVIdCo\">Das Ende der Megamaschine<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch eine <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/284c40da3e2349cabdbbafa6c5d26035\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150701_scheidler.jpg\" alt=\"Fabian Scheidler\" title=\"Fabian Scheidler\"\/><\/div>\n<p>Warum schreitet die &ouml;kologische Zerst&ouml;rung des Planeten trotz unz&auml;hliger Klimagipfel ungebremst voran? Warum hungern mehr Menschen als je zuvor auf der Erde, obwohl noch nie so ungeheure Reicht&uuml;mer angeh&auml;uft wurden wie heute? Warum erweisen sich die globalen Eliten als unf&auml;hig, die Richtung zu &auml;ndern,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26641\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,209,41,205,161],"tags":[373,909,479,443,291,244],"class_list":["post-26641","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-medienanalyse","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-wertedebatte","tag-oekonomisierung","tag-kapitalismus","tag-reservearmee","tag-standortwettbewerb","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26641"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120376,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26641\/revisions\/120376"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}