{"id":26763,"date":"2015-07-13T12:49:27","date_gmt":"2015-07-13T10:49:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26763"},"modified":"2019-07-05T10:21:08","modified_gmt":"2019-07-05T08:21:08","slug":"der-schmerzvolle-kompromiss-in-bruessel-aus-sicht-der-griechischen-regierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26763","title":{"rendered":"Der \u201eschmerzvolle Kompromiss\u201c in Br\u00fcssel aus Sicht der griechischen Regierung"},"content":{"rendered":"<p>Noch bevor die neue Vereinbarung in Br&uuml;ssel am Montagmorgen erzielt wurde, hat der griechische Wirtschaftsminister Giorgos Stathakis, der zugleich einer der drei wichtigsten wirtschaftspolitischen Ratgeber von Regierungschef Tsipras ist, folgende Einsch&auml;tzung gegeben. Der hier leicht gek&uuml;rzte Text, der vor allem auf die &bdquo;verst&auml;ndlichen Problematisierungen und Zweifel&ldquo; innerhalb und au&szlig;erhalb der Regierungspartei Syriza eingeht, erschien gestern &ndash; also noch vor der in Br&uuml;ssel geschlossenen Vereinbarung &ndash; in der Internet-Ausgabe der linken (genossenschaftlich organisierten)&nbsp; Tageszeitung Efimerida ton Syntakton. &Uuml;bersetzung von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Uuml;ber die &bdquo;neue Vereinbarung&ldquo;<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nVon vielen Seiten wird die Frage gestellt: Was sind die Vorteile dieser Vereinbarung und welche Perspektiven er&ouml;ffnet sie f&uuml;r die griechische Wirtschaft?<\/p><p>Erstens: Die Grundsubstanz der &Uuml;bereinkunft ist ein neuer langfristiger Kredit vom Europ&auml;ischen Stabilit&auml;tsmechanismus (ESM), der die kurzfristige Kreditierung der griechischen Volkswirtschaft durch den IWF und die EZB abl&ouml;sen wird. Die Ersetzung kurzfristiger Darlehen f&uuml;r den Zeitraum 2015 bis 2018 durch Kredite mit 30j&auml;hriger Laufzeit stellt eine Mini-Umstrukturierung der griechischen Staatsschuld dar.<\/p><p>Zweitens: Obwohl das jetzige Abkommen viele Ma&szlig;nahmen enth&auml;lt, die in Richtung Rezession wirken, l&auml;sst es sich in keiner Weise mit den Memoranden 1 und 2 (von 2010 und 2012) vergleichen. Die fr&uuml;heren Programme beinhalteten eine &bdquo;Anpassung&ldquo; der &ouml;ffentlichen Haushalte um 15 Prozent des BIP innerhalb von vier Jahren und K&uuml;rzungen von Renten und Geh&auml;ltern im Bereich zwischen 30 und 40 Prozent. Die Haushaltsk&uuml;rzungen, die das neue Abkommen enth&auml;lt, sind viel milder. Es sieht einen deutlich niedrigeren Prim&auml;r&uuml;berschuss vor, der schrittweise bis 2018 erreicht werden soll, und flexiblere Methoden, was das Erreichen dieses Zieles betrifft. Das bedeutet, dass die Anpassung der Haushaltsplanung pro Jahr im Bereich von 1 Prozent des BIP liegen wird.<\/p><p>Drittens: Der Text formuliert Vorbedingungen, die in bestimmten Punkten einen R&uuml;ckzug (von unseren alten Positionen) fordern, doch in anderen Punkten ist es uns gelungen, einen Kompromiss zwischen der griechischen Regierung und ihren Gl&auml;ubigern zu erzielen. Zum Beispiel musste die Regierung in der Frage der Privatisierungen und der Warenm&auml;rkte bedeutende Zugest&auml;ndnisse an die Institutionen machen. &hellip;<\/p><p>Viertens und letztens: Die Regierung geht davon aus, dass sie innerhalb der neuen Vereinbarung einen klaren Zeitplan durchsetzen kann, was die absolut notwendige Diskussion &uuml;ber eine Umstrukturierung der &ouml;ffentlichen Schulden Griechenlands betrifft, und zwar &uuml;ber die Kredite des ESM wie auch der Mitgliedsl&auml;nder f&uuml;r die gesamte Periode 2022 bis 2048.<\/p><p>Die oben dargestellten Punkte stellen die Gr&uuml;nde dar, aus denen die Zustimmung zu einer neuen Vereinbarung als notwendig zu erachten ist; aber ebenso viele Gr&uuml;nde gibt es, die eine Ablehnung (der Vereinbarung) au&szlig;erordentlich problematisch machen w&uuml;rden.<\/p><p>Erstens: Sowohl der W&auml;hlerauftrag (vom 25. Januar) als auch unser erkl&auml;rtes Ziel, das wir mit dem Referendum verfolgt haben, war nicht der Austritt aus der Eurozone. Heute stellt der Grexit nicht etwa eine vage Bedrohung dar, sondern eine reale M&ouml;glichkeit, deren Verwirklichung unmittelbar einsetzen wird, falls die Verhandlungen zusammenbrechen. Dieses Szenario h&auml;tte konkrete und sp&uuml;rbare Folgen f&uuml;r die griechische Gesellschaft, die sich im Fall der Ablehnung einer &bdquo;neuen Vereinbarung&ldquo; ergeben w&uuml;rden.<\/p><p>Ein Grexit unter den gegenw&auml;rtigen Bedingungen w&uuml;rde einen unkontrollierten Bankrott mit dramatischen Folgen bedeuten, als da w&auml;ren: die unmittelbare Liquidierung von 50 Prozent der Bankguthaben der griechischen B&uuml;rger, die brutale Minderung der Geh&auml;lter und der Renten, die Entwertung vieler materieller und immaterieller G&uuml;ter von Tausenden griechischen Unternehmen.<\/p><p>Eine solche Option ist f&uuml;r eine linke Regierung politisch ausgeschlossen. Eine linke Regierung mit dem Bankrott des Landes zu identifizieren, ist einfach undenkbar, zumal dies den &auml;rmeren Schichten eine weit gr&ouml;&szlig;ere Beeintr&auml;chtigung ihres Lebensstandards bringen w&uuml;rde als alle Ma&szlig;nahmen innerhalb der &bdquo;neuen Vereinbarung&ldquo;.<\/p><p>Des weiteren ist zu bedenken: Jenseits der unmittelbaren Folgen eines Austritts aus der Eurozone setzt die hypothetische Perspektive im Zuge eines Grexit der griechischen Wirtschaft voraus, dass man &uuml;ber Devisenreserven verf&uuml;gt, die das Land derzeit nicht hat &ndash; und angesichts unserer &nbsp;negativen Handelsbilanz auch nicht rasch bilden k&ouml;nnte.<\/p><p>Angesichts dessen w&uuml;rde das Land, da es von den M&auml;rkten abgeschnitten ist, neue Kredite ben&ouml;tigen, also wahrscheinlich neue entsprechende Antr&auml;ge an den IWF stellen m&uuml;sste. Das ergibt sich aus den fr&uuml;heren Erfahrung europ&auml;ischer L&auml;nder mit eigener W&auml;hrung, wie etwa Ungarns, Rum&auml;niens und Lettlands, die w&auml;hrend der Krise gezwungen waren, sich an den IWF zu wenden, um ihre &ouml;konomischen Schwierigkeiten zu bew&auml;ltigen.<\/p><p>Aber auch jenseits solcher Fragen, die sich in dieser Situation unmittelbar stellen, wirft die &bdquo;neue Vereinbarung&ldquo; eine weitere Frage auf. Sind die griechische Wirtschaft und Gesellschaft in der Lage, wieder eine Dynamik zu entwickeln? Unter den jetzigen Bedingungen &ndash; da das Land alle ausstehenden Schulden abzahlen muss, da es seit fast einem Jahr keine zus&auml;tzlichen Finanzmittel mehr bezogen hat, und das es Kapitalverkehrskontrollen einf&uuml;hren musste &ndash; hat unsere Wirtschaft eine leichte Rezession zu verzeichnen. Angesichts der Ungewissheit, die durch den Druck unserer Gl&auml;ubiger erzeugt wurde&hellip; kann man unterstellen, dass der Abschluss einer Vereinbarung die Wachstumsimpulse f&uuml;r die griechische Wirtschaft wieder freisetzen w&uuml;rde. In Verbindung mit einem sofort wirksamen Entwicklungspaket k&ouml;nnte dies dazu f&uuml;hren, &hellip; dass die griechische Wirtschaft ab n&auml;chstem Jahr potentiell zum Wachstum zur&uuml;ckfindet.<\/p><p>Vor allem aber werden wir, ganz unabh&auml;ngig von der neuen Vereinbarung, &hellip; die zentralen Strukturen in allen Bereichen der griechischen Gesellschaft verwirklichen m&uuml;ssen, die wir versprochen haben und die man von uns fordert. Die Ver&auml;nderungen im Gesundheitswesen, im Bildungssektor, in der &ouml;ffentlichen Verwaltung, in den Beziehungen zwischen &ouml;ffentlichem und privaten Sektor, die F&ouml;rderung von Forschung und Innovation, die Herausbildung eines neuen wirtschaftlichen Entwicklungsmodells, die Erweiterung der genossenschaftlichen &Ouml;konomie, all dies m&uuml;ssen wir anpacken, ohne einen einzigen Tag zu verlieren.<\/p><p>Langfristig wird man den Erfolg dieser Regierung daran messen, was sie von diesen genannten Zielen umgesetzt hat &ndash; und nicht daran, ob sie es ohne demokratischen Auftrag zugelassen hat, dass das Land im ungeregelten Bankrott unter einer nationalen W&auml;hrung versinkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch bevor die neue Vereinbarung in Br&uuml;ssel am Montagmorgen erzielt wurde, hat der griechische Wirtschaftsminister Giorgos Stathakis, der zugleich einer der drei wichtigsten wirtschaftspolitischen Ratgeber von Regierungschef Tsipras ist, folgende Einsch&auml;tzung gegeben. Der hier leicht gek&uuml;rzte Text, der vor allem auf die &bdquo;verst&auml;ndlichen Problematisierungen und Zweifel&ldquo; innerhalb und au&szlig;erhalb der Regierungspartei Syriza eingeht, erschien gestern<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26763\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,22,173,156],"tags":[672,1045,312,953,654,1464],"class_list":["post-26763","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-europaische-union","category-griechenland","category-schulden-sparen","tag-esmefsf","tag-grexit","tag-reformpolitik","tag-staatsbankrott","tag-troika","tag-volksabstimmung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26763","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26763"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26763\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53049,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26763\/revisions\/53049"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}