{"id":2671,"date":"2007-10-04T09:13:40","date_gmt":"2007-10-04T07:13:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2671"},"modified":"2015-12-17T15:43:26","modified_gmt":"2015-12-17T14:43:26","slug":"das-reich-gewordene-irland-lebt-immer-noch-in-den-infrastrukturen-eines-staatlichen-armenhauses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2671","title":{"rendered":"Das reich gewordene Irland lebt immer noch in den Infrastrukturen eines staatlichen Armenhauses"},"content":{"rendered":"<p>Irland ist f&uuml;r die neoliberalen Reformer ein Vorzeigeland, hohe Wachstumsraten, relativ niedrige Arbeitslosigkeit, keine Staatsverschuldung, niedrige Unternehmenssteuern. Die OECD stuft Irland als eines der reichsten L&auml;nder ein. Doch nicht alles ist Gold, was gl&auml;nzt, so schreibt jedenfalls Marion van Rentgerheim in Le Monde. Gerhard Kilper hat uns den Beitrag ins Deutsche &uuml;bertragen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zusammenfassung eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 21.9.2007 erschienenen Artikels mit dem Titel &bdquo;L&rsquo;Irlande, enrichie, a conserv&eacute; les infrastructures d&rsquo;un Etat pauvre&ldquo;. Autorin: Marion van Rentgerheim<\/strong><\/p><p>Der irische Ministerpr&auml;sident Bertie Ahern weilte anl&auml;sslich der in Frankreich ausgetragenen Rugby-Weltmeisterschaft in der franz&ouml;sischen Hauptstadt und traf sich  hier mit dem franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Nicolas Sarkozy. Sarkozy hatte den Franzosen in seinem Wahlprogramm einen &bdquo;radikalen Bruch&ldquo; mit der &bdquo;alten&ldquo; Wirtschafts- und Finanzpolitik angek&uuml;ndigt. Eine neue Politik forcierter &ouml;konomischer Liberalisierung solle Frankreich endlich von seinen Wachstumsbremsen befreien.<br>\nEurop&auml;isches Vorbild f&uuml;r eine erfolgreiche &ouml;konomische Liberalisierung ist die Republik Irland, Irland gilt als &bdquo;das&ldquo; Vorzeigeland mit sagenhafter &ouml;konomischer Bilanz. Nach Ahern bescherte eine auf der einfachen Zauberformel &bdquo;Steuersenkungen schaffen mehr wirtschaftliche Aktivit&auml;t und daher am Ende auch mehr Einnahmen&ldquo; beruhende Finanzpolitik seinem Land innerhalb eines Vierteljahrhunderts den Wandel vom Armenhaus Europas zum &ndash; gemessen am Sozialprodukt pro Kopf &ndash; nach Luxemburg reichsten europ&auml;ischen Land.<\/p><p>Die Autorin Rentgerheim schreibt, die irische Wachstumsrate von rund 5% sei doppelt so hoch wie die Frankreichs, Irlands Arbeitslosenquote betrage nur 4,2 % und der irische Staatshaushalt sei mit null Schulden vollkommen ausgeglichen. Doch leider st&ouml;re die soziale Wirklichkeit Irlands den allzu sch&ouml;nen Schein der Zahlen. In Balbriggan etwa, einer n&ouml;rdlichen Vorstadt Dublins, sei im Zuge der politisch gewollten Gastarbeiterzuwanderung ein Afrikaner-Viertel aufgebaut worden. Und hier konnten zu Beginn des neuen Schuljahrs rund 100 ABC-Sch&uuml;tzen wegen fehlender Klassenr&auml;ume nicht eingeschult werden!<\/p><p>Der irische Staat habe zwar beim Bau neuer Stadtviertel geholfen, aber schlicht die gleichzeitige Entwicklung einer entsprechenden Dienstleistungs-Infrastruktur &ndash; vom &ouml;ffentlichen Transport- und Verkehrswesen, Kinderg&auml;rten, Schulen und Krankenh&auml;usern bis zur Ansiedlung von Einkaufszentren &ndash; schlicht vergessen.<br>\nDa im katholischen Irland das Schulwesen zu 98% in der Hand der katholischen Kirche liege und da in diese konfessionellen Schulen bevorzugt katholische Sch&uuml;ler aufgenommen w&uuml;rden, seien f&uuml;r die Einschulung schwarzer Erstkl&auml;ssler eben keine Pl&auml;tze mehr &uuml;brig gewesen (44 laizistischen Grundschulen stehen 3200 konfessionell-katholische gegen&uuml;ber).<\/p><p>Nach Rentgerheim rechtfertigt der irische Ministerpr&auml;sident seine Politik mit dem Argument, die starke Zunahme der Immigration habe die Regierung &uuml;berrascht (9% der irischen Arbeitnehmer sind heute Immigranten, die Regierung ging von h&ouml;chstens 5% im Jahr 2010 aus). Ahern verweist auf die Anstrengungen seiner Regierung zur Reduzierung des irischen Nachhinkens im Infrastrukturbereich &ndash; tats&auml;chlich waren die &ouml;ffentlichen Infrastruktur-Investitionen Irlands mit 5,4 % des Bruttosozialprodukts immer noch doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt.<\/p><p>Rentgerheim f&auml;hrt fort, trotz dieser Investitionen f&uuml;hre der nur sehr gering entwickelte st&auml;dtische Personennahverkehr zeitweise nicht nur zu einem Monsterverkehr auf den Stra&szlig;en, sondern auch zu einem unglaublich hohen Fu&szlig;g&auml;nger-Aufkommen auf den B&uuml;rgersteigen Dublins. Ein anderes Beispiel f&uuml;r M&auml;ngel in der irischen Infrastruktur bilde Galway, neben Dublin eine der wichtigsten Gro&szlig;st&auml;dte des Landes: hier habe es ein halbes Jahr lang kein Trinkwasser gegeben. Und in den ausschlie&szlig;lich privat organisierten Krippen Irlands seien die Krippenl&auml;tze so teuer, dass sich Alleinerziehende keinen Krippenplatz leisten k&ouml;nnten. So nehme Irland beim Verh&auml;ltnis der staatlichen Ausgaben f&uuml;r Erziehung und Gesundheit\/Kopf zum Sozialprodukt\/Kopf  innerhalb der EU einen unteren Rang ein. Und dies obwohl gesunde Staatsfinanzen   eine staatliche Kreditaufnahme zur Finanzierung dringender Infrastrukturma&szlig;nahmen ohne weiteres erm&ouml;glichen w&uuml;rden.<\/p><p>Rentgerheim zitiert den angesehenen Herausgeber der Irish Times Finton O&rsquo;toole, der meint, die Regierung lasse sich immer noch vom alten Glauben leiten, hohe Wachstumsziffern allein k&ouml;nnten aus sich heraus alle gesellschaftlichen Probleme l&ouml;sen&hellip; Zwar bes&auml;&szlig;en die Iren heute sch&ouml;ne Autos, doch wenn man in Irland krank werde, m&uuml;sse man sich zun&auml;chst zwei Tage lang von medizinischen Notdiensten versorgen lassen, bevor man angemessen behandelt werde. Den Iren bleibe zwar von ihrem neuen Wohlstand, dass sie individuell reich geworden seien &ndash; aber in einem Land, das diesen Eindruck nicht vermitteln k&ouml;nne. Irland habe das Gl&uuml;ck, &uuml;ber die erforderlichen Ressourcen zu verf&uuml;gen und m&uuml;sse dringend seine F&auml;higkeiten zu (politisch-sozialer) Phantasie und zu strategisch-langfristiger Planung unter Beweis stellen.<br>\nBis dahin aber, merkt die Autorin Rentgerheim ironisch an, lebten die Iren wohl weiter ihr sch&ouml;nstes Leben aller Zeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irland ist f&uuml;r die neoliberalen Reformer ein Vorzeigeland, hohe Wachstumsraten, relativ niedrige Arbeitslosigkeit, keine Staatsverschuldung, niedrige Unternehmenssteuern. Die OECD stuft Irland als eines der reichsten L&auml;nder ein. Doch nicht alles ist Gold, was gl&auml;nzt, so schreibt jedenfalls Marion van Rentgerheim in Le Monde. 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