{"id":26995,"date":"2015-07-31T09:35:50","date_gmt":"2015-07-31T07:35:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26995"},"modified":"2019-04-29T12:27:29","modified_gmt":"2019-04-29T10:27:29","slug":"griechenland-sondergutachten-die-eigenwillige-und-fragwuerdige-auslegung-von-quellen-durch-den-sachverstaendigenrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26995","title":{"rendered":"Griechenland-Sondergutachten: Die eigenwillige und fragw\u00fcrdige Auslegung von Quellen durch den &#8220;Sachverst\u00e4ndigenrat&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Der &ldquo;Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung&rdquo; hat j&uuml;ngst ein Sondergutachten zur Situation in Griechenland vorgelegt. Wie so oft, musste das Mitglied Peter Bofinger gegen die neoliberale Ratsmehrheit ein Sondervotum abgeben. Auff&auml;llig ist nicht nur, dass und wie diese Ratsmehrheit die ganz wesentlich von der Bundesregierung vorangetriebene Austerit&auml;ts- und K&uuml;rzungspolitik rechtfertigt, sondern auch, wie eigenwillig und fragw&uuml;rdig sie dabei offizielle Dokumente von EU und IWF im Sinne einer Rechtfertigung dieser Politik auslegt. Von <strong>Patrick Schreiner<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26995#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nSchon Norbert H&auml;ring hat j&uuml;ngst in <a href=\"http:\/\/norberthaering.de\/de\/27-german\/news\/449-weise-tricksen-wieder\">seinem Blog<\/a> darauf aufmerksam gemacht, dass die Ratsmehrheit eine &ndash; vorsichtig formuliert &ndash; kreative Form des wissenschaftlichen Belegens ihrer Behauptungen verfolgt. H&auml;ring:<\/p><blockquote><p>\n<em>Die vier Trickser und T&auml;uscher unter den Wirtschaftsweisen [gemeint ist die Ratsmehrheit ohne Peter Bofinger, P.S.] bleiben mit dem heute vorgelegten Sondergutachten zu Griechenland ihrer Gewohnheit treu, Falsches ohne Beleg zu behaupten und wissenschaftliche Belege f&uuml;r eigene Behauptungen aufzuf&uuml;hren, die das Behauptete gar nicht belegen.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>An einem Beispiel zeigt H&auml;ring in diesem Artikel, wie die Ratsmehrheit eine Behauptung aufstellt und zum Beleg daf&uuml;r auf &ldquo;Studien&rdquo; verweist, die sich allerdings als lediglich eine einzige Studie entpuppen, die zudem erstens veraltet ist und die zweitens die angef&uuml;hrte Behauptung gar nicht belegt. <\/p><p>Dieses Vorgehen des Sachverst&auml;ndigenrats scheint System zu haben, wie auch auf meinem Blog <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1269\">annotazioni.de<\/a> vor einiger Zeit zu lesen war: So hat die Ratsmehrheit in einem fr&uuml;heren Gutachten die Inhalte einer DIW-Studie zur Verm&ouml;genssteuer falsch wiedergegeben sowie eine fehlerbehaftete RWI-Studie zum Mindestlohn unkritisch und offenbar ohne weitere Pr&uuml;fung als Beleg angef&uuml;hrt.<\/p><p>Eine Intention der Ratsmehrheit ist es mit dem Sondergutachten zu Griechenland gewiss, die harte Politik der &ldquo;Institutionen&rdquo; sowie gerade auch der Bundesregierung zu rechtfertigen. Dies gewinnt insbesondere vor dem Hintergrund, dass weltweit eine gro&szlig;e Zahl von &ndash; im Vergleich zu den vier Mitgliedern der Ratsmehrheit weitaus prominenteren und anerkannteren &ndash; &Ouml;konomen sich &auml;u&szlig;erst kritisch zu dieser Politik ge&auml;u&szlig;ert hat. Verwiesen sei etwa auf Paul Krugman, Joseph Stiglitz, Thomas Piketty, Barry Eichengreen und Jeffrey Sachs.<\/p><p>Um die Austerit&auml;ts- und K&uuml;rzungspolitik in Griechenland &ldquo;wissenschaftlich&rdquo; zu rechtfertigen, argumentiert die Ratsmehrheit wie die Bundesregierung: Dieses Instrumentarium habe in den anderen Krisenl&auml;ndern auch funktioniert, und wenn dies in Griechenland nicht der Fall sei, dann k&ouml;nne dies nur an den Griechen selbst und ihrer unzureichenden Reformpolitik liegen. Entsprechend hei&szlig;t es im Sondergutachten:<\/p><blockquote><p>\n41. In Irland und Portugal wurden die vereinbarten Reformen weitgehend erfolgreich umgesetzt. [&hellip;] Portugal gelang es ebenfalls, die vereinbarten Ma&szlig;nahmen seines makro&ouml;konomischen Anpassungsprogramms erfolgreich umzusetzen (Europ&auml;ische Kommission, 2014). [&hellip;] <\/p>\n<p>42. Dank der erfolgreichen Konsolidierungs- und Reformma&szlig;nahmen sowie der massiven geldpolitischen Lockerung durch die EZB konnten die Rettungsprogramme in Irland, Portugal und Spanien inzwischen beendet werden. Diese L&auml;nder befinden sich in einer konjunkturellen Erholungsphase. In Spanien und Portugal nimmt die Arbeitslosigkeit sichtbar ab und die Bruttowertsch&ouml;pfung steigt seit dem vergangenen Jahr. [&hellip;]<\/p>\n<p>43. Die Situation in Griechenland stellt sich anders dar. Dort war die Wirtschaftsleistung seit Ausbruch der Krise am st&auml;rksten eingebrochen. Das reale Bruttoinlandsprodukt ist seit dem Jahr 2007 um rund 26 % gefallen und lag im Jahr 2014 knapp unter dem Niveau des Jahres 2000. [&hellip;]<\/p>\n<p>44. Seit dem Jahr 2010 hat Griechenland auf der fiskalischen und der strukturellen Seite eine Vielzahl an Reformen angesto&szlig;en. Dabei hatten die fiskalischen Anpassungen einen erheblich gr&ouml;&szlig;eren Umfang als jene in Irland, Portugal und Spanien. Im Gegensatz zu den fiskalischen Anpassungen liegt Griechenland bei der Umsetzung von Strukturreformen sichtbar hinter den Programmzielen zur&uuml;ck. Etliche Ma&szlig;nahmen stehen noch aus, die notwendig w&auml;ren, um die Wachstumsaussichten Griechenlands nachhaltig zu verbessern. Griechenland verfehlte somit regelm&auml;&szlig;ig die festgelegten Ziele der Reformprogramme (IWF, 2013, 2014a). [&hellip;]\n<\/p><\/blockquote><p>Mit wenigen Worten zusammengefasst vertritt die Ratsmehrheit hier die Position, dass (unter anderem) Portugal die in den Programmen vorgeschriebenen &ldquo;Reformen&rdquo; umfassend umgesetzt habe und deshalb heute wirtschaftlich erfolgreich ist. Hingegen habe Griechenland zwar die finanzpolitischen (&ldquo;fiskalischen&rdquo;) Anpassungen umgesetzt, die notwendigen &ldquo;Strukturreformen&rdquo; aber nicht im notwendigen Umfang. Deshalb stehe Griechenland so viel schlechter da als Portugal.<\/p><p>Ihre Behauptungen begr&uuml;ndet die Ratsmehrheit mit drei relevanten Quellen:<\/p><ol>\n<li><a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/scr\/2013\/cr13156.pdf\">IWF 2013 [PDF &ndash; 1.1 MB]<\/a> = Greece: Ex post evaluation of exceptional access under the 2010 stand-by arrangement, IMF Country Report No. 13\/156, Internationaler W&auml;hrungsfonds, Washington, DC.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/scr\/2014\/cr14151.pdf\">IWF 2014a [PDF &ndash; 3.0 MB]<\/a> = Greece: Fifth review under the extended arrangement, IMF Country Report No. 14\/151, Internationaler W&auml;hrungsfonds, Washington, DC.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/economy_finance\/publications\/occasional_paper\/2014\/pdf\/ocp202_en.pdf\">Europ&auml;ische Kommission 2014 [PDF &ndash; 1.5 MB]<\/a> =  The economic adjustment programme for Portugal 2011-2014, European Economy &ndash; Occasional Papers 202, Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen, Br&uuml;ssel.<\/li>\n<\/ol><p>Alle diese Quellen sind Dokumente, in denen die genannten Institutionen den Fortschritt der &ldquo;Reformpolitik&rdquo; in Griechenland bzw. Portugal darstellen und bewerten. Sieht man sich die Quellen genauer an, so kann man durchaus zu anderen &ndash; weniger eindeutigen &ndash; Schlussfolgerungen kommen, als die Ratsmehrheit es tut:<\/p><ol>\n<li>Das Dokument IWF 2013 legt zwar in der Tat nahe, dass die griechische Regierung im Bereich der Strukturreformen hinter den Vorgaben des Programms zur&uuml;ckbleibt. Zur (von der Ratsmehrheit verschwiegenen) Wahrheit geh&ouml;rt aber auch, dass der IWF dies in diesem Dokument keineswegs als Hauptgrund f&uuml;r die Misere Griechenlands sieht. Vielmehr ist IWF 2013 durchaus von sehr selbstkritischen Passagen durchzogen, in denen der IWF gerade auch Probleme und Fehler in der Austerit&auml;ts- und K&uuml;rzungspolitik sucht und findet. So hei&szlig;t es auf S. 21 etwa, dass man die negativen Auswirkungen des Griechenland-Programms auf die Wirtschaftslage untersch&auml;tzt habe, weil die gesch&auml;tzten Multiplikatoren zu gering gewesen seien. Hinzu komme (S. 21-22), dass der im Zuge von Strukturreformen erhoffte positive Impuls durch die Privatwirtschaft ausgeblieben sei. Dies liege (S. 22) zwar zum einen daran, dass die L&ouml;hne in der Privatwirtschaft nicht wie gew&uuml;nscht gesenkt worden seien, was aber durchaus mit Billigung der Europ&auml;ischen Kommission (und der griechischen Industrie) unterblieben sei. Zum anderen (S. 23) sei der erhoffte positive Impuls durch die Privatwirtschaft im hier diskutierten Jahr 2013 ohnehin so gering erwartet worden, dass er den negativen Impuls durch die K&uuml;rzungen bei den Staatsausgaben nie h&auml;tte wettmachen k&ouml;nnen. Von all dieser Differenzierung und Selbstkritik finden wir im Sondergutachten des Sachverst&auml;ndigenrats nichts.<\/li>\n<li>Das Dokument IWF 2014a sieht zwar gewisse Schw&auml;chen und Defizite bei den Strukturreformen, aber keineswegs so gro&szlig;e, wie sie die Ratsmehrheit nahelegt. So hei&szlig;t es auf S. 23, dass die Strukturreformen durchaus vorankommen, wenngleich in unterschiedlichem Ma&szlig;e. Schw&auml;chen und Defizite sieht der IWF hier insbesondere bei Reformen am Arbeitsmarkt (also dem Abbau von Rechten der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten), bei genauerer Betrachtung vor allem im Bereich des K&uuml;ndigungsschutzes und bei Lohnsenkungen in der Privatwirtschaft. Alles in allem sind diese teilweisen Verz&ouml;gerungen allerdings kein Grund f&uuml;r den IWF, &uuml;berm&auml;&szlig;ig kritisch zu sein: Man sieht aufgrund der damaligen Entwicklungen durchaus Grund f&uuml;r vorsichtigen Optimismus (S. 24). <\/li>\n<li>Interessant ist auf der anderen Seite das Dokument Europ&auml;ische Kommission 2014. Hier will die Ratsmehrheit belegen, dass Portugal das richtig gemacht habe, was in Griechenland angeblich falsch lief. Die Beamten der Kommission nehmen in diesem Dokument, &auml;hnlich wie die des IWF in den eben genannten Dokumenten, eine Bestandsaufnahme der Situation vor, hier eben zu Portugal. Mit der dortigen Gesamtentwicklung zeigen sie sich zufrieden. Sie identifizieren allerdings auch angebliche Schw&auml;chen und Defizite, die mit den in den beiden IWF-Dokumenten zu Griechenland aufgef&uuml;hrten, angeblichen Schw&auml;chen und Defiziten quasi identisch sind: Am Arbeitsmarkt sei noch mehr Flexibilisierung vonn&ouml;ten, der K&uuml;ndigungsschutz noch immer zu hoch, die Lohnsenkungs-Spielr&auml;ume noch immer unzureichend (S. 61.) Insgesamt klingt das Dokument damit gar nicht viel anders als jene zwei eben zitierten des IWF, und doch will die Ratsmehrheit damit v&ouml;llig gegens&auml;tzliche Behauptungen belegen.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Fazit:<\/strong> Der Eindruck dr&auml;ngt sich auf, dass die Vierer-Mehrheit im Sachverst&auml;ndigenrat diese &ndash; im Detail gar nicht so unterschiedlichen &ndash; Dokumente eigenwillig und fragw&uuml;rdig auslegt. Bei den IWF-Dokumenten zu Griechenland r&uuml;ckt sie die angeblichen Schw&auml;chen und Defizite der griechischen Politik in den Vordergrund, um das Land selbst f&uuml;r seine Misere verantwortlich zu machen. Damit w&auml;scht sie die gescheiterte Austerit&auml;ts- und K&uuml;rzungspolitik zugleich von Schuld frei. Mit dieser Intention unterschl&auml;gt die Ratsmehrheit zugleich die deutlich selbstkritischen Ausf&uuml;hrungen in einem der beiden IWF-Dokumente. Auf der anderen Seite verschweigt sie die Kritik an der portugiesischen Politik, die in dem von ihr angef&uuml;hrten Dokument der EU-Kommission ge&auml;u&szlig;ert wird. Ziel dessen ist es, Portugal zum positiven Gegenbeispiel zu Griechenland zu stilisieren.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Patrick Schreiner<\/strong> lebt und arbeitet als hauptamtlicher Gewerkschafter in Hannover. Er schreibt regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r die NachDenkSeiten zu wirtschafts-, sozial- und verteilungspolitischen Themen.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/76da021c8a724f70a65ecfc43cecaabf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &ldquo;Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung&rdquo; hat j&uuml;ngst ein Sondergutachten zur Situation in Griechenland vorgelegt. 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