{"id":26908,"date":"2015-07-23T10:01:42","date_gmt":"2015-07-23T08:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26908"},"modified":"2015-07-23T13:45:03","modified_gmt":"2015-07-23T11:45:03","slug":"hat-russland-sich-die-fussball-weltmeisterschaft-gekauft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26908","title":{"rendered":"Hat Russland sich die Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft gekauft?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man Samstag die Qualifikations-Gruppen der Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft 2018 in St. Petersburg ausgelost werden, bietet sich den deutschen Medien wieder eine &bdquo;hervorragende&ldquo; M&ouml;glichkeit, Russland als zutiefst korruptes Land darzustellen. DFB-Pr&auml;sident Niersbach hat bereits &ouml;ffentlichkeitswirksam angek&uuml;ndigt, der Veranstaltung fern zu bleiben. L&auml;chelnd und h&auml;ndchenhaltend zusammen mit Sepp Blatter f&uuml;r Fotos zu posieren, ist f&uuml;r Niersbach jedoch kein Problem. Wenn es um Bestechungen bei der WM-Vergabe geht, wird Russland immer wieder in einem Atemzug mit Katar genannt, wo 2022 die WM stattfinden wird. Das ist erstaunlich. W&auml;hrend es zahlreiche sehr &uuml;berzeugende Hinweise und Beweise f&uuml;r Bestechungen durch Katar gibt, ist dies bei der WM-Vergabe an Russland nicht der Fall. Aber was interessieren denn schon die Fakten, wenn es darum geht, Stimmung zu machen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Am 10. August erscheint mein neues Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/der-kick-des-geldes-oder-wie-unser-fussball-verkauft-wird-jens-berger.html#.VbCONGAiO-g\">Der Kick des Geldes oder wie unser Fu&szlig;ball verkauft wird<\/a>&ldquo; im Westend-Verlag. Im Buch geht es nicht &bdquo;nur&ldquo; um das Thema FIFA\/Korruption, sondern auch um Millionengeh&auml;lter, Milliardenvertr&auml;ge mit Ausr&uuml;stern, Sponsoren und TV-Anstalten, Milliardenschulden, um die immer grotesker werdende Kommerzialisierung, um staatliche Subventionen f&uuml;r eine auf Rendite getrimmte Profisportart und um die bedrohte gesellschaftliche Teilhabe und die schwindende Demokratie im Fu&szlig;ball.<\/em><\/p><p>Die Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wurden zum ersten Mal in der Geschichte parallel vergeben. F&uuml;r 2018 kamen nach dem Rotationsprinzip der Fifa nur die Europ&auml;er, f&uuml;r 2022 nur Asien, Ozeanien und Nordamerika infrage. &Uuml;ber die Vergabe der WM 2022 an Katar wurde viel geschrieben, Einzelheiten der Vergabe der WM 2018 an Russland sind jedoch weitestgehend unbekannt. Neben Russland kandidierten noch das Duo Spanien und Portugal, das Duo Niederlande und Belgien und England. Die Niederlande und Belgien hatten bereits 2000 die Europameisterschaft ausgetragen, die ebenfalls im Jahre 2004 von Portugal ausgetragen wurde. Da die internationalen Fu&szlig;ball-Verb&auml;nde Wert auf Rotation legen, galten die beiden Duos damit von vorn herein als krasse Au&szlig;enseiter. Hinzu kam beim Duo Spanien\/Portugal, dass die Finanzierung wegen der Eurokrise mehr als zweifelhaft erschien. Der eigentlich aussichtsreichste Konkurrent von Russland war somit England.<\/p><p>Was genau die Engl&auml;nder falsch gemacht haben, ist unbekannt &ndash; hinter den Kulissen ist jedoch von &bdquo;Arroganz&ldquo; und &bdquo;Hochn&auml;sigkeit&ldquo; die Rede.  England schied jedenfalls f&uuml;r viele &uuml;berraschend bereits in der ersten Abstimmungsrunde mit lediglich zwei von 22 m&ouml;glichen Stimmen aus. In der zweiten Runde entschied dann Russland mit 13 Stimmen die Vergabe erwartungsgem&auml;&szlig; f&uuml;r sich &ndash; Spanien\/Portugal bekam sieben, Niederlande\/Belgien zwei Stimmen. Eine gro&szlig;e &Uuml;berraschung war der Sieg Russlands somit nicht, schlie&szlig;lich hatte Russland und vormals die Sowjetunion noch nie ein internationales Fu&szlig;ballturnier ausgetragen und war somit gem&auml;&szlig; der Vergabelogik endlich an der Reihe.<\/p><p>Wenn es um die WM-Vergabe geht, wird Russland stets in einem Atemzug mit der skandal&ouml;sen WM-Vergabe an Katar genannt. Warum? In Russland gibt es kein W&uuml;stenklima, Russland hat anders als Katar eine gro&szlig;e Fu&szlig;balltradition und in Russland sterben auch keine Tausende Arbeiter auf den WM-Baustellen. Sicher, in puncto Menschenrechte ist auch Russland kein Vorbild. Dies hat &ndash; um es zynisch auszudr&uuml;cken &ndash; bei der WM-Vergabe jedoch noch nie eine Rolle gespielt. Die erste WM in Europa fand 1934 in Mussolinis Italien statt, 1978 durfte die argentinische Milit&auml;rjunta die WM veranstalten &ndash; dagegen, und auch im Vergleich zu Katar, ist Russland sogar ein Hort der Menschenrechte. Aber darum geht es bei der Kritik ja auch nur am Rande. Russland soll vielmehr &ndash; ebenso wie Katar &ndash; die Fifa-Funktion&auml;re bestochen haben, um die WM zu bekommen. Stimmt das?<\/p><p>Diese Frage l&auml;sst sich nat&uuml;rlich ohne Einblick in die Kontoausz&uuml;ge s&auml;mtlicher Fifa-Funktion&auml;re nicht sicher beantworten. Es gibt jedoch bei der WM-Vergabe an Russland nur kleinere Indizien, die auf Unregelm&auml;&szlig;igkeiten hinweisen. Und diese Indizien beziehen sich interessanter- und pikanterweise ausschlie&szlig;lich auf europ&auml;ische und nicht auf lateinamerikanische, afrikanische oder asiatische Fifa-Funktion&auml;re, die ansonsten immer wieder mit Korruption in Verbindung gebracht werden. So hat der deutsche Funktion&auml;r Franz Beckenbauer wenige Monate nach der WM-Vergabe an Russland einen lukrativen Vertrag als &bdquo;Sportbotschafter&ldquo; des Verbands russischer Gasproduzenten ergattern k&ouml;nnen &ndash; Gerhard Schr&ouml;der l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en. Das zweite Indiz betrifft den Zyprioten Marios Lefkaritis, dessen &Ouml;lkonzern Petrolina kurz vor der WM-Vergabe lukrative Auftr&auml;ge von einer Gazprom-Tochter bekam. Ob hier Stimmen gekauft wurden, ist aber allenfalls spekulativ. Beckenbauer macht keinen Hehl daraus, Russland seine Stimme gegeben zu haben (w&auml;hrend er bis heute zur Stimmabgabe f&uuml;r die WM 2022 schweigt) und Lefkaritis galt seit jeher als Unterst&uuml;tzer einer russischen WM.<\/p><p>Bei der Vergabe der WM 2018 nach Russland gab es jedoch nach jetzigem Wissensstand keine Treffen, bei denen afrikanischen Funktion&auml;ren Millionenbetr&auml;ge angeboten wurden und keine fragw&uuml;rdigen &bdquo;Nebengesch&auml;fte&ldquo; mit asiatischen oder lateinamerikanischen Funktion&auml;ren, wie es bei der WM-Vergabe an Katar protokolliert der Fall war. Auch die aktuellen Ermittlungen des FBI haben nichts mit der WM-Vergabe an Russland zu tun. Mehr noch &ndash; wenn man einmal die Indizienlage vergleicht, ist sogar die WM-Vergabe 2006 an Deutschland korruptionsverd&auml;chtiger als die WM-Vergabe 2018 an Russland.<\/p><p>Dies alles st&ouml;rt die deutschen Medien jedoch nicht. Auch am Samstag wird es in den meisten einschl&auml;gigen Medienberichten wieder hei&szlig;en, die WM-Vergabe an Russland sei von &bdquo;Korruptionsvorw&uuml;rfen&ldquo; begleitet. Solange es die &bdquo;Richtigen&ldquo; trifft, schaut man lieber nicht so genau auf die Fakten.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/8bbbbab67c9d480ab7a34e0f20ce8ce3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man Samstag die Qualifikations-Gruppen der Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft 2018 in St. Petersburg ausgelost werden, bietet sich den deutschen Medien wieder eine &bdquo;hervorragende&ldquo; M&ouml;glichkeit, Russland als zutiefst korruptes Land darzustellen. DFB-Pr&auml;sident Niersbach hat bereits &ouml;ffentlichkeitswirksam angek&uuml;ndigt, der Veranstaltung fern zu bleiben. 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