{"id":26718,"date":"2015-07-09T09:53:46","date_gmt":"2015-07-09T07:53:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26718"},"modified":"2015-07-09T11:37:37","modified_gmt":"2015-07-09T09:37:37","slug":"das-deutschland-prinzip-die-merkwuerdige-wirtschaftspolitische-rezeptur-der-insm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26718","title":{"rendered":"\u201eDas Deutschland-Prinzip\u201c: Die merkw\u00fcrdige wirtschaftspolitische Rezeptur der INSM"},"content":{"rendered":"<p>Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die sich selbst als &bdquo;&uuml;berparteiliches B&uuml;ndnis aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft&ldquo; zur Werbung f&uuml;r die Grunds&auml;tze der Sozialen Marktwirtschaft bezeichnet und von den Arbeitgeberverb&auml;nden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird, hat ein neues Buch mit dem Titel &bdquo;<em>Das Deutschland-Prinzip. Was uns stark macht<\/em>&ldquo; vorgestellt.  Das Buch versteht sich laut INSM als &bdquo;Impuls f&uuml;r die zentrale Debatte &uuml;ber die richtigen Weichenstellungen, die Deutschlands Erfolg und Wohlstand auch in Zukunft sichern sollen&ldquo; und will die &bdquo;Prinzipien&hellip; der Erfolgsgeschichte&ldquo; der deutschen Volkswirtschaft hervorheben. <strong>Kai van de Loo<\/strong> unterzieht die wirtschaftspolitische Rezeptur des &bdquo;Deutschland-Prinzips&ldquo; dieser PR-Organisation der Arbeitgeber einer kritischen Analyse.<br>\n<!--more--><br>\nOffizieller Herausgeber des Buches ist der gegenw&auml;rtige Kuratoriumsvorsitzende der INSM (und Ex-SPD-Bundesminister f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit, Ex-NRW-Ministerpr&auml;sident\/Minister und heutige FDP-Wahlk&auml;mpfer als &bdquo;Sozialdemokrat ohne Parteibuch&ldquo;) Wolfgang Clement. Die &ouml;ffentliche Vorstellung des Buches erfolgte am 3. Juli in Berlin im Beisein und mit einer pers&ouml;nlichen Begleitrede des aktuellen Bundeswirtschaftsministers, Vizekanzlers und SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Clement und Gabriel zeigten dabei auf dem Podium ein gro&szlig;es Ma&szlig; an &Uuml;bereinstimmung und &bdquo;spielten sich die B&auml;lle zu&ldquo;, so etwa berichtet es SPIEGEL online. Herr Gabriel lobte sehr, dass &bdquo;wir mal dar&uuml;ber reden, was gut ist in unserem Land&ldquo;, und dass es sich beim &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; um &bdquo;ein wirklich gutes Buch&ldquo; &uuml;ber die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft handelt, das er, w&auml;re er noch Politiklehrer, sogar &bdquo;im Unterricht einsetzen&ldquo; w&uuml;rde. (&Uuml;ber die Buchpr&auml;sentation und Gabriels Auftritts wurde u.a. berichtet auf <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/das-deutschland-prinzip-ein-loblied-auf-die-bundesrepublik-\/12007178.html?nlayer=Politik-News_11247984\">handelsblatt.com<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/sigmar-gabriel-trifft-wolfgang-clement-als-wenn-nix-gewesen-waer-a-1042041.html\">spiegel.de<\/a>) <\/p><p>Dies sind aus Sicht eines kritischen, den Grundwerten der Sozialdemokratie grunds&auml;tzlich nahe stehenden &Ouml;konomen, der Volkswirtschaftslehre auch unterrichtet, schon gen&uuml;gend Gr&uuml;nde, um sich das Buch und seine wirtschaftspolitische Rezeptur einmal n&auml;her anzuschauen.<\/p><p><strong>Deutschland, eine Erfolgsgeschichte aus Prinzip (laut INSM)<\/strong><\/p><p>Das Buch ist sehr dick (480 Seiten) und vom Stoff an sich recht vielseitig  angelegt. Es enth&auml;lt zahleiche Beitr&auml;ge (Analysen, Kommentare, Interviews, Reportagen etc.) zu unterschiedlichen Themen eines illustren Autorenkreises, darunter u. a.  je sechs deutsche Bundesminister und Ministerpr&auml;sidenten, EU-Kommissionspr&auml;sident Juncker, Bundesbankpr&auml;sident Weidmann, CDU-Generalsekret&auml;r Tauber, der Fraktionschef der Gr&uuml;nen im Bundestag Hofreiter, , die &Ouml;konomie-Professoren H&uuml;ther und Sinn, taz-Chefredakteurin Pohl und BILD-Chefredakteur Diekmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Marx, ferner diverse Unternehmer und Manager, Journalisten, Schauspieler und Sportler. Insgesamt sind 178 &ndash; laut INSM &ndash; &bdquo;kluge K&ouml;pfe&ldquo; vertreten. Die Beitr&auml;ge sollten aus der jeweiligen Autorensicht beschreiben, &bdquo;warum es Deutschland so gut geht und wie das so bleiben kann.&ldquo; Wie schon der Titel des Buchs ein recht selbstgef&auml;lliger Anspruch, denn dass es unserem Land so gut geht und ob Eliteweisheiten auch die ganzen Bev&ouml;lkerung dienen, l&auml;sst sich mit guten Gr&uuml;nden bezweifeln. (Das ist jedoch keine Aussage &uuml;ber die G&uuml;te einzelner Beitr&auml;ge.) Hier soll allerdings nicht auf die sehr unterschiedlichen Einzelbeitr&auml;ge des Buches eingegangen werden, sondern aus volkswirtschaftlicher Perspektive auf die f&uuml;nf wesentlichen Elemente bzw. &bdquo;Erfolgsfaktoren&ldquo; des &bdquo;Deutschlands-Prinzips&ldquo;, die von der INSM gesondert herausgearbeitet worden sind und auch in einer <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/deutschland-prinzip\/uebersicht.html\">gesonderten Brosch&uuml;re dargestellt werden<\/a>. <\/p><p>Um es vorwegzunehmen: Diese f&uuml;nf Erfolgsfaktoren sind vom fachlichen Gehalt sehr d&uuml;nn und im Hinblick auf die wirtschaftspolitischen Implikationen, zur&uuml;ckhaltend formuliert, sehr einseitig. Sie beinhalten ein wirtschafts- bzw. neoliberales Weltbild, das zudem sehr einfach gestrickt wird. Eigentlich erkl&auml;re sich das &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; von selbst und sei ganz einfach, so der Kuratoriumsvorsitzende Clement, in der INSM-Pressemitteilung: &bdquo;Innovationen, Freiheit, offene Grenzen und Solidarit&auml;t sind die Grundlagen unserer Wirtschaftskraft und damit unseres Wohlstands.&ldquo; Deutschland habe &bdquo;nicht zuf&auml;llig Erfolg, sondern aus Prinzip, dem Deutschland-Prinzip.&ldquo; Eben darauf gr&uuml;nde sich  die &bdquo;Wirtschaftskraft des Exportweltmeisters&ldquo;. Im Vorwort der Brosch&uuml;re hei&szlig;t es zur Erl&auml;uterung dieses Deutschland-Prinzips: &bdquo;Ein guter Wirtschaftstandort schafft gute Arbeit und die Voraussetzungen f&uuml;r soziale Gerechtigkeit. Im Gegensatz zu anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern ist Deutschland gest&auml;rkt aus der Weltwirtschaftskrise herausgekommen.&ldquo; (Eine Aussage, die nahezu w&ouml;rtlich zum Repertoire unserer Bundeskanzlerin geh&ouml;rt.) Das &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; bedeutet demnach, der Wirtschaftsstandort Deutschland ist prinzipiell richtig gepflegt worden, andere haben das wohl nicht so getan. Doch was an dieser Standortpflege nun deutschlandspezifisch ist oder wodurch Deutschland sich von anderen so prinzipiell unterscheidet, wird gar nicht erkl&auml;rt. Inwiefern Deutschland wirklich gest&auml;rkt aus der Weltwirtschaftskrise herausgekommen ist und woran das zu messen ist, auch nicht. Und ob es vielleicht einen direkten Zusammenhang gibt, weshalb es Deutschland volkswirtschaftlich derzeit in mancher Hinsicht besser geht und anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern schlechter, wird ebenfalls nicht untersucht. Wohl aber wird verdeutlicht, wie die INSM die zuvor genannten Erfolgskriterien aus ihrer Anschauung heraus f&uuml;llt und welche Botschaften sie verk&uuml;nden will. <\/p><p>Bevor auf die Einzelheiten eingegangen wird, ist festzustellen, dass es etliche wichtige Aspekte gibt, &uuml;ber die man zwar in dem einen oder anderen Gastbeitrag des Buches etwas Gescheites findet, aber trotz der evident gro&szlig;en Bedeutung und teilweise enormen Aktualit&auml;t schlicht <strong>nichts<\/strong> in den INSM-Ausf&uuml;hrungen zum &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; und der Erfolgsgeschichte des Wirtschaftstandortes Deutschland. Dazu geh&ouml;ren beispielsweise die Fragen der wirtschaftlichen Zukunft Europas und der W&auml;hrungsunion, die Ursachen und Folgen der internationalen Finanzkrise, die Nachhaltigkeit unseres heutigen Wirtschaftsmodells, die gro&szlig;e Exportlastigkeit des deutschen Wirtschaftswachstums und das dadurch enorme au&szlig;enwirtschaftliche Ungleichgewicht, die hierzulande keineswegs bew&auml;ltigte Massenarbeitslosigkeit und die Prekarisierungstendenzen am deutschen Arbeitsmarkt, der geringe volkswirtschaftliche Produktivit&auml;tsfortschritt, der langj&auml;hrige Niedergang der Investitionsquote in Deutschland und die auch hier gro&szlig;e und tendenziell zunehmende Schieflage in der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung &hellip; Aber es soll ja eben &uuml;ber die positive wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und die St&auml;rken unserer Volkswirtschaft informiert werden. Auch was die gro&szlig;en volkswirtschaftlichen Herausforderungen f&uuml;r die Zukunft angeht, benennen Herr Clement und die INSM keinen der vorgenannten Aspekte, sondern explizit nur diese drei: &bdquo;Demografie&ldquo;, &bdquo;Vernetzung und Digitalisierung&ldquo; sowie den &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; bzw. dessen Behebung durch Anwerbung von Fachkr&auml;ften aus dem Ausland. Aktuell besondere Sorgen bereiten aus Sicht der INSM (bzw. der von ihr repr&auml;sentierten Teile der Wirtschaft) au&szlig;erdem die B&uuml;rokratie, die Regulierung, die &bdquo;Umverteilung&ldquo; oder die hohen Energiekosten. Als Volkswirt k&ouml;nnte man es an dieser Stelle gleich so sagen: Viele echte volkswirtschaftliche Probleme interessieren die INSM anscheinend kaum oder sie will sie &bdquo;prinzipiell&ldquo; nicht thematisieren, schon gar nicht makro&ouml;konomische Fragestellungen, Probleme und Zusammenh&auml;nge, die &uuml;ber &uuml;bliche Unternehmerperspektiven hinausgehen.  Das &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; beinhaltet also volkswirtschaftlich eine stark eingeschr&auml;nkte Sichtweise.<\/p><p>Daf&uuml;r werden als volkswirtschaftliches Erfolgsrezept die f&uuml;nf sog. Erfolgsfaktoren des &bdquo;Deutschland-Prinzips&ldquo; als miteinander verzahnte, vorgeblich tiefe &ouml;konomische Grundeinsichten widerspiegelnde Leitgedanken der Sozialen Marktwirtschaft pr&auml;sentiert, und zwar im Originalwortlaut wie folgt:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;Wohlstand entsteht aus Wirtschaftskraft&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Wirtschaftskraft entsteht durch Innovation&ldquo; <\/li>\n<li>&bdquo;Innovation braucht Freiheit&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Freiheit w&auml;chst mit Europa und der Welt&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Die Soziale Marktwirtschaft macht unser Land gerecht&ldquo;<\/li>\n<\/ul><p>Diese f&uuml;nf Erfolgsfaktoren sollen nun unter die Lupe genommen und fachlich einmal genauer mit dem abgeglichen werden, was man in volkswirtschaftlichen Standardlehrb&uuml;chern dazu nachlesen kann. Dabei zeigt sich, wie wenig Substanz die wirtschaftspolitische Rezeptur der INSM besitzt.<\/p><p><strong>Einzelbetrachtung der Erfolgsfaktoren<\/strong><\/p><p><em>&bdquo;Wohlstand entsteht aus Wirtschaftskraft&ldquo;<\/em><\/p><p>Die INSM erl&auml;utert: &bdquo;Nur mit einer wachsenden Wirtschaft verbessern sich die Lebensbedingungen f&uuml;r alle.&ldquo; Und danach hei&szlig;t es:  &bdquo;Mit dem Bruttoinlandsprodukt steigt der Wohlstand: Die Haushalte haben nicht nur mehr Verm&ouml;gen, sondern k&ouml;nnen sich auch von ihrer Arbeit mehr leisten.&ldquo; <\/p><p>Eigentlich eine Binsenweisheit. Doch abgesehen davon dass Wohlstand i.S.v. Lebensqualit&auml;t keineswegs nur vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) abh&auml;ngt, da viele Wohlstandsfaktoren (wie Gesundheit, Freizeit, Autonomie, Zufriedenheit, Umwelt etc.) gar nicht unmittelbar im BIP erfasst werden, ist die vorgenannte Aussage auch nur dann so pauschal richtig, wenn das BIP und sein Zuwachs &uuml;ber steigende Arbeitseinkommen entsprechend breit verteilt werden und keine Arbeitslosigkeit herrscht. Ob aus dem Einkommenszuwachs auch Verm&ouml;gen gebildet werden kann (und von wem haupts&auml;chlich), ist eine zweite Frage. Auf beide Fragen geht die INSM nicht ein. Es ist ebenfalls zu eng, Wirtschaftskraft allein mit dem BIP gleichzusetzen, denn das BIP kann zumindest kurz- und mittelfristig auch aus Gr&uuml;nden steigen, die langfristig eine Schw&auml;chung der Wirtschaftskraft bedeuten (Unfallereignisse, R&uuml;stungsproduktion, Umweltverschmutzungen, Finanzmarktblasen, Lohndumping etc.) Gleichzeitig kann es eine Reihe von Faktoren der Wirtschaftskraft im Sinne des volkswirtschaftlichen Produktionspotenzials geben, die im aktuellen BIP nicht zum Tragen kommen, etwa aufgrund einer Konjunktur- oder Strukturkrise, durch die vorhandene Kapazit&auml;ten brach liegen.<\/p><p>An anderer Stelle wird der Zusammenhang von Wirtschaftskraft und Wohlstand von der INSM historisch zu belegen versucht: &bdquo;Immer wieder war es die Wirtschaftkraft, die in Deutschland f&uuml;r mehr Wohlstand gesorgt hat: mehr Steuern, mehr Besch&auml;ftigung, mehr Spielraum f&uuml;r sozialen Ausgleich. Diese Formel der Sozialen Marktwirtschaft zeigte ihre Wirkung erstmals in der langen Aufbauphase nach dem Krieg, dann wieder nach der Wiedervereinigung und zuletzt in den Wirkungen der Agenda 2010.&ldquo;<\/p><p>Ausgerechnet die Agenda 2010 in ihre Bedeutung und Tragweite mit dem ordnungspolitischen Grundkonzept der Sozialen Marktwirtschaft und der au&szlig;erordentlichen wirtschaftlichen Wiederaufbauleistung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gleichzusetzen, mag eine Interpretation sein, die sich speziell Herr Clement als einer der Hauptprotagonisten w&uuml;nscht; in der Fachwelt ist bisher niemand so weit gegangen, denn es l&auml;sst sich sachlich nicht begr&uuml;nden, unabh&auml;ngig von den sehr kontroversen Einsch&auml;tzungen der Wirkungen der Agenda 2010. Au&szlig;erdem hat gestiegene Wirtschaftskraft nicht nur in Deutschland auch schon lange vor 1945 und in allen Zeiten danach f&uuml;r mehr Wohlstand gesorgt. Nicht zuletzt in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren, die hier von der INSM ausgeblendet werden. (Obwohl die Brosch&uuml;re auch mit Fotos der fr&uuml;heren Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt best&uuml;ckt ist.)<\/p><p>Zustimmen kann man der INSM, dass das Wirtschaftswachstum und gestiegene Wirtschaftskraft i.d.R. mehr Steuern, mehr Besch&auml;ftigung und mehr Spielraum f&uuml;r sozialen Ausgleich bedeuten. Ob Letzterer genutzt wurde und wird, ist damit jedoch nicht gesagt. Das Steueraufkommen h&auml;ngt nat&uuml;rlich nicht nur von der Wirtschaftsentwicklung, sondern auch vom Steuersystem und den damit verfolgten wirtschafts- und finanzpolitischen Zielen ab. Und auf den Besch&auml;ftigungsstand wirken weitere Einflussfaktoren ein, insbesondere die jeweilige Arbeitsmarktpolitik.<\/p><p>Die INSM wartet ferner mit einigen Zahlen als Beleg f&uuml;r den Wohlstandseffekt der Sozialen Marktwirtschaft auf und pr&auml;sentiert dazu das BIP sowie das Bruttoverm&ouml;gen privater Haushalte der Jahre 2013 und 1991. Beide Gr&ouml;&szlig;en verzeichnen einen Zuwachs um den Faktor +\/- 2 herum. Gewiss eindrucksvoll, aber keineswegs deutschlandspezifisch &ndash; ein &auml;hnliches Wachstum dieser Gr&ouml;&szlig;en gab in vielen Teilen der Welt. Bei den INSM-Angaben handelt es sich au&szlig;erdem um eine Darstellung reiner Nominalwerte, also ohne Ber&uuml;cksichtigung der Inflationsrate, weshalb damit nicht das reale Wachstum ausgewiesen wird, das betr&auml;chtlich kleinere Werten aufzeigt. &Uuml;berdies findet weder ein l&auml;ngerfristiger historischer noch ein internationaler Vergleich statt, anhand dessen man diese Zahlen vern&uuml;nftig einordnen kann.<\/p><p>Die INSM springt daf&uuml;r abrupt in die Gegenwart, und um zu belegen, wie gut die Situation der deutschen Volkwirtschaft heute sei, und verweist auf die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten von 30,2 Millionen, die &bdquo;so hoch wie nie zuvor&ldquo; ist, sowie auf den Anstieg der Reall&ouml;hne , die &bdquo;seit 2012 um 3,1% gestiegen&ldquo; sind. Damit soll wohl &ndash; eine eigene, doch nahe liegende Interpretation, explizit wird das nicht gesagt &ndash; zum Ausdruck gebracht werden, dass die angesprochene Agenda 2010 die Besch&auml;ftigung in Deutschland wieder erh&ouml;ht hat (&uuml;brigens wird die noch st&auml;rker gestiegene nicht-sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung nicht erw&auml;hnt, wohl um die Aufmerksamkeit auf den Zuwachs &bdquo;guter Arbeit&ldquo; zu lenken) und dass nun sogar kr&auml;ftige reale Lohnzuw&auml;chse (jetzt wird auf einmal auch real gerechnet) erreicht werden k&ouml;nnen. Warum und um wie viel die sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung in Deutschland vorher geringer war, erf&auml;hrt man nicht, auch nicht, wieso die L&ouml;hne erst seit wenigen Jahren wieder real steigen und weshalb in der ganzen Zeit seit Mitte der 1990er Jahre &ndash; in denen auch der Rahmen  der Soziale Marktwirtschaft bestand &ndash; eine so lange Durststrecke der realen Lohneinkommen zustande gekommen ist. Der Anstieg der Reall&ouml;hne hat &uuml;berdies auch mit der niedrigen Inflation zu tun und weshalb die INSM den Anstieg ausgerechnet seit 2012, dh. f&uuml;r einen Dreijahreszeitraum (3,1% betr&auml;gt der reale Anstieg der Bruttol&ouml;hne im Zeitraum 2012 bis 2014 insgesamt) bleibt unerfindlich, es sei denn, es sollte f&uuml;r eilige Leser der Eindruck erweckt werden, es handele sich um eine j&auml;hrlichen Reallohnzuwachs &ndash; dieser war seit 1992 niemals so hoch). Kein Wort widmet die INSM der Prekarisierung am Arbeitsmarkt und dabei auch bei der von ihr herausgestellten sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung etwa durch die Ausweitung von Zeit- und Werkvertr&auml;gen. Sie &auml;u&szlig;ert sich auch mit keinen Wort zu der zwar quantitativ verminderten, aber noch immer bestehenden Massenarbeitslosigkeit und Unterbesch&auml;ftigung bzw. der permanenten Verletzung des Ziels der Vollbesch&auml;ftigung in Deutschland. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen liegt bei 2,8 Millionen (davon 2,0 Millionen in Westdeutschland &ndash; hier ist die Arbeitslosenzahl 2015 immer noch h&ouml;her als 1990 und auch 1980!) , die offizielle Zahl der &bdquo;Unterbesch&auml;ftigten&ldquo; (d.s. die zus&auml;tzlich arbeitslos Gemeldeten in Arbeitsgelegenheiten, Qualifizierungsma&szlig;nahmen, Krankheit etc.) liegt bei 3,7 Millionen und weitere rd. 3 Millionen Erwerbst&auml;tige w&uuml;rden nach der j&uuml;ngsten Arbeitskr&auml;fteerhebung des Statistischen Bundesamtes mehr arbeiten als sie es tun, &uuml;berwiegend weil sie bislang nur Teilzeitarbeitsverh&auml;ltnisse haben. Manche Regionen Deutschlands, nicht nur im Osten, haben auch heute noch zweistellige Arbeitslosenquoten, bundesweit ist diese seit mehr als 30 Jahren nicht unter 6 % gesunken. Offenbar sch&ouml;pft Deutschland sein Arbeitskr&auml;ftepotenzial bei weitem nicht aus.<\/p><p>Ebenso wenig sagt die INSM etwas zur heutigen Qualit&auml;t der Arbeitspl&auml;tze und der Produktivit&auml;t der Arbeitskr&auml;fte. Wie kommt es eigentlich, dass es in Deutschland schon seit einiger Zeit neue Rekorde der Besch&auml;ftigung und der Zahl der Erwerbst&auml;tigen gibt, aber das Arbeitsvolumen 2014 immer noch geringer war als 1992, dass trotz der gr&ouml;&szlig;eren Zahl der eingesetzten Arbeitskr&auml;fte das BIP nur so schwach w&auml;chst (1,6% in 2014, aber blo&szlig; 0,1% in 2013 und 0,4% in 2012, seit dem Inkrafttreten der Agenda 2010 im Jahr 2005 waren es im Durchschnitt knapp 1,3% p.a.) und dass die Arbeitsproduktivit&auml;t je Erwerbst&auml;tigen in den letzten Jahren teilweise sogar r&uuml;ckl&auml;ufig war? Stimmt hier vielleicht etwas nicht mit der so gepriesenen deutschen Wirtschaftskraft?<\/p><p><em>&bdquo;Wirtschaftskraft entsteht durch Innovation&ldquo;<\/em><\/p><p>Gerade technologische Innovationen h&auml;tten Deutschlands Wirtschaft stark gemacht (was keineswegs falsch ist, aber sicherlich nicht f&uuml;r alle Bereich gilt, denn auch in Deutschland wurde und wird technologisch kopiert und adaptiert), und seine Wirtschaftskraft begr&uuml;ndet. Die INSM pr&auml;sentiert dazu ein L&auml;nderranking der &bdquo;Innovationskraft&ldquo; des Instituts der deutschen Wirtschaft (hier eine unparteiische Quelle?), wonach Deutschland international 2012 auf dem sechsten Rang lag, und vergleicht das deutlich h&ouml;here Pro-Kopf-BIP der innovationsst&auml;rksten L&auml;nder in diesem Ranking mit dem der Innovationsschw&auml;chsten. Was die vor Deutschland liegenden L&auml;nder (Finnland, Schweiz, S&uuml;dkorea &hellip;) in der Innovationspolitik ohne &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; besser gemacht haben, wird jedoch nicht erl&auml;utert.<\/p><p>Doch der INSM geht es vor allem um die Zukunft. Damit sich unsere Lebensbedingungen in Deutschland weiter &bdquo;so positiv&ldquo; entwickeln k&ouml;nnen, &bdquo;m&uuml;ssen die Voraussetzungen f&uuml;r wirtschaftliche Wertsch&ouml;pfung durch Innovation und Produktion stimmen&ldquo;, fordert sie und sieht zugleich im &bdquo;Fortschritt Deutschlands wichtigsten Rohstoff&ldquo;, denn unser Land habe &bdquo;kaum Bodensch&auml;tze&ldquo; (was so nicht stimmt, denn rd. drei Viertel der mineralischen Rohstoffe werden aus heimischen Lagerst&auml;tten gewonnen &ndash; importiert werden m&uuml;ssen haupts&auml;chlich Erd&ouml;l und Metallerze). Gem&auml;&szlig; den Berechnungen des Sachverst&auml;ndigenrates Wirtschaft w&uuml;rden rd. 60% des Wachstums der kommenden Jahre vom technologischen Fortschritt getragen. Unklar bleibt bei der INSM, wie hier technologischer Fortschritt genau definiert ist, ob er mit den vorher thematisierten Innovationen, also eigenen Marktneuheiten der deutschen Wirtschaft bei Produkten, Verfahren oder Organisationsformen gleichzusetzen ist und welche Pr&auml;missen die Prognose des Sachverst&auml;ndigenrats sonst noch gemacht hat; klar ist dagegen, dass das Wachstum in Deutschland voraussichtlich nicht durch starken Zuwachs an Realkapital mittels Sachinvestitionen, Bev&ouml;lkerungswachstum oder Erschlie&szlig;ung  neuer Territorien und Rohstoffvorkommen kommen wird, womit der technologische und technisch-organisatorische Fortschritt als fundamental einzige M&ouml;glichkeit bleibt.<\/p><p>Die INSM sieht diese &bdquo;Grundlage&ldquo; indessen als &bdquo;in Deutschland gef&auml;hrdet&ldquo; an, weil andere L&auml;nder technologisch aufgeholt haben und Innovationen nicht die n&ouml;tige Unterst&uuml;tzung in Deutschland finden. Beleg sei, dass die Patentanmeldungen 2013 in allen patentstarken L&auml;ndern au&szlig;er Deutschland gestiegen sind. Nun sind technologische Vorspr&uuml;nge gewiss ein Vorteil f&uuml;r die Gewinnerzielung, aber nicht Voraussetzung f&uuml;r volkswirtschaftlichen Wohlstand insgesamt. Wenn andere L&auml;nder technologisch aufholen, bedeutet das zugleich doch auch wachsende M&auml;rkte und Absatzm&ouml;glichkeiten f&uuml;r deutsche Technologieprodukte. Und es bedeutet einen intensivierten Wettbewerb, der den Fortschrittsprozess weiter antreibt. Demgegen&uuml;ber sind die Patentanmeldungen in einem Einzeljahr wenig aussagekr&auml;ftig und kein Nachweis, dass Innovationen (die patentgesch&uuml;tzten und anderen Erfindungen nachlaufen) nicht die &bdquo;n&ouml;tige Unterst&uuml;tzung&ldquo; (von der Politik oder der Gesellschaft?) finden. Was die n&ouml;tige Unterst&uuml;tzung w&auml;re, bliebe ohnehin zu kl&auml;ren.<\/p><p><em>&bdquo;Innovation braucht Freiheit&ldquo;<\/em><\/p><p>Die INSM erl&auml;utert im Anschluss an die Ausf&uuml;hrungen zur Bedeutung von Innovationen dann, dass neue Ideen nur wirtschaftliche Realit&auml;t werden k&ouml;nnen, wenn der Staat nicht &bdquo;&uuml;berreguliert&ldquo; und dass &bdquo;weniger B&uuml;rokratie mehr Neuentwicklungen&ldquo; bedeuten w&uuml;rde. Vor allem Unternehmen forschungsstarker Branchen w&uuml;rden staatliche &Uuml;berregulierung als Hindernis f&uuml;r neue Produkte betrachten. Gleichzeitig w&uuml;rden sich besonders kleine Unternehmen, die oft Marktneulinge und damit  besonders innovativ sind, durch b&uuml;rokratische Vorgaben eingeschr&auml;nkt sehen. Ein Silicon Valley sei schon deshalb &bdquo;in Deutschland nicht vorstellbar, weil die ber&uuml;hmten Garagen wegen angeblicher M&auml;ngel beim Brandschutz und der Beleuchtung geschlossen w&uuml;rden.&ldquo;<\/p><p>Das einzige konkrete Beispiel, das die INSM hier anf&uuml;hrt, ist ebenso polemisch wie hypothetisch. Bei allen andern Aussagen fehlen klare Beispiele oder Kriterien. Zweifellos gibt es l&auml;stige und manchmal &uuml;berfl&uuml;ssige B&uuml;rokratie sowie Erscheinungsformen einer &Uuml;berregulierung, die auch sinnvolle wirtschaftliche Aktivit&auml;ten einengen. Doch es gibt es ebenso einleuchtende und volkswirtschaftlich gut begr&uuml;ndbare b&uuml;rokratische Anforderungen sowie fatale Erfahrungen mit Unterregulierungen (vom Pharma- bis zum Finanzsektor). <\/p><p>Die Nachhaltigkeit von Innovationen setzt mitunter voraus, dass sie nicht beliebige Entfaltungsm&ouml;glichkeiten haben, sondern bestimmte H&uuml;rden &uuml;bersprungen und Rahmenbedingungen eingehalten werden. Der zuvor von der INSM angef&uuml;hrte Patentschutz, das Erfindermonopol, beinhaltet z.B., dass die Freiheit von Nachahmern jedenfalls befristet eingeschr&auml;nkt wird. Die INSM l&auml;sst die sachlich n&ouml;tige Differenzierung vermissen. <\/p><p>Es ist ja keineswegs falsch, dass Innovationen Freiheitsspielr&auml;ume brauchen. Doch den gro&szlig;en Begriff der &bdquo;Freiheit&ldquo; auf die m&ouml;glichst freie Entfaltung wirtschaftlicher Neuerungsaktivit&auml;ten zu verengen, ist schon allein unter &ouml;konomischen Gesichtspunkten unhaltbar. Au&szlig;erdem brauchen Innovationen nicht nur Freiheit von staatlichen Beschr&auml;nkungen, sondern u. a. auch offene, nicht-vermachtete und nachfrageseitig aufnahmef&auml;hige M&auml;rkte, g&uuml;nstige Bedingungen f&uuml;r die Finanzierung und vielfach staatliche Grundlagenforschung und FuE-F&ouml;rderung. <\/p><p>Hemmnisse f&uuml;r Innovationen durch Formen der B&uuml;rokratie und Dirigismus gibt es &uuml;brigens nicht nur durch den Staat, sondern auch auf privater Ebene, gerade in manchem Gro&szlig;unternehmen. Auch die deutsche Metall- und Elektroindustrie d&uuml;rfte da kaum eine Ausnahme sein.<\/p><p><em>&bdquo;Freiheit w&auml;chst mit Europa und der Welt&ldquo;<\/em><\/p><p>Hier hei&szlig;t es zun&auml;chst, die Globalisierung und der Freihandel machten Deutschland st&auml;rker und ohne Zugang zu internationalen M&auml;rkten w&auml;re unser reales Pro-Kopf-Einkommen um 50% geringer. Wie das abgesch&auml;tzt worden ist, wird nicht erkl&auml;rt. &Ouml;konomen wissen seit Ricardo um die m&ouml;glichen Vorteile des internationalen Freihandels und auch um dessen Beschr&auml;nkungen. Diese gelten f&uuml;r alle L&auml;nder. F&uuml;r den internationalen Handel gibt es diverse  bi- und multilaterale institutionelle Regelungen, wie etwa die WTO, auf europ&auml;ischer Ebene die Binnenmarktregelungen. Ein spezifisches &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; erschlie&szlig;t sich daraus gerade nicht. Richtig ist, dass die deutsche Volkswirtschaft inzwischen eine Exportquote von &uuml;ber 50% aufweist, und Autarkie eine total unrealistische, hypothetische Annahme w&auml;re. Unter welchen Bedingungen der internationale Handel<\/p><p>Die INSM setzt allerdings im n&auml;chsten Gedankenschritt den Freihandel mit Freiheit gleich, die mit der Globalisierung immer weiter wachse (jetzt nicht als Freiheit zur Innovation, sondern als Freiheit zum Exportieren und Importieren und grenz&uuml;berschreitenden Investieren), und sie schiebt an dieser Stelle sofort ein Pl&auml;doyer f&uuml;r das zwischen der EU und den USA geplante Freihandelsabkommen TTIP hinterher, wodurch &bdquo;die Exporte in die USA langfristig um ein Drittel steigen&ldquo; k&ouml;nnten (diesmal ohne eine Quelle f&uuml;r diese Sch&auml;tzung anzugeben). Erneut wird der Freiheitsbegriff unzul&auml;ssig verengt. Auf die Streitpunkte und Probleme bei TTIP wird &uuml;berhaupt nicht eingegangen. Die Absicht dahinter ist leicht zu erraten und verstimmt.<\/p><p>Die INSM schneidet in diesem Kontext noch einen weiteren grundlegenden und aktuellen Gesichtspunkt an. Sie spricht sich ausdr&uuml;cklich f&uuml;r mehr Zuwanderung aus, allerdings jetzt nicht aus Gr&uuml;nden der Freiheit, sondern wegen der wirtschaftlichen N&uuml;tzlichkeit: Zuwanderer sorgten f&uuml;r Wachstum, sicherten gemeinsam &bdquo;mit uns&ldquo; (den alteingesessenen Einwohnern) den Wohlstand in Deutschland und st&auml;rkten unser &bdquo;Wirtschaftssystem&ldquo; (hier h&auml;tte die INSM allerdings zutreffend sagen m&uuml;ssen: &bdquo;unsere &bdquo;Wirtschaftskraft&ldquo;, zumal sie das System ja eben unver&auml;ndert lassen will). Und warum ist da so optimistisch? &bdquo;Produzieren f&uuml;r die Weltm&auml;rkte braucht &hellip; Menschen mit internationalen Wurzeln.&ldquo; Hier habe Deutschland &bdquo;Potenzial&ldquo;, denn es sei &bdquo;unter Zuwanderern so beliebt wie nur noch die USA&ldquo; und der Anteil derjenigen Ausgebildeten mit Hochschulabschluss sei bei den Zuwanderern (mit 29%) gr&ouml;&szlig;er als bei den Deutschen (&bdquo;nur&ldquo; 19%). Woran das liegen mag, wird von der INSM nicht er&ouml;rtert.<\/p><p><em>&bdquo;Die Soziale Marktwirtschaft macht unser Land gerecht&ldquo;<\/em><\/p><p>Laut INSM hat in Deutschland &bdquo;jeder &hellip; die gleichen Chancen&ldquo;, n&auml;mlich &bdquo;die M&ouml;glichkeit, zum Wohlstand beizutragen und an ihm teilzuhaben&ldquo;. &Uuml;ber die Unterschiede im Umfang dieser Beitrags- und Teilhabem&ouml;glichkeiten sowie in deren Relationen sagt die INSM indes nichts, sprich: Verteilungsfragen werden beim Thema Gerechtigkeit von ihr gar nicht thematisiert.<\/p><p>Dagegen behauptet die INSM ausdr&uuml;cklich, die Soziale Marktwirtschaft erm&ouml;gliche &bdquo;jedem &hellip; zugleich ein Leben in W&uuml;rde&ldquo; und f&uuml;hrt dazu an: &bdquo;W&auml;hrend das Einkommen im EU-Schnitt bei fast jedem dritten Haushalt nicht ausreicht, kommen in Deutschland 91% gut zurecht.&ldquo; (Als Quelle f&uuml;r diese Aussage wird eine Eurostat-Umfrage f&uuml;r das Jahr 2013 angegeben, die auf eigenen Einsch&auml;tzungen privater Haushalte bez&uuml;glich der Frage, ob sie  &bdquo;schlecht mit ihrem Einkommen auskommen&ldquo; beruht; als Beleg ist das methodisch zumindest angreifbar.) Was ein &bdquo;Leben in W&uuml;rde&ldquo; bedeutet, ist sicherlich Interpretationssache. Folgt man hier der INSM, k&ouml;nnen es aber 30% (!) der Haushalte in der EU nicht f&uuml;hren.  Ein gro&szlig;er Teil Europas w&auml;re demnach keine Erfolgsgeschichte!<\/p><p>Im Weiteren wird von der INSM noch einmal herausgestellt, dass die Soziale Marktwirtschaft es &bdquo;jedem erm&ouml;glicht, seine Potenziale zu entfalten&ldquo;. Die daf&uuml;r im Einzelnen n&ouml;tigen formalen und materialen Freiheitsrechte und deren Realsierung werden aber nicht er&ouml;rtert. Stattdessen wird an dieser Stelle betont, dass Deutschland &bdquo;fast 30% seines BIP f&uuml;r Soziales aus(gibt) &ndash; so viel, wie kaum ein anderes Land f&uuml;r Rentner, Arbeitslose, Kranke und andere Empf&auml;nger zahlt.&ldquo; Diese Argumentationslinie  verwundert, denn der Sozialstaat hat zwar viel mit sozialer Sicherheit, aber eher wenig mit Potenzialentfaltung zu tun. Er sch&uuml;tzt mehr vor Potenzialzerst&ouml;rung. Und die als so hoch gepriesene Quote der Sozialleistungen in Deutschland liegt mit fast 30% tats&auml;chlich nur genau im Durchschnitt der EU-28 und unter derjenigen der skandinavischen L&auml;nder, Frankreichs, der BENELUX-Staaten, &Ouml;sterreichs und bis vor kurzem auch noch Griechenlands (als Sonderfall mit einem viel tieferen absoluten Niveau und wie bekannt einer ganz besonderen Problematik).<\/p><p>Auf Basis dieser d&uuml;rren Angaben zieht die INSM gleichwohl den weit reichenden Schluss, die Soziale Marktwirtschaft habe Deutschland &bdquo;zu einem der gerechtesten L&auml;nder der Welt gemacht.&ldquo; Das ist die eigene Beurteilung der INSM, die man nicht teilen muss, aber auch nicht widerlegen kann, denn Gerechtigkeit ist eine Werturteilsfrage und Vergleiche h&auml;ngen vom Ma&szlig;stab ab. Doch so weit es daf&uuml;r objektivierbare Kriterien gibt wie etwa den Gini-Koeffizienten der Einkommenskonzentration, gibt es allein in der EU eine Reihe von L&auml;ndern mit erheblich gr&ouml;&szlig;erer Gerechtigkeit. Und wie passt zum &bdquo;Deutschland-Prinzip&ldquo; die Zunahme der Ungleichheit der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung in l&auml;ngerfristigen Vergleichen, wie sie beispielsweise das Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung festgestellt hat?<\/p><p>Damit befasst sich die INSM jedoch nicht. Sie blickt demgegen&uuml;ber nach vorn und ist der Auffassung, dass es &bdquo;noch gerechter geht&ldquo;. Wer nun glaubt, sie spricht wenigstens in diesem Zusammenhang auch einmal Verteilungsgesichtspunkte an, irrt. &bdquo;Noch gerechter&ldquo; ginge es, so dass Credo der INSM , &bdquo;wenn wir st&auml;rker in Bildung investieren, Energiekosten wie B&uuml;rokratieaufwand senken und die ausufernden Subventionszahlungen abbauen.&ldquo; Speziell &bdquo;die Kosten der Energiewende wachsen immer weiter &ndash; seit 2000 flossen bereist 101,2 Milliarden Euro an Subventionen.&ldquo; (Gemeint sind hier wohl die Differenzkosten zum Strompreis im Aufkommen der EEG-Umlage.) Verteilungsdiskussionen werden einfach zur&uuml;ckgewiesen. Statt sich auf wohlstandsf&ouml;rdernde Rahmenbedingungen zu konzentrieren, so die INSM, sei die aktuelle Politik &bdquo;oft bestimmt durch Regulierung, B&uuml;rokratie, Anspruchsdenken und Umverteilungspl&auml;nen &hellip; Statt um Verteilung muss es in der Politik wieder um die Frage gehen, wie der Wohlstand erwirtschaftet wird.&ldquo;<\/p><p>Dass das Erwirtschaften und Verteilen des Wohlstands in einer Marktwirtschaft, zumal in der Sozialen Marktwirtschaft, zusammengeh&ouml;ren, dass mehr Verteilungsgleichheit bei Chancen wie Ergebnissen (die zugleich die n&auml;chsten Chancen formen) unter Umst&auml;nden mehr Effizienz bedeuten kann und  dass &bdquo;Anspruchsdenken&ldquo; und &bdquo;Umverteilungspl&auml;ne&ldquo; ihre Ursache auch darin haben k&ouml;nnen, dass es eine Umverteilung zu Lasten gr&ouml;&szlig;erer Bev&ouml;lkerungsgruppen von unten und auch der Mitte nach oben zur Bevorteilung  der reichsten Schichten gegeben hat, wird von der INSM nicht angesprochen, geschweige denn erwogen. Es bleibt ihr Geheimnis, wie sie mit der von ihr praktizierten Tabuisierung der Verteilungsfrage eine glaubw&uuml;rdige Aussage &uuml;ber &bdquo;mehr Gerechtigkeit&ldquo; erreichen will. F&uuml;r die Forderung der INSM nach mehr Investitionen in die Bildung gibt es stichhaltige volkswirtschaftliche Gr&uuml;nde, auch verteilungspolitische. Diese m&uuml;ssten jedoch benannt, er&ouml;rtert und ausgeleuchtet werden &ndash; denn mehr Bildung f&uuml;hrt nicht automatisch zu mehr Gerechtigkeit -, und sie m&uuml;ssten mit nachvollziehbaren Finanzierungsvorschl&auml;gen unterlegt werden, damit man sie ernst nehmen kann. <\/p><p>Was die INSM schlie&szlig;lich zur Energiewende bemerkt, ist ein durchaus ernsthaftes Argument. Denn der Subventionsanteil f&uuml;r die Erzeugung von Strom aus erneuerbarer Energien ist in den letzten Jahren sehr stark gestiegen. Diese Subventionen flie&szlig;en aber nicht aus dem Staatshaushalt, sondern m&uuml;ssen von allen Stromverbrauchern ohne R&uuml;cksicht auf ihre jeweilige soziale Lage &uuml;ber die EEG-Umlage auf den Strompreis getragen werden, w&auml;hrend wohlhabende Haushalte von den Verg&uuml;tungen f&uuml;r Solaranlagen auf ihren Hausd&auml;chern oder von den Ertr&auml;gen aus Investmentbeteiligung beispielsweise an Windkraftprojekten mit staatlich gesicherter Rendite profitieren. Die Bundesregierung hat mit der letzten EEG-Novelle diese Entwicklung begrenzt, aber keineswegs zur&uuml;ckgedreht. Eindeutig gerechter im Sinne einer ausgeglicheneren Lastenverteilung als die Umlage- w&auml;re eine Steuerfinanzierung, aber davon spricht auch die INSM nicht. &Uuml;berdies m&uuml;ssen aus volkswirtschaftlicher Sicht bez&uuml;glich der Gesamtkostenbelastung der Energiewende verschiedene weitere Strompreisfaktoren ber&uuml;cksichtigt werden. Daher schl&auml;gt die Expertenkommission zum Monitoring der Energiewende  als ma&szlig;geblichen Indikator die sog. &bdquo;Letztverbraucherausgaben f&uuml;r Elektrizit&auml;t&ldquo; im Verh&auml;ltnis zum BIP vor. Gem&auml;&szlig; ihrer letzten Stellungnahme zum Fortschrittsbericht Energiewende der Bundesregierung vom Dezember 2014 hat diese Belastung zuletzt (2013 gegen&uuml;ber 2012) etwas zugenommen (Anstieg von 2,5 % auf 2,6 %), erscheint aber weiter verkraftbar. Allerdings empfehlen die Experten eine nach Branchen und Endverbrauchergruppen differenzierte Betrachtung der Energiekostenbelastung anstatt so pauschaler Aussagen, wie sie auch die INSM hier macht.  <\/p><p>Was die INSM gerade in diesem Kontext erstaunlicherweise nicht thematisiert: Die deutsche Energiewende mit ihren planwirtschaftlichen Zielsetzungen und den vielen lenkenden Ma&szlig;nahmen f&uuml;r den Energiebereich steht an sich in einem prinzipiellen Konflikt zu den Grunds&auml;tzen einer Marktwirtschaft. Solange der Verbindlichkeitscharakter der politischen Zielvorgaben der Energiewende aber nicht in Frage gestellt wird, was fast niemand tut, auch die INSM hier nicht, und die Energiewende mit dem ihr zugrunde gelegten Energiekonzept als gesamtstaatliches Investitionsprojekt verstanden und gesellschaftlich akzeptiert wird, ergeben sich zwingend zus&auml;tzliche &bdquo;Energiekosten&ldquo; im Sinne von Finanzierungslasten, die von der Volkswirtschaft zu tragen sind, und zwar solange bis die Ziele erreicht sind und die davon erwarteten &ouml;konomischen und &ouml;kologischen Fr&uuml;chte geerntet werden k&ouml;nnen. Wann das sein wird und welche Nebenwirkungen das hat, ist eine offene Frage. Da die deutsche Energiewende international bislang einzigartig ist und mit ihr gewollt eine Vorreiterrolle eingenommen wird, stellt sie gewisserma&szlig;en ein Deutschland-Prinzip eigener Art dar. &Uuml;ber dieses w&auml;re eine intensive Auseinandersetzung sinnvoller, so die Meinung des Autors dieser Zeilen, als &uuml;ber die Schmalspur-&Ouml;konomie des Deutschland-Prinzips der INSM.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die sich selbst als &bdquo;&uuml;berparteiliches B&uuml;ndnis aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft&ldquo; zur Werbung f&uuml;r die Grunds&auml;tze der Sozialen Marktwirtschaft bezeichnet und von den Arbeitgeberverb&auml;nden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird, hat ein neues Buch mit dem Titel &bdquo;<em>Das Deutschland-Prinzip. Was uns stark macht<\/em>&ldquo; vorgestellt. 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