{"id":26790,"date":"2015-07-14T16:46:33","date_gmt":"2015-07-14T14:46:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26790"},"modified":"2019-07-05T10:20:18","modified_gmt":"2019-07-05T08:20:18","slug":"der-griechische-privatisierungsfonds-ein-symbol-fuer-den-rueckfall-in-europaeische-machtpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26790","title":{"rendered":"Der griechische \u201ePrivatisierungsfonds\u201c ein Symbol f\u00fcr den R\u00fcckfall in europ\u00e4ische Machtpolitik"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber den Charakter des neuen &ldquo;Rettungsprogramms&rdquo;, das der Regierung Tsipras am Montag morgen in Br&uuml;ssel aufgeherrscht wurde, hat <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/wolfgang-schaeubles-diplomatie-ist-rueckfall-in-alte-zeit-kolumne-a-1043404.html\">Wolfgang M&uuml;nchau<\/a> ein vernichtendes &ndash; und leider zutreffendes &ndash; Urteil gesprochen. Dem ist nicht viel hinzuzuf&uuml;gen, vor allem was die Politik der Regierung Sch&auml;uble-Merkel betrifft, in der sich &bdquo;Vizekanzler&ldquo; Gabriel sich freiwillig in den Koalitions-Beiwagen verzogen  hat. Bei den l&auml;ngst  aus der Mode gekommenen Motoradrennen der Seitenwagenklasse war die Rolle des Beiwagen-Insassen bekanntlich darauf beschr&auml;nkt, sich so weit wie m&ouml;glich aus seiner Kiste zu h&auml;ngen, damit das Gespann nicht aus der Kurve getragen wird. Man hatte f&uuml;r diesen Beifahrer den Namen &bdquo;Schmiermaxe&ldquo;, weil er vor dem Rennen zugleich f&uuml;r die Wartung des Rennger&auml;ts zust&auml;ndig war. F&uuml;rwahr ein treffender Begriff f&uuml;r die politische Rolle, die der Sozialdemokratie in der deutschen Innen- und Au&szlig;enpolitik der &Auml;ra Sch&auml;uble-Merkel zugewiesen ist. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nM&uuml;nchau beschreibt das, was in Br&uuml;ssel stattgefunden hat, als Machtpolitik im Stile des 19. Und 20. Jahrhunderts, in denen der St&auml;rkere dem Schw&auml;cheren seinen Willen aufzwang. Nichts veranschaulicht diese Machtpolitik besser als eine ganz bestimmte Ma&szlig;nahme, die in Br&uuml;ssel beschlossen wurde und von Griechenland umgesetzt werden muss. Ich meine die Konstruktion eines &bdquo;Privatisierungsfonds&ldquo;, der durch den Verkauf von &ouml;ffentlichen Verm&ouml;genswerten Einnahmen in H&ouml;he von 50 Milliarden Euro erzielen soll. Betrachtet man diese Erfindung genauer, fallen mehrere Dinge ins Auge. <\/p><p><strong>Der &bdquo;Privatisierungsfonds&ldquo;, der Aufguss einer alten Idee<\/strong><\/p><p>Erstens ist die Idee zugleich ganz neu und ganz alt. Auf die Br&uuml;sseler Tagesordnung kam sie ganz &uuml;berraschend und quasi in letzter Stunde. Sie war weder in den Vorschl&auml;gen der Athener Regierung  vom 22. Juni noch in der Blaupause der Gl&auml;ubiger enthalten, die den Griechen am 26. Juni  ultimativ pr&auml;sentiert worden war. Aber die Idee ist zugleich alt, weil es einen solchen Fonds in Griechenland l&auml;ngst gibt: Eine Institution mit dem widerspr&uuml;chlichen Namen Taiped (Kasse f&uuml;r die Verwertung der privaten Besitzt&uuml;mer der &ouml;ffentlichen Hand), die f&uuml;r die bereits laufenden Privatisierungen und die Verwaltung der Privatisierungserl&ouml;se zust&auml;ndig war. Diese Institution soll jetzt ein neues &bdquo;Design&ldquo; erhalten, wobei vor allem der Einfluss der Gl&auml;ubiger-Institutionen erh&ouml;ht werden soll, die in einem neuen Kontrollorgan (quasi ein Aufsichtsrat) dominieren werden.<\/p><p><strong>V&ouml;llig utopische Erwartungen &uuml;ber die H&ouml;he der Privatisierungserl&ouml;se<\/strong><\/p><p>Zweitens f&auml;llt die H&ouml;he der Geldsumme ins Auge, die von dieser neuen Taiped beschafft werden soll. Wie die Zahl 50 Milliarden Euro zustande gekommen ist, ist derzeit noch ebenso im Dunkeln wie der Urheber dieser ganzen Idee (der aus gutem Grund in Berlin vermutet wird). Dabei scheint niemanden die Tatsache anzufechten, dass die Gl&auml;ubiger ihre Erwartungen an die Privatisierungserl&ouml;se in den vergangenen Jahren schon x Mal reduzieren mussten. Summen in der N&auml;he von 50 Milliarden Euro waren bereits 2010 im Gespr&auml;ch, haben sich aber als v&ouml;llig utopisch erwiesen. Bislang wurden knapp &uuml;ber 3 Mrd. Euro erzielt, f&uuml;r die n&auml;chsten drei Jahre galt die Zahl von 7 Mrd. Euro bereits als optimistisch. Griechische Experten beziffern das Gesamtpotential <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18658\">m&ouml;glicher Privatisierung auf maximal 20 Milliarden Euro<\/a>. In welchem Zeitraum die Gl&auml;ubiger die 50 Milliarden Euro erzielen wollen, ist nicht bekannt. In jedem Fall ist die Zahl utopisch.<\/p><p><strong>Luftbuchungen und Milchm&auml;dchenrechnungen<\/strong><\/p><p>Dieses Faktum wird drittens durch einen Trick &uuml;berdeckt. Nach griechischen Zeitungsberichten (Kathimerini vom 14. Juli) steht zur Debatte, als &bdquo;assets&ldquo; des Fonds unter anderem &bdquo;Energievorkommen&ldquo; und &bdquo;Staatsanteile an systemischen Banken&ldquo; auszuweisen. Dazu muss man erstens wissen, dass der Wert von &bdquo;Energiereserven&ldquo; in Form von &Ouml;l- und Gasvorkommen im Ionischen Meer und in der &Auml;g&auml;is noch v&ouml;llig unbekannt ist und dass man &uuml;ber die F&ouml;rderungs- und Vermarktungsm&ouml;glichkeiten dieser Bodensch&auml;tze derzeit nur spekulieren kann. Noch unbestimmter ist ein zweiter Posten: Was die staatlichen Anteile an den griechischen Banken wert sind, h&auml;ngt vom weiteren Verlauf der griechischen Krise ab. Derzeit sind die Banken bekanntlich nicht nur illiquide, sondern auch &uuml;berschuldet, weil 45 Prozent ihrer ausgelegten Kredite als nicht eintreibbar gelten. Wie absurd die Aufnahme dieses &bdquo;asset&ldquo; in die Fonds-Bilanz ist, zeigt die Tatsache, dass 50 Prozent der Erl&ouml;se desselben Fonds zur Rekapitalisierung eben dieser Banken vorgesehen sind. Welchen Wert sollen also diese Banken vor ihrer Rekapitalisierung repr&auml;sentieren?<\/p><p><strong>Statt Privatisierung um jeden Preis, die Verhinderung von Privatisierungen zu Schleuderpreisen<\/strong><\/p><p>Viertens stellt sich die Frage, was die Gr&uuml;ndung dieses neuen &bdquo;Superfonds&ldquo; an den Preisen &auml;ndern soll, die der Verkauf &ouml;ffentlicher Verm&ouml;genswerte derzeit auf dem griechischen Markt erzielen kann. Unter anderem sollen in den Fonds auch die Immobilien &uuml;berschrieben werden, die die systemischen Banken haben &ndash; und die sie nur zu Schleuderpreisen verkaufen k&ouml;nnen. Die griechischen Banken hassen ihren eigenen Immobilienbesitz, weil sie ihn nicht angemessen versilbern k&ouml;nnen und weil ein massenhafter Verkauf dieser Werte (die ihnen zumeist aufgrund nicht bedienter Hypotheken zugefallen ist) die Immobilienpreise nur noch weiter dr&uuml;cken w&uuml;rde. <\/p><p>Bei s&auml;mtlichen bislang vollzogenen Privatisierungen in Griechenland hat die alte Taiped h&ouml;chst d&uuml;rftige Ertr&auml;ge erzielt, die weit unter den Sch&auml;tzpreisen lagen. Das ist auch kein Wunder, weil in fast allen F&auml;llen am Schluss nur ein Bieter &uuml;brig blieb, der den Preis diktieren konnte (Siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17985\">&bdquo;Der Verkauf von &ouml;ffentlichen Werten inmitten einer &ouml;konomischen Depression und einer abgrundtiefen Krise der &ouml;ffentlichen Finanzen ist eine volkswirtschaftliche Untat&ldquo;<\/a>).  Dies ist der einzige Punkt, an dem ein neu konstruierter Fonds etwas bewirken k&ouml;nnte: indem er Ver&auml;u&szlig;erungen zum Schleuderpreis verhindert, die der &ouml;ffentlichen Hand keine angemessenen Einnahmen, sondern im Grunde Verluste bescheren. Hier ergibt sich ein merkw&uuml;rdiger Widerspruch: Wenn der Fonds eine sinnvolle Funktion haben soll, wird er in den n&auml;chsten Jahren etliche Privatisierungsprojekte verhindern oder verz&ouml;gern m&uuml;ssen &ndash; also gerade keine erh&ouml;hten Einnahmen &bdquo;um jeden Preis&ldquo; gerieren.<\/p><p><strong>Der Finanzierung der Defizite der Rentenkassen aus Privatisierungserl&ouml;sen soll ein Riegel vorgeschoben werden<\/strong><\/p><p>Die Idee ist insgesamt also derart unausgegoren und widerspr&uuml;chlich, dass der erkl&auml;rte Zweck mit Sicherheit nicht der tats&auml;chlich beabsichtigte ist. Der Fonds soll meiner Ansicht nach ganz andere Ziele erreichen, die sich in dem abschlie&szlig;enden Teil verbergen, der die Verwendung der phantasierten Geldsummen betrifft. Die sollen zur H&auml;lfte der Rekapitalisierung der griechischen Banken dienen (die allerdings sofort ansteht, w&auml;hrend die Privatisierungseinnahmen noch gar nicht zur Verf&uuml;gung stehen!). Sie soll zweitens (zu 25 Prozent) der Schuldenr&uuml;ckzahlung dienen, und drittens f&uuml;r Investitionen zur Verf&uuml;gung stehen, was sicher sinnvoll ist.<\/p><p>Diese drei Ziele sind ausschlie&szlig;lich definiert, andere Zwecke sind nicht vorgesehen. Deshalb sehe ich in diesem Vorschlag einzig und allein &ndash; oder jedenfalls vorwiegend &ndash; ein Projekt, das die griechischen Vorstellungen &uuml;ber die Verwendung der Privatisierungserl&ouml;se abw&uuml;rgen soll. Die Regierung Tsipras hat in ihren Vorstellungen &uuml;ber die Finanzierung der Defizite von Rentenkassen genau auf diese M&ouml;glichkeit gesetzt: Statt die Kassen aus dem regul&auml;ren Haushalt zu subventionieren, wolle man &ndash; um massive Rentenk&uuml;rzungen zu vermeiden &ndash; die Erl&ouml;se der Taiped zum Teil (die Rede war von 25 bis 30 Prozent) an die Rentenkassen &uuml;berweisen (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26092\">&bdquo;Die griechische Krise und das Dilemma der Privatisierungen&ldquo;<\/a>). Dieses Projekt wurde mit dem neuen Fonds torpediert. Da dieser ansonsten &ndash; wie oben gezeigt &ndash; ein v&ouml;llig unausgereiftes und widerspr&uuml;chliches Projekt ist, scheint mir dies der einzige Sinn und Zweck des neuen Privatisierungs-Fonds zu sein. Er soll garantieren, dass die Rentenkassen auf keinen Fall aus irgendeiner anderen Quelle &ndash; jenseits ihrer eigenen Beitragseinnahmen &ndash; subventioniert werden darf.<\/p><p><em><strong>Hinweis WL:<\/strong> Klaus Ernst (MdB) <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/mdb.klaus.ernst\/posts\/10153366056126023\">berichtet &uuml;ber Facebook<\/a>: &bdquo;Sch&auml;uble hat in seinem Grexit-Papier unter anderem vorgeschlagen, 50 Mrd. griechischen Besitz an die &ldquo;Institution for Growth&rdquo; (IfG) zu &uuml;bertragen. Die IfG ist eine Tochter der KfW. Der Vorsitzender der KfW ist Sch&auml;uble selbst.&ldquo;<\/em><br>\n<em>Wenn das zutr&auml;fe w&uuml;rde aus einem politischen noch ein pers&ouml;nlicher Skandal.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber den Charakter des neuen &ldquo;Rettungsprogramms&rdquo;, das der Regierung Tsipras am Montag morgen in Br&uuml;ssel aufgeherrscht wurde, hat <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/wolfgang-schaeubles-diplomatie-ist-rueckfall-in-alte-zeit-kolumne-a-1043404.html\">Wolfgang M&uuml;nchau<\/a> ein vernichtendes &ndash; und leider zutreffendes &ndash; Urteil gesprochen. Dem ist nicht viel hinzuzuf&uuml;gen, vor allem was die Politik der Regierung Sch&auml;uble-Merkel betrifft, in der sich &bdquo;Vizekanzler&ldquo; Gabriel sich freiwillig in den Koalitions-Beiwagen verzogen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26790\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,173,28,39],"tags":[],"class_list":["post-26790","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-griechenland","category-privatisierung","category-rente"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26790"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26790\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53048,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26790\/revisions\/53048"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}