{"id":26846,"date":"2015-07-17T12:19:35","date_gmt":"2015-07-17T10:19:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26846"},"modified":"2015-07-17T14:05:01","modified_gmt":"2015-07-17T12:05:01","slug":"professor-norman-birnbaum-zu-den-aeusserungen-des-designierten-generalstabschefs-der-usa-viel-laerm-um-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26846","title":{"rendered":"Professor Norman Birnbaum  zu den \u00c4u\u00dferungen des designierten Generalstabschefs der USA: Viel L\u00e4rm um nichts."},"content":{"rendered":"<p>Am 13. Juli hatten wir &ndash; mit Sorge &ndash; auf die &Auml;u&szlig;erungen des kommenden Generalstabschefs Dunford im Kongress <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26765\">aufmerksam gemacht<\/a>. Zugleich hatte ich Norman Birnbaum darum gebeten, diese &Auml;u&szlig;erungen &uuml;ber Russland als der gr&ouml;&szlig;ten Bedrohung f&uuml;r die USA zu kommentieren und einzuordnen. Hier ist seine Bewertung, wie immer von Carsten Weikamp einf&uuml;hlsam &uuml;bersetzt. Von Norman Birnbaums Wissen um die Zusammenh&auml;nge kann man auch hier wieder viel lernen. Es w&auml;re sch&ouml;n, wenn er mit seiner Einsch&auml;tzung von Obama und des Vorgangs Dunford Recht h&auml;tte und Recht behalten w&uuml;rde. Das gilt auch f&uuml;r die beiden letzten Abs&auml;tze. Die dort enthaltenen Einsch&auml;tzungen w&uuml;rde ich aus hiesiger Sicht nicht teilen. Die &bdquo;Allianz &hellip;, die urspr&uuml;nglich die Ostpolitik entwickelt hat&ldquo;, ist meines Erachtens mausetot. Leider. Ein Opfer der westlichen Agitation zum Ukraine-Konflikt. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Dissens des neuen Kommandeurs<br>\noder: Viel L&auml;rm um nichts<\/strong><\/p><p>von Norman Birnbaum, Washington, 14. Juli 2015<\/p><p>Im September wird General Joseph Dunford, momentan Kommandeur der Marine-Einheiten, Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff [etwa &ldquo;Generalstab&rdquo;]. General Dunford ist Sohn eines Bostoner Polizisten, der an einem kleinen katholischen College studiert hat, nicht an einer der Milit&auml;rakademien. Er hat zwei Master gemacht, einen an der Georgetown und einen an Tufts Universit&auml;t. In internationalen Angelegenheiten gelten diese beiden Institutionen als halbamtlich. General Dunford steht beispielhaft f&uuml;r die sozialen Aufstiegsm&ouml;glichkeiten, die die Streitkr&auml;fte Personen bieten, die Karriere machen ohne auf die Vorteile famili&auml;rer Beziehungen oder gro&szlig;es Verm&ouml;gen zur&uuml;ckgreifen zu k&ouml;nnen. Er stammt aus der Gruppe irisch-katholischer Einwanderer, welche uns auch die Kennedys und viele kritische und progressive Leute beschert hat. Der General selbst hat bisher keine Anzeichen von Distanz zur vorherrschenden Meinung der amerikanischen au&szlig;enpolitischen Elite gezeigt &ndash; und das, obwohl diese Elite in wesentlichen politischen Streitfragen gespalten ist. Die katholische Gemeinschaft Amerikas erlebt dar&uuml;ber hinaus gewisse Turbulenzen angesichts der Radikalit&auml;t von Papst Franziskus. Es ist unm&ouml;glich, vorherzusagen, wie sehr das den zuk&uuml;nftigen Vorsitzenden beeinflussen wird, aber die M&ouml;glichkeit sollte nicht untersch&auml;tzt werden.<\/p><p>Pr&auml;sident Obama hat General Dunford aufgrund relativ erfolgreicher Leistungen in Afghanistan berufen, ein Friedhof vieler Karrieren, und wegen seiner unmittelbaren Erfahrungen mit der Art Kriegf&uuml;hrung auf schwierigem Gel&auml;nde und mit lokalen Bev&ouml;lkerungen, wie sie f&uuml;r die nahe Zukunft erwartet wird. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Pr&auml;sident geglaubt hat, einen neuen Clausewitz zu bekommen &ndash; oder dass er  &uuml;berhaupt einen solchen wollte. Bei der Befragung durch Republikaner im House Armed Services Committee [etwa &ldquo;Verteidigungsausschuss im Repr&auml;sentantenhaus&rdquo; des US-Kongresses] (eine lautstarke und indirekt aggressive Gruppe) hat der General China und Russland (und Nordkorea) als &ldquo;existentielle&rdquo; Bedrohungen eingestuft. Er hat sich auch f&uuml;r Waffenlieferungen in die Ukraine ausgesprochen. In diesen Fragen weicht er von der offiziellen Linie der Obama-Regierung ab. Das Wei&szlig;e Haus hat erkl&auml;rt, dass der General f&uuml;r sich selbst gesprochen habe, dass der Konsens unter den Beratern des Pr&auml;sidenten ein anderer sei. Au&szlig;enminister Kerry hat erkl&auml;rt, dass die Beziehungen zu China und Russland komplex seien und sowohl Kooperationen als auch Konflikte beinhalteten. Der russische Au&szlig;enminister Lawrow wiederum hat die Gelegenheit genutzt, um sich &uuml;ber die Verf&auml;lschung russischer Absichten zu beklagen, und er brauchte nicht explizit hinzuf&uuml;gen, dass er und Kerry kooperieren m&uuml;ssten, um in Wien ein Abkommen mit dem Iran zu erreichen, auch wenn das sein offensichtlicher Subtext war.<\/p><p>Viele amerikanische Pr&auml;sidenten haben Konflikte mit ihren Admiralen und Gener&auml;len gehabt. Vor langer Zeit trat der erste Kommandeur der Armee der Union, McClellan, bei der Wahl 1864 gegen Lincoln an. Truman musste den legend&auml;ren Kommandeur MacArthur entlassen. Als Pr&auml;sident beklagte sich Eisenhower, dass er, wenn er auf seine Kommandeure h&ouml;ren w&uuml;rde, den Mond zur Festung machen m&uuml;sste. Kennedy hat die Welt vor einem atomaren Holocaust gerettet, indem er w&auml;hrend der Kuba-Krise 1962 nicht auf seine Kommandeure geh&ouml;rt hat. Er gab sp&auml;ter an, 1961 bei der Katastrophe in der Schweinebucht von ihnen in die Irre gef&uuml;hrt worden zu sein. Sie h&auml;tten ihm versichert, dass die Kubaner die S&ouml;hne der fr&uuml;heren Grundbesitzer in den Expeditionstruppen willkommen hei&szlig;en w&uuml;rden und dass die Landung ein Erfolg werden w&uuml;rde. Kennedy erinnerte sich, dass er als Junior-Offizier im Pazifikkrieg direkte Erfahrung mit der Dummheit der Admirale gemacht hatte und dass er in Sachen Kuba niemals auf die Joint Chiefs h&auml;tte h&ouml;ren sollen. Die Joint Chiefs, misstrauisch gegen&uuml;ber Kissinger und Nixon, h&ouml;rten deren Kommunikation ab. Alle nachfolgenden Pr&auml;sidenten (Ford, Carter, Reagan, Bush senior, Clinton, Bush junior und Obama) haben kleinere oder gr&ouml;&szlig;ere Konflikte mit dem Milit&auml;r oder wichtigen Personen und Gruppen aus diesem Kreis gehabt.<\/p><p>General Dunfords Aussagen vor dem Parlamentsausschuss waren im Grunde geschickte Ausweichman&ouml;ver angesichts der Versuche der Republikaner, ihn dazu zu bringen, Obama als inkompetent und schwach zu kritisieren. Seine Bemerkungen zu China und Russland verband er mit der Warnung an den Ausschuss, &Uuml;berlegungen zur Reduzierung des Budgets der Streitkr&auml;fte zur&uuml;ckzustellen. Es gibt allerdings durchaus Republikaner, denen bewusst ist, dass das Budget der Streitkr&auml;fte unkontrollierbar ist und ansteigt egal wie die strategische Situation des Landes ist.<\/p><p>Der Vorsitzende der Joint Chiefs ist nicht nur der h&ouml;chste milit&auml;rische Berater, er ist auch der offizielle Sprecher des Milit&auml;rs gegen&uuml;ber dem Kongress und der Nation als ganzer. Der Kalte Krieg und seine komplizierten Fortsetzungen haben das amerikanische Milit&auml;r zu einem Staat im Staate werden lassen. Seine politische Autonomie ist sehr gro&szlig;. Nach innen ringen Army, Navy, Air Force und Marines um ihre Programme f&uuml;r Truppenst&auml;rke und Bewaffnung. Verteidigungsminister kommen und gehen (der aktuelle, Ashton Carter, ist schon Obamas vierter), aber Generationen von Obersten und Kapit&auml;nen werden zu Gener&auml;len und Admiralen und ziehen sich ihre Nachfolger nach ihrem Bild heran. Die Idee unumstrittener Kontrolle des Milit&auml;rs durch die zivile Regierung ist mit dem Anfang des Kalten Krieges ausgelaufen und f&uuml;hrt seitdem eine unbest&auml;ndige und gebrochene Existenz.<\/p><p>General Dunford wird Obama 17 Monate dienen und dessen Nachfolger  weitere sieben Monate, dann muss er wieder neu ernannt werden oder ausscheiden. Noch vor September muss er von der republikanischen Mehrheit im Senat best&auml;tigt werden. Es ist deshalb nicht &uuml;berraschend, dass er im Moment versucht, sein Profil als in gewissem Ma&szlig;e unabh&auml;ngig zu etablieren. Seine Einsch&auml;tzung Chinas und Russlands und Nordkoreas als gro&szlig;e und anhaltende Bedrohungen ist auch ein Aufruf zu Ausgaben f&uuml;r unterschiedliche neue Waffensysteme, f&uuml;r die Aufrechterhaltung der Flotte von Flugzeugtr&auml;gern der Navy, f&uuml;r die Beibehaltung der klassischen Panzer- und Infanterie-Einheiten. Das Marine Corps selbst ben&ouml;tigt eine mit sehr hohen Kosten verbundene Erneuerung seiner Amphibien-Landungsfahrzeuge. General Dunford positioniert sich als Unterst&uuml;tzer des Verteidigungsministers nicht im Kampf gegen China oder Russland sondern gegen andere Ministerien um das Budget im Haushaltsplan.<\/p><p>Die Bemerkungen, die in Deutschland f&uuml;r Diskussionen gesorgt haben, sind hier als allt&auml;glich aufgenommen worden und die Antworten des Wei&szlig;en Hauses und des Au&szlig;enministeriums als vorhersehbar. Der Pr&auml;sident hat vom scheidenden Kommandeur, Armeegeneral Dempsey, sehr viel &ouml;ffentliche R&uuml;ckendeckung f&uuml;r seine Politik erwartet und auch bekommen. Im speziellen hat Dempsey unerm&uuml;dlich die Fantasien nationaler Allmacht bel&auml;chelt, die von den Republikanern propagiert werden. Er ist auch wiederholt nach Jerusalem gefahren, um die israelischen Befehlshaber in ihrer Entscheidung zu unterst&uuml;tzen, den Iran nicht anzugreifen, und damit Netanjahu in die Defensive zu dr&auml;ngen. Das Atomwaffen-Abkommen mit dem Iran trifft im Kongress auf eine feindselige Mehrheit, die sich zum Teil aus Israel-Unterst&uuml;tzern und zum Teil aus echten Anh&auml;ngern amerikanischer Hegemonie zusammensetzt. Der Pr&auml;sident braucht in diesem Fall nur ein Drittel des Senats, um sich weiter der Opposition des Kongresses gegen das Abkommen verweigern zu k&ouml;nnen. Der Gro&szlig;teil der Diskussion, die unsere breiten nationalen Reserven von Ignoranz und Dummheit mobilisiert, wird bereits stattfinden, bevor Dunford sein Amt antritt. Es ist unm&ouml;glich, ihn sich an der Seite der Gegenspieler des Pr&auml;sidenten vorzustellen. In einer Reihe von Kriegssimulationen eines hypothetischen Konflikts im Persischen Golf haben Marineoffiziere, die als Sachverst&auml;ndige fungierten, befunden, dass die Iraner die US Navy besiegen w&uuml;rden &ndash; eine Prognose, die General Dunfords Aufmerksamkeit nicht entgangen sein kann.<\/p><p>In Bezug auf das Abkommen mit dem Iran w&uuml;rde es Obamas europ&auml;ischen Kritikern gut zu Gesicht stehen, sich den Mut, die Klarheit und die Beharrlichkeit des Pr&auml;sidenten vor Augen zu f&uuml;hren, mit denen er es erzielt hat. Er hat der amerikanischen Israel-Lobby eine heftige und unerwartete Niederlage zugef&uuml;gt, die deren Einfluss wahrscheinlich dauerhaft verringern wird. Was die Beziehungen zu Russland angeht, muss man den Griff des Pr&auml;sidenten zu Sanktionen und &ouml;ffentlicher Kritik an Putin mehr als bedauern. Seine Taten sind jedoch ziemlich verhalten: Es ist &auml;u&szlig;erst unwahrscheinlich, dass die 5.000 US-Soldaten, die er in leicht gepanzerten Fahrzeugen zum Picknick in die baltischen Staaten und nach Polen entsendet hat, auf Putin oder auch nur auf dessen Hund besonderen Eindruck machen. Den permanenten Kavallerieangriff des polnischen Au&szlig;enministers nach Osten scheint man in Amerika weitestgehend als einen Film aus dem Jahre 1939 anzusehen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit der Au&szlig;enminister Kerry und Lawrow l&auml;sst eher eine neue Phase der Beziehungen zu Russland vorausahnen.<\/p><p>Wenn signifikante Teile der deutschen Meinung Einfluss auf die amerikanische Politik in Europa nehmen m&ouml;chten, stehen ihnen unterschiedliche M&ouml;glichkeiten offen. Soweit ich das aus Washington erkennen kann, ist die Allianz aus preu&szlig;ischen Eliten, Protestanten und Sozialdemokraten, die urspr&uuml;nglich die Ostpolitik entwickelt hat, nicht tot &ndash; sie schl&auml;ft nur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 13. Juli hatten wir &ndash; mit Sorge &ndash; auf die &Auml;u&szlig;erungen des kommenden Generalstabschefs Dunford im Kongress <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26765\">aufmerksam gemacht<\/a>. Zugleich hatte ich Norman Birnbaum darum gebeten, diese &Auml;u&szlig;erungen &uuml;ber Russland als der gr&ouml;&szlig;ten Bedrohung f&uuml;r die USA zu kommentieren und einzuordnen. Hier ist seine Bewertung, wie immer von Carsten Weikamp einf&uuml;hlsam &uuml;bersetzt. 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