{"id":2678,"date":"2007-10-08T14:12:54","date_gmt":"2007-10-08T12:12:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2678"},"modified":"2015-12-17T15:29:21","modified_gmt":"2015-12-17T14:29:21","slug":"thema-bahn-bei-anne-will-ganz-gut-aber-es-fehlte-der-blick-hinter-die-kulissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2678","title":{"rendered":"Thema Bahn bei Anne Will &#8211; ganz gut, aber es fehlte der Blick hinter die Kulissen"},"content":{"rendered":"<p>Anne Will und ihre Sendung ist gemessen an der Vorg&auml;ngerin eine wirkliche Erholung. Dennoch kann ich im Blick auf die gestrige Sendung &uuml;ber die Bahn die euphorische Bewertung von <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,druck-509975,00.html\">Spiegel Online<\/a> nicht teilen. Es fehlte der Blick hinter die Kulissen, im konkreten Fall vor allem der Hinweis auf die politische Korruption, ohne die das Dr&auml;ngen auf Privatisierung und die Festlegung der Koalitionspartner darauf nicht verst&auml;ndlich ist, und es wurde nicht offenbar, wie wir bei diesen Fragen manipuliert werden, obwohl dies bei der Sendung selbst konkret geschah. Es fehlte, kurz und etwas unbescheiden gesagt, das, was wir Ihnen mit den NachDenkSeiten bieten, auch im konkreten Fall.<br>\n<!--more--><br>\nIn den &Auml;u&szlig;erungen von Bahnchef Mehdorn und jenen des Verkehrsministers Tiefensee wurde die <strong>Strategie der Meinungsmache<\/strong>, die sich die Interessenten und Bef&uuml;rworter der Privatisierung der Bahn ausgedacht haben, wieder einmal sichtbar, aber sie wurde leider nicht offengelegt:<\/p><ol>\n<li>Tiefensee behauptete, ohne Privatisierung fehle das Geld f&uuml;r die Expansion der Bahn. Diese m&uuml;sse entweder vom Steuerzahler oder auf dem Weg &uuml;ber die Privatisierung von privaten Partnern bezahlt werden. &ndash; Das ist schlicht die Unwahrheit. Tiefensee unterschl&auml;gt bewusst die M&ouml;glichkeit der Finanzierung &uuml;ber Anleihen und andere Formen, die f&uuml;r die Deutsche Bahn AG keinerlei Problem darstellen und in der Regel billiger sind als die Verzinsung, die private Investoren erwarten.<br>\nIn den &Auml;u&szlig;erungen von Tiefensee und Mehdorn wurde auch das Spiel im Vorfeld dieser Behauptungen sichtbar: um schl&uuml;ssig erscheinen zu lassen, warum man den Steuerzahler angeblich schonen will, wird die Verarmung des Staates ins Spiel gebracht. Mehdorn meinte gestern Abend, der Staat hab immer weniger Geld. Vom Staat k&ouml;nnen wir es nicht bekommen.<br>\nHier wird die Strategie sichtbar, die in der bewussten Verarmung des Staates steckt: Sparen, sparen, sparen als Daueraufforderung an den Staat ist die Grundlage, auf der dann die Privatisierungsforderung gepflanzt wird. Das gilt in diesem Fall wie f&uuml;r viele andere Privatisierungen auf Bund-, L&auml;nder- und kommunaler Ebene. Die bewusst betriebene Verarmung l&auml;sst die Privatisierungsforderung als schl&uuml;ssig erscheinen.<\/li>\n<li>Es wird so getan, als sei die Bahn fr&uuml;her bankrott gewesen und erst als quasi wie im Privatisierungszustand agierende Aktiengesellschaft unter der F&uuml;hrung von Mehdorn ein profitables Unternehmen geworden. Letzteres wurde gestern wieder behauptet. Es liegt auf der Linie dessen, was Abgeordnete der SPD in Briefen verbreiten und sich bei Mehdorn im Stern Nummer 37\/2007 so liest: &bdquo;Aus den bankrotten Beh&ouml;rdenbahnen Bundes- und Reichsbahn wurde eine wettbewerbsf&auml;hige Aktiengesellschaft.&ldquo; &ndash; Diese Behauptungen hat man sich zurechtgelegt. Richtig ist, dass die wichtigsten Neuerungen der Bahn aus der Zeit der so genannten Beh&ouml;rdenbahn stammen und dass sich gerade Mehdorn eine Menge Flops geleistet hat.<\/li>\n<li>Es wurde an dem Abend mit keiner Silbe angesprochen, welche massiven finanziellen Interessen hinter der Bahnprivatisierung stecken. Dass man den Drang auf die Privatisierung der Bahn wie auch andere Privatisierungen nicht versteht, wenn man nur fragt: Ist der Zustand als &ouml;ffentliches Unternehmen oder als privatisiertes besser? Man muss fragen: Wer verdient an der Privatisierung und am Privatisierungsprozess? Siehe dazu die Hinweise auf bisherige Beitr&auml;ge in den <strong>NachDenkSeiten<\/strong> in den Anh&auml;ngen, insbesondere Anhang A, und &uuml;ber die Suchfunktion mit Stichwort <a href=\"?s=Privatisierung&amp;Submit.x=51&amp;Submit.y=9\">&bdquo;Privatisierung&ldquo;<\/a> wie auch in zentralen Kapiteln in <a href=\"?s=Machtwahn&amp;Submit.x=45&amp;Submit.y=17\">&bdquo;Machtwahn&ldquo;<\/a>. Die neuen Eigent&uuml;mer bekommen bei der Privatisierung Milliarden &ouml;ffentlichen Verm&ouml;gens geschenkt. Das ist das eine Motiv. Am Privatisierungsvorgang selbst verdienen die Berater und Akteure einer solchen Transaktion, im konkreten Fall vermutlich 500 bis 600 Millionen &euro;. Das ist das zweite Motiv.<br>\nDabei ist so viel Geld im Spiel, dass die Akteure die entscheidenden Parteien und Gewerkschaften massiv zu beeinflussen verm&ouml;gen. Und alles was dazugeh&ouml;rt wie PR-Berater und Medien auch.<br>\nZur massiven Public Relations-T&auml;tigkeit der Bahn und der Interessen an ihrer Privatisierung noch ein kleines Detail: Am 10.9. machte der PR-Journalist M&uuml;ller-Vogg in der Bild-Zeitung Reklame f&uuml;r den B&ouml;rsengang der Bahn. Siehe Anhang A. Heute, vier Wochen sp&auml;ter,  erscheint vom selben Autor ein <a href=\"http:\/\/www.hugo-mueller-vogg.de\/index.php?article_id=1033&amp;version=1\">Buch &uuml;ber Mehdorn<\/a>\n<p><em><strong>Fazit:<\/strong> Die politischen Entscheidungen sind &uuml;ber weite Strecken Ergebnisse von Public Relations-Kampagnen. Die &Auml;u&szlig;erungen von Mehdorn und Tiefensee bei Anne Will waren Teile dieser PR-Strategie. Sie erscheinen leider als Sachargumente, obwohl sie dies gar nicht sind. Der eigentliche (finanzielle) Hintergrund bleibt im Dunkeln.<\/em><\/p><\/li>\n<li>Leider konnte in der Runde auch die Expansionsstrategie des Herrn Mehdorn nicht ausreichend auseinander genommen werden. Interessant war, wie eng Tiefensee in diese Argumentation verwoben ist. Da werden abenteuerliche Vorstellungen wie der Schienen-Transport von G&uuml;tern aus China nach Deutschland angedeutet, oder auch eine Verbindung des slowenischen Hafens von Koper mit Italien in Andeutungen eingef&uuml;hrt. &ndash; Leider ist bei dieser Sendung nicht einmal an das Scheitern einer &auml;hnlichen Expansionsstrategie des ehemaligen DaimlerBenz-Chefs Schrempp und das Desaster von DaimlerChrysler erinnert worden.  Aus eigener Erfahrung wei&szlig; ich, dass es in einer solchen Runde sehr schwierig ist, alle wichtigen Argumente unterzubringen, man muss sich als Kritiker des Mainstream immer schnell entscheiden, welches Argument und welche Fakten man vorbringt und welche man aus Zeitgr&uuml;nden leider fallen lassen muss. Auch aus diesem Grund weise ich hier daraufhin: Die Expansionsstrategie wird ohne jegliche Differenzierung als blumige Vision in die Debatte eingef&uuml;hrt. Sie gewinnt Glaubw&uuml;rdigkeit durch st&auml;ndige Wiederholung.<\/li>\n<\/ol><p>Noch eine kurze Anmerkung zu einer Rand-Besetzung der Runde bei Anne Will: Wenn es stimmt, dass der Vorsitzende der Lokf&uuml;hrergewerkschaft, Schell, wieder ausgeladen worden ist, dann ist das h&ouml;chst bedauerlich und auch eine unfreundliche Selbstbesch&auml;digung des Images der neuen Sendung. An seiner statt war ein Lokf&uuml;hrer eingeladen, der einfach nicht ausreichend artikulationsf&auml;hig war (was kein Vorwurf an ihn sein soll). Er war nicht f&auml;hig, die 31%-Forderung vern&uuml;nftig zu erkl&auml;ren, sie blieb als Totschlagargument im Raume stehen. Und im Disput zwischen den beiden Lokf&uuml;hrerin\/n wurde leider auch nicht herausgesch&auml;lt, warum die Hauptgewerkschaft Transnet, deren Vertreterin anwesend war, an Mehdorns Seite f&uuml;r die Privatisierung streitet.<\/p><p><strong>Anh&auml;nge\/Links auf einschl&auml;gige Artikel in den NachDenkSeiten:<\/strong><\/p><p><strong>A.) BILD macht Reklame f&uuml;r Bahnprivatisierung. Wie schon f&uuml;r die Privatisierung der Rente im Dienste der Allianz AG<\/strong><br>\n<a href=\"?p=2631\">Vom 10.9.2007<\/a><\/p><p><strong>Auszug:<\/strong><br>\nM&uuml;ller-Vogg sagt uns nicht, dass die Investmentfirma beziehungsweise die Investment-Firmen, die den B&ouml;rsengang begleiten, ungef&auml;hr 10% an Provisionen, Honorare und so weiter kassieren. Das sind nach heutigem Stand der Kenntnis der erwarteten Einnahmen des B&ouml;rsengangs 500 bis 600 Millionen &euro;. F&uuml;r die meisten Menschen eine unvorstellbare Ziffer. Von dieser Provision geht dann ein beachtlicher Teil von m&ouml;glicherweise wiederum 10% an die Hauptmatadore. Wenn der B&ouml;rsengang von jenem Unternehmen begleitet wird, das 2004 das entscheidende Gutachten f&uuml;r die Bundesregierung gemacht hat, von Morgan Stanley, dann mischt dabei entscheidend der ehemalige Vorsitzende der Jungen Union in Baden-W&uuml;rttemberg, Dr. Dirk Notheis, mit. Dieser wiederum ist 2005 als besonders eifriger Spendensammler der Union aufgefallen. Zu jener Zeit war der heutige Fraktionsvorsitzende der Union, Volker Kauder, Generalsekret&auml;r der CDU. F&uuml;r diesen hat Notheis damals gearbeitet. Da schlie&szlig;t sich der Kreis zum Engagement der Union f&uuml;r die weitere Privatisierung der Bahn. Vermutlich besteht ein enger Kontakt im Zirkel Notheis, Kauder, Merkel.<\/p><p><strong>B.) B&ouml;rsengang der Bahn &ndash; Volksverm&ouml;gen in den H&auml;nden von R&auml;uberbanden<\/strong><br>\n<a href=\"?p=2530\">Vom 6. August 2007<\/a><\/p><p><strong>C.) Ein kleiner Erfolg beim Kampf gegen die Verschleuderung der Bahn. Die Bundestagsentscheidung wird hinter den SPD-Parteitag verschoben.<\/strong><br>\n<a href=\"?p=2632\">Vom 10. September 2007<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anne Will und ihre Sendung ist gemessen an der Vorg&auml;ngerin eine wirkliche Erholung. Dennoch kann ich im Blick auf die gestrige Sendung &uuml;ber die Bahn die euphorische Bewertung von <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,druck-509975,00.html\">Spiegel Online<\/a> nicht teilen. 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