{"id":2690,"date":"2007-10-12T08:54:34","date_gmt":"2007-10-12T06:54:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2690"},"modified":"2015-12-17T15:17:04","modified_gmt":"2015-12-17T14:17:04","slug":"der-menschenverachtende-populismus-der-hartz-iv-hardliner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2690","title":{"rendered":"Der menschenverachtende Populismus der Hartz-IV-Hardliner"},"content":{"rendered":"<p>Die Argumentation der Hardliner f&uuml;r die Beibehaltung der bisherigen Hartz-IV-Regelung basiert auf einer ziemlich menschenverachtenden Haltung gegen&uuml;ber Arbeitlosen. Die angeblichen empirischen Evidenzen, wonach eine Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I zu einer Verl&auml;ngerung der Arbeitslosigkeit f&uuml;hre, dass die Sozialkassen zus&auml;tzlich belastet, die sog. Lohnnebenkosten oder die Steuerbelastungen erh&ouml;ht w&uuml;rden, sind sachlich schlicht falsch.<br>\nDer Vorwurf des Populismus f&auml;llt auf die Verfechter der Agenda zur&uuml;ck. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDie Verfechter von Hartz IV halten eine Verk&uuml;rzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf 12 Monate und auf 18 Monate ab dem 55. Lebensjahr f&uuml;r richtig und unverzichtbar.<\/p><ol>\n<li>Weil dies Begrenzung &bdquo;starke Anreize&ldquo; geschaffen habe, wieder eine Erwerbsarbeit anzunehmen. Jeder Monat, den jemand im Vertrauen auf seine Absicherung verstreichen lasse, minimiere die Aussichten eines Arbeitslosen markant. Zudem habe die fr&uuml;here Regelung die Fr&uuml;hverrentung gef&ouml;rdert. <\/li>\n<li>Die Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer in den neunziger Jahren habe deshalb zu einer dauerhaften Verl&auml;ngerung der Arbeitslosigkeit gef&uuml;hrt und <\/li>\n<li>die Sozialkassen zu stark belastet, <\/li>\n<li>die Lohnnebenkosten erh&ouml;ht oder <\/li>\n<li>zu h&ouml;heren Steuern gef&uuml;hrt.<\/li>\n<\/ol><p>Hartz IV habe gewirkt. Das zeige sich darin, dass sich die Besch&auml;ftigungsquote der &uuml;ber 55-J&auml;hrigen seit dem Jahr 2000 um 10 Prozent erh&ouml;ht habe, sich weniger Menschen dieser Altersgruppe arbeitslos meldeten und die Arbeitslosenquote &Auml;lterer sinke. Sie seien die Hauptgewinner des Aufschwungs. &Auml;ltere Menschen arbeiteten wieder l&auml;nger, d.h. sie gingen sp&auml;ter in Rente<\/p><p>So argumentierte auch Arbeitsminister M&uuml;ntefering in seiner Regierungserkl&auml;rung vom 11.10.07: Die Erfolge bei der Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit seien sichtbar. Im September sei die Arbeitslosigkeit so niedrig gewesen wie seit zw&ouml;lf Jahren nicht mehr. &ldquo;Wann k&ouml;nnen wir in Deutschland eigentlich von einem Erfolg der politischen Arbeit sprechen, wenn nicht an dieser Stelle?&rdquo; Die Anstrengungen zahlten sich aus, <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/nn_774\/Content\/DE\/Artikel\/2007\/10\/2007-10-11-regierungserklaerung-muentefering.html\">Deutschland sei auf einem guten Wege.<\/a><\/p><p>Der zum Saulus rekonvertierte Hans-Ulrich J&ouml;rges hat diese Position der Hartz-IV Verfechter im <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/599414.html\">stern<\/a> so zusammengefasst:<\/p><blockquote><p>Wer l&auml;nger als ein Jahr ohne Job ist, verliert den Anschluss im Beruf, versinkt in Depression, gilt als Ramschware auf dem Arbeitsmarkt. Die k&uuml;rzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes, so hart das f&uuml;r den Betroffenen auch erscheinen mag, erzeugt hingegen Druck, sich rasch selbst nach neuer Besch&auml;ftigung umzutun. Und sie bietet keinen Anreiz mehr, &Auml;ltere auf Kosten der Solidargemeinschaft in die Fr&uuml;hrente abzuschieben. Das hat Wirkung, sichtbar. Ende 2002 hatten nur 35,5 Prozent der &uuml;ber 50-J&auml;hrigen einen Job, Ende 2006 waren es schon 39,8 Prozent. Die Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer auf 24 Monate hingegen macht die Fr&uuml;hpensionierung wieder reizvoll &ndash; f&uuml;r die &Auml;lteren wie f&uuml;r die Arbeitgeber. Und sie untergr&auml;bt die Rente mit 67.<\/p><\/blockquote><p>Die Vorschl&auml;ge Becks zur Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes w&uuml;rden diese Erfolge wieder zunichte mache, sie seien allenfalls soziale Wohltaten, die einem falsch verstandenen Gerechtigkeitsgef&uuml;hl folgten, und sie erh&ouml;hten die Sozialkosten. Beck kehre zu &bdquo;alten Ufern&ldquo; (Steinbr&uuml;ck) zur&uuml;ck.<\/p><p>Soweit das Trommelfeuer der Agenda-Hardliner, das die minimale Verl&auml;ngerung des Bezugs des Arbeitslosengeldes f&uuml;r &uuml;ber 45-J&auml;hrige um gerade mal bis zu 3 Monate und f&uuml;r &uuml;ber 50-Jahre um bis zu 12 Monate ausgel&ouml;st hat. (F&uuml;r &uuml;ber 55-J&auml;hrige bedeutet dies jedoch wiederum nur eine Verl&auml;ngerung um 6 Monate, da sie bisher schon bisher das Arbeitslosengeld I bis zu 18 Monaten beziehen konnten.) <\/p><p>Gehen wir den Argumenten einmal nach:<\/p><p><strong>Zu 1.: Hartz schaffe starke Anreize zur Wiederaufnahme von Arbeit<\/strong><\/p><p>Welches Menschenbild hinter diesem &bdquo;Anreizsystem&ldquo; der Hartz IV-Verfechter steht, soll hier nicht im Vordergrund der Er&ouml;rterung liegen. Dazu nur so viel: Das Tarnwort &bdquo;Anreiz&ldquo; m&uuml;sste ehrlicherweise mit Bedrohung, und zwar sogar mit existenzieller &ouml;konomischer Bedrohung f&uuml;r die Arbeitsplatzbesitzer und mit Druck oder Erpressung f&uuml;r die in Arbeitslosigkeit Gefallenen, &uuml;bersetzt werden. <\/p><p>Bei genauerer Betrachtung unterliegt dem gesamten Wirkungsmechanismus von Hartz IV &ndash; von der Verk&uuml;rzung der Bezugsdauer des noch halbwegs ausk&ouml;mmlichen Arbeitslosengeldes, &uuml;ber den Sanktionskatalog f&uuml;r Alg I-Empf&auml;nger bis hin zur Arbeitspflicht in Ein-Euro-Jobs &ndash; der Grundgedanke, dass Arbeitslose, wenn sie innerhalb von 12 bzw. 18 Monaten keinen Arbeitsplatz bekommen, letztlich zu wenig oder gar kein Arbeitsethos bes&auml;&szlig;en. <\/p><p>Menschen ohne Arbeit w&auml;hlten (in der Sprache der neoklassischen Arbeits&ouml;konomen) lieber &bdquo;Freizeit&ldquo; statt Arbeit, sie gelten als M&uuml;&szlig;igg&auml;nger oder (vulg&auml;r ausgedr&uuml;ckt) einfach als Faulenzer oder gar Schmarotzer, die man, statt dass sie &bdquo;in der sozialen H&auml;ngematte&ldquo; liegen bleiben, &bdquo;fordern&ldquo; muss, um jede angebotene Stelle zu jedem angebotenen Preis anzunehmen. F&uuml;rsorgliches Denken sei falsch, weil es Arbeitslose abh&auml;ngig mache und entm&uuml;ndige, ja sogar in &bdquo;Depression&ldquo; versinken lasse (J&ouml;rges).<br>\nKurz: Alle, die l&auml;ngere Zeit arbeitslos sind, m&uuml;sse man durch massiven Druck zu Arbeit zwingen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.<\/p><p>Dieses Menschenbild und die sich daraus ableitende Gesellschaftsphilosophie, dass Arbeitslosigkeit kein Versagen der herrschenden &ouml;konomischen Lehre und schon gar nicht ein Scheitern der vorherrschenden Wirtschaftspolitik ist, hat sich, wie gerade die Debatte um die Beckschen Vorschl&auml;ge zeigt, in der Politik und in den Medien weitgehend durchgesetzt. <\/p><p>Niemand kann bestreiten, dass es unter den Arbeitslosen auch Menschen geben wird, die nicht mehr in Erwerbsarbeit wollen oder k&ouml;nnen &ndash; schon gar nicht zu Hungerl&ouml;hnen.<\/p><p>Die gro&szlig;e Masse der etwa durch die Massenentlassungen der letzten Jahre &bdquo;freigesetzten&ldquo; Arbeitnehmer als Dr&uuml;ckeberger und Sozialschmarotzer zu stigmatisieren, bringt jedoch erkennbar eine soziale Ausgrenzung und Spaltung der Gesellschaft, die Diskriminierung von Millionen von Menschen und den Aufbau von Feindbildern mit sich.<br>\nDiese Stigmatisierung ist nicht mehr und nicht weniger als ein zynisches Ablenkungsman&ouml;ver von dem einzigen harten Faktum, dass f&uuml;r die hohe Arbeitslosigkeit unmittelbar urs&auml;chlich ist, n&auml;mlich dass es zu wenig Arbeitsplatzangebote im Vergleich zur Nachfrage nach Arbeitspl&auml;tzen gibt. Das gilt auch in der jetzigen Situation, wo die Zahl der offenen Stellen immer noch weit unter der Zahl der Arbeitsuchenden liegt. (Von den etwa sieben Millionen prek&auml;r Besch&auml;ftigten, die nach einem regul&auml;ren Arbeitsplatz suchen, gar nicht erst zu sprechen.)<\/p><p>Die Schuldverlagerung auf die Arbeitslosen folgt einer b&ouml;sartigen S&uuml;ndenbock-Taktik, bei der das Versagen von Wirtschaft und Politik auf die von diesem Versagen Betroffenen abgeladen wird.<br>\nDieses Menschen- und Gesellschaftsbild hat nicht mehr viel gemein mit der &bdquo;W&uuml;rde des Menschen&ldquo;, wie sie als elementarer Grundwert in unserer Verfassung verankert ist, und noch weniger zu tun mit dem Sozialstaatsgedanken, der die Gemeinschaft durch den Staat verpflichtet, Menschen vor (unverschuldeten) Schicksalsschl&auml;gen zu sichern und zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>Alle Beobachtungen und alle Untersuchungen zeigen, dass langanhaltende Arbeitslosigkeit und die Misserfolgserlebnisse bei der Suche nach Arbeit das Selbstwertgef&uuml;hl der meisten Menschen stark belasten und zu physischen und psychischen Sch&auml;digungen f&uuml;hren. <\/p><p>Ist es f&uuml;r diese Menschen aber eine Hilfe, wenn man sie m&ouml;glichst rasch in die Bed&uuml;rftigkeit und in das soziale Existenzminimum fallen l&auml;sst? Baut es die Arbeitskraft dieser Menschen wieder auf, wenn man ihnen durch Sanktionskataloge und &Uuml;berwachung das Selbstwertgef&uuml;hl vollends raubt? Ist der Zwang zu &bdquo;Arbeitsgelegenheiten&ldquo; mit minimalem Zubrot und kaum einer Aussicht auf Integration in den Arbeitsmarkt wirklich ein Mittel zur Erhaltung von Arbeitsbef&auml;higung? Ist die Ein&uuml;bung von &ldquo;Arbeit&rdquo; (&bdquo;workfare&ldquo;) unter unmittelbarem Zwang durch den Staat tats&auml;chlich nicht sogar eher hinderlich f&uuml;r einen erfolgreichen Wiedereinstieg in ein <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/26\/26359\/1.html\">selbstbewusstes Arbeitsleben<\/a>?<\/p><p>Der allergr&ouml;&szlig;te Teil dieses Workfare-Instrumentariums dient zu nichts anderem als Menschen so klein zu kriegen, dass sie jede Arbeit annehmen sollen, zu jedem Preis und unter allen Umst&auml;nden.<\/p><p>Es ist empirisch nicht zu bestreiten, dass je l&auml;nger die Arbeitslosigkeit dauert, desto weniger Arbeitgeber bereit sind, diese Menschen einzustellen. Statt aber Arbeitslose durch Umschulungs- und Trainingsma&szlig;nahmen wieder &ndash; wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t &ndash; fit zu halten oder zu machen oder notwendigenfalls durch einen &bdquo;Dritten Arbeitsmarkt&ldquo; wieder in eine sinnerf&uuml;llte (ordentlich bezahlte) Besch&auml;ftigung zu bringen, hat die Bundesagentur die <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-4375373B\/hbs\/hs.xsl\/32014_88544.html\">Ma&szlig;nahmen f&uuml;r die Langzeitarbeitslosen in den letzten Jahren dramatisch abgebaut<\/a> und lieber &Uuml;bersch&uuml;sse erzielt, die in die Senkung von Lohnnebenkosten oder direkt in die Staatskasse flossen.<\/p><p>Ist es tats&auml;chlich so, dass die Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes die Fr&uuml;hverrentung f&ouml;rdert?<\/p><p>Die bis zum 31. Dezember 2007 geltende sog. &bdquo;58er-Regelung&ldquo;, also die Wahlm&ouml;glichkeit f&uuml;r 58-j&auml;hrige und &auml;ltere Arbeitslose, sich als Arbeitslose und Arbeitsuchende registrieren zu lassen oder eine Fr&uuml;hrente zu beantragen (&sect; 65 Abs. 4 SGB II und &sect; 428 SGB III), galt v&ouml;llig unabh&auml;ngig von Hartz IV. Sie wurde eingef&uuml;hrt, um den Arbeitgebern Massenentlassungen zu erleichtern und den Widerstand der Arbeitnehmer dagegen politisch abzufedern (&bdquo;Niemand f&auml;llt ins Bergfreie&ldquo; hie&szlig; es damals doch). Die Sorge vor Massenprotesten scheint offenbar inzwischen weggefallen zu sein, denn diese Wahlm&ouml;glichkeit soll k&uuml;nftig entfallen. <\/p><p>Durch den Wegfall dieser Wahlm&ouml;glichkeit werden aber k&uuml;nftig &auml;ltere Arbeitslose, die vom Alg I ins Alg II fallen, sogar in die Fr&uuml;hverrentung gezwungen, und das mit Abschl&auml;gen bis zu 18 Prozent.<\/p><p><em>(Erl&auml;uterung: Nach &sect; 5 SGB II gilt bisher folgende Regelung:<\/em><\/p><p>Personen, die das 58. Lebensjahr vollendet haben, k&ouml;nnen gem&auml;&szlig; &sect; 65 Abs. 4 SGB II Leistungen unter entsprechender Anwendung des &sect; 428 SGB III erhalten. In diesen F&auml;llen ist der Hilfebed&uuml;rftige nur dann aufzufordern, einen Rentenantrag zu stellen, wenn die Voraussetzungen f&uuml;r eine ungeminderte Rente vorliegen. Diese Regelung ist auf Anspr&uuml;che,<br>\ndie vor dem 1.1.2008 entstehen, befristet. Unter dem Aspekt der Gleichbehandlung sind auch Leistungsbezieher, die das 58. Lebensjahr vollendet haben bzw. w&auml;hrend des Bezuges von Arbeitslosengeld II vollenden und von der M&ouml;glichkeit des Leistungsbezuges unter erleichterten<br>\nBedingungen keinen Gebrauch machen, nicht auf die Beantragung einer geminderten <a href=\"http:\/\/www.arbeitsagentur.de\/zentraler-Content\/A01-Allgemein-Info\/A015-Oeffentlichkeitsarbeit\/Publikation\/pdf\/Gesetzestext-5-SGB-II-Verhaeltnis-and-Leistungen.pdf\">Altersrente zu verweisen [PDF &ndash; 44 KB]<\/a>.<br>\nEntf&auml;llt diese Regelung zum Jahresende, so bedeutet das m.E. im Umkehrschluss, dass der &bdquo;Hilfsbed&uuml;rftige&ldquo; (will sagen Alg II-Empf&auml;nger) mit vollendetem 58. Lebensjahr einen Rentenantrag auch dann stellen muss, wenn die Vorraussetzung auch nur einer geminderten Rente vorliegen.<br>\nBis zum Beweis des Gegenteils halte ich diese These aufrecht.)<\/p><p>Die Behauptung, eine Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes I w&uuml;rde die Fr&uuml;hverrentung f&ouml;rdern ist falsch. Das Gegenteil trifft zu: Bei einer Verl&auml;ngerung w&uuml;rden die Bezieher erst sp&auml;ter in die Fr&uuml;hverrentung fallen und w&uuml;rden &ndash; wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t &ndash; dem Arbeitsmarkt noch zur Verf&uuml;gung stehen.<\/p><p><strong>Zu 2.: Die Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes in den neunziger Jahren habe zu einer dauerhaften Verl&auml;ngerung der Arbeitslosigkeit gef&uuml;hrt.<\/strong><\/p><p>Auch hier trifft das Gegenteil dieser Behauptung zu:<br>\nDie Arbeitslosengeldregelung wurde Anfang 1985 erstmals ge&auml;ndert &ndash; wer 49 war und arbeitslos wurde, bekam 18 Monate Unterst&uuml;tzung. Von Mitte 1987 an bekamen Jobsuchende &uuml;ber 55 die Unterst&uuml;tzung bis zu maximal 32 Monate. Diese Verl&auml;ngerung wurde damals durch Arbeitsminister Bl&uuml;m durchgesetzt, weil <a href=\"http:\/\/www.pub.arbeitsamt.de\/hst\/services\/statistik\/aktuell\/iiia4\/laender_heft_1990d.pdf\">von 1980 bis 1985 die Arbeitslosenzahl bedrohlich schnell von knapp 900.000 (3,8 Prozent) l auf &uuml;ber 2,3 Millionen (9,3 Prozent) angestiegen war [PDF &ndash; 116 KB]<\/a>. Voraussetzung und Folge waren also gerade umgekehrt.<br>\nDie Arbeitslosigkeit ist dann in den fr&uuml;hen 90er Jahren durch den Einigungsboom eher wieder gefallen und erst durch das unsinnige Abbremsen der Konjunktur durch die dramatische Zinserh&ouml;hung der Bundesbank wieder gestiegen.<\/p><p>Der Verlauf der Arbeitslosenstatistik weist einen eindeutigen Zusammenhang mit dem Konjunkturverlauf auf, was sich zuletzt um die Jahrtausendwende zeigte, wo bei h&ouml;herem <a href=\"http:\/\/www.pub.arbeitsamt.de\/hst\/services\/statistik\/aktuell\/iiia4\/laender_heftd.pdf\">Wirtschaftswachstum die Arbeitslosenquote wieder nach unten ging [PDF &ndash; 136 KB]<\/a>.<br>\nEine Korrelation zwischen der Bezugdauer der Arbeitslosengeldes und der Arbeitslosenquote und der Dauer der Arbeitslosigkeit herzustellen ist v&ouml;llig willk&uuml;rlich und geradezu abenteuerlich.<\/p><p><strong>Zu 3. und 4.: Die Sozialkassen w&uuml;rden belastet und die Lohnnebenkosten erh&ouml;ht<\/strong><\/p><p>Nach Berechnungen von Kurt Beck w&uuml;rde sein Vorschlag einer relativ geringf&uuml;gigen Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes I (das ja von der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit bezahlt wird) rund 800 Millionen kosten. Selbst wenn &ndash; wie manche sagen &ndash; dieser Betrag deutlich &uuml;ber eine Milliarde ausmachen w&uuml;rde, k&ouml;nnte diese Summe locker aus den &Uuml;bersch&uuml;ssen der Bundesagentur finanziert werden.<br>\n2006 erzielte N&uuml;rnberg einen &Uuml;berschuss von 11,2 Milliarden Euro. Trotz der Beitragssenkung von 6,5% auf 4,2% um 2,3 Prozentpunkte bei der Arbeitslosenversicherung werden auch in diesem Jahr weitere &Uuml;bersch&uuml;sse von eher mehr als 5 Milliarden erwartet. Selbst mit der schon beschlossenen weiteren Beitragssenkung von 4,2 auf 3,9% k&ouml;nnte der Becksche Vorschlag problemlos finanziert werden, ohne dass die sog. Lohnnebenkosten sich erh&ouml;hen w&uuml;rden.<br>\n(Einmal ganz abgesehen davon, dass die Lohnnebenkosten ohnehin nur ein <a href=\"?p=2101\">Mythos<\/a> der neoliberalen Reformer sind.)<\/p><p><strong>Zu 5. Die Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes I f&uuml;hre zu h&ouml;heren Steuern<\/strong><\/p><p>Auch dieses Argument ist falsch, und auch hier trifft das Gegenteil zu.<br>\nDas Arbeitslosengeld I wird aus Beitr&auml;gen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziert. Das Arbeitslosengeld II (nach Abzug des verfassungsrechtlich bedenklichen Aussteuerungsbetrages, den die Bundesagentur aus den Beitr&auml;gen an den Fiskus zu bezahlen hat) aus Steuermitteln.<br>\nEine Verl&auml;ngerung des aus Versicherungsbeitr&auml;gen finanzierten Alg I w&uuml;rde somit den Fiskus eher entlasten.<\/p><p>Ja noch mehr: Durch die derzeitige Finanzierungsstruktur ist ein <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-4375373B\/hbs\/hs.xsl\/32014_88544.html\">&bdquo;institutioneller Egoismus&ldquo;<\/a> geschaffen worden. D.h. die Leistungspolitik der BA zielt aus finanziellem Eigeninteresse darauf ab, &ldquo;den Ressourceneinsatz so anzulegen, dass dessen Wirkung noch innerhalb der Bezugsdauer von ALG I eintritt&rdquo;, denn nur wenn sie viele Arbeitslosengeld I-Bezieher wieder in den Arbeitsmarkt bringt, spart die Bundesagentur Geld. Und in der Tat ist belegt worden, dass die Bundesagentur ihre Anstrengungen mehr und mehr auf die Arbeitslosengeld-I-Empf&auml;nger konzentriert und gerade die Alg II- Empf&auml;nger, also die Langzeitarbeitslosen, eher vernachl&auml;ssigt wurden.<br>\nW&uuml;rde also das Arbeitslosengeld I f&uuml;r &Auml;ltere ein wenig verl&auml;ngert, w&uuml;rde der Finanzierungsmodus eher dazu f&uuml;hren, dass sich die Arbeitsagentur l&auml;nger und intensiver gerade auch um diese k&uuml;mmern w&uuml;rde, als wenn sie rascher in die vom Bund finanzierte Grundsicherung nach Alg II fallen w&uuml;rden.<\/p><p>P.S.:<br>\nGest&uuml;tzt auf eine zur rechten Zeit (im Oktober) ver&ouml;ffentlichten Brosch&uuml;re der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit zur <a href=\"http:\/\/www.pub.arbeitsamt.de\/hst\/services\/statistik\/000100\/html\/sonder\/broschuere_aeltere_2007.pdf\">&bdquo;Situation von &Auml;lteren auf dem Arbeitsmarkt&ldquo; [PDF &ndash; 180 KB]<\/a> wird in der derzeitigen Debatte &uuml;ber die hier abgehandelten Argumente hinaus viel- und vollmundig darauf verwiesen, wie sehr doch gerade &auml;ltere Arbeitnehmer von den Hartz-Gesetzen profitiert h&auml;tten. Die Arbeitslosenquote &uuml;ber 55-J&auml;hrigen sinke und ihre Besch&auml;ftigungsquote habe sich rasant erh&ouml;ht.<br>\nMit diesen Argumenten und dieser Propagandaschrift der Bundesagentur f&uuml;r die Hartz-IV-Verfechter werde ich mich in einem n&auml;chsten Beitrag auseinandersetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Argumentation der Hardliner f&uuml;r die Beibehaltung der bisherigen Hartz-IV-Regelung basiert auf einer ziemlich menschenverachtenden Haltung gegen&uuml;ber Arbeitlosen. Die angeblichen empirischen Evidenzen, wonach eine Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I zu einer Verl&auml;ngerung der Arbeitslosigkeit f&uuml;hre, dass die Sozialkassen zus&auml;tzlich belastet, die sog. Lohnnebenkosten oder die Steuerbelastungen erh&ouml;ht w&uuml;rden, sind sachlich schlicht falsch.<br \/> Der Vorwurf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2690\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,140,123],"tags":[745,308,406,251,301,307,389],"class_list":["post-2690","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-erwerbstaetige","tag-existenzminimum","tag-joerges-hans-ulrich","tag-muentefering-franz","tag-rentenalter","tag-sanktionen","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2690","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2690"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2690\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29618,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2690\/revisions\/29618"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2690"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2690"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2690"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}