{"id":26672,"date":"2015-07-06T09:30:46","date_gmt":"2015-07-06T07:30:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26672"},"modified":"2015-07-06T11:25:04","modified_gmt":"2015-07-06T09:25:04","slug":"die-botschaft-der-griechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26672","title":{"rendered":"Die Botschaft der Griechen"},"content":{"rendered":"<p>Alle diejenigen, die dem europ&auml;ischen Austerit&auml;tskurs kritisch gegen&uuml;ber stehen und die sich noch ein St&uuml;ck Empathie gegen&uuml;ber der griechischen Bev&ouml;lkerung bewahrt haben, aber auch die, die f&uuml;r ein gemeinsames, wohlgemerkt demokratisches Europa sind, d&uuml;rften sich &uuml;ber das deutliche Votum von &uuml;ber 61 gegen&uuml;ber knapp 39 Prozent f&uuml;r ein &bdquo;Oxi&ldquo; bei einer <a href=\"http:\/\/ekloges.ypes.gr\/current\/e\/public\/index.html?lang=en#{%22cls%22:%22main%22,%22params%22:{}}\">Wahlbeteiligung von &uuml;ber 62 Prozent<\/a> gefreut haben. Die Botschaft des Referendums lautet doch: Die gro&szlig;e Mehrheit der Griechen will eine alternative europ&auml;ische Politik.<br>\nDie Sorge ist allerdings, dass k&uuml;nftig von den europ&auml;ischen Vertretern der Gl&auml;ubigerinteressen nicht mehr nur an der linken Regierung in Griechenland, sondern an der gesamten Bev&ouml;lkerung ein Exempel statuiert werden k&ouml;nnte. Erste Stimmen in Deutschland lassen das Schlimmste bef&uuml;rchten. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIch will ausnahmsweise einmal ganz pers&ouml;nlich und aus dem Bauch heraus reagieren: Ich freue mich &uuml;ber das &bdquo;Oxi&ldquo; der Griechen gegen&uuml;ber dem Austerit&auml;tsdiktat der &bdquo;Institutionen&ldquo;. Ein &bdquo;Nai&ldquo;, w&auml;re ein Triumph f&uuml;r Sch&auml;uble, Merkel, Juncker, Schulz, Dijsselbloem, Draghi oder Lagarde gewesen. Ja es sind die m&auml;chtigen Bannertr&auml;ger der Spar- und Abstrafideologie denen die Griechen eine lange Nase gezeigt haben. <\/p><p>Was wurde nicht im Vorfeld spekuliert und Stimmung gemacht &ndash; sowohl <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/berichterstattung-zu-griechenland-dschungelcamp-der-medien-kolumne-a-1042001.html\">in den Medien<\/a> als auch in der Politik. So sagte etwa der Pr&auml;sident des Europaparlaments Martin Schulz gegen&uuml;ber dem Handelsblatt: &bdquo;&rdquo;Tsipras ist unberechenbar und manipuliert die Menschen in Griechenland, das hat fast demagogische Z&uuml;ge&ldquo;. (Nebenbemerkung: die verbalen Nachtritte von Varoufakis galten selbstverst&auml;ndlich als unverzeihlich.)<\/p><p>St&auml;ndig wurde von einem Kopf an Kopf-Rennen zwischen Ja- und Nein-Stimmen geredet. Zum Gl&uuml;ck haben die Griechen ein eindeutiges Votum abgegeben, so dass man gegen&uuml;ber dem Abstimmungsergebnis auch nicht einwenden kann, das seien nur die Stimmen der notorischen Europagegner aus der rechtspopulistischen Ecke oder von linken Spinnern gewesen. <\/p><p>Das hat wohl auch der Chef der griechischen Oppositionspartei Nea Demokratia und Wortf&uuml;hrer der Ja-Sager, Andonis Samaras, so erkannt und ist deswegen noch am Abend zur&uuml;ckgetreten. <\/p><p>Ich freue mich vor allem deshalb, weil mit dem Nein der Griechen ein demokratisches Signal gegen den fiskal- und wirtschaftspolitischen Kurs innerhalb der Europ&auml;ischen Union gesetzt wurde. H&auml;tten die Griechen mit Ja gestimmt, dann w&auml;re die Regierung Tsipras praktisch abgew&auml;hlt worden, vermutlich w&auml;re eine weitere Technikerregierung eingesetzt worden oder die alten Klientelpolitiker w&auml;ren wieder an die Macht gekommen und der &auml;rmere Teil der Griechen w&auml;re noch mehr ausgequetscht worden. <\/p><p>Eine Niederlage der derzeitigen griechischen Regierung h&auml;tte wohl auch zur Folge gehabt, dass die n&auml;chste Dekade wohl keine andere europ&auml;ische Bev&ouml;lkerung mehr den Mut aufgebracht h&auml;tte, eine &bdquo;linke&ldquo; Regierung (vielleicht sollte man genauer sagen eine politische Alternative  zur herrschenden Ideologie) zu w&auml;hlen  Die spanische Oppositionsbewegung jedenfalls jubelt &uuml;ber den Syriza-Erfolg. <\/p><p>Dem Votum der Griechen halten nun die Grexit-Unterst&uuml;tzer bei uns entgegen, auch die Vertreter der Institutionen seien demokratisch gew&auml;hlt. Das stimmt f&uuml;r Draghi und Lagarde &uuml;berhaupt nicht, f&uuml;r Dijsselbloem nur bedingt. Und die &uuml;brigen 18 europ&auml;ischen Regierungschefs sollten sich hinsichtlich ihrer europapolitischen Legitimierung gleichfalls nicht so weit aus dem Fenster h&auml;ngen, sie sollten sich an das Scheitern der EU-Verfassung durch die ablehnenden Referenden in Frankreich und in den Niederlanden im Jahre 2007 erinnern. W&uuml;rde man n&auml;mlich in den europ&auml;ischen L&auml;ndern &uuml;ber die Fortsetzung der herrschenden Austerit&auml;tspolitik abstimmen lassen, so k&ouml;nnten sich eine Reihe von s&uuml;deurop&auml;ischen, aber auch von osteurop&auml;ischen Regierungen &uuml;ber den Ausgang solcher Volksabstimmungen nicht so sicher sein.<\/p><p><strong>Muss man das Schlimmste bef&uuml;rchten?<\/strong><\/p><p>Gleichzeitig &uuml;berkommt mich aber Sorge, ja sogar Angst, wenn man die strategische Kompromisslosigkeit der Politiker, die die Interessen der Gl&auml;ubiger vertreten, nicht erst seit dem griechischen Regierungswechsel im Januar dieses Jahres beobachtet hat, dann ist zu bef&uuml;rchten, dass sie Rache &uuml;ben werden, nicht nur an Tsipras und Varoufakis und deren Regierung, sondern auch am gesamten griechischen Volk. Es steht zu bef&uuml;rchten, dass an den Griechen ein Exempel statuiert wird. <\/p><p>Die Umdeutung des Wahlergebnisses durch die Hofberichterstatter der &bdquo;Institutionen&ldquo; hat ja schon begonnen. <\/p><p>Es wurde ja schon vor dem Referendum nahezu durchg&auml;ngig behauptet, die Griechen w&uuml;ssten gar nicht wor&uuml;ber sie abstimmten bzw. der Abstimmungsgegenstand <a href=\"http:\/\/www.die-linke.de\/politik\/themen\/zur-lage-in-und-um-griechenland\/ausgewaehlte-nachrichten-interviews-und-presseerklaerungen\/wahr-oder-falsch-faktencheck-zu-den-verhandlungen-mit-griechenland\/\">sei ja gar nicht mehr aktuell<\/a>. Dabei d&uuml;rfte kaum ein anderes Volk, jemals eine politische Debatte, wie die der letzten Monate so intensiv verfolgt haben, wie die Griechen. &bdquo;Das Parlamentsfernsehen ist im Augenblick das spannendste Programm, es ist Kom&ouml;die, Krimi, Drama und Trag&ouml;die zugleich&ldquo;, sagte mir ein einfacher Wirt in einer Taverne in Athen als ich ihn vor vier Wochen fragte, warum er denn nun gerade eine Parlamentsdebatte den ganzen Abend am Fernseher verfolge.<\/p><p>Nein, die Griechen stimmten mit dem Nein, eben nicht f&uuml;r einen Grexit, wie jetzt die Banker uns unisono <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/21-36-Gabriel-kann-sich-Verhandlungen-kaum-noch-vorstellen-article15444811.html\">einreden wollen<\/a> oder wie es etwa der Chef der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/griechenland-nach-dem-referendum-einen-grexit-nicht-ausschliessen\/12014330.html\">Manfred Weber (CSU) unterstellt<\/a>. (Warum wird gerade er im ARD-Brennpunkt interviewt?) Daf&uuml;r war der Anteil der Nein-Stimmen viel zu hoch und schlie&szlig;lich sind ja alle, die mit Ja gestimmt haben auch gegen den Austritt. <\/p><p>Nein, die Griechen haben f&uuml;r eine andere europ&auml;ische Politik gestimmt. Und sie wissen auch warum, denn sie haben den bisherigen Kurs sprichw&ouml;rtlich am eigenen Leib erleiden m&uuml;ssen. <\/p><p>Ob Tsipras mit diesem unerwartet deutlichen W&auml;hlervotum in Br&uuml;ssel mehr Erfolg haben wird als bisher oder ob man darauf pfeifen wird, was der griechische &bdquo;Demos&ldquo; meint, l&auml;sst sich noch nicht sicher beantworten.<\/p><p>Die Hoffnung, dass die Griechen wenigstens einen Denkansto&szlig; gegeben haben k&ouml;nnten, ist nach dem gestrigen Abend jedenfalls f&uuml;r Deutschland sehr gering:<br>\nDer Chefredakteur des ZDF, Peter Frey, lie&szlig; es sich nicht nehmen noch einmal alle g&auml;ngigen Phrasen der Bundesregierung zusammenzufassen und Thomas Baumann stand ihm in der ARD nicht nach, gegen die Griechen zu wettern. Rolf-Dieter Krause spielte wieder einmal, wie &uuml;blich den publizistischen Minensp&uuml;rhund der EU-Kommission.<\/p><p>Dabei kam selbst der stets um Harmonie mit der Herrschaft bem&uuml;hte G&uuml;nther Jauch in seiner gestrigen Sendung nicht umhin, schwarz auf wei&szlig; zu belegen, dass das angebliche Entgegenkommen der Gl&auml;ubigerstaaten etwa mit einem Schuldenschnitt oder einem 35-Milliarden-Investitionsprogramm schlicht Falschaussagen von Merkel, Gabriel, Juncker und Schulz waren.<\/p><p>Das Kampagne-Blatt f&uuml;r den Grexit, die Bild Zeitung macht auf mit der Schlagzeile: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/\">Feiern die Griechen ihren Untergang<\/a>&ldquo;. Der CSU-General <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland\/griechenland-krise\/das-sagen-politiker-zum-nein-41655484.bild.html\">Andreas Scheuer (40) warnte Athen<\/a>: &bdquo;Die linken Erpresser und Volksbel&uuml;ger wie Tsipras k&ouml;nnen mit ihrer schmutzigen Tour nicht durchkommen.&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r die SPD ist eine linke Partei mit einer kritischen Position zur Austerit&auml;tspolitik nat&uuml;rlich eine besondere Bedrohung. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass wieder einmal Sozialdemokraten das Wasser nicht halten konnten und nach dem Referendum in nur noch populistisch zu nennender Weise nach vorne preschten: &bdquo;Tsipras hat letzte Br&uuml;cken eingerissen, &uuml;ber die Europa und Griechenland sich auf einen Kompromiss zubewegen konnten&ldquo;, &auml;u&szlig;erte sich der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/2015-07\/griechenland-referendum-reaktionen\">SPD-Vorsitzende Gabriel<\/a> und der EU-Parlamentspr&auml;sident Schulz (SPD) sieht nach dem Referendum Tsipras eher in einer schwachen Position, er habe <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/liveblog-schuldenstreit-mit-griechenland-38900810.html\">&bdquo;v&ouml;llig unvern&uuml;nftig&ldquo; gehandelt<\/a>. Und auch Steinmeier musste noch seinen Senf dazu geben. Die clevere Merkel lie&szlig; nur verlauten, dass sie heute in Paris mit Hollande spreche. <\/p><p>Niemand wei&szlig; genau, wie es weitergehen wird. Jeder, der gefragt wird, sagt etwas anderes. Eine Staatspleite  in einem einheitlichen W&auml;hrungsraum hat es schlie&szlig;lich als Feldversuch noch nie gegeben. Sind die Griechen ab kommender Woche pleite oder reicht das bisher abgehobene Geld, um den Wirtschaftskreislauf noch eine Zeit am Laufen zu halten? Kann der griechische Staat Renten und L&ouml;hne der Bediensteten auszahlen? Wie reagieren die Menschen, die kein und nur begrenzt Geld mehr vom Bankautomaten abheben k&ouml;nnen? Wie geht es mit dem Gesundheitssystem weiter? Fragen &uuml;ber Fragen, die ungekl&auml;rt sind.<\/p><p>Kann es Griechenland durchhalten, seine Schulden einfach nicht zur&uuml;ckzubezahlen? Oder st&uuml;nden dann unsere europ&auml;ischen Spitzenpolitiker, die doch die Gl&auml;ubigerinteressen mit aller H&auml;rte vertreten haben, vielleicht blamiert da, nicht etwa weil ihre L&auml;nder zur Kasse gebeten w&uuml;rden, sondern weil sie uns eine Schim&auml;re vorgegaukelt haben, dass die griechische Schulden direkt vom Steuerzahler finanziert werden m&uuml;ssten. Aber selbst wenn das so w&auml;re, k&ouml;nnte vielleicht sogar der deutsche Michel einmal die Frage stellen, wer denn sein Geld bekommen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle diejenigen, die dem europ&auml;ischen Austerit&auml;tskurs kritisch gegen&uuml;ber stehen und die sich noch ein St&uuml;ck Empathie gegen&uuml;ber der griechischen Bev&ouml;lkerung bewahrt haben, aber auch die, die f&uuml;r ein gemeinsames, wohlgemerkt demokratisches Europa sind, d&uuml;rften sich &uuml;ber das deutliche Votum von &uuml;ber 61 gegen&uuml;ber knapp 39 Prozent f&uuml;r ein &bdquo;Oxi&ldquo; bei einer <a href=\"http:\/\/ekloges.ypes.gr\/current\/e\/public\/index.html?lang=en#{%22cls%22:%22main%22,%22params%22:{}}\">Wahlbeteiligung von &uuml;ber<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26672\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,123,156],"tags":[423,1045,1555,953,1230,1464],"class_list":["post-26672","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-kampagnentarnworteneusprech","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-grexit","tag-griechenland","tag-staatsbankrott","tag-tsipras-alexis","tag-volksabstimmung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26672","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26672"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26672\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26674,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26672\/revisions\/26674"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26672"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26672"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26672"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}