{"id":26801,"date":"2015-07-15T10:07:31","date_gmt":"2015-07-15T08:07:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26801"},"modified":"2019-01-30T10:25:40","modified_gmt":"2019-01-30T09:25:40","slug":"von-grillen-und-ameisen-sozialpsychologische-aspekte-des-griechenland-bashings-und-der-sparpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26801","title":{"rendered":"Von Grillen und Ameisen &#8211; Sozialpsychologische Aspekte des Griechenland-Bashings und der Sparpolitik"},"content":{"rendered":"<p>Wer hart arbeiten und sich st&auml;ndig am Riemen rei&szlig;en muss, droht zu einem Menschen des Ressentiments zu werden. Die Gewalt, die n&ouml;tig war, um Menschen in Arbeitswesen zu verwandeln, wird in der Wut sp&uuml;rbar, mit welcher der arbeitende Mensch auf diejenigen reagiert, die es real oder vermeintlich besser haben. Es geht im Folgenden um die sozialpsychologischen Aspekte der Auseinandersetzung zumal der Deutschen in der Europ&auml;ischen Union mit ihrem Au&szlig;enseiter Griechenland und der dortigen Regierung. Was spielt sich unterhalb der Ebene der offiziellen Texte ab? Von welchen unbewussten psychischen Energien und emotionalen Kr&auml;ften werden die Debatten angetrieben? Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ganz Europa l&auml;sst sich seit einem Jahrhundert von den Leitzordnern unterdr&uuml;cken und die Unterdr&uuml;ckung der Leitzordner versch&auml;rft sich, dachte ich. Bald wird ganz Europa von den Leitzordnern nicht nur beherrscht, sondern vernichtet sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>(Thomas Bernhard)<\/p><p><strong>&bdquo;Zu faul zum Hungern, diese Griechen!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wo man geht und steht, sind S&auml;tze wie diese zu h&ouml;ren: &bdquo;Die sollen endlich mal anfangen, zu arbeiten, diese Griechen&ldquo;, &bdquo;Wir m&uuml;ssen auch hart arbeiten f&uuml;r unser Geld&ldquo;, &bdquo;Das sehe ich &uuml;berhaupt nicht ein, denen immer wieder Geld in den Arsch zu blasen&ldquo;, &bdquo;Bei diesen S&uuml;dl&auml;ndern ist immer nur Siesta!&ldquo;<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5212671\/\">Die taz<\/a> pr&auml;sentiert von B&ouml;hmermann und Heufer-Umlauf gesammelte Schlagzeilen deutscher Medien zu Griechenland &ndash; von <em>Stern<\/em>, <em>Welt<\/em>, <em>Spiegel<\/em>, &uuml;ber <em>die Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> bis hin zu <em>Bild<\/em>: &bdquo;In Wirklichkeit sind die Griechen doppelt so reich wie wir.&ldquo; &bdquo;Nein, keine weiteren Milliarden f&uuml;r die gierigen Griechen.&ldquo; &bdquo;Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen.&ldquo; &bdquo;Russen oder Griechen, wer ist eigentlich gef&auml;hrlicher?&ldquo; &bdquo;Chaotische Verwaltung.&ldquo; &bdquo;Der Euro ist kein Geschenk der G&ouml;tter.&ldquo; <\/p><p>In der Auseinandersetzung mit und um die Syriza-Regierung, vor allem aber mit dem inzwischen zur&uuml;ckgetretenen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis spielt ein p&auml;dagogisches Vokabular <a href=\"http:\/\/vineyardsaker.de\/analyse\/unsere-schlacht-griechenland-zu-retten-interview-mit-varoufakis\/\">eine gro&szlig;e Rolle<\/a>. Syriza und Varoufakis seien <em>ungezogen<\/em> und <em>unversch&auml;mt<\/em>, verhielten sich <em>unzivilisiert<\/em>, h&auml;tten ein <em>r&uuml;pelhaftes Benehmen<\/em>, Varoufakis sei ein <em>Halbstarker<\/em>, ein <em>Halb-Verr&uuml;ckter<\/em>. Man behandelt die griechische Regierung wie eine <em>Horde von Rotzl&ouml;ffeln<\/em>, die zun&auml;chst zivilisiertes Verhalten einzu&uuml;ben h&auml;tte, bevor man sie ernst nehmen und mit ihr vern&uuml;nftig verhandeln k&ouml;nne. Man muss diese Rotzl&uuml;mmel unter Kuratel stellen, am besten man entm&uuml;ndigt sie und bestellt einen Vormund aus den Reihen der Troika. Varoufakis ist f&uuml;r die Euro-Repr&auml;sentanten der Inbegriff alles Schrecklichen, und Tsipras hat ihn auf dem Weg zum Kompromiss geopfert.<\/p><p>In der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/eurokrise-griechischer-schein-1.2550299?reduced=true\">Wochenendausgabe der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 4.\/5. Juli 2015<\/a> wird den Leserinnen und Lesern Klaus Regling vorgestellt, der Chef des Europ&auml;ischen Rettungsfonds. Niemand habe den Griechen so viel Geld geliehen wie er, lesen wir da.<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Als kleiner Junge hat Klaus Regling in den 1950er Jahren erlebt, was es hei&szlig;t, wenn das Geld knapp wird. Wenn alle sparen m&uuml;ssen &ndash; und es vielleicht trotzdem nicht reicht. Das pr&auml;gt f&uuml;rs Leben. Reglings Vater betrieb damals eine Tischlerei in L&uuml;beck. Liefen die Gesch&auml;fte einmal nicht so gut, musste er das letzte Geld zusammenkratzen, um am Freitag die Lohnt&uuml;ten f&uuml;r seine Gesellen vollzumachen. &lsquo;Wenn die Lage nicht so gut war, mussten wir eben sparen&rsquo;. (&hellip;)&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist unglaublich, wie hier die privaten Erfahrungen eines Tischlermeisters im Nachkriegsdeutschland auf die Lage eines ganzen Landes inmitten der Wirtschafts- und Finanzkrise der Gegenwart &uuml;bertragen wird. Die Tischlerfamilie konnte damals mal nicht in Urlaub fahren, w&auml;hrend die Griechenland verordnete Sparerei dazu f&uuml;hrt, dass sich Menschen umbringen, S&auml;uglinge sterben, die Arzneimittel knapp und die Hoffnungen der jungen Leute auf ein anst&auml;ndiges Leben zuschanden werden. Seit Beginn der von der Troika verantworteten sogenannten Reformma&szlig;nahmen hat sich die Lage in Griechenland dramatisch verschlechtert. Der Schuldenberg wuchs von 240 Milliarden im Jahr 2008 auf rund 320 Milliarden. Die aufgezwungene Austerit&auml;tspolitik ist an die Wand gefahren und hat das Land vollends ruiniert. Griechenland ist ein Probierstand, auf dem die Untauglichkeit dieser Form von politischer &Ouml;konomie nachgewiesen wird. Dabei hatten bereits die B&uuml;rger von Schilda entsprechende Erfahrungen mit dem Sparen. Die Schildb&uuml;rger hatten ein Pferd, dem im Zuge von Sparma&szlig;nahmen das Futter gek&uuml;rzt wurde. Da das Pferd zun&auml;chst mit weniger Hafer die gleiche Leistung wie zuvor erbrachte, beschloss man, die Haferrationen nach und nach weiter zu k&uuml;rzen. Am Tag, als die Schildb&uuml;rger glaubten am Ziel zu sein, das Pferd also ganz ohne Futter arbeiten w&uuml;rde, fanden sie es tot im Stall.<\/p><p>130 Milliarden Euro schulden die Griechen dem Europ&auml;ischen Rettungsfonds, den er aufgebaut hat und seit f&uuml;nf Jahren leitet. Und Regling gab das Geld nur unter der Bedingung her, dass die Griechen sparen. Sparen wie einst seine Eltern in L&uuml;beck. Wenn es jemanden gibt, der das griechische Drama erkl&auml;ren kann und all die Wirkungen rund um den Euro kennt, dann ist er es&rdquo;, und so weiter und so weiter. <\/p><p><strong>Zur Psychodynamik des Ressentiments<\/strong><\/p><p>So wie der Chef des Rettungsschirms Regling <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/griechenland-gruenen-waehler-lieben-angela-merkels-kurs-a-1043649.html\">denken die meisten<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Wir haben auch den G&uuml;rtel enger schnallen m&uuml;ssen, warum tun das die Griechen nicht auch?&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die litauische Pr&auml;sidentin Dalia Grybauskait&eacute; wandte sich dieser Tage mit folgenden Botschaft an die Athener Adresse:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Zeit des Feierns auf Kosten anderer ist vorbei f&uuml;r Griechenland.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In der Sendung <a href=\"http:\/\/programm.daserste.de\/pages\/programm\/detailArch.aspx?id=BDB8BDE755729E46DBE8CB9D79FB34FC\">Anne Will vom 8. Juli<\/a> unter dem bezeichnenden Titel <em>Nach der Kampfansage aus Athen &ndash; Ist Merkels Europa noch zu retten?<\/em> machte eine Rentnerin aus Litauen ihrer Emp&ouml;rung mit den Worten Luft: &bdquo;Ich habe kein Mitleid mit den Griechen. Ich bin daf&uuml;r, dass die Renten und Geh&auml;lter gek&uuml;rzt werden, damit sie endlich mit Arbeiten beginnen und ihr Geld selbst verdienen.&ldquo; Die ganze Sendung war durchzogen von dem Tenor: <em>Unsere Geduld mit Griechenland ist zu Ende!<\/em><\/p><p>Das Griechenland-Bashing l&auml;uft nach dem Vorbild einer Fabel von Jean de La Fontaine aus dem 17. Jahrhundert ab, die die <em>Die Grille und die Ameise<\/em> hei&szlig;t:<\/p><blockquote><p>\nDie Grille, die den Sommer lang<br>\nzirpt&rsquo; und sang,<br>\nlitt, da nun der Winter droht&rsquo;,<br>\nharte Zeit und bittre Not:<br>\nNicht das kleinste W&uuml;rmchen nur,<br>\nund von Fliegen eine Spur!<br>\nUnd vor Hunger weinend leise,<br>\nschlich sie zur Nachbarin Ameise,<br>\nund fleht&rsquo; sie an in ihrer Not,<br>\nihr zu leihn ein St&uuml;ckchen Brot,<br>\nbis der Sommer wiederkehre.<br>\n&raquo;H&ouml;r&rsquo;&laquo;, sagt sie, &raquo;auf Grillenehre,<br>\nvor der Ernte noch bezahl&rsquo;<br>\nZins ich dir und Kapital.&laquo;<br>\nDie Ameise, die wie manche lieben<br>\nLeut&rsquo; ihr Geld nicht gern verleiht,<br>\nfragt&rsquo; die Borgerin: &raquo;Zur Sommerzeit,<br>\nsag doch, was hast du da getrieben?&laquo;<br>\n&raquo;Tag und Nacht hab&rsquo; ich erg&ouml;tzt<br>\ndurch mein Singen alle Leut&rsquo;.&laquo;<br>\n&raquo;Durch dein Singen? Sehr erfreut!<br>\nWei&szlig;t du was? Dann tanze jetzt!&laquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wie m&uuml;helos diese Fabel zu unseren Vorurteilen passt! Wir denken, dass sie die Griechenland-Krise erz&auml;hlt und verhalten uns den Griechen gegen&uuml;ber wie die Ameisen. Wir rufen aus: &bdquo;Es ist doch so: W&auml;hrend wir hier schuften, den ganzen Tag lang und bis ins hohe Alter hinein, t&auml;nzeln die S&uuml;dl&auml;nder blo&szlig; ein bisschen herum und hauen unsere Ersparnisse auf den Kopf.&ldquo;  <\/p><p>Heinrich B&ouml;ll hat im Jahr 1963 zum Tag der Arbeit f&uuml;r den <em>Norddeutschen Rundfunk<\/em> eine Geschichte verfasst, die von einem Touristen erz&auml;hlt, der im Urlaub in einem s&uuml;dlichen Hafen einem Fischer begegnet, der am sp&auml;ten Vormittag d&ouml;send im Schatten seines Bootes liegt. Nachdem er ihm eine Zigarette angeboten hat, befragt er ihn zu seinen heutigen F&auml;ngen und erf&auml;hrt, dass dieser bereits fertig gefischt hat und mit seinem Fang zufrieden ist. Der Tourist begreift nicht, wieso der Fischer nicht &ouml;fter ausf&auml;hrt. Er versucht ihm klarzumachen, dass er sich dann ein gr&ouml;&szlig;eres Boot kaufen und mehr Fische fangen k&ouml;nne. Sogar eine Konservenfabrik k&ouml;nne er bei gr&ouml;&szlig;erem Arbeitseifer er&ouml;ffnen. Der Fischer sieht nicht recht ein, was ihm das bringen solle. Der Tourist versichert ihm, am Gipfel seiner Karriere und zu Reichtum gekommen, k&ouml;nne er sich zur Ruhe setzen und tags&uuml;ber im Hafen herumd&ouml;sen. Der Fischer ist erstaunt und erwidert, dass er das auch jetzt schon k&ouml;nne und praktiziere.<\/p><p>Die mediterrane &Ouml;konomie, die noch die Kategorie des &bdquo;Genug&ldquo; kennt, prallt in dieser Geschichte auf die protestantische Ethik des Nordens mit ihren von Max Weber beschriebenen Berufs-, Arbeits- und Leistungsvorstellungen. Im Zuge der verordneten Wege aus der Eurokrise sollen Griechen und andere S&uuml;dl&auml;nder die asketische Arbeitsmoral und kapitalistische Wachstums-Ideologie verinnerlichen. Es geht bei den sogenannten Reformvorschl&auml;gen auch um die Rache des asketisch-protestantischen Nordens am laxeren Lebensstil und vor allem Lebensgef&uuml;hl des S&uuml;dens, wo man schon mal f&uuml;nfe gerade sein lie&szlig; und das Leben genoss.<\/p><p>Der S&uuml;den ist ein Sehnsuchtsort der Nordeurop&auml;er. Aufgrund bestimmter sozio&ouml;konomischer und psychohistorischer Bedingungen hat sich im S&uuml;den Europas eine andere Mentalit&auml;t durchgehalten, ein anderes Verh&auml;ltnis zur Arbeit und zum K&ouml;rper. Die dort lebenden Menschen mussten nicht auf die gleiche Weise &bdquo;erwachsen&ldquo; werden wie die Nordeurop&auml;er und haben sich etwas Spielerisch-T&auml;nzerisches-Grillenartiges bewahren k&ouml;nnen. Der abendl&auml;ndische Erwachsenenhabitus ist durch Langsicht, Arbeitszentrierung, zweckrationales Denken, eine Vorliebe f&uuml;r rechte Winkel, Triebverzicht, Aufschub von Bed&uuml;rfnisbefriedigung gekennzeichnet. Aus der Perspektive des Nordens wirken die S&uuml;dl&auml;nder wie Kinder, denen man die Hammelbeine langziehen und die man zur Vernunft erziehen muss.<\/p><p>Friedrich Nietzsche hat in seinem Buch <em>Die fr&ouml;hliche Wissenschaft<\/em> den abendl&auml;ndischen Erwachsenen und die eigene Reizbarkeit unter dem Stichwort <em>Selbstbeherrschung<\/em> wie folgt beschrieben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jene Morallehrer, welche zuerst und zuoberst dem Menschen anbefehlen, sich in seine Gewalt zu bekommen, bringen damit eine eigent&uuml;mliche Krankheit &uuml;ber ihn. N&auml;mlich eine best&auml;ndige Reizbarkeit bei allen nat&uuml;rlichen Regungen und Neigungen und gleichsam eine Art Juckens. Was auch f&uuml;rderhin ihn sto&szlig;en, ziehen, anlocken, antreiben mag, von innen oder von au&szlig;en her &ndash; immer scheint es diesem Reizbaren, als ob jetzt seine Selbstbeherrschung in Gefahr gerate: er darf sich keinem Instinkte, keinem freien Fl&uuml;gelschlag mehr anvertrauen, sondern steht best&auml;ndig mit abwehrender Geb&auml;rde da, bewaffnet gegen sich selber, scharfen und misstrauischen Auges, der ewige W&auml;chter seiner Burg, zu der er sich gemacht hat. Ja, er kann <em>gro&szlig;<\/em> damit sein! Aber wie unausstehlich ist er nun f&uuml;r andere geworden, wie schwer f&uuml;r sich selber, wie verarmt und abgeschnitten von den sch&ouml;nsten Zuf&auml;lligkeiten der Seele! Ja auch von aller weiteren Belehrung! Denn man muss sich auf Zeiten verlieren k&ouml;nnen, wenn man den Dingen, die wir nicht selber sind, etwas ablernen will.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Au&szlig;en- und die Innenseite des Sparens<\/strong><\/p><p>Die Spardiktate und das Sparen haben eine Innenseite: Gespart wird nicht nur am Geld, sondern auch an Emotionen und Trieben. Es gibt nicht nur einen Haushalt im &ouml;konomischen Sinn, sondern auch einen Triebhaushalt, den man sparsam bewirtschaften muss. Wenn man die Gesichtsz&uuml;ge des Chefsparers Sch&auml;uble auf den letzten Pressekonferenzen zu Griechenland beobachtet hat, so erinnerten sie an den zusammengezurrten Geldbeutel eines Geizigen. <\/p><p>Beim Bild des &bdquo;faulen Griechen&ldquo; handelt es sich nat&uuml;rlich nicht um die Realit&auml;t, sondern um Projektionen und Phantasien. <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/oecd-zahlen-zu-arbeitsstunden-fleissige-griechen-faule-deutsche-wer-in-europa-am-meisten-arbeitet_id_3842816.html\">Die Griechen haben l&auml;ngere Jahresarbeitszeiten als die Deutschen<\/a> und wer einmal griechische Landwirte oder Bauarbeiter auf Gro&szlig;baustellen beobachten konnte und gesehen hat, was die unter hei&szlig;er Sonne leisten, der wird seine Vorurteile schnell aufgeben und eines Besseren belehrt. Es ist aber trotz aller M&uuml;he alles nicht so verbissen und verkrampft. Vielleicht tr&auml;gt das warme Klima etwas bei zur Leichtigkeit des Seins. Und tats&auml;chlich k&ouml;nnen Griechen &ndash; und keineswegs nur Alexis Sorbas &ndash; tanzen und haben allein dadurch etwas von den La Fontain&lsquo;schen Grillen.<\/p><p>Uns Ameisen geht angesichts dieser Grillen-Mentalit&auml;t das Messer in der Tasche auf. Warum tut es das? Das Messer geht einem in der Tasche auf, wenn &Auml;u&szlig;eres innen auf Versch&uuml;ttetes trifft. Die Begegnung mit der Grille erinnert einen daran, dass man auch einmal weniger eingespannt, weniger fremdbestimmt leben wollte und diesen Wunsch unter Schmerzen begraben musste. Nach Art des ressentimentgeladenen <em>kleinen Mannes<\/em> sagt man nun: &bdquo;Die da rei&szlig;en sich nicht so am Riemen wie wir&ldquo;, und fordert gleiches Unrecht f&uuml;r alle. Die Krise in Griechenland gilt als Strafe f&uuml;r die S&uuml;nden der Griechen, und gem&auml;&szlig; den heiligen Grunds&auml;tzen der &bdquo;Schwarzen P&auml;dagogik&ldquo; darf man ihnen auf keinen Fall beispringen, weil Mitleid und Hilfe ihre laxe Haltung und notorische Faulheit beg&uuml;nstigen. Die Griechen m&uuml;ssen erst einmal &auml;rmer als die Balten oder die Slowaken werden, dann kann man ihnen karitative Hilfe zukommen lassen. <\/p><p><strong>Lob der Grille<\/strong><\/p><p>Vielleicht sind wir alle einmal Grillen gewesen. Uns Nordeurop&auml;er erfolgreich in Ameisen verwandelt zu haben, kann als gr&ouml;&szlig;tes verhaltensmodifikatorisches Experiment der j&uuml;ngeren Geschichte gelten. Immense fr&uuml;hkapitalistische Gewalt war vonn&ouml;ten, um aus menschlichen Lebewesen Arbeitswesen zu machen und die K&ouml;rper zu Arbeitsinstrumenten herzurichten. Am Ende des Experiments stehen Menschen, die unter entfremdeten Bedingungen arbeiten wollen und sich das Produkt ihrer Arbeit widerstandslos wegnehmen lassen. Und nimmt man ihnen diese Arbeit, drohen sie psychisch auseinanderzubrechen. <\/p><p>&bdquo;Der Mensch&ldquo;, hat Herbert Achterbusch einmal gesagt, &bdquo;m&ouml;chte etwas anderes als t&uuml;chtig sein, n&auml;mlich nichts als seinen Kopf in die Luft zu halten&ldquo;. Richard Sennet berichtet, dass ihm eine Frau, die ehrenamtlich in einem Sterbehospiz arbeitet, erz&auml;hlte, dass sie es nie erlebt hat, dass ein Sterbender sagte: &bdquo;Ach, w&auml;re ich doch fr&uuml;her &ouml;fter mal l&auml;nger im B&uuml;ro geblieben.&ldquo; <\/p><p>Paul&nbsp; Lafargue, der ungeliebte Schwiegersohn von Karl Marx, schrieb eingangs seines Buches <em>Lob der Faulheit<\/em>:<\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller L&auml;nder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, qu&auml;lt die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Ersch&ouml;pfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen diese geistige Verirrung anzuk&auml;mpfen, haben die Priester, die &Ouml;konomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&ldquo;Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits Bed&uuml;rfnis der Erholung und f&auml;ngt an, sich vor sich selber zu sch&auml;men&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>, stellte Friedrich Nietzsche in <em>Die fr&ouml;hliche Wissenschaft<\/em> fest und erinnerte daran, dass diese nahezu einhellige Wertsch&auml;tzung der Arbeit neueren Datums und anderen Kulturen durchaus fremd ist. Noch im sp&auml;ten Mittelalter dachte man ganz anders: Gerade die Mu&szlig;elosigkeit, die Unf&auml;higkeit zur Mu&szlig;e, h&auml;nge mit der Tr&auml;gheit zusammen; die Rastlosigkeit des Arbeitens um der Arbeit willen entspringe gerade aus der Tr&auml;gheit. Wer nicht denken will, fl&uuml;chtet in die Arbeit. Schon Platon behauptete, dass man nicht denken k&ouml;nne, wenn man es eilig habe und gesch&auml;ftig sei. Das ist eine aristokratische Einstellung, aber auch wenn wir in Rechnung stellen, dass diese privilegierte Haltung auf Kosten von Sklaven und anderen Unfreien ging, bleibt es doch richtig, dass es eine Verbindung zwischen Denken und Zeit gibt. Im alten Griechenland nannte man die Gesch&auml;ftigkeit des Werktages, die Arbeit, folgerichtig <em>Un-Mu&szlig;e<\/em>, und auch bei den R&ouml;mern war <em>otium<\/em> die Mu&szlig;e und <em>Negotium<\/em> bedeutete Gesch&auml;ft, T&auml;tigkeit, Arbeit. Da hat sich im Laufe der Geschichte der Entwicklung der modernen Arbeitsgesellschaften eine folgenschwere und kennzeichnende Umkehrung vollzogen. <\/p><p><strong>Aus aufgezwungener T&uuml;chtigkeit entstehen Ressentiments<\/strong><\/p><p>Das Schlimme ist: Aus der aufgezwungenen T&uuml;chtigkeit entstehen Ressentiments gegen den, der real oder vermeintlich sein Brot nicht im Schwei&szlig;e seines Angesichts isst.  Der eigene verfemte Teil, das in sich selbst fremd und bedrohlich Gewordene, wird nach au&szlig;en gest&uuml;lpt und auf &bdquo;Faulenzer und Schmarotzer&ldquo; projiziert. Am Ende des Experiments haben wir die Religion der Arbeit verinnerlicht und hassen denjenigen, der (real oder vermeintlich) nicht so hart arbeitet wie wir &ndash; statt endlich selbst ein St&uuml;ck locker zu lassen und uns den wesentlichen Dingen zu widmen. Weil man selbst glaubt, hart arbeiten zu m&uuml;ssen oder es wirklich muss, denunziert man die, von denen zu Recht oder Unrecht behauptet wird, sie h&auml;tten es leichter. <\/p><p><strong>Ameisen k&ouml;nnten zu Grillen werden<\/strong><\/p><p>Eine wahre Entgegnung auf den Faulheitsvorwurf w&auml;re, dass Arbeit alten Stils heute weitgehend &uuml;berfl&uuml;ssig, dass sie durch die Technik &uuml;berholt ist und dass es etwas tief Verlogenes hat, einer bestimmten Gruppe Vorw&uuml;rfe zu machen, dass sie nicht hart genug physisch arbeitet. Es ist Menschenrecht, sich nicht physisch qu&auml;len zu m&uuml;ssen, sondern sich (jedenfalls auch) geistig, k&uuml;nstlerisch und spielerisch entfalten zu k&ouml;nnen. Ameisen k&ouml;nnten l&auml;ngst zu Grillen werden. <\/p><p>Die Zeit w&auml;re reif, die Utopie von Valerio aus B&uuml;chners <em>Leonce und Lena<\/em> in der gesellschaftliche Realit&auml;t anzustreben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und z&auml;hlen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Bl&uuml;te und Frucht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Valerio f&auml;hrt in seiner Schlaraffenland-Fantasie gegen das erstarrte Leben fort:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, dass, wer sich Schwielen in die H&auml;nde schafft, unter Kuratel gestellt wird; dass, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; dass jeder, der sich r&uuml;hmt, sein Brot im Schwei&szlig;e seines Angesichts zu essen, f&uuml;r verr&uuml;ckt und der menschlichen Gesellschaft f&uuml;r gef&auml;hrlich erkl&auml;rt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Im Verlag Brandes &amp; Apsel ist Anfang des Jahres G&ouml;tz Eisenbergs neues Buch <em>Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus<\/em> erschienen.<\/p><p>Siehe dazu die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\">Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer hart arbeiten und sich st&auml;ndig am Riemen rei&szlig;en muss, droht zu einem Menschen des Ressentiments zu werden. Die Gewalt, die n&ouml;tig war, um Menschen in Arbeitswesen zu verwandeln, wird in der Wut sp&uuml;rbar, mit welcher der arbeitende Mensch auf diejenigen reagiert, die es real oder vermeintlich besser haben. Es geht im Folgenden um die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26801\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[201,156,11],"tags":[423,339,1555,957,1292,1209],"class_list":["post-26801","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ideologiekritik","category-schulden-sparen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-austeritaetspolitik","tag-chauvinismus","tag-griechenland","tag-regling-klaus","tag-varoufakis-yanis","tag-weber-max"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26801","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26801"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26801\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48829,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26801\/revisions\/48829"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}