{"id":2708,"date":"2007-10-22T09:34:12","date_gmt":"2007-10-22T07:34:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2708"},"modified":"2015-12-16T14:28:21","modified_gmt":"2015-12-16T13:28:21","slug":"die-einigung-auf-den-reformvertrag-wird-in-lissabon-von-massiven-protesten-der-bevoelkerung-gegen-das-konzept-einer-flexicurity-begleitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2708","title":{"rendered":"Die Einigung auf den Reformvertrag wird in Lissabon von massiven Protesten der Bev\u00f6lkerung gegen das Konzept einer \u201cFlexicurity\u201d begleitet"},"content":{"rendered":"<p>In Lissabon verst&auml;ndigten sich am 19. Oktober die anwesenden Staats- und Regierungschefs auf einen neuen Reformvertrag. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Einigung auf den neuen Reformvertrag als &bdquo;gro&szlig;en Erfolg&ldquo;, des Weiteren sei die sechsj&auml;hrige Vertragsdebatte zu einem guten Abschluss gebracht worden. Der Grundlagenvertrag soll am 13. Dezember in Lissabon unterzeichnet werden. Nach der Ratifizierung wird der Vertrag voraussichtlich am 1. Januar 2009 in Kraft treten. De facto ist jedoch dieser Reformvertrag fast der gleiche wie der abgelehnte EU-Verfassungsvertrag, da die inhaltliche Substanz gr&ouml;&szlig;tenteils erhalten bleibt und in die bestehenden Vertr&auml;ge einflie&szlig;t. Von den Medien weitgehend totgeschwiegen wurde, dass die Verhandlungen von massiven Protesten in Lissabon begleitet wurden. Die Gewerkschaftsf&uuml;hrung von CGTP-Intersindical spricht von der gr&ouml;&szlig;ten Demonstration in Lissabon seit Jahrzehnten. Ein Beitrag von Christine Wicht.<br>\n<!--more--><br>\nDie ehemals kommunistische Gewerkschaft CGTP-Intersindical hatte zu Protesten gegen die nationale und europ&auml;ische Politik der Ausbeutung, gegen wachsende soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit in Lissabon aufgerufen. Nach Angaben der Gewerkschaft folgten 200.000 Menschen dem Aufruf. Die portugiesische Polizei z&auml;hlte 150.000 Teilnehmer. Die Demonstration richtete sich jedoch nicht nur gegen den Inhalt des Reformvertrags, sondern vor allem auch gegen das von der EU-Kommission propagierte Konzept der &bdquo;Flexicurity&ldquo;.<\/p><p>Die Wortkreation aus &bdquo;Flexibility&ldquo; und Security&ldquo; l&auml;sst nicht viel Gutes ahnen. Hinter der Wortverbindung  &bdquo;Sicherheit&ldquo; und &bdquo;Flexibilit&auml;t&ldquo; verbirgt sich eine europaweite Doppelstrategie, mit dem (vagen) Versprechen von mehr Sicherheit gleichzeitig einen massiven Abbau von Arbeitnehmerrechten auf europ&auml;ischer Ebene durchzusetzen. <\/p><p>Auf der Internetseite des Bundestags ist ein aktuelles Papier vom September 2007 zu diesem Thema unter dem Titel &bdquo;Mehr und bessere Arbeitspl&auml;tze durch Flexibilit&auml;t und Sicherheit&ldquo; zu finden: <\/p><blockquote><p>(&hellip;) Unternehmen sollen ihre Arbeitnehmerzahl einfacher dem aktuellen Bedarf anpassen k&ouml;nnen. Im Gegenzug sollen f&uuml;r Arbeitnehmer neue Arten von Sicherheiten entwickelt werden, wobei sich der Akzent von der Arbeitsplatzsicherheit hin zur Besch&auml;ftigungssicherheit verschiebt und damit den ver&auml;nderten Erwerbsbiographien unter sich wandelnden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung tr&auml;gt. 76% der Europ&auml;er &ndash; so die Kommission &ndash; meinen, die F&auml;higkeit, leicht den Arbeitsplatz zu wechseln, sei n&uuml;tzlich; fast ebenso viele sprachen sich daf&uuml;r aus, Besch&auml;ftigungsvertr&auml;ge flexibler zu gestalten. Sorgen macht der Kommission die Entwicklung &bdquo;segmentierter Arbeitsm&auml;rkte&ldquo; mit Insidern (verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gesch&uuml;tzte Arbeitnehmer) und Outsidern (ungesch&uuml;tzte Arbeitnehmer). Auch im Rahmen der europ&auml;ischen Besch&auml;ftigungs- und Sozialpolitik wird Flexicurity seit einiger Zeit diskutiert. Insbesondere seitdem die Kommission in ihrem im November 2006 vorgelegten Gr&uuml;nbuch &bdquo;Ein modernes Arbeitsrecht&ldquo; das Flexicurity-Konzept angesprochen hat, ist unter Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverb&auml;nden, Sozialpartnern und nationalen Regierungen eine intensive Diskussion im Gange. Im Rahmen der OECD-Besch&auml;ftigungsstrategie werden als Merkmale des Flexicurity-Ansatzes u.a. weniger strenge Besch&auml;ftigungsvorschriften, lebenslanges Lernen, hohe Aufwendungen f&uuml;r aktive wie passive arbeitsmarktpolitische Ma&szlig;nahmen, gro&szlig;z&uuml;gige Arbeitslosenunterst&uuml;tzung aufgelistet. Der Ansatz ist nicht neu. In einigen Mitgliedstaaten wie in &Ouml;sterreich, Schweden, Irland und D&auml;nemark werden unterschiedliche Flexicurity-Modelle eingesetzt. Die Kommission verweist in einer Anlage zu ihrer Mitteilung darauf und nennt beispielhaft das d&auml;nische &bdquo;Goldene Dreieck&ldquo;, das flexibles Arbeitsrecht mit schwachem K&uuml;ndigungsschutz, gro&szlig;z&uuml;gigen Sozialleistungen sowie aktiven Arbeitsmarktma&szlig;nahmen verbinde. Entsprechend der erneuerten Lissabon- Strategie sind Kommission, Sozialpartner und Mitgliedstaaten aufgefordert, gemeinsame Grunds&auml;tze zum Flexicurity-Ansatz auszuarbeiten. Die Kommission hat ihre Vorstellungen nun pr&auml;zisiert und Vorschl&auml;ge f&uuml;r die Entwicklung gemeinsamer Grunds&auml;tze gemacht, die nach ihren Vorstellungen m&ouml;glichst vom ER im Dezember 2007 verabschiedet werden sollen. Die Mitgliedstaaten sind dann aufgefordert, in ihren nationalen Reformprogrammen &uuml;ber ihre Flexicurity-Strategien zu berichten. Die Kommission bewertet diese Berichte und erstattet ihrerseits am Ende des Lissabon-Zyklus &uuml;ber die erreichten Fortschritte Bericht. Von der Einigung im ER erwartet die Kommission eine Dynamik f&uuml;r die Reform der Arbeitsm&auml;rkte und Sicherungssysteme. Die Kommission z&auml;hlt vier Komponenten auf: flexible und sichere vertragliche Vereinbarungen, umfassende Strategien des lebenslangen Lernens, wirksame aktive arbeitsmarktpolitische Ma&szlig;nahmen und moderne Systeme der sozialen Sicherheit. Zwar gebe es aufgrund der heterogenen Arbeitsm&auml;rkte und Sicherungssysteme keine Einheitsl&ouml;sung f&uuml;r alle Mitgliedstaaten; gleichwohl seien alle Mitglieder mit der Globalisierung, dem technischen Fortschritt und dem demographischen Wandel konfrontiert, weshalb eine Einigung auf gemeinsame Grunds&auml;tze sinnvoll sei. Die Festlegung von Flexicurity-Indikatoren zur besseren &Uuml;berpr&uuml;fbarkeit der Strategien werde derzeit er&ouml;rtert. Die Kommission formuliert acht solcher gemeinsamer Grunds&auml;tze, darunter das Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten f&uuml;r Arbeitnehmer wie -geber oder unternehmensinterne wie externe Flexibilit&auml;t bei Personalentscheidungen. Ausgehend vom Bericht der Expertengruppe Flexicurity listet die Kommission vier typische Optionen oder Situationen auf und unterbreitet L&ouml;sungsans&auml;tze. So beschreibt die erste Option die Bek&auml;mpfung segmentierter Arbeitsm&auml;rkte mit Insidern und Outsidern. Ein vertraglicher L&ouml;sungsansatz k&ouml;nnte bei Verbesserungen etwa im Bereich befristeter Vertr&auml;ge, Leiharbeit u.&auml;. ansetzen und Ausbildungsangebote einbeziehen sowie flankierende soziale Sicherheiten. Die zweite Option widmet sich M&auml;rkten mit geringer Arbeitsmobilit&auml;t, einem hohen Besch&auml;ftigungsschutz und starker Unternehmensbindung von Arbeitskr&auml;ften. Die dritte Option befasst sich mit L&ouml;sungsans&auml;tzen bei Qualifikationsdefiziten und geringen Chancen bestimmter Arbeitskr&auml;fte auf dem Markt. Kennzeichnend sei eine grunds&auml;tzlich hohe Besch&auml;ftigungsquote, von der aber bestimmte Gruppen von Arbeitskr&auml;ften nicht profitieren k&ouml;nnen. Hier liegt der Schwerpunkt der vorgeschlagenen L&ouml;sungen bei Strategien zum lebenslangen Lernen. Soziale Sicherungssysteme sollten Anreize zur Aufnahme von Arbeit schaffen, Lohnnebenkosten gering Qualifizierter k&ouml;nnten verringert werden. Die vierte Option schlie&szlig;lich beschreibt die Situation von M&auml;rkten, die durch wirtschaftliche Umstrukturierungen, eine hohe Zahl von Leistungsempf&auml;ngern und ein relativ niedriges Schutzniveau bei neuen Arbeitspl&auml;tzen gekennzeichnet sind. Die Kommission verweist im impact assessment (Folgenabsch&auml;tzung) darauf, dass die gemeinsamen Grunds&auml;tze den Rahmen stecken k&ouml;nnten f&uuml;r flexicurity-pathways (Fahrpl&auml;ne), innerhalb derer der Austausch bew&auml;hrter Praktiken sowie die offene Methode der Koordinierung zum Einsatz kommen k&ouml;nnten. Die Mitteilung wurde interessiert, gleichwohl unterschiedlich aufgenommen: W&auml;hrend Arbeitgeberverb&auml;nde die Ideen eher positiv bewerten, &auml;u&szlig;erten sich Gewerkschaften zur&uuml;ckhaltend im Hinblick auf einen m&ouml;glichen Abbau des K&uuml;ndigungsschutzes. Flexicurity ist Thema zahlreicher Diskussionsforen zu modernen arbeitsmarktpolitischen Konzepten. Die Europ&auml;ische Gemeinschaft ist u.a. &uuml;ber den Europ&auml;ischen Sozialfonds im Bereich der Besch&auml;ftigungspolitik t&auml;tig und kann gem&auml;&szlig; Artikel 125 ff EG-Vertrag koordinierend und unterst&uuml;tzend t&auml;tig werden. Im Wesentlichen verbleibt es bei der Selbstverpflichtung der Mitgliedstaaten. Art. 126 Abs. 2 EG-Vertrag verweist dabei zum einen auf die Ber&uuml;cksichtigung einzelstaatlicher Gepflogenheiten und zum anderen auf die Verantwortung der Sozialpartner. Nach derzeitigem Stand der Planung k&ouml;nnte die Thematik, die nach wie vor Schwerpunktthema der Pr&auml;sidentschaft ist, Anfang Oktober auf der Tagesordnung des ECOFIN (Rat der EUFinanzminister) stehen zur Vorbereitung von Schlussfolgerungen f&uuml;r den ER im Dezember.<\/p><\/blockquote><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/bic\/analysen\/2007\/flexicurity.pdf\">Bundestag [PDF &ndash; 114 KB]<\/a><\/p><p>Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverb&auml;nde (BDA) hat eine Presseinformation zum Thema <strong>&bdquo;Flexicurity &ndash; Europas Arbeitsm&auml;rkte modernisieren &ndash; Mehr Sicherheit durch gr&ouml;&szlig;ere Besch&auml;ftigungschancen&ldquo;<\/strong> herausgegeben:<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bda-online.de\/www\/bdaonline.nsf\/id\/279F827721E2323EC12572E60032BA82\">bda-online<\/a><\/p><p>Mit der k&uuml;nftigen  Ausrichtung der neuen Besch&auml;ftigungspolitik soll nach Meinung des BDA erreicht werden, dass Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren, schneller als bisher wieder in eine neue Besch&auml;ftigung kommen. Der BDA verbindet mit der Wortsch&ouml;pfung &bdquo;Flexicurity&ldquo;, Sicherheit durch mehr und neue Besch&auml;ftigungschancen, anstatt sich auf den Schutz des einzelnen Arbeitsplatzes zu beschr&auml;nken. Der BDA lobt, dass Flexicurity zur Priorit&auml;t der deutschen Ratspr&auml;sidentschaft geworden ist und hebt hervor, dass gemeinsam mit den Arbeitgeber- und Wirtschaftsverb&auml;nden der kommenden EU-Pr&auml;sidentschaften, der L&auml;nder Portugal und Slowenien, sowie D&auml;nemarks die Kernelemente einer europ&auml;ischen Flexicurity-Strategie herausgearbeitet wurden, die im Folgenden genannt werden:<\/p><ul>\n<li>Ein einfaches, transparentes und berechenbares Arbeitsrecht, das eine flexible und rasche Anpassung der Unternehmen erm&ouml;glicht und damit den Aufbau von Besch&auml;ftigung f&ouml;rdert<\/li>\n<li>eine effiziente Arbeitsmarktpolitik, die Arbeitslose fr&uuml;hzeitig aktiviert und sie schnell wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert<\/li>\n<li>nachhaltig finanzierbare soziale Sicherungssysteme, die dem Einzelnen eine zuverl&auml;ssige Basissicherung bei Arbeitslosigkeit gew&auml;hrleisten und einen Fall ins Bodenlose verhindert<\/li>\n<li>sowie moderne und lebenslange Weiterbildungsformen, die die Innovations- und Wettbewerbsf&auml;higkeit der Unternehmen bzw. die Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit der Arbeitnehmer f&ouml;rdern<\/li>\n<\/ul><p><em>Siehe dazu auch:<\/em> <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/2007\/42\/07420702.php\">Techno aus Br&uuml;ssel Freitag<\/a><\/p><p>Immer mehr zentrale politische Themen werden hinter verschlossenen T&uuml;ren in Br&uuml;ssel verhandelt und flie&szlig;en letztendlich &uuml;ber die europ&auml;ische Ebene in die nationale Gesetzgebung ein. Nach wie vor erarbeiten technokratische Beamte unter dem bestimmenden Einfluss der in Br&uuml;ssel ans&auml;ssigen Lobbyisten Vertr&auml;ge, abgeschirmt von der &Ouml;ffentlichkeit und ohne jegliche &ouml;ffentliche Diskussion.<br>\nDas nachfolgende Zitat von  Jean Claude Juncker, Ministerpr&auml;sident von Luxemburg, beschreibt treffend nach welchen Prinzipien unsere Regierungsvertreter in Br&uuml;ssel handeln: <\/p><blockquote><p>Wir beschlie&szlig;en etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein gro&szlig;es Geschrei gibt und keine Aufst&auml;nde, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter Schritt f&uuml;r Schritt, bis es kein Zur&uuml;ck mehr gibt.<\/p><\/blockquote><p>Das Nein bei den Referenten in Frankreich und den Niederlanden zum EU-Verfassungsvertrag setzte dieser von Juncker beschriebenen Vorgehensweise von Kommission und Europ&auml;ischem Rat einen schweren Schlag versetzt. Die Franzosen und Holl&auml;nder haben sehr wohl begriffen, wass da beschlossen werden sollte und sie stellten sehr wohl einen Zusammenhang her zwischen den Entscheidungen, die von den Vertretern ihrer nationalen Regierung in Br&uuml;ssel getroffen werden, und zwischen Gesetzes&auml;nderungen, die aus Br&uuml;ssel kommen. Auch bei uns wir immer mehr Menschen klar, dass der Unmut gegen die Br&uuml;sseler B&uuml;rokraten eigentlich in viel st&auml;rkerem Ma&szlig;e gegen die eigene Regierung zu richten ist. Selbst wenn politische Entscheidungstr&auml;ger hierzulande ihre H&auml;nde immer wieder  in Unschuld zu waschen versuchen und auf  Br&uuml;ssel verweisen, wenn unpopul&auml;re Entscheidungen anstehen gegen die angeblich nichts mehr unternommen werden k&ouml;nne, wird f&uuml;r immer mehr Menschen der Zusammenhang etwa zwischen der  Lissabon-Strategie aus dem Jahr 2000, und den hierzulande getroffenen (&ldquo;Reform&rdquo;-) Entscheidungen klar.  <\/p><p>Die Lissabon-Strategie, wonach die EU innerhalb von zehn Jahren, also bis 2010, zum wettbewerbsf&auml;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt werden soll, liefert auch die Basis f&uuml;r das nun zur Entscheidung anstehende Flexicurity-Konzept.<\/p><p>Gegen den Reformvertrag und vor allem auch gegen dieses Arbeitsmarktreformkonzept haben nun die portugiesischen Gewerkschaften zum Massenprotest aufgerufen.<\/p><p>Zur Erinnerung: Die Lissabon-Strategie ist in wesentlichen Elementen auf eine Initiative des European Round Table of Industrialists ERT (Europ&auml;ischer Runder Tisch der Industriellen) zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, jenen m&auml;chtigen Klub, der die Interessen europ&auml;ischer, multinationaler Konzerne vertritt. Die Firmen werden durch Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende des jeweiligen Untenehmens repr&auml;sentiert. Der ERT arbeitet eng zusammen mit der UNICE (Union of Industrial an Empfloyers&rsquo; Conferations of Europe), der Vertretung der Industrie- und Arbeitgeberverb&auml;nde in Br&uuml;ssel. Nachdem die Ziele der Strategie zun&auml;chst nur sehr z&ouml;gerlich in den Mitgliedstaaten umgesetzt wurden, wurde im Sommer 2003 ein Think Tank, der sog. Lissabon Rat in Br&uuml;ssel gegr&uuml;ndet, der die Aufgabe &uuml;bernommen hatte, marktradikale &bdquo;Reformprojekte&ldquo; in ganz Europa durchzusetzen, die vor allem auf die Abschaffung wohlfahrtsstaatlicher Elemente abzielen. Am 20. April 2007 fand in Br&uuml;ssel eine Stakeholder-Konferenz zum Thema Flexicurity statt<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/employment_social\/employment_strategy\/pdf\/flex_backgrounddoc_de.pdf%20\">European Commission [PDF &ndash; 36 KB]<\/a><\/p><p>Die EU verteidigt das Konzept mit der sich wandelnden sozialen Realit&auml;t in den Europ&auml;ischen Gesellschaften und dem globalen Druck, unter dem europ&auml;ische Firmen st&uuml;nden. Deshalb m&uuml;sse von Arbeitnehmern verst&auml;rkt gefordert werden, sich solchen Ver&auml;nderungen flexibel und bereitwillig zu stellen: <\/p><blockquote><p>(&hellip;) Die wichtigste Antwort der EU auf die Herausforderung der Globalisierung ist die &uuml;berarbeitete Lissabon Strategie. Flexicurity liegt v&ouml;llig im Einklang mit der Hauptsto&szlig;richtung dieser Strategie und tr&auml;gt zu ihrer Umsetzung bei. Das tut sie, indem sie die Anpassungsf&auml;higkeit von Arbeitern und Unternehmen verst&auml;rkt und gleichzeitig jene Erwerbst&auml;tigen unterst&uuml;tzt, die vom Wirtschaftswandel &uuml;berholt wurden, damit auch sie davon profitieren k&ouml;nnen.<\/p><\/blockquote><p>Der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu trat schon vor weit mehr als einem Jahrzehnt energisch f&uuml;r eine europ&auml;ische soziale Bewegung ein und kritisierte, dass die Debatten, die &uuml;ber ein soziales Europa gef&uuml;hrt w&uuml;rden, kaum einen Niederschlag in den konkreten Regelungen gefunden h&auml;tten, die &uuml;ber das Alltagsleben der EU-B&uuml;rger bestimmten, insbesondere in den Bereichen Arbeit, Gesundheit, Wohnen, Altersrente. Schon im Jahr der Verabschiedung der Lissabon-Strategie kritisierte er, dass der Aufbau Europas mehr und mehr ein Sozialabbau sei und dass politische Entscheidungstr&auml;ger im Namen von Geldwertstabilit&auml;t und Haushaltskonsolidierung am Ausverkauf der bewundernswertesten sozialen Errungenschaften der letzten zweihundert Jahren mitwirkten. Bourdieu verwies vor allem darauf, dass die Arbeitgeberseite seit Mitte der siebziger Jahre Mobilit&auml;t und Flexibilit&auml;t der Arbeitnehmer einforderte. Schlagworte, hinter denen sich eine Verschlechterung der Schutzrechte f&uuml;r Arbeitnehmer und eine immer gr&ouml;&szlig;er werdende Unsicherheit verbargen und mit denen die R&uuml;cknahme von Arbeitnehmerrechten und vor allem auch die Aufweichung des K&uuml;ndigungsschutzes vorangetrieben worden sei. Mit Blick auf die Geschichte der Arbeiterbewegung wies der Soziologe darauf hin, dass es keine Sozialpolitik ohne eine soziale Bewegung zu deren Durchsetzung gebe und dass der Markt allein keinesfalls die Marktwirtschaft &bdquo;zivilisieren&ldquo; k&ouml;nne. Bourdieu hegte die Hoffnung, dass eines Tages die europ&auml;ische Gewerkschaftsbewegung zum Motor eines sozialen Europas werden k&ouml;nne. Die Gewerkschaften br&auml;uchten aktive Mitglieder, die andere mobilisieren k&ouml;nnten und international d&auml;chten<br>\nQuelle: Gegenfeuer, UVK-Verlagsgesellschaft<\/p><p>Der Aufruf der portugiesischen Gewerkschaft zum Zeitpunkt der Einigung &uuml;ber den Reformvertrag in Lissabon k&ouml;nnte ein Signal in diese Richtung sein. Alle Arbeitnehmer der 27 Mitgliedstaaten der EU sind von den Auswirkungen des Reformvertrags, insbesondere des daraus abgeleiteten &bdquo;Flexicurity-Konzepts&ldquo; unmittelbar betroffen.<br>\nWenn die B&uuml;rger anderer EU-Staaten dem Beispiel der portugiesischen Gewerkschaften folgten und f&uuml;r ihre Interessen eintr&auml;ten und sich gegen eine Entwicklung zur Wehr setzten, die Europa entgegen aller Sch&ouml;nrednerei zu einem unsozialeren Europa werden l&auml;sst, k&ouml;nnte im Gegensatz zum Jahr 2000 diesmal aus Lissabon eine andere Botschaft ausgehen. <\/p><p>Voraussetzung w&auml;re dazu allerdings, dass der von den Regierungschefs verabschiedete Reformvertrag &uuml;berhaupt erst einmal in einer nachlesbaren Form vorl&auml;ge und zusammen mit den Vorschl&auml;gen zur &ldquo;Flexicurity&rdquo; &ouml;ffentlich debattiert werden k&ouml;nnten.<br>\nVergleicht man einmal das &ouml;ffentliche Get&ouml;se um eine minimale Modifikation des Hartz IV-Gesetzes durch die SPD mit der Berichterstattung um die Inhalte des EU-Reformvertrags oder &uuml;ber die europ&auml;ischen Flexicurity-Konzepte, so kann einem Angst und Bange werden um die demokratische Kultur in Deutschland und in ganz Europa.<br>\nDie europ&auml;ische Ebene wird mehr und mehr zum Synoym f&uuml;r die Aushebelung nationaler &ouml;ffentlicher und damit demokratischer Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse.<\/p><p>Unsere Kanzlerin folgt offenbar nach wie vor der von Ministerpr&auml;sident Juncker beschriebenen Strategie:<\/p><p>Sie will die Ratifizierung des EU-Reformvertrages noch in diesem Jahr einleiten, damit Deutschland EU-Primus ist. Vor allem wohl aber, damit es kein gro&szlig;es &ldquo;Geschrei oder Aufst&auml;nde&rdquo; dagegen geben kann, weil die meisten gar nicht begriffen haben, was da auf den europ&auml;ischen Regierungskonferenzen beschlossen wurde. <\/p><p>Vielleicht mag es dann auch beim Reformvertrag und beim Flexicurity-Konzept kein Zur&uuml;ck mehr geben, aber irgandwann mit Sicherheit ein b&ouml;ses Erwachen.<\/p><p><a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/employment_social\/employment_strategy\/flex_meaning_de.htm\">Weitere Informationen der EU zum Thema Flexicurity<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Lissabon verst&auml;ndigten sich am 19. Oktober die anwesenden Staats- und Regierungschefs auf einen neuen Reformvertrag. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Einigung auf den neuen Reformvertrag als &bdquo;gro&szlig;en Erfolg&ldquo;, des Weiteren sei die sechsj&auml;hrige Vertragsdebatte zu einem guten Abschluss gebracht worden. Der Grundlagenvertrag soll am 13. Dezember in Lissabon unterzeichnet werden. Nach der Ratifizierung wird<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2708\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,180,145,132],"tags":[530,282,789,615,685,643,315],"class_list":["post-2708","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-europaeische-vertraege","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-buergerentscheid","tag-buergerproteste","tag-bda","tag-eu-kommission","tag-juncker-jean-claude","tag-kuendigungsschutz","tag-merkel-angela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2708"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29602,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2708\/revisions\/29602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}