{"id":2676,"date":"2007-10-08T09:16:10","date_gmt":"2007-10-08T07:16:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2676"},"modified":"2015-12-17T15:31:53","modified_gmt":"2015-12-17T14:31:53","slug":"in-deutschland-geht-es-sozial-gerecht-zu-volksverdummung-in-der-bams","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2676","title":{"rendered":"\u201eIn Deutschland geht es sozial gerecht zu! \u2013 Volksverdummung in der BamS"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/online\/2007\/33\/zeit3207.pdf\">72% der Deutschen [PDF &ndash; 128 KB]<\/a> meinen, die Bundesregierung tue zu wenig f&uuml;r soziale Gerechtigkeit. Claus Strunz von Bild am Sonntag meint hingegen: &bdquo;In Deutschland geht es sozial gerecht zu!&ldquo;. Wie weit muss der Chefredakteur dieses Massenblattes von der Lebenswirklichkeit seiner Leserinnen und Leser entfernt sein? Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r Claus Strunz geht es also &bdquo;in Deutschland sozial gerecht zu&ldquo;, wenn Manager ihre Millionengeh&auml;lter zweistellig erh&ouml;hen, w&auml;hrend die L&ouml;hne seit Jahren stagnieren. Er h&auml;lt es f&uuml;r sozial gerecht, dass Manager, die ihren Unternehmen schweren Schaden zugef&uuml;gt haben, Millionenabfindungen erhalten und dass die durch deren schlechtes Management entlassenen Arbeitnehmer nach einem Jahr bei der Sozialhilfe landen. Es geht f&uuml;r Strunz sozial gerecht zu, wenn die Unternehmenssteuern laufend (zuletzt mindestens 6 Milliarden) gesenkt werden und gleichzeitig die Massensteuer (Mehrwertsteuer) drastisch (um 23 Milliarden) erh&ouml;ht wird. Sozial gerecht ist es f&uuml;r Strunz offenbar auch, wenn etwa Gewinne aus Unternehmensver&auml;u&szlig;erungen steuerfrei gestellt werden oder den Unternehmen immer neue Abschreibungsm&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnet werden und Arbeitnehmern die Pendlerpauschale gek&uuml;rzt oder Nachtzuschl&auml;ge versteuert werden.<br>\nSozial gerecht ist es f&uuml;r die BamS auch, dass Unternehmenssubventionen beibehalten oder sogar (wie etwa bei den Forschungsgeldern) erh&ouml;ht werden, dass aber den B&uuml;rgern der Sparerfreibetrag gek&uuml;rzt und die Eigenheimf&ouml;rderung abgeschafft wurde.<\/p><p>Den meisten Leserinnen und Lesern der BamS ist doch nicht entgangen, dass die Agendapolitik einseitig zu Lasten der Schw&auml;cheren in dieser Gesellschaft ging &ndash; dass zwar die Gewinne explodierten, aber bei den  Arbeitnehmern vom &bdquo;Aufschwung&ldquo; nichts ankam.<\/p><p>Strunz h&auml;lt den Deutschen &bdquo;Staatsgl&auml;ubigkeit&ldquo; vor. Es ist viel dramatischer, Herr Strunz: Die meisten Deutschen haben das Vertrauen in einen Staat verloren, der einseitig alles getan hat, um der Kapitalseite die Bedingungen zu erleichtern, damit die Gewinne explodieren konnten, und gleichzeitig bei der Rente, bei der Gesundheit, bei den Steuern, bei den Arbeitslosen den &acute;kleinen Leuten` nur in die <a href=\"?p=1971\">Tasche gegriffen<\/a> hat.<\/p><p>&bdquo;Weniger Staat bringt mehr Gerechtigkeit&ldquo; fordert Strunz im Sinne des Credos der Marktradikalen und polemisiert gegen den Mindestlohn und pl&auml;diert daf&uuml;r, den K&uuml;ndigungsschutz zu  lockern. Wenn es also darum geht, dass der Staat &uuml;ber Jahrzehnte politisch errungene Regeln f&uuml;r mehr Gerechtigkeit abbauen soll, dann darf der Staat also ruhig massiv eingreifen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Beim Sozialabbau h&auml;tte sich die &uuml;berwiegende Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in der Tat weniger &acute;Staatseingriffe` zugunsten der Besserverdienenden und zu Lasten der Arbeitnehmer gew&uuml;nscht.<\/p><p>Strunzens Vorbild f&uuml;r den gerechten Staat ist Irland. Irland habe es &bdquo;vorgemacht&ldquo;, schreibt BamS.<br>\nFragen eine nachdenkenden BamS-Lesers:<br>\nWenn Irland zu einem der &bdquo;wohlhabendsten&ldquo; (Strunz) L&auml;nder geworden w&auml;re, warum ist es dann eigentlich immer noch Empf&auml;nger von EU-Geldern, w&auml;hrend Deutschland Nettozahler ist?<br>\nWarum weist dann Irland die h&ouml;chste Armutsquote unter den EU-15 auf (<a href=\"http:\/\/www.gesis.org\/publikationen\/Zeitschriften\/ISI\/pdf-files\/isi-33.pdf\">Anteil der Bev&ouml;lkerung, der &uuml;ber weniger als 60% des Medians der Haushalts&auml;quivalenzeinkommen verf&uuml;gt, vgl. ISI 33 S.4 [PDF &ndash; 200 KB]<\/a>.<br>\nGlaubt Strunz wirklich, dass Deutschland mit irischen Dumping-Unternehmenssteuer von 12,5 Prozent (was (jedenfalls f&uuml;r die Vergangenheit) <a href=\"?p=461\">schlicht falsch ist<\/a> so viele ausl&auml;ndische Unternehmen anlocken k&ouml;nnte, dass diese wie im relativ kleinen Irland die Steuerausf&auml;lle der heimischen Betriebe locker kompensieren k&ouml;nnten?<br>\nWas n&uuml;tzen die sch&ouml;nsten Wachstumsraten des BIP eigentlich der irischen Bev&ouml;lkerung, wenn sie aus steuerlichen Gr&uuml;nden nur als Bilanzen der Unternehmen mit Steuersitz in Irland ankommen?  Oder hat nicht Irland nach wie vor etwa bei Bildung und Gesundheit Infrastrukturen eines <a href=\"?p=2671\">Armenhauses?<\/a><\/p><p>&bdquo;Gerecht ist, was hilft&ldquo; schreibt der Chefredakteur von Bild am Sonntag. Die Frage ist allerdings, wem wird geholfen. Wem in den letzten Jahren &bdquo;geholfen&ldquo; wurde, l&auml;sst sich an Hand n&uuml;chterner <a href=\"http:\/\/www.sef-bonn.org\/download\/publikationen\/policy_paper\/pp_26_de.pdf\">Zahlen ablesen [PDF &ndash; 196 KB]<\/a>:<\/p><ul>\n<li>Die Armutsrisikoquote ist nach dem Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung w&auml;hrend der Jahre 1998&ndash;2003 von 12,1% auf 13,5% gestiegen.<\/li>\n<li>W&auml;hrend das gesamte Bruttoverm&ouml;gen privater Haushalte (ohne Betriebsverm&ouml;gen) preisbereinigt in den letzten 30 Jahren des vergangenen Jahrhunderts sich mehr als vervierfacht hat, verf&uuml;gte das oberste Zehntel aller Haushalte 2003 &uuml;ber 47 % des gesamten Nettogeld- und Nettoimmobilienverm&ouml;gens, die untere H&auml;lfte der Haushalte dagegen &uuml;ber nur 4%. W&auml;hrend das oberste Zehntel 1993&ndash;2003 seinen Anteil am Gesamtverm&ouml;gen um 15% steigern konnte, ist der Anteil der Nettoschulden des untersten Zehntels um 60 % gestiegen.<\/li>\n<li>Vor dem wirtschaftlichen Einbruch Mitte der 1970er Jahre betrug die Gewinn- und Kapitaleinkommensteuerquote gut 33 %. Danach ist sie st&auml;ndig gefallen; 2006 lag sie bei 15,1 %. Umgekehrt erh&ouml;hte sich die Lohnsteuerquote von 13,8% 1975 auf 15,1% 2006. Die Steuereinnahmen werden gegenw&auml;rtig zunehmend von den &bdquo;Massensteuern&ldquo;, n&auml;mlich der Lohnsteuer und den indirekten Steuern, darunter vor allem der Mehrwert- und der Mineral&ouml;lsteuer bestritten. 2006 trugen diese Steuern 55,5% zum gesamten Steueraufkommen bei. Mit der letzten Unternehmensteuerreform der gro&szlig;en Koalition wurden die Steuers&auml;tze der Kapitalgesellschaften noch einmal um fast ein Viertel abgesenkt werden, w&auml;hrend die privaten Haushalte 2007 um weitere 23 Mrd. Euro mehr belastet werden.<\/li>\n<\/ul><p>&bdquo;In Deutschland geht es sozial gerecht zu&ldquo;, das will uns Bild am Sonntag aller Tatsachen zum Trotz dennoch einreden &ndash; das nennt man gemeinhin Demagogie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/online\/2007\/33\/zeit3207.pdf\">72% der Deutschen [PDF &ndash; 128 KB]<\/a> meinen, die Bundesregierung tue zu wenig f&uuml;r soziale Gerechtigkeit. Claus Strunz von Bild am Sonntag meint hingegen: &bdquo;In Deutschland geht es sozial gerecht zu!&ldquo;. Wie weit muss der Chefredakteur dieses Massenblattes von der Lebenswirklichkeit seiner Leserinnen und Leser entfernt sein? 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