{"id":26985,"date":"2015-07-30T09:32:42","date_gmt":"2015-07-30T07:32:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26985"},"modified":"2015-07-30T15:41:15","modified_gmt":"2015-07-30T13:41:15","slug":"der-finnische-albtraum-nun-legen-schaeubles-treue-verbuendete-die-axt-auch-an-ihr-eigenes-land-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26985","title":{"rendered":"Der finnische Albtraum \u2013 nun legen Sch\u00e4ubles treue Verb\u00fcndete die Axt auch an ihr eigenes Land an"},"content":{"rendered":"<p>Finnland gilt innerhalb der Eurogruppe als treuer Verb&uuml;ndeter Deutschlands. Jahrelang galt der Staat auch als wirtschaftspolitisches Vorbild f&uuml;r andere Eurol&auml;nder. Finnland zeichne sich schlie&szlig;lich durch eine solide und exportstarke Wirtschaft und eine noch solidere Haushaltspolitik aus, die von den Ratingagenturen stets mit einem AAA belohnt wurde. Doch diese Zeiten sind vorbei. Finnland befindet sich heute in einer Wirtschaftskrise. Wie leider kaum anders zu erwarten, deuten die neoliberalen Nordeurop&auml;er die Gr&uuml;nde f&uuml;r diese Krise jedoch falsch und nun droht dem Land eine &Uuml;berdosis der Medizin, die finnische Politiker auch auf europ&auml;ischer Ebene immer gerne empfehlen. F&uuml;r das Land k&ouml;nnte dies katastrophale Folgen haben. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5310\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-26985-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150730_Der_finnische_Albtraum_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150730_Der_finnische_Albtraum_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150730_Der_finnische_Albtraum_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150730_Der_finnische_Albtraum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=26985-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150730_Der_finnische_Albtraum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150730_Der_finnische_Albtraum_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Glaubt man einschl&auml;gigen deutschen <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wirtschaft\/euro-krise-im-norden-finnland-befindet-sich-in-abwaertsspirale,10808230,31312142.html\">Medienberichten<\/a>, sieht es d&uuml;ster um Finnland aus. Die finnische Volkswirtschaft befindet sich nun im dritten Jahr in Folge in der Rezession, die Staatsschulden haben sich seit 2008 mehr als verdoppelt und die Arbeitslosenquote stieg in den letzten Monaten rapide und liegt nun bei fast zehn Prozent. Was sich auf den ersten Blick dramatisch anh&ouml;rt, ist bei n&auml;herer Betrachtung jedoch keine echte Katastrophe. Die Wirtschaft befindet sich zwar in einer Rezession, der R&uuml;ckgang des Bruttoinlandsprodukts liegt jedoch im kaum messbaren Bereich. Und wenn die Wirtschaft hinkt, gehen nat&uuml;rlich auch die Steuereinnahmen zur&uuml;ck und die Staatsausgaben steigen. Die Staatsschulden haben sich daher zwar seit Beginn der Finanzkrise in der Tat verdoppelt, liegen aber mit 60,3% des BIP nur unwesentlich &uuml;ber der Maastricht-Grenze und sind (mit Ausnahme von Luxemburg) die niedrigsten unter den Euro-Gr&uuml;ndungsmitgliedern. Und die Arbeitslosenquote liegt mit aktuell 9,4% immer noch weit unter dem Durchschnitt aller Eurol&auml;nder und auch weit unter den finnischen Vergleichszahlen aus den 1990ern, als Finnland schon Werte oberhalb der 16% vermelden mussten. In der Zeitreihe bilden eher die &bdquo;Boomjahre&ldquo; von 2006 bis 2008, die heute immer als Vergleichszeitraum genannt werden, einen Ausrei&szlig;er.<\/p><p><strong>Neoliberale Wende<\/strong><\/p><p>Diese &bdquo;Schwarzmalerei&ldquo; hat nat&uuml;rlich einen Grund. Seit Ende Mai dieses Jahres wird Finnland von einer Mitte-Rechts-Koalition regiert, der neben der konservativen Nationalen Sammlungspartei und den rechtspopulistischen und euroskeptischen &bdquo;Wahren Finnen&ldquo; auch das wirtschaftsliberale &bdquo;Zentrum&ldquo;, eine Art finnischer FDP, als st&auml;rkste Partei angeh&ouml;rt. Finnland trat zwar auch unter der Vorg&auml;ngerregierung traditionell auf europ&auml;ischer Ebene als &bdquo;Hardliner&ldquo; im Schlepptau der Deutschen auf. Die Vorg&auml;ngerregierungen verschonten das eigene Land jedoch weitestgehend mit dem Gift aus dem neoliberalen Medizinschrank. Nun sind jedoch die echten neoliberalen Hardliner an der Macht und Finnland soll einer neoliberalen Schrumpfkur unterzogen werden. Schlechte und vermeintlich schlechte Wirtschaftszahlen sind dazu unverzichtbar, schlie&szlig;lich l&auml;sst sich kein Volk einer neoliberalen Schrumpfkur unterziehen, wenn keine Bedrohung an die Wand gemalt wird, die diese Politik als &bdquo;alternativlos&ldquo; darstellt. Die Parallelen zu Deutschland sind unverkennbar.<\/p><p>Der finnische Peter Hartz hei&szlig;t &bdquo;Anders Borg&ldquo; und war als ehemaliger schwedischer Finanzminister von 2006 bis 2014 ma&szlig;geblich f&uuml;r die Abschaffung des schwedischen Wohlfahrtsstaates und die neoliberale Wende in Schweden verantwortlich. Basierend auf einem Sonderbericht Borgs schl&auml;gt die finnische Regierung nun Alarm, setzt den vermeintlich schwarzen Zahlen der Gegenwart noch schw&auml;rzere Zahlen f&uuml;r die Zukunft entgegen und ist sich in der Analyse der Misere einig: Schuld an der Krise seien, man ahnt es, die zu lohnen Lohnkosten, zu viel B&uuml;rokratismus und nat&uuml;rlich ein zu stark regulierter Arbeitsmarkt. Die finnische Wettbewerbsf&auml;higkeit liege &bdquo;10 bis 15 Prozent&ldquo; hinter der der finnischen &bdquo;Wettbewerber&ldquo;. Richtig ist, dass die finnischen L&ouml;hne im letzten Jahrzehnt im europ&auml;ischen Vergleich ordentlich gestiegen sind. Dies ist auch ein Grund, warum sich die finnische Binnenwirtschaft als tragende S&auml;ule der Volkswirtschaft so gut entwickelt hat. Dadurch sind jedoch auch die Lohnst&uuml;ckkosten gestiegen. Dies als Ursache f&uuml;r die momentan hinkende Wirtschaftsentwicklung darzustellen, ist jedoch unlauter.<\/p><p><strong>Ursachen der Krise: Nokia &hellip;<\/strong><\/p><p>Hinter der Binnenwirtschaft sind es vor allem zwei Wirtschaftszweige, die die finnische Volkswirtschaft dominieren &ndash; die Elektronik- und die Papierbranche. Die finnische Elektronikbranche ist untrennbar mit dem einstigen Vorzeigeunternehmen Nokia verbunden. 2007 hatte Nokia bei mobilen Telefonen einen Weltmarktanteil von mehr als 50%. Zu seinen Glanzzeiten trug das Unternehmen mehr als 10% des finnischen Bruttoinlandsproduktes, sorgte alleine f&uuml;r rund 20% der finnischen Exporte und ist aufgrund seiner rasanten Entwicklung f&uuml;r 25% bis 30% des gemessenen Wirtschaftswachstums des gesamten Landes in den &bdquo;goldenen Jahren&ldquo; verantwortlich. Im Umfeld von Nokia bildeten sich zudem unz&auml;hlige Zulieferer und Start-Ups, die hauptverantwortlich f&uuml;r den Wirtschaftsboom der finnischen Volkswirtschaft waren. Die Jahre 2007 und 2008 markierten jedoch einen Wendepunkt in der finnischen Erfolgsstory. Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r waren weder die Lohnkosten, noch B&uuml;rokratie oder Arbeitsmarktregulierungen, sondern die Entwicklungen von zwei IT-Giganten im fernen Kalifornien: 2007 brachte Apple das erste iPhone heraus, 2008 entwickelte Google die erste Version seines Smartphone-Betriebssystems Android. Nokia verschlief diese Entwicklungen, pr&auml;sentierte erst Jahre sp&auml;ter ein eigenes, jedoch technisch r&uuml;ckst&auml;ndiges Smartphone und verlor massiv Marktanteile. Galt Nokia fr&uuml;her als technischer Vorreiter, war es um 2010 herum vor allem als Hersteller von Billighandys f&uuml;r den Markt in Entwicklungs- und Schwellenl&auml;ndern bekannt und ist heute fast vollkommen vom Markt verschwunden. 2014 wurde die Nokias Handysparte von Microsoft &uuml;bernommen und <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/digital\/smartphones\/das-traurige-ende-von-nokia--microsoft-zieht-den-stecker-6339078.html\">soll nun<\/a> komplett eingestellt werden. Was Finnland bleibt, ist die Netzwerk- und Telekommunikationstechniksparte und die Softwaresparte des einstigen Weltunternehmens Nokia. Zehntausende Arbeitspl&auml;tze aus der Handysparte gingen jedoch direkt verloren, die Auswirkungen auf Zulieferer und die gesamte Start-Up-Szene sind verheerend. <\/p><p>Nat&uuml;rlich hat auch Nokia seine Handys vorwiegend in Billiglohnl&auml;ndern auf der ganzen Welt fertigen lassen, w&auml;hrend die Entwicklung und der Prototypenbau in Finnland ans&auml;ssig waren. Nicht die Lohnst&uuml;ckkosten, sondern klassische Managementfehler haben Nokia ins Aus katapultiert. H&auml;tten die Finnen nur die H&auml;lfte verdient, eine ultraliberale Verwaltung und Arbeitsrecht aus Zeiten des Manchester-Kapitalismus gehabt, h&auml;tte dies die Absatzchancen der Nokia-Handys um kein Jota verbessert &ndash; eher im Gegenteil, schlie&szlig;lich geh&ouml;rte der heimische Markt bis zuletzt zu den letzten St&uuml;tzen von Nokia. <\/p><p><strong>&hellip; die Papierbranche &hellip;<\/strong><\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich bei der zweiten Schl&uuml;sselbranche, der Herstellung von Papier und Zellstoff. Selbst wenn die Finnen f&uuml;r einen Euro pro Stunde arbeiteten, w&uuml;rde dadurch die Digitalisierung und der damit verbundene R&uuml;ckgang der weltweiten Papiernachfrage nicht gestoppt. Waren es in der Elektronikbranche vor allem Managementfehler, leidet die finnische Papierindustrie unter einer Entwicklung, die sich wohl am besten als Strukturwandel charakterisieren l&auml;sst. <\/p><p><strong>&hellip; und die EU-Russland-Sanktionen<\/strong><\/p><p>Dass die Wirtschaft im letzten Jahr weiter stagniert und die Arbeitslosenzahlen steigen, liegt jedoch vor allem an einer dritten Entwicklung &ndash; Finnland leidet so sehr wie kein anderes Land der Welt unter den EU-Sanktionen gegen Russland. Finnland hat &ndash; was wegen der geographischen Lage auch kaum verwundern kann &ndash; traditionell sehr gute Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Das Land ist hinter Schweden und Deutschland drittwichtigster Markt f&uuml;r finnische Exporte und gleichzeitig der wichtigste Handelspartner bei den Einfuhren. Die EU-Sanktionen gegen Russland sind f&uuml;r Finnland purer &ouml;konomischer Selbstmord. Auch diese Entwicklung hat &uuml;berhaupt nichts mit den finnischen L&ouml;hnen oder Arbeitsmarkregulierungen zu tun. Finnland befindet sich zwar in der Tat in einer leichten Wirtschaftskrise, die Gr&uuml;nde daf&uuml;r haben jedoch ganz offensichtlich nichts mit der neoliberalen Diagnose zu tun. Und wenn die Diagnose schon falsch ist, kann die Medizin auch nicht wirken &ndash; zumal dann, wenn die Medizin selbst bei korrekter Diagnose die Krankheit nicht lindern, sondern verschlimmern w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Und nun bekommt das Land die eigene Medizin verabreicht<\/strong><\/p><p>Die finnische Regierung will nun die Sozialleistungen k&uuml;rzen, die Steuern erh&ouml;hen (nat&uuml;rlich ausdr&uuml;cklich nicht die Unternehmenssteuern), mehr Druck auf Arbeitslose aus&uuml;ben und die Laden&ouml;ffnungszeiten liberalisieren. Sie will also die allseits bekannten Mittel aus dem neoliberalen Giftschrank, die Finnland auf europ&auml;ischer Ebene schon lange anderen L&auml;ndern empfiehlt, selbst schlucken. Mehr noch &ndash; ginge es nach der finnischen Regierung sollen die Lohnst&uuml;ckkosten bis 2019 um mindestens f&uuml;nf Prozent sinken. Um dies zu erreichen, soll die Tarifautonomie k&uuml;nftig abgeschafft und die L&ouml;hne sollen zentral von der Regierung festgelegt werden. Die Gewerkschaften haben nun bis zum 21. August Zeit, zu diesem unglaublichen Vorschlag Stellung zu beziehen. Lehnen sie ab, droht die Regierung bereits mit einer n&auml;chsten K&uuml;rzungsrunde. Armes Finnland.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/1cd5ad7337fc453ebf51f249459187d4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finnland gilt innerhalb der Eurogruppe als treuer Verb&uuml;ndeter Deutschlands. 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