{"id":2713,"date":"2007-10-23T08:47:34","date_gmt":"2007-10-23T06:47:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2713"},"modified":"2015-12-16T14:18:53","modified_gmt":"2015-12-16T13:18:53","slug":"tarnen-und-taeuschen-in-der-diskussion-ueber-die-hartz-reform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2713","title":{"rendered":"Tarnen und T\u00e4uschen in der Diskussion \u00fcber die Hartz-Reform"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion &uuml;ber die Verl&auml;ngerung des Bezugs von Arbeitslosengeld macht alte Fronten sichtbar. Vordergr&uuml;ndig geht es um die Frage, ob es zumutbar und gerecht sein kann, wenn ein lterer Arbeitsloser nach sp&auml;testens 18 Monaten auf ein Sozialhilfeniveau heruntergestuft wird und einen Gutteil seiner privaten Altersvorsorge aufl&ouml;sen muss, falls er bis dahin keinen Arbeitsplatz gefunden hat.<br>\nDer Streit jedoch wird deswegen so heftig gef&uuml;hrt, weil die Kotrahenten sehr unterschiedliche Vorstellungen dar&uuml;ber haben, wie das Verh&auml;ltnis zwischen F&ouml;rdern und Fordern in der Arbeitsmarktpolitik aussehen soll. Ein Beitrag eines Arbeitsmarktfachmanns, der nicht genannt werden m&ouml;chte.<br>\n<!--more--><br>\nEin geradezu primitives Argument der Beck-Kritiker ist die Warnung, dass alle D&auml;mme brechen w&uuml;rden, wenn der Gesetzgeber die Hartz-Reformen an einer Stelle &ndash; wenn auch geringf&uuml;gig und mit guten Gr&uuml;nden &ndash; korrigierte. Das ist der Versuch, ein mit hei&szlig;er Nadel gestricktes Gesetzespaket gegen jeden Verbesserungsvorschlag abzuschotten.<br>\nSo argumentieren diejenigen, die einseitig im Fordern, im Druck auf die Arbeitslosen, den wirksamsten Hebel der Arbeitsmarktpolitik sehen. Sie behandeln die Arbeitslosen grunds&auml;tzlich wie Dr&uuml;ckeberger, w&auml;hrend sie vergleichbare pauschale Urteile &uuml;ber die eigenen sozialen Gruppen als gesellschaftsfeindlich zur&uuml;ckweisen und bei Fehlleistungen in der eigenen sozialen Gruppe von Einzeltaten einiger schwarzer Schafe sprechen. Hier werden Denkschablonen des Klassenkampfes von gestern reaktiviert.<\/p><p>Die &bdquo;Verteidiger&ldquo; der geltenden Dauer des Bezugs von Arbeitslosengeld  t&auml;uschen dar&uuml;ber hinweg, dass die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit Kernelemente der Hartz-Reform nicht oder unzureichend umsetzt. Hier geht es um die Frage, wie das Verh&auml;ltnis zwischen F&ouml;rdern und Fordern derzeit aussieht und wie sich eine Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes f&uuml;r &Auml;ltere darauf auswirkt.<\/p><p>Das zentrale Ziel der Hartz-Reform ist es, das F&ouml;rdern und Fordern zu intensivieren und die Balance zwischen beiden auf hohem Niveau zu sichern. Dabei gibt das Gesetz (Sozialgesetzbuch III) der Vermittlung und der Arbeitsf&ouml;rderung den Vorrang mit dem Ziel, Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden. Im Gegenzug gibt das Gesetz der Arbeitsverwaltung weitreichende M&ouml;glichkeiten, versicherungswidriges Verhalten von Arbeitslosen zu sanktionieren, z. B. die Ablehnung eines zumutbaren Stellenangebots oder einer F&ouml;rderma&szlig;nahme.<\/p><p>Tats&auml;chlich erf&uuml;llt die Bundesagentur diese Vorgaben der Hartz&ndash;Reform und des Gesetzes nicht ausreichend. Zwar k&uuml;mmert sich die Bundesagentur um die Arbeitslosen, die leicht vermittelbar sind, aber sie bleibt bei der Betreuung und den Hilfen f&uuml;r die Arbeitslosen, die nicht oder unzureichend ausgebildet oder mit multiplen Vermittlungshemmnissen belastet sind, weit hinter dem Willen des Gesetzgebers und hinter ihren eigenen (auch finanziellen) M&ouml;glichkeiten zur&uuml;ck. Dass das geradezu absichtlich geschieht, l&auml;sst sich belegen:<\/p><ul>\n<li>Die Haushaltsmittel der Bundesagentur f&uuml;r Eingliederungshilfen werden seit Jahren &ndash; auch in Zeiten steigender Massenarbeitslosigkeit &ndash;  kontinuierlich gek&uuml;rzt. Die Bundesagentur l&auml;dt dazu ein und versch&auml;rft den Sparkurs, indem sie seit 2000 &ndash; und auch nach Inkrafttreten der Hartz-Reform &ndash; von den zugewiesenen Mitteln Jahr f&uuml;r Jahr rd. eine Mrd. &euro; nicht einsetzt, also einspart und damit &bdquo;Gewinne&ldquo; macht.<\/li>\n<li>Von den F&ouml;rderma&szlig;nahmen haben rund 80 % eine Dauer von 1-6 Monaten. Anspuchsvollere Hilfen werden nur selten angeboten. So hat die Bundesagentur  2006 nur 5200 Umschulungen bewilligt.<\/li>\n<li>D.h. die Bundesagentur verletzt die Balance zwischen F&ouml;rdern und Fordern. Sie setzt in erster Linie auf Druck. Das Sonderprogramm &bdquo;Integrationsfortschritte f&uuml;r  Betreuungskunden&ldquo; (Arbeitslose mit multiplen Vermittlungshemmnissen) signalisiert noch keinen Kurswechsel. Es bleibt im Hinblick auf sein Volumen und die angebotenen Ma&szlig;nahmen weit hinter dem zur&uuml;ck, was das Gesetz ohnehin vorsieht.<\/li>\n<\/ul><p>Die Bundesagentur begr&uuml;ndet ihre Politik mit der Behauptung, eine intensivere F&ouml;rderung &bdquo;rechnet sich nicht&ldquo;. Sie sagt das, obwohl ein gr&ouml;&szlig;erer Teil der Arbeitslosen nicht oder unzureichend qualifiziert ist und selbst im Konjunkturaufschwung kaum Vermittlungschancen hat. Sie sagt das, obwohl europ&auml;ische L&auml;nder, die erfolgreicher als wir Arbeitsmarktpolitk betreiben, intensiv aktive Hilfe leisten und dabei vor allem die Weiterbildung f&ouml;rdern.<\/p><p>In diesem Zusammenhang ist die Aussage von M&uuml;ntefering zu sehen, wonach er die Mittel, die f&uuml;r eine Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes eingesetzt werden m&uuml;ssten, lieber f&uuml;r zus&auml;tzliche Qualifizierungsma&szlig;nahmen ausgeben w&uuml;rde. Hier wird &uuml;ber einen wichtigen Tatbestand hinweggesehen: Das neue Recht gibt schon jetzt den Spielraum, mehr f&uuml;r die Qualifizierung der Arbeitslosen zu tun &ndash; auch &uuml;ber die Dauer des Bezugs von Arbeitslosengeld I hinaus. Allerdings ist nicht bekannt, dass der jeweils zust&auml;ndige Fachminister in den letzten Jahren dazu aufgefordert h&auml;tte, wenigstens die vorhandenen finanziellen Spielr&auml;ume f&uuml;r Qualifizierungsma&szlig;nahmen auszusch&ouml;pfen.<\/p><p>Schlie&szlig;lich bleibt in der &ouml;ffentlichen Diskussion &uuml;ber die Hartz-Reform unerw&auml;hnt, und zwar wider besseres Wissen der Fachleute, dass die neue Organisationsstruktur der Arbeitsmarktpolitik der zu kritisierenden Haltung der Bundesagentur Vorschub leistet. <\/p><p>Vor der Reform waren die Vermittlung der Bezieher von Arbeitslosengeld und von Arbeitslosenhilfe, das F&ouml;rdern und das Fordern. in einer Hand. Es gab einen Graben und Verschiebebahnh&ouml;fe zwischen der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe. Das hat die Hartz-Reform beseitigt. Allerdings wurden auf politischer Ebene Kompromisse vereinbart, die dazu f&uuml;hrten, dass f&uuml;r die Betreuung der Bezieher von Arbeitslosengeld I und Arbeitslosengeld II unterschiedliche Institutionen zust&auml;ndig sind. Jetzt gibt die Bundesagentur unversorgte Arbeitslose nach 12, sp&auml;testens nach 18 Monaten automatisch an den  Hartz IV-Bereich (Sozialgesetzbuch II) ab. Damit ist aus dem fr&uuml;heren Verschiebebahnhof eine Einbahnstra&szlig;e geworden. Jetzt ist es f&uuml;r die Bundesagentur finanziell attraktiv, anspruchsvollere Ma&szlig;nahmen zur Betreuung und Qualifizierung von Arbeitslosen nur in Ausnahmef&auml;llen zu bewilligen und die unversorgten F&auml;lle in die Langzeitarbeitslosigkeit abzuschieben. Auch das ist eine &ndash; fragw&uuml;rdige &ndash; Quelle f&uuml;r die &Uuml;bersch&uuml;sse der Bundesagentur.<\/p><p>Eine Verl&auml;ngerung des Arbeitslosengeldes I w&uuml;rde die Lage der &auml;lteren Arbeitslosen auch insofern verbessern, als die Bundesagentur einen gr&ouml;&szlig;eren Anreiz h&auml;tte, sie zu f&ouml;rdern und zu vermitteln.<\/p><p> Was die BA bisher an Zusammenarbeit mit den SGB II-Institutionen anbietet, hat eher Alibicharakter. Mit einer Verbesserung der misslungenen Organisationsstrukturen kann auf absehbare Zeit ebenfalls nicht gerechnet werden. Es w&auml;re daher verdienstvoll, wenn die Politik und der zust&auml;ndige Fachminister f&uuml;r eine zuverl&auml;ssige Verzahnung  der beiden Regelkreise sorgen w&uuml;rden. <\/p><p>Bei dieser Sachlage ist es nicht nachvollziehbar, wenn die Gegner Beck-Initiative jede Weiterentwicklung der Hartz-Gesetze einen R&uuml;ckschritt nennen, w&auml;hrend sie selber mit ihrem &bdquo;Druck&ldquo;-Konzept auf die fr&uuml;hkapitalistischen Methoden des 19. Jahrhunderts zur&uuml;ckgreifen. Das ist alles andere als eine moderne und zukunftsweisende Arbeitsmarktpolitik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion &uuml;ber die Verl&auml;ngerung des Bezugs von Arbeitslosengeld macht alte Fronten sichtbar. Vordergr&uuml;ndig geht es um die Frage, ob es zumutbar und gerecht sein kann, wenn ein lterer Arbeitsloser nach sp&auml;testens 18 Monaten auf ein Sozialhilfeniveau heruntergestuft wird und einen Gutteil seiner privaten Altersvorsorge aufl&ouml;sen muss, falls er bis dahin keinen Arbeitsplatz gefunden hat.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2713\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,141,140],"tags":[1011,251,309,479,307,389],"class_list":["post-2713","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","tag-beck-kurt","tag-muentefering-franz","tag-repressionen","tag-reservearmee","tag-sanktionen","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2713","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2713"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2713\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29594,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2713\/revisions\/29594"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2713"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2713"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2713"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}