{"id":26822,"date":"2015-07-16T09:35:30","date_gmt":"2015-07-16T07:35:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26822"},"modified":"2015-07-16T12:16:02","modified_gmt":"2015-07-16T10:16:02","slug":"perlen-im-internet-von-muenkler-bis-freital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26822","title":{"rendered":"Perlen im Internet: von M\u00fcnkler bis Freital"},"content":{"rendered":"<p>Das Projekt <em>M&uuml;nklerwatch<\/em>, von Studierenden des Professors der Humboldt-Universit&auml;t Berlin ins Leben gerufen, hat medial f&uuml;r Aufmerksamkeit f&uuml;r ein Ph&auml;nomen gesorgt, das sich seit geraumer Zeit im Internet breitmacht. Die Namen wechseln und die Plattformen auch. Manche sogenannte Watchblogs sind online f&uuml;r alle einsehbar, andere existieren nur als Facebook- oder gar &bdquo;geschlossene&ldquo; Facebook-Seite. <\/p><p><em>NSU-Watch, AfD-Watch<\/em> und auch <em>Endstation Rechts<\/em> widmen sich etwa dem sogenannten Rechtsextremismus. <em>N&uuml;rnberg 2.0<\/em> ist hingegen ein Beispiel aus dem Bereich rechtsextremer Projekte, das Wissenschaftler und Zeitkritiker diffamiert und deren pers&ouml;nliche Daten zu ver&ouml;ffentlichen sucht &ndash; ein Erkennungsmerkmal vor allem rechtsgesinnter Blogs bzw. sogenannter &bdquo;Pranger&ldquo;. Und auch eine sogenannte <em>Nachdenkseiten-Watch<\/em> &uuml;berpr&uuml;ft stets und st&auml;ndig &ndash; im Sinne einer Art Gesinnungs- oder Gedankenpolizei, wie Albrecht M&uuml;ller derlei Agieren seit einiger Zeit benennt &ndash; die politische Ausrichtung der auf NachDenkSeiten.de verbreiteten linkssozialdemokratischen Gesellschaftskritik. Eine Kolumne von <strong>Sabine Schiffer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFerner geh&ouml;rt auch der <em>Bildblog<\/em> hier genannt, der allerdings ganz klar Medienl&uuml;gen aufdeckt und zun&auml;chst als reiner Watchblog f&uuml;r die BILD fungierte, dessen Engagement inzwischen jedoch auf die Beobachtung verschiedener Boulevardbl&auml;tter ausgedehnt worden ist. Solche &bdquo;Mediawatches&ldquo; scheinen eine Ohnmacht zu korrigieren, erfreuen sich steigender Beliebtheit, schie&szlig;en jedoch auch schon einmal &uuml;ber das Ziel hinaus. <\/p><p>Gerade unbequeme Protagonisten oder Publikationen sehen sich dabei h&auml;ufig mit einer Denunziationsseite konfrontiert, wie eben auch die wirtschafts- und medienkritischen NachDenkSeiten, die in der Tat zum Nachdenken in einer ansonsten medial doch sehr einhelligen Welt anregen. Soll genau das hier wohl unterbunden werden? Das kritische Nachdenken? Das Anbieten von alternativen Sichtweisen zu einer allumfassenden &bdquo;There-is-no-alternative&ldquo;-Suggestion? Und m&uuml;ssen die sogenannten Watchblogs eigentlich anonym agieren, weil ihnen sonst Unbill <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/tv\/hass-und-trolle-im-internet--warum-so-viele-im-schutz-der-anonymitaet-poebeln-6188482.html\">widerf&auml;hrt<\/a>?<\/p><p><strong>Watchblog oder Internetpranger?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r letzteres sprechen die Morddrohungen gegen die Plattform &bdquo;Perlen aus Freital&ldquo;, die rassistische Postings von Internetnutzern ver&ouml;ffentlicht. Im <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/blog-perlen-aus-freital-morddrohung-gegen-fluechtlingsaktivisten\/12048210.html\">Tagesspiegel<\/a>  wird die Seite f&auml;lschlicherweise als &bdquo;Internetpranger&ldquo; bezeichnet, wie sie sich offensichtlich selbst sieht. Dabei dokumentiert sie doch nur &ouml;ffentlich zug&auml;ngliche &Auml;u&szlig;erungen anderer Stellen im Netz &ndash; mit den Namen oder Nicks, unter denen dort die Eintr&auml;ge gepostet und also bereits ver&ouml;ffentlicht worden sind. Erf&uuml;llt der Tumblr-Blog damit nicht die Kriterien f&uuml;r einen Watchblog? Hier ist angesichts der Morddrohungen gegen die Betreiber klar, warum so ein Portal anonym gef&uuml;hrt wird. Oftmals handelt es sich bei anonym gef&uuml;hrten Websites aber um eine Art Freifahrschein f&uuml;r Verdrehungen, L&uuml;gen und Verleumdungen. Nicht jede Anonymit&auml;t ist also Ausdruck eines Schutzbed&uuml;rfnisses f&uuml;r notwendige Kritik; oftmals ist gar das Gegenteil der Fall.  <\/p><p>Eventuell lie&szlig;en sich gar Beurteilungsportale f&uuml;r Arztpraxen oder Lehrer zu diesen Watchblogs z&auml;hlen, wenn sie von offizieller Stelle eingerichtet worden sind. Hingegen sorgte einst die Beurteilungsplattform <em>Spickmich<\/em> f&uuml;r Lehrkr&auml;fte f&uuml;r Aufsehen. Nat&uuml;rlich kann man dort seri&ouml;se Kritik eintragen, jedoch eben auch unkontrollierbar diffamieren &ndash; ein generelles Problem anonymer &Auml;u&szlig;erungsm&ouml;glichkeiten im Internet. Inzwischen ist <em>Spickmich<\/em> zu einer &bdquo;Nette-Tierbildchen-Posting-Seite&ldquo; degeneriert. Und auch aus dem US-amerikanischen Netz schwappt so mancher Trend zu uns her&uuml;ber, wie etwa die Behauptungen von <em>Djihad-Watch<\/em>, einer von Robert Spencer betriebenen islamophoben Plattform, die die Vielzahl deutscher Hetzportale in diesem Bereich inspiriert und nicht zuletzt die sogenannte PEGIDA-Bewegung ideologisch flankiert.  <\/p><p>Der ansonsten kluge <a href=\"http:\/\/redaktionsblog.hypotheses.org\/2859\">Kommentar<\/a> zu M&uuml;nklerwatch vom US-Korrespondenten der FAZ, Patrick Bahners, greift leider genau an dieser Stelle zu kurz: Bahners bescheinigt dem anonymen Posting an sich das Bef&ouml;rdern von Ehrlichkeit. Das trifft jedoch nicht automatisch zu: Auch ungerechtfertigte Beschuldigungen k&ouml;nnen durch Anonymit&auml;t erleichtert werden. Ob jedoch M&uuml;nklers Denunziation des Watchblog-Projekts als &bdquo;asymmetrische Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; &uuml;bertrieben oder vielmehr seiner Mitgliedschaft in der Clausewitz-Gesellschaft geschuldet ist, verbleibt ungekl&auml;rt. In gewisser Weise hat er sogar recht: Es handelt sich wirklich um <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/muenkler-watch-und-systemkritik-13607186.html\">asymmetrische Kommunikation<\/a>. Mutige oder feige <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/netzkultur-autopilot-fuer-idioten-1.2489382\">Anonyme<\/a> setzen etwas in die Welt, worauf der namentlich Genannte gezwungen wird zu reagieren. <\/p><p>&Uuml;brigens kennen dieses Ph&auml;nomen &ndash; und das ist selten genug Medienthema &ndash; vor allem politisch aktive Frauen, wie die <a href=\"https:\/\/calendar.boell.de\/en\/node\/100997\">Boell-Stiftung<\/a> dank verschiedener Veranstaltungen ergr&uuml;ndet hat. Und auch die Autorin dieser Zeilen ist von Verleumdungen im Netz betroffen und immer wieder erstaunt, dass sich so manches ergoogelte Ger&uuml;cht h&auml;lt &ndash; denn es w&auml;re ein Leichtes, die Behauptungen durch das Lesen von Prim&auml;rtexten &ndash; also tats&auml;chlich von der Autorin verfassten Texten &ndash; zu &uuml;berpr&uuml;fen. Dazu scheinen selbst im wissenschaftlichen Bereich jedoch nicht alle in der Lage zu sein. Von Medienkompetenz wollen wir gar nicht erst reden.  <\/p><p><strong>Wissenschaft 3.0<\/strong><\/p><p>Aber in der Tat hat Patrick Bahners recht, wenn er im konkreten Fall von M&uuml;nklerwatch darauf hinweist, dass die Anonymit&auml;t auch ein Machtgef&auml;lle korrigieren kann &ndash; denn die Studierenden sind in Bezug auf Ihre Zukunftsplanung dem Professor schlicht ausgeliefert. Umgekehrt w&auml;re es f&uuml;r den Beschuldigten ein Leichtes, durch Livestream seine Vorlesungen &ouml;ffentlich zu machen und somit f&uuml;r einen Prim&auml;rtext sowie Transparenz zu sorgen. Dann k&ouml;nnte sich jeder selbst ein Urteil bilden, und vielleicht h&auml;tte so die &Ouml;ffentlichkeit sogar z&auml;hmenden Charakter. <\/p><p>Denn interessant ist, dass sich Herfried M&uuml;nkler, der definitiv elit&auml;ren Kreisen <a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/demokratie-als-standortnachteil\/\">zuzuordnen<\/a> ist, nun ausgerechnet durch einen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2015-05\/herfried-muenkler-watchblog-humboldt-universitaet\">NAZI-Vergleich<\/a> zu wehren versucht: Die aktuellen Geschehnisse erinnerten ihn an &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2015-05\/herfried-muenkler-watchblog-humboldt-universitaet\">hochschulpolitische Vorg&auml;nge des Jahres 1933<\/a>&ldquo;. <\/p><p>Dieser geschichtsrelativierende Ausfall, der den studentischen Bloggern umgehend einen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24581\">Antisemitismus-Vorwurf<\/a> in zutiefst <a href=\"http:\/\/www.freidenker.org\/cms\/dfv\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=457:antideutschesdenkeneinepseudo-linkeideologie&amp;catid=54:antifaschismus-antirassismus-antiimperialismus-solidaritaet-frieden&amp;Itemid=72\">antideutscher Manier<\/a> beschert hat, weist faktisch jedoch wohl mehr auf fehlende inhaltliche Argumente denn auf Nazi-Parallelen der M&uuml;nkler-Kritik hin. <\/p><p>Was bleibt, ist die Frage, wie man als thematisch vielleicht wenig betrauter User derlei Blogs auf ihre Seriosit&auml;t oder Unseriosit&auml;t hin zu pr&uuml;fen vermag. Denn immer mehr und immer schneller scheint man geneigt, sich dem internetgest&uuml;tzten <em>H&ouml;rensagen<\/em> hinzugeben, wo Google-Algorithmen Recherche und Nachdenken zu ersetzen drohen. Und die <em>Facebookisierung<\/em> der Kommunikation, die von Verk&uuml;rzung und Zuspitzung lebt, mag das echte Erkenntnisinteresse wohl kaum vorantreiben.<\/p><p>Dies alles ist einer aufgekl&auml;rten Demokratie unw&uuml;rdig &ndash; aber da steht der Verfall der Diskurssitten ja nicht als Ausnahme dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Projekt <em>M&uuml;nklerwatch<\/em>, von Studierenden des Professors der Humboldt-Universit&auml;t Berlin ins Leben gerufen, hat medial f&uuml;r Aufmerksamkeit f&uuml;r ein Ph&auml;nomen gesorgt, das sich seit geraumer Zeit im Internet breitmacht. Die Namen wechseln und die Plattformen auch. Manche sogenannte Watchblogs sind online f&uuml;r alle einsehbar, andere existieren nur als Facebook- oder gar &bdquo;geschlossene&ldquo; Facebook-Seite. <\/p>\n<p><em>NSU-Watch, AfD-Watch<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26822\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,126,159],"tags":[1425,1462,1113],"class_list":["post-26822","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-erosion-der-demokratie","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","tag-muenkler-herfried","tag-schiffer-sabine","tag-soziale-medien"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26822","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26822"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26822\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26827,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26822\/revisions\/26827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}