{"id":2728,"date":"2007-10-29T10:58:20","date_gmt":"2007-10-29T08:58:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2728"},"modified":"2015-12-13T17:15:02","modified_gmt":"2015-12-13T16:15:02","slug":"rueckblick-nur-noch-meinungsmache-entscheidet-die-sache-nahezu-irrelevant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2728","title":{"rendered":"R\u00fcckblick &#8211; nur noch Meinungsmache entscheidet. Die Sache &#8211; nahezu irrelevant."},"content":{"rendered":"<p>Erstens &uuml;ber den Ausgang der Tarifauseinandersetzung der Lokf&uuml;hrer mit der Bahn. Zweitens &uuml;ber das Urteil &uuml;ber den SPD Parteitag. Drittens dar&uuml;ber, wem der kleine Aufschwung zu verdanken ist. Viertens B&ouml;rsengang der Bahn. F&uuml;nftens Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km\/h. Ich skizziere in Stichworten, was mir aufgefallen ist. Der durchgehende Grundzug &ndash; was sachlich richtig ist, ist vergleichsweise zweitrangig, entscheidend ist die Potenz der &ouml;ffentlichen Meinungsf&uuml;hrung. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>Lokf&uuml;hrerstreik<\/strong><br>\nWie schon bei einer fr&uuml;heren Notiz zum Lokf&uuml;hrerstreik lasse ich die Problematik der Aufspaltung der gewerkschaftlichen Vertretung beiseite, zumal sie nicht nur auf die Lokf&uuml;hrer zur&uuml;ckgeht. Dazu hat im &uuml;brigen Detlef Hensche im letzten <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/2007\/43\/07430101.php%20\">&bdquo;Freitag&ldquo;<\/a> ausreichend Zutreffendes geschrieben.<br>\nVergangenen Donnerstag fuhr ich zu einer Veranstaltung nach Speyer und zur&uuml;ck. Auf den Hinweg h&ouml;rte ich Nachrichten in SWR1 (&bdquo;Geh&ouml;rt geh&ouml;rt&ldquo;). Zur Vermittlung der klaren Botschaft, die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den Lokf&uuml;hrerstreik gehe zur&uuml;ck, waren im Nachrichtenblock Interviews mit Passanten eingebaut: &sbquo;Bisher haben wir Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Lokf&uuml;hrer. Jetzt wird es zu viel. Auch die 31% sind zu viel. Warum einigen die sich nicht.&rsquo; &ndash; Das gleiche bei der R&uuml;ckfahrt gegen Mitternacht. &ndash; So ist es vermutlich bundesweit gelaufen.<br>\nHier wird die Publicrelations-Macht der Arbeitgeberseite sichtbar. Es w&auml;re n&auml;mlich naiv anzunehmen, diese ver&auml;nderte Stimmungslage w&auml;re nicht organisiert. Waffengleichheit gibt es hier nicht. Von vornherein war erkennbar, dass die Deutsche Bahn AG voll auf ihre kommunikative Kraft setzt. Sie hat es geschafft, ihre Botschaften mit Anzeigen, &ouml;ffentlichen Erkl&auml;rungen und Publicrelations durchzusetzen. Sie hat es geschafft, ihr schr&auml;ges Tarifangebot als ein echtes darzustellen. Ihre Vertreter traten professionell auf. Die Vertreter der GDL wirkten hingegen bieder. Der kulturelle Unterschied zwischen den Vertreter der Arbeitgeberseite und der Arbeitnehmerseite schlug voll zu Buche. In einer Gesellschaft, deren Oberschicht und obere Mittelschicht keinen Sinn und kein Mitgef&uuml;hl mit den Schlechtergestellten und schlechter Ausgebildeten mehr haben, schl&auml;gt die Waffenungleichheit schon wegen des verschiedenen kulturellen Hintergrunds voll zu Buche.<br>\nDas wichtigste aber ist die erw&auml;hnte und mit vielen Millionen gef&uuml;tterte PR-Kraft der Bahn und speziell von Bahnchef Mehdorn.<br>\nPR wird wohl letztlich den Ausgang dieses Streiks entscheiden. Nicht zum ersten Mal und nicht zum letzten Mal.<br>\nDagegensetzen kann man in dieser Situation nur den Versuch, Bewusstsein f&uuml;r die Meinungsmache und ihre tats&auml;chlich ausschlaggebende Bedeutung zu schaffen. Deshalb diese Notiz.<\/li>\n<li><strong>Aufbruch und Linksruck beim SPD Parteitag.<\/strong><br>\nMit meiner kritischen Analyse des Geschehens auf dem SPD-Parteitag komme ich mir schon etwas exotisch vor, weil die Mehrheitsmeinung eindeutig zurechtgetrimmt ist. Interessant dabei: Noch am Samstag waren nach der Rede von Kurt Beck die Kommentare einigerma&szlig;en gemischt, jetzt hat sich das gewendet. Ich vermute, dass der Kommentar in der S&uuml;ddeutschen Zeitung von Heribert Prantl, der als Person eine hohe Glaubw&uuml;rdigkeit hat und den man nicht in der Reihe von PR-Journalisten vermutet, eine zentrale Bedeutung f&uuml;r die weitere Meinungsbildung hatte. Bei ihm konnte man schon an der &Uuml;berschrift lernen, was angeblich historisch abgeht: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/deutschland\/artikel\/335\/140041\/print.html\">&bdquo;Bebel! Brandt! Beck.&ldquo;<\/a><br>\nDie Botschaft selbst lautet zwar &bdquo;Kurswechsel&ldquo;, doch das ist dann auch schon die Hauptbotschaft vieler Berichterstattungen und Kommentare &ndash; v&ouml;llig abgel&ouml;st von der Sache. Siehe unsere Beitr&auml;ge: <a href=\"?p=2724\">&ldquo;Zur Parteitagsrede Kurt Becks: Allen wohl und Keinem Weh&rdquo;<\/a> und <a href=\"?p=2726\">&ldquo;Kurswechsel der SPD? Linksruck?&rdquo;<\/a>\n<p>Ein paar kleine, sozial klingende, kosmetische Tupfer an der Agenda-Fassade l&ouml;sen massive Gegenangriffe im konservativen Lager und in den Mainstreammedien aus. Der SPD-Parteitag wird geradezu als Sprungbrett benutzt, um sich &uuml;ber die Stimmung und vor allem &uuml;ber die Wirklichkeit im Lande hinwegzusetzen. Schon die h&auml;ufigere Verwendung des Wortes &bdquo;sozial&ldquo; gilt als Ketzertum. Daran mag man erkennen, wie weit sich inzwischen das politische und das Medienspektrum ins wirtschaftsliberale Lager verschoben haben. Kritische Medien gibt es immer weniger. Stern, Spiegel, ARD, ZDF etc. &ndash; alle auf der anderen Seite und zwar aktiv, mit geballter und organisierter Kraft.<\/p>\n<p>Das einzig Tr&ouml;stliche an dieser massiven Kampagne ist: Sie zeigt, dass die Agenda-Verfechter sp&uuml;ren, auf wie d&uuml;nnem Eis sie sich bewegen. Es ist die pure Angst davor, dass ihre Meinungsdominanz und ihre politische Durchsetzungsmacht gegen&uuml;ber einer &bdquo;solidarischen Mehrheit&ldquo; br&ouml;ckeln k&ouml;nnte, die die Dogmatiker des sog. &bdquo;Reform&ldquo;-Kurses antreibt. Viel anders kann man die geradezu hysterischen Attacken wohl nicht erkl&auml;ren.<\/p><\/li>\n<li><strong>Agenda 2010 = gut und erfolgreich. Den Aufschwung gibt es und die Reformen haben ihn ganz wesentlich bewirkt.<\/strong><br>\nDie Bundesregierung hat ihre Prognose f&uuml;r das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2008 von 2,4% auf 2% abgesenkt. Auch in diesem Jahr ist es kaum mehr. Der Konsum sinkt real. &bdquo;Deutsche verlieren Lust am Shoppen&ldquo;, titelte der Stern am 26.10. Und dennoch werden die Botschaften in die K&ouml;pfe geh&auml;mmert, wir h&auml;tten einen Aufschwung, und dieser sei den Reformen, vor allem denen von Schr&ouml;der, zu verdanken. Meinungsmache von Helmut Schmidt und vom Korrespondenten der Neuen Z&uuml;rcher Zeitung in SpiegelOnline und von Brigitte Seebacher und auf dem SPD-Parteitag usw. usf. &ndash; immer die gleiche penetrierende Botschaft, vorgetragen in Variationen. Zum Beispiel von Schr&ouml;der, sehr clever: &bdquo;Das Bessere ist der Feind des Guten&ldquo;, so adelt er die &Auml;nderungen an seiner Agenda 2010. Aber damit transportiert er zugleich nachhaltig die Message, die Agenda 2010 sei gut gewesen. Die Delegierten glauben es. Rundum clever.<br>\n&Uuml;brigens haben sich der Spiegel und SpiegelOnline in den letzten Tagen geradezu &uuml;berschlagen mit immer neuen Varianten von Beitr&auml;gen, um diese eine Botschaft zu penetrieren: die Agenda 2010 war erfolgreich und es w&auml;re schlimm, mit der Reformpolitik nicht weiter zu machen. Perfekte Meinungsmache.<\/li>\n<li><strong>Nach dem Parteitagsbeschluss der SPD zum B&ouml;rsengang der Bahn &uuml;ber 25,1 Prozent Volksaktien wird versucht, ein Scheitern der &bdquo;Bahnreform&ldquo; und der Kapitalversorgung der Bahn daran festzumachen<\/strong><br>\nIch zitiere aus einem Beitrag von Financial Times Deutschland: <a href=\"http:\/\/www.ftd.de:80\/unternehmen\/handel_dienstleister\/:Bahn%20Weg%20Brse\/271402.html\">&bdquo;Bahn steckt auf dem Weg zur B&ouml;rse fest&ldquo;<\/a><br>\nDort wird berichtet von einer Einlassung der Bundeskanzlerin im Bericht aus Berlin des ZDF wie auch von &Auml;u&szlig;erungen des Verkehrsministers Tiefensee und des Finanzministers Steinbr&uuml;ck. Und immer die gleiche Meinungsmache: Gefahr f&uuml;r die Bahnreform. Und: die Kapitalbeschaffung der Bahn ist gef&auml;hrdet. Angela Merkel w&ouml;rtlich: &ldquo;Wenn die Ziele der Bahnreform nicht erreicht werden k&ouml;nnen, &hellip; dann ist die Bahnreform gef&auml;hrdet&rdquo;, sagte Angela Merkel (CDU) am Sonntagabend im ZDF. &bdquo;Die Bahn m&uuml;sse sich auf dem Markt mehr Kapital beschaffen k&ouml;nnen, um mehr in moderne Schienennetze zu investieren, argumentierte die CDU-Chefin.&ldquo; Tiefensee hatte sich schon am Samstag Abend im gleichen Sinne ge&auml;u&szlig;ert.<br>\nMit der Realit&auml;t hat dies nichts zu tun. Es geht nicht um eine Reform. Es geht bei der urspr&uuml;nglichen Absicht schlicht um den B&ouml;rsengang und die Verscherbelung von 49% der Bahn. Die Kapitalbeschaffung der Bahn ist auch ohne diesen B&ouml;rsengang m&ouml;glich.<br>\nDiese Realit&auml;ten spielen aber keine Rolle. Sie werden &uuml;berlagert von einer Wiederholung der immer gleichen L&uuml;gen. Penetrante Meinungsmache. So wird es die n&auml;chsten Wochen weitergehen.<br>\nUnd keine\/keiner der Offiziellen und leider auch keiner\/keine der Gegner der Bahnprivatisierung spricht offen die wirklichen Gr&uuml;nde f&uuml;r den B&ouml;rsengang an: die Verflechtung mit den Interessen der Finanzindustrie. Siehe dazu den Eintrag zu meiner <a href=\"?p=2727\">Rede in Speyer<\/a>.<\/li>\n<li><strong>Geschwindigkeitsbegrenzung<\/strong><br>\nAuch hier das gleiche Spiel. Der Vorschlag und das Problem werden nicht ernsthaft diskutiert. Angela Merkel erkl&auml;rt beim ZDF, sie sei prinzipiell dagegen, das Problem k&ouml;nne man auch mit Verkehrsleitsystemen l&ouml;sen. Und dann wird der Sinn einer Geschwindigkeitsbegrenzung in der jetzt ausgebrochenen Debatte von den Gegnern auf Klimaschutz begrenzt.<br>\nEs geht aber auch um ganz andere Dinge: um Unf&auml;lle. Es geht darum, das Verkehrsverhalten auf den Stra&szlig;en insgesamt zu ver&auml;ndern, damit m&ouml;glichst alle weniger offensiv und weniger aggressiv fahren. Mit Verkehrsleitsystemen, die zwischendurch mal 200 erlauben, ist diese Ver&auml;nderung des Verhaltens nicht zu schaffen.<br>\nEs geht auch um die damit zu bewirkende Verlagerung eines Teils des Stra&szlig;enverkehrs auf die Schiene. Denn nat&uuml;rlich erh&ouml;ht man die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Schiene, wenn die Fahrt von Frankfurt nach K&ouml;ln auf der Stra&szlig;e nicht eine Stunde sondern anderthalb dauert. Und vieles mehr.<br>\nEine differenzierte Debatte findet nicht statt. Mit gezielter Meinungsmache wird versucht, die Entscheidungen zu pr&auml;gen.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstens &uuml;ber den Ausgang der Tarifauseinandersetzung der Lokf&uuml;hrer mit der Bahn. Zweitens &uuml;ber das Urteil &uuml;ber den SPD Parteitag. Drittens dar&uuml;ber, wem der kleine Aufschwung zu verdanken ist. Viertens B&ouml;rsengang der Bahn. F&uuml;nftens Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km\/h. Ich skizziere in Stichworten, was mir aufgefallen ist. Der durchgehende Grundzug &ndash; was sachlich richtig ist, ist vergleichsweise<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2728\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,191,11,73],"tags":[270,1011,268,312,1176,402],"class_list":["post-2728","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-spd","category-strategien-der-meinungsmache","category-verkehrspolitik","tag-boersengang","tag-beck-kurt","tag-deutsche-bahn","tag-reformpolitik","tag-streik","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2728"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29544,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2728\/revisions\/29544"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}