{"id":26754,"date":"2015-07-13T09:22:18","date_gmt":"2015-07-13T07:22:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26754"},"modified":"2015-07-13T14:54:21","modified_gmt":"2015-07-13T12:54:21","slug":"zerstoertes-vertrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26754","title":{"rendered":"\u201eZerst\u00f6rtes Vertrauen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Zerst&ouml;rtes Vertrauen&ldquo;, das ist seit letzten Samstag das vom deutschen Finanzminister Sch&auml;uble ausgegebene Losungswort, das alle Hardliner in der Euro-Gruppe, aber auch alle deutschen Fernsehjournalisten nachplappern, von Sigmund Gottlieb und nat&uuml;rlich Rolf-Dieter Krause in der ARD bis Claus Kleber und  Elmar Theve&szlig;en im ZDF. Es ist als habe man es in der Politik und in den Leitmedien fast nur noch mit Papageien zu tun.<\/p><p>Da wagt Alexis Tsipras den &bdquo;Ritt auf der Rasierklinge&ldquo; und legt den &bdquo;Partnern&ldquo; in Br&uuml;ssel fristgem&auml;&szlig; am letzten Donnerstagabend <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26749#h01\">solche Vorschl&auml;ge vor<\/a>, die diese selbst am 26. Juni als letztes Angebot an Athen sogar &ouml;ffentlich <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Juncker-veroeffentlicht-Angebot-an-Athen-article15394761.html\">bekannt gegeben haben<\/a>. Trotz des mit 62 Prozent &uuml;berw&auml;ltigenden Neins der Griechen erk&auml;mpft sich der griechische Ministerpr&auml;sident &ndash; dem Zwang der Realit&auml;ten unterliegend &ndash; eine breite Zustimmung f&uuml;r dieses Entgegenkommen (manche sprachen sogar von einer Kapitulation) gegen&uuml;ber der Euro-Gruppe  im Parlament &ndash; sogar gegen den energischen Widerstand innerhalb der Syriza, seiner eigenen Partei.<\/p><p>Das half ihm nichts, Sch&auml;uble und Merkel drehen das W&uuml;rgeisen am Hals der Griechen nur fester zu. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2090\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-26754-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150713_Zerstoertes_Vertrauen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150713_Zerstoertes_Vertrauen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150713_Zerstoertes_Vertrauen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150713_Zerstoertes_Vertrauen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=26754-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150713_Zerstoertes_Vertrauen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150713_Zerstoertes_Vertrauen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Auf die neuen griechischen Vorschl&auml;ge gab es am letzten Samstag wohlwollende Empfehlungen der &bdquo;Institutionen&ldquo;,  also der EZB, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/schuldenkrise-institutionen-griechische-vorschlaege-grundlage-fuer-verhandlungen-13697403.html\">dem IWF und der EU-Kommission<\/a> an die Euro-Finanzminister. Niemand stellte bis dahin die &bdquo;Vertrauensfrage&ldquo;. Bis dann Sch&auml;uble vor dem ECOFIN-Treffen in einem dreim&uuml;nitigen Pressestatement, das  &ndash; ja man muss es so hart sagen &ndash; geradezu krankhafte Verbitterung dieses Politikers gegen&uuml;ber der neuen griechischen Regierung ausdr&uuml;ckte, die Losung ausgab, dass die Vorschl&auml;ge &bdquo;bei weitem nicht ausreichend&ldquo; seien und dass das &bdquo;Vertrauen&ldquo; in die griechische Regierung &bdquo;durch die letzten Monate in einer unfasslichen Weise zerst&ouml;rt worden ist, bis in die letzten Tage und Stunden hinein&ldquo;. (Dieses Statement wurde im heute-journal vom Samstagabend (11.  Juli) als historisches Dokument in G&auml;nze ausgestrahlt.)<\/p><p>Um seinen Drohungen zu unterstreichen streute der &bdquo;R&auml;cher&ldquo; der angeblich &bdquo;enterbten Deutschen&ldquo; noch einen Plan, mit dem er einen Grexit-Plan androhte. Danach h&auml;tten die Griechen 50 Milliarden Staatsverm&ouml;gen in einen von Luxemburg zu verwaltenden Treuhandfonds einzubringen oder aber sollten sie &bdquo;vor&uuml;bergehend&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.sven-giegold.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/grexit_bundesregierung_non_paper_10_juli_2015.pdf\">aus dem Euro ausscheiden [PDF &ndash; 32,1 KB]<\/a>. Die &bdquo;Auszeit&ldquo; sollte die Leimrute sein, um die andern Euro-L&auml;nder f&uuml;r einen raschen Grexit zu gewinnen, den Sch&auml;uble sp&auml;testens seit der Wahl Tsipras systematisch anstrebt.<\/p><p>Wie Kavalleriepferde nach dem Hornsignal jagte nun z.B. der unter dem Druck der rechtspopulistischen &bdquo;wahren Finnen&ldquo; stehende <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/faellt-die-eu-auseinander-finnland-sagt-nein-zu-griechen-hilfen-und-koennte-klammheimlich-aus-dem-euro-aussteigen_id_4811267.html\">finnische Finanzminister Alexander Stubb Sch&auml;uble hinterher<\/a>. Auch die von der EU hochgep&auml;ppelten baltischen Staaten und die Slowakei setzten nach. Selbstverst&auml;ndlich durfte Sch&auml;ubles Pudel, der Vorsitzende der Euro-Gruppe Dijsselbloem nicht fehlen, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/videos\/article143857345\/Ziemlich-kompliziert-Koennen-wir-ihnen-vertrauen.html\">den Griechen das &bdquo;Vertrauen&ldquo; abzusprechen<\/a>.<\/p><p>Urpl&ouml;tzlich war das Angebot der Euro-Grupp vom 26. Juni nicht mehr existent und die m&uuml;hselig dem Parlament abgerungenen griechischen Vorschl&auml;ge dementsprechend nichts mehr wert. Mit der Begr&uuml;ndung des &bdquo;zerst&ouml;rten Vertrauens&ldquo; wurden die W&uuml;rgeisen beim griechischen Ministerpr&auml;sidenten und seinem neuen Finanzminister pl&ouml;tzlich um viele Umdrehungen fester gezogen werden. <\/p><p>Die Finanzminister befahlen als Vertrauensbeweis, dass die umstrittenen &bdquo;Reformen&ldquo; der Mehrwertsteuer und des Rentensystems und andere Auflagen binnen zweier Tage, bis zum 15. Juli durchs Parlament gepaukt werden m&uuml;ssten. Bevor &uuml;berhaupt weiterverhandelt werden k&ouml;nne, m&uuml;ssten wirtschafts- und finanzpolitische Anpassungsma&szlig;nahmen versch&auml;rft und z.B. die durch Gerichtsurteil kassierte Rentenreform von 2012 finanziell ausgeglichen werden. Das Stromnetz soll sofort privatisiert werden. Bis hinein in die Sonntags&ouml;ffnung von Gesch&auml;ften <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/griechenland-euro-gruppe-legt-extrem-harte-forderungen-vor-a-1043306.html\">gehen die Befehle<\/a>. Einmal mehr spielten sich die Finanzminister wie eine Besatzungsmacht auf, f&uuml;r die es offenbar nur noch die <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/die-bedingungslose-kapitulation-sonst-nichts\/\">bedingungslose Kapitulation der Griechen gibt<\/a>. <\/p><p>Da war urpl&ouml;tzlich ein Papier in die &Ouml;ffentlichkeit gespielt, in dem von einem Finanzbedarf Griechenlands von bis zu 80 Milliarden die Rede war (<a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/griechenland-eurogruppe-105.html\">Eintrag Rolf-Dieter Krause vom 11.07.2015 15:41 Uhr<\/a>). Kein Mensch konnte diese Aufstellung &uuml;berpr&uuml;fen, aber die Liste macht deutlich, dass es im Wesentlichen &ndash; wie in den zur&uuml;ckliegenden f&uuml;nf Jahren der &bdquo;Hilfen&ldquo; &ndash; erneut nur um die weitere R&uuml;ckzahlung von fr&uuml;heren Krediten und Zinsen oder um die Retten von Banken geht. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150713_vertrauen.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Auch diese horrende Summe wurde unhinterfragt in unseren Medien &uuml;bernommen und im gestrigen ARD-Presseclub durfte der Bild-Mann Dirk Hoeren gleich vorrechnen wie viel Euro das die Deutschen kosten w&uuml;rde. <\/p><p>Man will also in der EU, angetrieben von der deutschen Seite, den irrsinnigen Kreislauf von Hilfsprogrammen zur Abl&ouml;sung von Krediten und Zinsforderungen offenbar fortsetzen mit dem Ergebnis, das nach jeder neuen Milliardenhilfe den Griechen nur weitere &bdquo;Sparma&szlig;nahmen&ldquo; abverlangt werden, bis sie dann endlich noch &auml;rmer sind als die &ndash; im EU-Jargon &ndash; angeblich so erfolgreichen Balten oder Slowaken. Pauperismus als Leitziel der Europ&auml;ischen Union? <\/p><p>Merkel und Sch&auml;uble lehnen einen Schuldenschnitt strikt  ab, weil sie offensichtlich Angst haben, dass auch andere L&auml;nder aus der Zwangsbewirtschaftung durch die Euro-Gruppe ausscheren k&ouml;nnten. Deshalb kommt f&uuml;r sie eine Umschuldung nur unter der Strafe des Ausscheidens aus dem Euro in Frage. (Wie in dem Grexit-Plan von Sch&auml;uble als Lockmittel vorgeschlagen.)<\/p><p>Man muss sich einmal klar machen, was dieser neue Kampfbegriff &bdquo;zerst&ouml;rtes Vertrauen&ldquo; bedeutet. &bdquo;Vertrauen&ldquo; ist ein Wort das sich auf eine pers&ouml;nliche Beziehung, auf eine Einsch&auml;tzung der Redlichkeit von Personen richtet. Sch&auml;uble und alle die in seinem Fahrwasser schwimmen, entziehen also der Person Tsipras und seinen Regierungsmitgliedern ihr Vertrauen.<\/p><p>Das hei&szlig;t nichts anderes, als dass es nicht mehr um eine L&ouml;sung eines politischen oder finanziellen Problems geht, sondern nur noch darum dass man mit den handelnden Personen auf griechischer Seite nichts mehr zu tun haben will. Wenn Griechenland den Euro behalten will, dann hei&szlig;t das f&uuml;r Sch&auml;uble nichts anderes, als dass die derzeitige Regierung weg muss.<br>\nMerkel und Sch&auml;uble wollen ein Exempel statuieren, dass eine Alternative zu ihrer Politik ohne Gnade verhindert wird.<\/p><p>Das ist das Signal, das an Fran&ccedil;ois Hollande oder an Matteo Renzi oder auch an die Podemos in Spanien ausgesandt werden soll.<br>\nWenn sich Frankreich und Italien nicht wehren, dann werden sie demn&auml;chst wie die Griechen unter der Kuratel der von den Deutschen angef&uuml;hrten Nordeurop&auml;er stehen. <\/p><p>p.s.:  Die Rolle des Vizekanzlers und der SPD als Koalitionspartner an diesem f&uuml;r die Zukunft Europas so entscheidenden Wochenende ist <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/streit-um-schaeubles-grexit-papier-wachsende-wut-in-der-spd-1.2561940\">nur noch peinlich<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Zerst&ouml;rtes Vertrauen&ldquo;, das ist seit letzten Samstag das vom deutschen Finanzminister Sch&auml;uble ausgegebene Losungswort, das alle Hardliner in der Euro-Gruppe, aber auch alle deutschen Fernsehjournalisten nachplappern, von Sigmund Gottlieb und nat&uuml;rlich Rolf-Dieter Krause in der ARD bis Claus Kleber und Elmar Theve&szlig;en im ZDF. 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