{"id":27165,"date":"2015-08-11T09:29:40","date_gmt":"2015-08-11T07:29:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27165"},"modified":"2024-08-28T19:12:37","modified_gmt":"2024-08-28T17:12:37","slug":"deutschland-kann-seine-interessen-nicht-auf-dauer-gegen-die-anderen-durchsetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27165","title":{"rendered":"\u201eDeutschland kann seine Interessen nicht auf Dauer gegen die anderen durchsetzen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Durch die dramatischen Vorg&auml;nge an diesem Wochenende 12.\/13. Juli ist ja die Einheitsfront aufgebrochen, weil die franz&ouml;sische und die italienische Seite gesehen haben, dass sich das eigentlich auch gegen sie richtet. Dass dieser Versuch, am Beispiel Griechenlands durchzuexerzieren was passiert, wenn man sich von Berlin aus formulierten Regeln nicht unterwirft &ndash; der richtet sich ja nicht nur gegen Griechenland, sondern er richtet sich gegen alle anderen Euro-Staaten. Deswegen gibt es jetzt starke Stimmen aus Frankreich, Italien, Spanien, die sagen, diese Art von Krisenmanagement k&ouml;nnen wir so nicht fortsetzen, wir m&uuml;ssen die Verfasstheit der Eurozone neu diskutieren, wir brauchen eine Euro-Regierung mit einem eigenen Budget, und wenn sie ein eigenes Budget hat, bedeutet das, dass sie Steuergeld verwaltet, das hei&szlig;t, dass man auch ein Parlament f&uuml;r die Eurozone braucht, was diesen Namen wirklich verdient. Wenn es dazu k&auml;me, kriegen wir eine europ&auml;ische Verfassungsdebatte und &uuml;ber diese Verfassungsdebatte kriegen wir auch eine &Auml;nderung des Kurses. Also Deutschland ist m&auml;chtig, aber Deutschland ist eben kein Hegemon, der seine Interessen gegen die Interessen der anderen auf Dauer durchsetzen kann. Das wird auch Frau Merkel fr&uuml;her oder sp&auml;ter einsehen, selbst, wenn sie dar&uuml;ber ihren Finanzminister verliert.&ldquo;<br>\nGriechenlandspezialist <strong>Harald Schumann<\/strong> erneuert seine Kritik an Sch&auml;uble und Merkel im Interview mit den NachDenkSeiten. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Rolf-Henning Hintze<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Nachdenkseiten:<\/strong> Sch&auml;uble und Merkel  sind im Moment beliebter als je zuvor, das h&auml;ngt mit der Griechenlandkrise  zusammen. Sie nun vertreten die Meinung, die beiden werden in die Geschichte eingehen, weil sie Europa nachhaltig gesch&auml;digt haben. Wieso?<\/p><p><strong>Schumann:<\/strong> Sie haben eine Grundannahme, die der europ&auml;ischen Einigung zugrunde liegt oder der ganzen Integration der letzten 50 Jahre, n&auml;mlich dass es Ziel der europ&auml;ischen Integration ist, das nationalistische Ressentiment zu &uuml;berwinden und es nicht einzusetzen, um Verteilungskonflikte zuzudecken oder umzudeuten &ndash; dieses Tabu haben sie gebrochen. Sie haben im gro&szlig;en Stil &ouml;ffentlich inszeniert ein WIR, DIE DEUTSCHEN gegen DIE GRIECHEN und im verminderten Ma&szlig;e Portugiesen, Spanier, Iren und Zyprer &ndash; und haben innerhalb dieses Fehlkonstrukts der Eurogruppe ihre Machtposition als wichtigster Gl&auml;ubigerstaat ausgenutzt, um eine ihnen unliebsame Regierung in einem anderen Mitgliedsland nachhaltig zu sch&auml;digen oder am besten auch zu st&uuml;rzen, das war ja das eigentliche Ziel. Das l&auml;uft der europ&auml;ischen Einigung fundamental zuwider. Insofern, wenn es bei diesem Kurs bleibt, dann wird das die europ&auml;ische Integration nachhaltig sch&auml;digen und  vermutlich sogar zu einer R&uuml;ckentwicklung f&uuml;hren.<\/p><p><strong>Nachdenkseiten:<\/strong> Im Moment spricht nichts daf&uuml;r, dass der Kurs ge&auml;ndert wird, oder?<\/p><p><strong>Schumann:<\/strong> Man darf die Dynamik, die da jetzt entstanden ist, nicht untersch&auml;tzen. Durch die dramatischen Vorg&auml;nge an diesem Wochenende 12.\/13. Juli ist ja die Einheitsfront aufgebrochen, weil die franz&ouml;sische und die italienische Seite gesehen haben, dass sich das eigentlich auch gegen sie richtet. Dass dieser Versuch, am Beispiel Griechenlands durchzuexerzieren was passiert, wenn man sich von Berlin aus formulierten Regeln nicht unterwirft &ndash; der richtet sich ja nicht nur gegen Griechenland, sondern er richtet sich gegen alle anderen Euro-Staaten. Deswegen gibt es jetzt starke Stimmen aus Frankreich, Italien, Spanien, die sagen, diese Art von Krisenmanagement k&ouml;nnen wir so nicht fortsetzen, wir m&uuml;ssen die Verfasstheit der Eurozone neu diskutieren, wir brauchen eine Euro-Regierung mit einem eigenen Budget, und wenn sie ein eigenes Budget hat, bedeutet das, dass sie Steuergeld verwaltet, das hei&szlig;t, dass man auch ein Parlament f&uuml;r die Eurozone braucht, was diesen Namen wirklich verdient. Wenn es dazu k&auml;me, kriegen wir eine europ&auml;ische Verfassungsdebatte und &uuml;ber diese Verfassungsdebatte kriegen wir auch eine &Auml;nderung des Kurses. Also Deutschland ist m&auml;chtig, aber Deutschland ist eben kein Hegemon, der seine Interessen gegen die Interessen der anderen auf Dauer durchsetzen kann. Das wird auch Frau Merkel fr&uuml;her oder sp&auml;ter einsehen, selbst, wenn sie dar&uuml;ber ihren Finanzminister verliert.<\/p><p><strong>Nachdenkseiten:<\/strong> Die Erkl&auml;rung, die Tsipras am 13. Juli unterschrieben hat, kommt einer Unterwerfungserkl&auml;rung gleich. Meinen Sie, dass Tsipras in dem Moment &uuml;berhaupt eine andere Chance hatte , als das zu unterschreiben?<\/p><p><strong>Schumann:<\/strong> Nein, hatte er nicht. Er musste das machen, die Alternative w&auml;re ein ungeordnetes Ausscheiden aus der Eurozone einfach durch den Mangel an Bargeld gewesen, damit kann man jede Wirtschaft zugrunde richten. Diese Alternative w&auml;re noch schlimmer gewesen als die Unterwerfung unter die jetzigen Bedingungen, darum hatte er keine Alternative.<\/p><p><strong>Nachdenkseiten:<\/strong> Ist ihm nicht vorzuwerfen, dass er sich auf diese M&ouml;glichkeit nicht vorbereitet hat und eine Alternative h&auml;tte entwickeln m&uuml;ssen?<\/p><p><strong>Schumann:<\/strong> Das hat er ja versucht. Das gro&szlig;e Problem ist, ein Ausscheiden aus einer W&auml;hrungsunion ist dann halbwegs machbar, wenn sie im Konsens geschieht und mit Unterst&uuml;tzung der verbliebenen Eurostaaten und vor allem durch deren Zentralbank. Man muss es einfach nur mal durchspielen: Angenommen Griechenland stellt wieder auf die Drachme um, dann hat die erst mal ein gro&szlig;es Glaubw&uuml;rdigkeitsproblem und wertet ab. Dazu kommt, wenn sie im internationalen Handel ist und wenn sie Mitglied in der Europ&auml;ischen Union bleiben, dann bleibt ja Kapitalverkehrsfreiheit und dann bleibt ja Handelsfreiheit, dann kommen sie unter wahnsinnigen Druck durch die Spekulanten. Das hei&szlig;t, wenn man verhindern will, dass die neue griechische Drachme gleich um 50, 60 oder 70 Prozent abwertet, m&uuml;sste die Europ&auml;ische Zentralbank sie st&uuml;tzen und einen Mindestkurs garantieren. Das ist aber niemals angeboten worden, und das kann die griechische Regierung von sich aus nicht herstellen. Herr Varoufakis und seine Arbeitsgruppe haben ja versucht durchzudeklinieren, was w&uuml;rde denn passieren, wenn wir auf eigene Faust eine Parallelw&auml;hrung einf&uuml;hren und damit quasi die Vorbereitungen treffen, um auf eine eigene W&auml;hrung umzuschalten, und sie kamen ja dann gemeinschaftlich zu dem Schluss, es geht nicht. Es geht nicht, wenn sie nicht die EZB auf ihrer Seite haben. Das war aber nie im  Angebot und das hat auch Herr Sch&auml;uble niemals angeboten, er hat ja noch nicht einmal mit der EZB dar&uuml;ber geredet. Nun kann man einer Zentralbank nicht vorwerfen, dass sie die Zerst&ouml;rung ihres eigenen W&auml;hrungsgebietes nicht betreibt. Trotzdem: Wenn man schon sagt, wir wollen, dass die Griechen ausscheiden, h&auml;tte man das ehrlicherweise anbieten m&uuml;ssen und dass man das nicht angeboten hat, zeugt davon, dass man v&ouml;llig unredlich war, und  deswegen war es eine schlichte Erpressung der Tsipras-Regierung.<\/p><p><strong>Nachdenkseiten:<\/strong> Der IWF ist ja eigentlich daf&uuml;r bekannt, dass er eine besonders harte Politik betreibt, und Sch&auml;uble und Merkel wollten den IWF ja ganz betont in der Troika dabei haben. Jetzt sind wir &uuml;berrascht, dass der IWF sich f&uuml;r einen Schuldenschnitt einsetzt, den die deutsche Regierung bisher vehement ablehnt. Was mag den IWF zur &Auml;nderung seiner Haltung bewogen haben?<\/p><p><strong>Schumann:<\/strong> Einmal die Erfahrung der vergangenen f&uuml;nf Jahre und dann nat&uuml;rlich die Einsicht der eigenen Fachleute, die ja von Anfang an, schon 2010, daf&uuml;r pl&auml;diert haben, dass man keinen Kredit gibt,  bevor &uuml;ber einen Schuldenerlass, eine Schuldenstreckung, eine Restrukturierung, wie immer man das Kind nennt, sichergestellt ist, dass die Schuldenlast des griechischen Staates langfristig dauerhaft tragf&auml;hig ist.<br>\nWarum ist das so wichtig?<br>\nMan h&ouml;rt in Deutschland oft das Argument, der aktuelle Schuldendienst Griechenlands sei doch niedriger als Portugal. Das stimmt, denn es gibt diese Stundung der Kredite des Europ&auml;ischen Rettungsfonds bis 2022, danach sollen aber dann umso h&ouml;here Zins-und Tilgungsleistungen einsetzen. Das Problem ist, wenn man heute schon wei&szlig;, dass 2022 eine Schuldenlast droht, die der griechische Staat nicht wird schultern k&ouml;nnen wird, dann perpetuiert man die gro&szlig;e Unsicherheit dar&uuml;ber, was denn 2022 mit Griechenland und mit der W&auml;hrung passiert. Genau das wollen die IWF-Leute nicht, sie wollen eine langfristige Perspektive, denn nur bei einer langfristigen Perspektive gibt es auch wieder Investitionen und gibt es &uuml;berhaupt eine Chance, dass die griechische Wirtschaft sich erholt. Die Verweigerung eines Schuldenschnitts bedeutet, dass die Griechen dauerhaft am Tropf h&auml;ngen bleiben und dass sie nicht aus eigener Kraft ihre Wirtschaft wieder in Gang setzen k&ouml;nnen, das ist der springende Punkt.<br>\nUnd da wollen die IWF-Leute nicht noch einmal mitmachen. Sie haben schon zweimal wider besseres Wissen mitgespielt, ein drittes Mal wollen sie nicht. Das liegt auch daran, dass ganz viele Mitgliedsl&auml;nder des Internationalen W&auml;hrungsfonds, die nicht der Eurozone angeh&ouml;ren, offen signalisiert haben, dass sie ein drittes Mal nicht zustimmen werden im Exekutivdirektorium. Nat&uuml;rlich haben die Amerikaner und die Europ&auml;er dort nach wie vor die Mehrheit, weil die IWF-Reform immer noch nicht stattgefunden hat, aber der IWF steht massiv unter Druck durch die Schwellenl&auml;nder. Die haben ja begonnen, ihre eigenen Finanzinstitutionen aufzubauen, und je mehr der IWF in Konfrontation geht gegen den Willen dieser Schwellenl&auml;nder, desto h&ouml;her wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir neben dem Internationalen W&auml;hrungsfonds einen zweiten W&auml;hrungsfonds bekommen, der dann eben von den Schwellenl&auml;ndern dirigiert wird und unter anderen Gesetzen funktioniert. Das ist definitiv nicht im Interesse derer, die im IWF arbeiten.<\/p><p><em>Interview: Rolf-Henning Hintz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Durch die dramatischen Vorg&auml;nge an diesem Wochenende 12.\/13. Juli ist ja die Einheitsfront aufgebrochen, weil die franz&ouml;sische und die italienische Seite gesehen haben, dass sich das eigentlich auch gegen sie richtet. 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