{"id":2724,"date":"2007-10-26T16:32:24","date_gmt":"2007-10-26T14:32:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2724"},"modified":"2015-12-13T18:30:53","modified_gmt":"2015-12-13T17:30:53","slug":"zur-parteitagsrede-kurt-becks-allen-wohl-und-keinem-weh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2724","title":{"rendered":"Zur Parteitagsrede Kurt Becks: Allen wohl und Keinem Weh"},"content":{"rendered":"<p>Kurt Beck ist keine gro&szlig;er Redner, die Kunst der Zuspitzung ist nicht seine Sache und es dauert lange (manchmal ewig lange) bis er seine S&auml;tze zu Ende bringt. Mit unendlich vielen R&uuml;cksichtnahmen und Einschr&auml;nkungen landen seine Gedanken h&auml;ufig im Nirgendwo. Es ist oft kaum noch zu erkennen, was Sache ist &ndash; so verschwurbelt war seine fast zweist&uuml;ndig Rede vor allem bei den streitigen Themen. So konnten aus seiner Er&ouml;ffnungsrede wieder einmal Viele Vieles heraush&ouml;ren. Kurt Beck hat artig alle und alles gelobt, was Sozialdemokraten machen und gemacht haben, von Gerhard Schr&ouml;der &uuml;ber die Regierungsmitglieder bis hin zu den Wahlk&auml;mpfern in den L&auml;ndern. Der Parteivorsitzende hat alles unterlassen, womit er mit Schr&ouml;der oder M&uuml;ntefering anecken h&auml;tte k&ouml;nnen und er hat alle, die auf einen klareren Kurs hofften, mit einem Wortschwall &uuml;berschwemmt, bei dem sich jeder seine ihm passenden Versatzst&uuml;cke ausw&auml;hlen kann. Allen Wohl und keinem Weh und m&ouml;glichst wortreich um Streitpunkte herumreden, das zeichnet Kurt Beck aus. Viel Statur als Parteivorsitzender und viel Profil f&uuml;r die SPD hat er durch diese Parteitagsrede nicht gewonnen. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nImmer wieder griff Beck tief ins Geschichtsbuch der Sozialdemokratie um die Grundwerte dieser Partei herzuleiten, aber sind damit die Begriffe  Solidarit&auml;t, Gerechtigkeit und Freiheit in die Zukunft fortgeschrieben worden? <\/p><p>Die Sozialdemokratie wolle Herausforderungen gestalten, damit wir sie nicht erdulden oder &uuml;ber uns ergehen lassen m&uuml;ssten. Er z&auml;hlt alle Herausforderungen auf, Umwelt, Klimaschutz, internationale Wirtschafts- und Finanzwelten, demografische Ver&auml;nderungen, soziales Europa, Frieden, Freiheit usw.  Aber man musste schon ganz genau hinh&ouml;ren oder muss viel interpretieren, um herauszufinden wie das &bdquo;Gestalten&ldquo; der Sozialdemokratie aussehen soll. Warum hat er sich zur inhaltlichen Ausf&uuml;llung eigentlich nicht mehr auf das neue Grundsatzprogramm gest&uuml;tzt oder st&uuml;tzen k&ouml;nnen?<\/p><p>Beck z&auml;hlt Habenseiten und Sollseiten auf, aber es gelingt ihm weder das eine noch das andere auf den Punkt zu bringen. Er redet beim Haben vielfach um den hei&szlig;en Brei herum, um blo&szlig; niemand auf die F&uuml;&szlig;e zu treten. Genauso schwammig bleibt er beim Soll.<\/p><p>Zugegeben, er beklagt, der Aufschwung habe noch nicht alle erreicht, die Durchl&auml;ssigkeit sei alles andere als zufriedenstellend, pflegebed&uuml;rftige Menschen w&uuml;rden nicht ausreichend versorgt, die Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung klaffe auseinander. Aber bei seinen Antworten, das Soll auszugleichen, beschr&auml;nkt er sich auf blasse Hinweise auf das Grundsatzprogramm. Und lobt ansonsten uneingeschr&auml;nkt Gerhard Schr&ouml;der und die derzeitige Arbeit der Regierungsmitglieder.  <\/p><p>Selbst die Angriffe auf die anderen Parteien sind eher zaghaft. Gegen&uuml;ber einem (angeblichen) &bdquo;Schwenk&ldquo; der CDU zum Teilhaben(?) reklamiert er hilflos Urheberrechte und kritisiert allenfalls, dass uns ein Bild vorgehalten werde, das nicht der wirklichen Absicht der Union entspreche. Das Herzst&uuml;ck der Unionspolitik sei immer mehr Druck auf die Menschen zu machen. Statt mit der Parteivorsitzenden setzte er sich lieber &ndash; unverf&auml;nglich &ndash; mit der Jungen Union auseinander.<br>\nZur Linkspartei f&auml;llt ihm ganz am Schluss nur ein Satz ein, n&auml;mlich dass die SPD der Ma&szlig;stab sei, an der sich die &bdquo;sog. Linke&ldquo; messen lassen m&uuml;sse.<\/p><p>&bdquo;Nachhaltigkeit&ldquo; bestimme das Handeln der SPD.<\/p><ul>\n<li>In der Umwelt- und Klimapolitik: Der Klimaschutz m&uuml;sse bei allen anderen Entscheidungen &bdquo;mitzumessen&ldquo; sein. Sein Pl&auml;doyer f&uuml;r den Ausstieg aus der Kernenergie ist umst&auml;ndlich und beschr&auml;nkt sich auf das Ausstiegszenario Gerhard Schr&ouml;ders.<\/li>\n<li>In der Finanzpolitik: Der Staat m&uuml;sse handlungsf&auml;hig bleiben. Es m&uuml;sse Phasen geben, wo wir uns wieder Spielr&auml;ume verschaffen m&uuml;ssten: Ein Drittel der Mehreinnahmen f&uuml;r Einsparungen zwei Drittel f&uuml;r echte Zukunftsinvestitionen. Er feiert den Erhalt der Gewerbesteuer f&uuml;r die Kommunen als sozialdemokratische Gro&szlig;tat, sagt aber keinen Satz zur Unternehmensteuersenkung.<\/li>\n<li>Er kritisiert die marktliberale Politik der EU an dem ziemlich ungl&uuml;cklichen Beispiel der Pl&auml;ne zur Zerschlagung des Lottomonopols.<\/li>\n<\/ul><p>Beck beschwor eine &bdquo;Erinnerungskultur&ldquo; und eine &bdquo;Anerkennungskultur&ldquo; &ndash; ohne dass man genauer erkennen w&uuml;rde, was er damit meint, au&szlig;er dass er sie gegen eine ausgrenzende &bdquo;Leitkultur&ldquo; stellt.<\/p><p>Beck will Br&uuml;cken &uuml;ber die Kluft zwischen den B&uuml;rgern und den politisch Handelnden dadurch schlagen, man m&uuml;sse n&auml;her bei den Menschen sein und ihre Situation erkennen.<\/p><p>So als m&uuml;sse er sich verteidigen, versucht er den Freiheitswillen der Sozialdemokratie von Hambach, &uuml;ber die Pauslkirche, die Freiheitskirche bis hin zum Widerstand gegen das NS-Regime und der Zwangsvereinigung in Ostdeutschland zu belegen. Nach diesem langen Anlauf wehrt er sich gegen den Alarmismus von Sch&auml;uble mit dem zaghaften Hinweis auf das Grundgesetz und zu erwartende Urteile des Bundesverfassungsgerichts. Wer dauernd Alarm rufe, schaffe nicht mehr Aufmerksamkeit. Er wirft dem Innenminister Sch&auml;bigkeit vor, wenn er die SPD daf&uuml;r verantwortlich mache, wenn irgendetwas passieren sollte.<\/p><p>Er dreht sich dreimal im Kreise bis er den Verteidigungsminister und dessen Pl&auml;ne zum Abschuss von durch Terroristen gekaperte Flugzeugen kritisiert  und verweist dabei auf das Gewissensdilemma der Soldaten zwischen Abschussbefehl und der Einhaltung des Grundgesetzes.<\/p><p>Bei der Reform der Sozialsysteme verweist er auf den zur&uuml;ckliegenden schweren Weg, der aber notwendig und deshalb richtig gewesen sei. Dann folgt noch etwas kryptisch, der Hinweis auf anonyme Entscheidungen bei Entlassungen, die ohne Begr&uuml;ndung aus der betriebswirtschaftlichen Situation getroffen w&uuml;rden. Mehr sagt er nicht zur Auseinandersetzung der letzten Wochen.<\/p><p>Die Finanzm&auml;rkte d&uuml;rften nicht zur &bdquo;F&uuml;nften Gewalt&ldquo; (Breuer) werden, deshalb werde man eine Arbeitsgruppe einsetzen die Spielregelns erarbeiten soll.<br>\nDemokratie vertrage keine Ohnmacht, sonst w&uuml;rden sich die Menschen von der Demokratie abwenden!<\/p><p>Ihm einen Linksrutsch zu unterstellen, sei haneb&uuml;chen. Gerade Sozialdemokraten m&uuml;ssten daf&uuml;r sorgen, dass Marktwirtschaft noch funktioniere. Markt finde immer weniger statt und deshalb m&uuml;sse man vor allem die Chancen der kleinen und mittleren Unternehmen durch vern&uuml;nftige Rahmensetzungen f&ouml;rdern, etwa in der Gr&uuml;ndungsphase und durch eine gute Infrastruktur. Der Wirtschaftsminister tue nicht ausreichend daf&uuml;r. So m&uuml;sse man etwa das dreigliedrige Bankensystem erhalten. An die L&auml;nder appellierte er, ein Tariftreuegesetz einzuf&uuml;hren, um einen fairen Wettbewerb f&uuml;r die kleinen Unternehmen zu erm&ouml;glichen.<\/p><p>Beck wirbt f&uuml;r den vom Vorstand vorgelegten Kompromiss zur Bahnprivatisierung. Es sei Auftrag der Bahn, die Fl&auml;che weiter zu bedienen aber auch ein europ&auml;isches Verkehrsunternehmen zu schaffen. Die Bahn brauche eine bessere Kapitalausstattung als sie allein aus &ouml;ffentlichen Mitteln zu gew&auml;hrleisten sei. Das ist alles was ihm dazu einf&auml;llt.<\/p><p>Er will den &bdquo;Soli&ldquo; beibehalten, um real zu helfen und emotional bei den Menschen im Osten zu sein. Die SPD m&uuml;sse im Osten ihre Infrastruktur verbessern.<\/p><p>Der Kampf um &bdquo;gute Arbeit&ldquo; werde die Linie der SPD bestimmen, es gehe nicht um &bdquo;irgendeine Arbeit&ldquo;. Beim K&uuml;ndigungsschutz d&uuml;rfte die Auswirkungen auf die Familien oder das Wohneigentum nicht &bdquo;verschlampert&ldquo; werden. Zum Begriff der guten Arbeit geh&ouml;re der Mindestlohn &ndash; f&uuml;gte er nicht ohne pflichtschuldiges Lob auf Franz M&uuml;ntefering hinzu.<\/p><p>Man m&uuml;sse st&auml;ndig nach einer Balance zwischen F&ouml;rdern und Fordern suchen. Es gehe &bdquo;an der einen oder anderen Stelle an das Selbstwertgef&uuml;hl der Menschen&ldquo;, wenn ein  &bdquo;Balalaikaspieler auf dem Marktplatz&ldquo; &uuml;ber einen Leisten gezogen w&uuml;rde mit jemand der lange gearbeitet habe. Hier m&uuml;sse &bdquo;da und dort&ldquo; nachtariert werden. So sei es beim Rentenalter klug, danach zu suchen, wo die &bdquo;Besonderheiten&ldquo; liegen. Der Hinweis auf den &bdquo;Dachdecker&ldquo; und durfte nicht fehlen, die Teilrente sei ein L&ouml;sungsweg. <\/p><p>Beck spricht sich f&uuml;r den &bdquo;vorsorgenden Sozialstaat&ldquo; aus, damit sei aber nicht verbunden, dass man sich von den Notleidenden abwende. Der vorsorgende Sozialstaat zeige sich am deutlichsten in fairen Chancen bei Bildung und  Ausbildung. Es sei die gr&ouml;&szlig;te Niederlage gewesen, dass wir nicht vorangekommen oder genauer dass wir wieder zur&uuml;ckgefallen sind.<br>\nBeck sprach sich  f&uuml;r einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz mit dem Ziel der Beitragsfreiheit, f&uuml;r die Ganztagsschule und daf&uuml;r dass die Kinder l&auml;nger gemeinsam in die Schule gehen aus. Wenn Eltern kein Geld h&auml;tten, das Mittagessen zu bezahlen, dann d&uuml;rften sie nicht vor der T&uuml;r stehen. Materielle H&uuml;rden bei der Bildung d&uuml;rfe es in Deutschland nicht wieder geben. <\/p><p>Die SPD m&uuml;sse sich den Aufgaben annehmen, geschichtsbewusst, aber nicht in der Vergangenheit verharrend. Man d&uuml;rfe nicht um das &bdquo;goldene Kalb&ldquo; herumtanzen, als w&auml;re es das Heil, man m&uuml;sse immer fragen, wo die wirklichen Interessen der Menschen seien.<\/p><p>Die SPD m&uuml;sse die Menschen in Deutschland ansprechen, die sich der solidarischen Mehrheit zugeh&ouml;rig f&uuml;hlten. Die Sozialdemokratie wolle regieren, weil sie nur dann das, was sie propagiert umzusetzen in der Lage sei. Die Spannung zwischen den Idealen und dem Regierungshandeln m&uuml;sse man aushalten.<br>\nDie SPD werde sich ihre Streitkultur nicht nehmen lassen.<\/p><p>Mit aufmunternden Worten an alle die in n&auml;chster Zeit vor Wahlauseinandersetzung stehen, w&uuml;nschte Beck, dass der Hamburger Parteitag ein &bdquo;historischer Parteitag&ldquo; werde. Eine historische Rede d&uuml;rfte diese Rede nicht werden.<\/p><p>Der Parteitag hat das Kurt Beck nachgesehen und ihm mit 483 von 506 g&uuml;ltigen Stimmen 95,5 Prozent Zustimmung gegeben. (Das ist sogar noch ein bisschen (0,4%) mehr als bei seiner ersten Wahl.) Das ist ein gro&szlig;er Vertrauensvorschuss und das k&ouml;nnte ihn eigentlich in Zukunft ein wenig mutiger machen, zu sagen, wo er die SPD hinf&uuml;hren will. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurt Beck ist keine gro&szlig;er Redner, die Kunst der Zuspitzung ist nicht seine Sache und es dauert lange (manchmal ewig lange) bis er seine S&auml;tze zu Ende bringt. Mit unendlich vielen R&uuml;cksichtnahmen und Einschr&auml;nkungen landen seine Gedanken h&auml;ufig im Nirgendwo. 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