{"id":27289,"date":"2015-08-21T12:40:15","date_gmt":"2015-08-21T10:40:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27289"},"modified":"2015-08-21T18:53:02","modified_gmt":"2015-08-21T16:53:02","slug":"afrikas-fluechtlinge-afrikas-probleme-und-unsere-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27289","title":{"rendered":"Afrikas Fl\u00fcchtlinge, Afrikas Probleme und unsere Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>Sie treiben in Pirogen im Atlantik, ertrinken vor Lampedusa, werden vor Ceuta von EU-Grenzsch&uuml;tzern <a href=\"http:\/\/www.proasyl.de\/de\/news\/detail\/news\/schwere_menschenrechtsverletzungen_an_fluechtlingen_an_der_grenze_zu_melilla\/\">abgeschossen<\/a> und schaffen es manchmal sogar in die gelobten L&auml;nder des Nordens, wo sie entweder als illegale Billigarbeiter ausgebeutet oder gleich wieder abgeschoben werden &ndash; die Rede ist von schwarzafrikanischen Fl&uuml;chtlingen, die hierzulande meist despektierlich als &bdquo;Wirtschaftsfl&uuml;chtlinge&ldquo; bezeichnet werden. Obgleich die &ouml;ffentliche Debatte &uuml;ber schwarzafrikanische Fl&uuml;chtlinge geradezu hysterisch gef&uuml;hrt wird, wird au&szlig;er oberfl&auml;chlichen Halbwahrheiten nur sehr wenig &uuml;ber die Gr&uuml;nde des Massenexodus geschrieben und gesendet. Liegt das daran, dass die Gr&uuml;nde &auml;u&szlig;ert komplex sind? Oder daran, dass &bdquo;wir&ldquo;, also der globale Norden, einen geh&ouml;rigen Teil Mitverantwortung f&uuml;r die hoffnungslose Situation tragen? Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1284\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-27289-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150821_Afrikas_Probleme_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150821_Afrikas_Probleme_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150821_Afrikas_Probleme_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150821_Afrikas_Probleme_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=27289-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150821_Afrikas_Probleme_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150821_Afrikas_Probleme_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Lassen Sie mich zun&auml;chst einmal ein popul&auml;res Missverst&auml;ndnis ausr&auml;umen: Wenn von afrikanischen Fl&uuml;chtlingen die Rede ist, ist dabei oft von Armutsfl&uuml;chtlingen die Rede, von Hunger und Krankheit. Afrika ist bettelarm, fast jeder zweite Schwarzafrikaner lebt unterhalb der absoluten Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar pro Tag. Wer jedoch denkt, dass die &Auml;rmsten der Armen eines Tages vor den Toren Europas stehen, hat nicht wirklich verstanden, was absolute Armut bedeutet. Die &Auml;rmsten der Armen schaffen es aus gesundheitlichen und finanziellen Gr&uuml;nden noch nicht einmal, ihr Dorf oder ihre Stadt zu verlassen, geschweige denn eine Reise ins ferne Europa anzutreten. Wer die Flucht in eine bessere Zukunft ins ferne Europa wagt, geh&ouml;rt eher zur afrikanischen Mittelschicht, ist mobil, meist urbaner Herkunft und f&uuml;r afrikanische Verh&auml;ltnisse sehr gut ausgebildet. Vor diesem Hintergrund von &bdquo;Wirtschaftsfl&uuml;chtlingen&ldquo; zu sprechen und sich dar&uuml;ber zu echauffieren, dass einige der Fl&uuml;chtlinge &bdquo;sogar&ldquo; Smartphones besitzen, ist jedoch bigott. Wer von Afrika nach Europa aufbricht, der sucht vor allem eins &ndash; die Hoffnung, vielleicht doch noch ein besseres Leben zu f&uuml;hren. Den &Auml;rmsten der Armen ist noch nicht einmal diese Hoffnung verg&ouml;nnt.<\/p><p>Die pers&ouml;nlichen Gr&uuml;nde f&uuml;r die Flucht in den Norden sind dabei sehr vielf&auml;ltig, haben jedoch auf der pers&ouml;nlichen Ebene meist einen gemeinsamen Nenner: Da gibt es den senegalesischen Fischer, der seine Familie nicht mehr ern&auml;hren kann, den nigerianischen Schlosser, der keinen Job findet oder den liberianischen H&auml;uptlingssohn, f&uuml;r den es trotz guter Ausbildung als Zweit- oder Drittgeborenen keine ad&auml;quate Verwendung im eigenen Dorf gibt. Stets geht es vor allem darum, dass die meist jungen und m&auml;nnlichen Fl&uuml;chtlinge in ihrer Heimat keine Chance auf einen halbwegs ordentlichen Job haben oder sich und ihre Familien nicht alleine ern&auml;hren k&ouml;nnen. Warum gibt es diese Chance in Afrika nicht? <\/p><p>Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die afrikanische Dauermisere sind so komplex, wie der schwarze Kontinent selbst. Wenn hier von Afrika die Rede ist, dann geht es prim&auml;r um Schwarzafrika, also die L&auml;nder unterhalb der Sahara. Und auch hier gibt es teils gro&szlig;e Unterschiede. Man kann einen abgeh&auml;ngten Binnenstaat wie beispielsweise Burundi nun einmal nicht mit einem leidlich industrialisierten Schwellenland wie S&uuml;dafrika vergleichen. Da das Gros der Fl&uuml;chtlinge, die ihren Weg nach Europa finden, jedoch nicht aus den wenigen aufstrebenden L&auml;ndern des afrikanischen S&uuml;dens (neben S&uuml;dafrika w&auml;ren da noch Botswana, Sambia und Namibia zu nennen) sondern aus den bitterarmen L&auml;ndern West- und Ostafrikas sowie der Sahelzone kommen, lohnt es sich, die Analyse auf diese L&auml;nder zu beschr&auml;nken.<\/p><p><strong>Wirtschaftlich abgeh&auml;ngt<\/strong><\/p><p>Streng genommen befinden sich die meisten afrikanischen L&auml;nder noch immer in der vorindustriellen Zeit. Industrielle Produktion ist nahezu nicht vorhanden, bei den Exportg&uuml;tern dominieren Rohstoffe und Agrarg&uuml;ter, Fertigprodukte nehmen nur einen verschwindend geringen und immer kleineren Teil ein. Waren 1980 noch 1,6 Prozent der afrikanischen Exporte Fertigwaren, so sind es heute nur noch 0,8 Prozent. Es ist jedoch egal, um welchen Sektor es geht, das gro&szlig;e Problem der gesamten afrikanischen Wirtschaft ist deren r&uuml;ckst&auml;ndige Produktivit&auml;t, die s&auml;mtliche Sektoren betrifft. Daher k&ouml;nnen afrikanische G&uuml;ter und Produkte, die auch in anderen Regionen hergestellt werden k&ouml;nnen, sich in einem freien und offenen Markt auch nicht durchsetzen. Schweine- oder H&uuml;hnerfleisch aus nieders&auml;chsischen Agrarfabriken weist beispielsweise trotz der vergleichsweise hohen Lohnkosten in Deutschland aufgrund des betriebswirtschaftlich hoch effizienten Produktionsverfahrens mit einem hohen maschinellen Einsatz einen niedrigeren St&uuml;ckkostenpreis auf als afrikanisches Schweine- oder H&uuml;hnerfleisch. Die Differenz ist dabei so gro&szlig;, dass selbst die Transport- und Logistikkosten mehr als gedeckt sind, wenn diese Produkte nach Afrika exportiert werden. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich beim Getreide. Bei Fertigprodukten ist die Differenz noch gr&ouml;&szlig;er. Wenn ein chinesischer Textilhersteller die Baumwolle aus dem Mali importiert und daraus in China ein T-Shirt fertigt, kann er dieses T-Shirt im Mali g&uuml;nstiger anbieten als ein lokaler Textilproduzent. Afrika ist aufgrund seiner niedrigen wirtschaftlichen Produktivit&auml;t abgeh&auml;ngt.<\/p><p>Weltweit gab es immer Staaten und Regionen, die in puncto Produktivit&auml;t hinterherhinkten und dennoch den Sprung schafften und dabei sogar vormals produktivere Regionen und Staaten &uuml;berholten. Beispiele daf&uuml;r sind das Deutsche Kaiserreich, das anfangs weit hinter dem fr&uuml;h industrialisierten Gro&szlig;britannien zur&uuml;cklag und in der Neuzeit China, das noch vor 40 Jahren ein lupenreines Entwicklungsland mit einer verschwindend geringen Produktivit&auml;t war. Wie haben es diese L&auml;nder geschafft aufzuschlie&szlig;en? Die Antwort ist denkbar einfach: Durch einen teils rigorosen Protektionismus und durch eine egoistische Zoll- und Subventionspolitik. W&uuml;rde die Republik Mali beispielsweise so hohe Einfuhrz&ouml;lle auf chinesische Fertigtextilien erheben, dass sie am lokalen Markt teurer als einheimische Produkte sind, h&auml;tte die lokale Textilindustrie einen profitablen Markt und k&ouml;nnte die Ums&auml;tze erwirtschaften, die daf&uuml;r n&ouml;tig sind, die eigene Produktion effizienter zu machen und mittel- bis langfristig die St&uuml;ckkosten so gering zu machen, dass man selbst ohne Schutzz&ouml;lle mit chinesischen Produkten konkurrieren kann. Das Gleiche gilt analog f&uuml;r Agrarprodukte, die heute mit Importg&uuml;tern aus dem globalen Norden konkurrieren.<\/p><p><strong>Der Faktor &bdquo;EU&ldquo;<\/strong><\/p><p>Genau diese erfolgversprechende Politik ist den afrikanischen Staaten im globalen Wirtschafts- und Handelssystem jedoch untersagt. Nahezu alle afrikanischen Staaten sind Mitglied der Welthandelsorganisation WTO und haben dar&uuml;ber hinaus Sonderabkommen mit den &bdquo;Big Playern&ldquo; am internationalen Markt &ndash; der EU, den USA und China. Die EU zwingt afrikanische Staaten, keine Schutzz&ouml;lle auf EU-Importe zu erheben. Wer sich diesem Diktat nicht beugt, verliert seinerseits den Zugang zum europ&auml;ischen Markt. So statuierte die EU beispielsweise vor nicht einmal einem Jahr ein Exempel an Kenia. Kenia weigerte sich aus gutem Grund seine Schutzz&ouml;lle auf EU-Importe wegfallen zu lassen. Im Gegenzug f&uuml;hrte die EU darauf Schutzz&ouml;lle auf kenianische Importe (z.B. Tee, Kaffee, Kakao, Schnittblumen) ein. Solche Kraftproben gewinnt am Ende immer derjenige, der den st&auml;rkeren wirtschaftlichen Arm hat und gegen den Wirtschaftsgiganten EU kann kein afrikanischer Staat bestehen. Kurze Zeit sp&auml;ter knickte Kenia ein und musste mit ansehen, wie preiswerte EU-Importe lokale Produkte vom Markt verdr&auml;ngen. <\/p><p>Heute dominieren EU-Agrarprodukte die afrikanischen M&auml;rkte. Gegen industriell produziertes und subventioniertes Milchpulver aus Deutschland, H&uuml;hnerfleisch aus den Niederlanden oder Tomatenmark aus Italien k&ouml;nnen lokale Produzenten preislich nicht bestehen. Die Folge ist, dass sie vom Markt verschwinden. 1990 stammten beispielsweise noch 80 Prozent des in Ghana verkauften Gefl&uuml;gelfleischs aus heimischer Produktion. Heute sind es nur noch 10 Prozent. <\/p><p>Vor allem in den westafrikanischen K&uuml;stenstaaten betreibt die EU zudem eine &auml;u&szlig;erst aggressive Fischereipolitik. Afrikanische Staaten, wie der Senegal, werden &uuml;ber Handelsabkommen dazu gen&ouml;tigt, Fischereikontingente an EU-Unternehmen abzutreten. In der Folge fischen dann europ&auml;ische Fabrikschiffe den Ostatlantik leer und die senegalesischen Fischer kommen mit leeren Netzen zur&uuml;ck. Und nun d&uuml;rfen sie dreimal raten, welche Perspektive diese Fischer haben und wohin es sie zieht. NGOs sch&auml;tzen, dass rund ein F&uuml;nftel der afrikanischen Fl&uuml;chtlinge &bdquo;Fischerei-Migranten&ldquo; sind. Viele ehemalige Fischer nutzen dabei ihre Boote, um ihre Landsleute gegen Geb&uuml;hr in die gelobten L&auml;nder des Nordens zu transportieren. <\/p><p>Die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmstr&ouml;m beschrieb die Freihandelsabkommen zwischen der EU und afrikanischen Staaten j&uuml;ngst als &bdquo;Partnerschaft unter Gleichberechtigten&ldquo; &ndash; selbst mit einer geh&ouml;rigen Portion Zynismus ist diese Erkl&auml;rung nicht zu ertragen. <\/p><p><strong>Der Faktor &bdquo;China&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es ist jedoch nicht nur die EU, die ihre schiere wirtschaftliche Macht nutzt, um Afrika zu zerquetschen und ewig in der Abh&auml;ngigkeit zu halten. Der neue Gigant auf dem afrikanischen Kontinent ist China. 2009 l&ouml;ste China die USA als wichtigsten Handelspartner Afrikas ab. Heute betr&auml;gt das Handelsvolumen zwischen China und Afrika rund 250 Milliarden Dollar &ndash; die EU erzielt rund 180 Milliarden Dollar, das Handelsvolumen zwischen Afrika und den USA sinkt kontinuierlich und betr&auml;gt heute nur noch rund 80 Milliarden Dollar. Der Handel zwischen China und Afrika w&auml;chst dabei j&auml;hrlich im zweistelligen Prozentbereich, wobei die chinesischen Exporte noch schneller wachsen als die Importe.<\/p><p>Das Wachstum der chinesischen Importe erkl&auml;rt sich von selbst. China ist zur Werkbank der Welt geworden und ben&ouml;tigt Rohstoffe, um Fertigprodukte f&uuml;r den globalen Markt herzustellen. Diese Rohstoffe kommen zum Teil aus Afrika. Und da die EU und die USA immer weniger Produkte selbst produzieren, sondern zunehmend Fertigprodukte aus China importieren, hat sich der Handelsstrom der afrikanischen Rohstoffe &uuml;ber die Jahre weg von der EU und den USA und hin zu China verschoben. <\/p><p>China ist jedoch weit davon entfernt altruistisch zu handeln oder seinerseits mit Afrika eine &bdquo;Partnerschaft unter Gleichberechtigten&ldquo; anzustreben. Als Gegenleistung f&uuml;r meist ordentlich dotierte Sch&uuml;rf- oder F&ouml;rderrechte und Exportabkommen besteht China seinerseits darauf, dass die afrikanischen Staaten ihrerseits ihre M&auml;rkte f&uuml;r chinesische Produkte &ouml;ffnen. Oberfl&auml;chlich betrachtet, ist dies ganz im Interesse der Afrikaner. Chinesische Unternehmen produzieren spezielle qualitativ minderwertige Produktlinien f&uuml;r den asiatischen und afrikanischen Markt, die nicht mit den chinesischen Importen in der EU oder den USA zu vergleichen sind. In Folge &uuml;berschwemmen Billig-Handys und Billig-K&uuml;hlschr&auml;nke made in China die afrikanischen M&auml;rkten und sind dabei oft die ersten Produkte dieser Art, die sich afrikanische Haushalte &uuml;berhaupt leisten k&ouml;nnen. Der gro&szlig;e Nachteil ist jedoch, dass chinesische Produkte oft auch mit heimischen Produkten konkurrieren &ndash; allen voran im Textilbereich. Waren es vor wenigen Jahren noch die Altkleidersammlungen aus dem Norden, die die lokalen afrikanischen M&auml;rkte beherrschten und die heimische Textilwirtschaft sch&auml;digten, sind es heute preiswerte Textilien aus China. Gegen ein 3-Euro-T-Shirt aus dem Perlflussdelta kann nun mal kein afrikanisches Produkt bestehen. Nachdem Nigeria seinen Markt f&uuml;r chinesische Importe &ouml;ffnen musste, verschwanden 80% der nigerianischen Textilindustrie von der Bildfl&auml;che, 250.000 Nigerianer verloren dadurch ihren Job &ndash; daf&uuml;r k&ouml;nnen sie jetzt g&uuml;nstige T-Shirts auf den M&auml;rkten kaufen und mit ihnen das n&auml;chste &bdquo;Schlepperboot&ldquo; nach Europa besteigen.<\/p><p>Mit den steigenden Produktionskosten in China tritt jedoch auch hier bereits ein Wandel ein. Denn neben China geh&ouml;rt auch Indien zu den rohstoffhungrigen L&auml;ndern, die ein Auge auf Afrika geworfen haben und seinerseits 1-Euro-T-Shrits im Programm hat, die zollfrei die afrikanischen M&auml;rkte &uuml;berschwemmen sollen. Die wenigen heimischen Betriebe, die sich noch gegen die 3-Euro-Shirts aus China halten konnten, drohen nun auch noch von der Bildfl&auml;che zu verschwinden.<\/p><p><strong>Der Faktor &bdquo;Korruption&ldquo;<\/strong><\/p><p>Volkswirtschaftlich betrachtet krankt der Au&szlig;enhandel Afrikas vor allem daran, dass der schwarze Kontinent vor allem Rohstoffe exportiert. Kaum ein anderer Wirtschaftszweig bietet &ndash; gemessen am Umsatz &ndash; so wenigen lokalen Arbeitnehmern ein Einkommen. Die Erd&ouml;lexporte Angolas tragen beispielswiese zur H&auml;lfte zum nationalen BIP bei und stehen f&uuml;r 95% der gesamten Exporte. Dennoch sind lediglich 2% der Angolaner direkt oder indirekt in diesem Bereich besch&auml;ftigt. Der Gro&szlig;teil der Einnahmen flie&szlig;t dabei in Form von Konzessionen und Exportz&ouml;llen an verschiedene Stellen im Staatsapparat, die hoch korrupt sind. Vom Rohstoffexport profitiert daher in der Regel vor allem eine kleine, daf&uuml;r aber um so wohlhabendere korrupte Elite, die ihre Einnahmen nicht in produktive Investments im eigenen Lande steckt, sondern f&uuml;r Luxusg&uuml;ter, Villen und ausgedehnte Shoppingtouren in New York, Z&uuml;rich oder Hong Kong verplempert. Die lokale Wirtschaft profitiert in diesem Fall &uuml;berhaupt nicht von den Einnahmen. <\/p><p>Hinzu kommt, dass volkswirtschaftlich nur sehr selten &uuml;berhaupt &Uuml;bersch&uuml;sse erzielt werden. Wenn Geld f&uuml;r F&ouml;rderlizenzen in das Land flie&szlig;t (so es denn nicht gleich auf Schweizer Konten versickert), so str&ouml;mt in der Regel noch mehr Geld aus dem Land ab &ndash; f&uuml;r Importe von Billigwaren aus China, Agrarprodukten aus der EU und Luxusg&uuml;tern aus der gesamten Welt. Die Handelsbilanz ist dabei negativ, woraus folgt, dass das betreffende Land sich schlussendlich verschuldet. Und sobald die Staaten in der Schuldenfalle gefangen sind, haben sie endg&uuml;ltig ihre Souver&auml;nit&auml;t verloren. Egal ob Weltbank, IWF oder China samt Staatsbanken &ndash; s&auml;mtliche Gl&auml;ubiger bestehen darauf, dass Schutzz&ouml;lle abgebaut und die lokalen M&auml;rkte f&uuml;r internationale Produkten ge&ouml;ffnet werden.<\/p><p>Da die zerst&ouml;rerische Korruption auch in den betroffenen L&auml;ndern bekannt und ein destabilisierender Faktor ist, haben alle nennenswerten Akteure ihr eigenes Programm, um daf&uuml;r zu sorgen, dass ihre teuren Investment nicht beim n&auml;chsten Putsch wertlos werden. Die EU und die USA haben ihre &bdquo;Good-Governance-Regeln&ldquo;, die jedoch nur selten erf&uuml;llt werden und bei strategisch wichtigen Investments auch schon mal ganz unter den Tisch fallen. China mischt sich grunds&auml;tzlich nicht in interne Angelegenheiten ein und hat stattdessen ein Programm aufgelegt, dass man als &bdquo;Infrastruktur f&uuml;r Rohstoffe&ldquo; bezeichnen k&ouml;nnte. Ein gro&szlig;er Teil der Kosten f&uuml;r F&ouml;rderlizenzen wird nicht in bar, sondern in Form von Infrastrukturprojekten bezahlt. Als Folge daraus sieht man in fast allen afrikanischen L&auml;ndern mehr oder weniger gro&szlig;e chinesische Arbeitskolonnen, die Stra&szlig;en, Schienen, D&auml;mme oder Hafenanlagen bauen. Das ist nat&uuml;rlich auf den ersten Blick eine gute Sache. Den afrikanischen L&auml;ndern ist damit jedoch kaum geholfen, da diese Projekte komplett von chinesischen Unternehmen mit chinesischem Geld, chinesischen Maschinen, chinesischen Ingenieuren und Arbeitern umgesetzt werden. Ist das Projekt beendet, verschwinden Maschinen und know how und was bleibt ist eine Stra&szlig;e, die ohne Wartung und Instandhaltung schon in wenigen Jahren wieder zerbr&ouml;selt. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist, dass die dringend n&ouml;tigen Investitionen schon kommen werden, wenn erst einmal die Infrastruktur vorhanden ist. Dies war jedoch in Afrika noch nie der Fall. Umgekehrt wird ein Schuh daraus &ndash; wenn produktive Unternehmen ernsthaftes Interesse an einem Investment haben, folgt in der Regel automatisch die n&ouml;tige Infrastruktur. Doch zu produktiven Investitionen lassen sich weder die Chinesen noch die Europ&auml;er &uuml;berreden. Was bleibt sind Infrastrukturprojekte, die im hei&szlig;en Klima vor sich hin rotten und keine Arbeitspl&auml;tze schaffen. Als Zyniker k&ouml;nnte man sagen, dass eine unproduktive Stra&szlig;e f&uuml;r das Land doch immerhin besser ist als das zwanzigste Chanel-Kost&uuml;m f&uuml;r die First Lady. Und das ist auch gar nicht so falsch, behebt die grundlegenden Probleme Afrikas jedoch auch nicht.<\/p><p><strong>Was bleibt den Menschen &uuml;brig?<\/strong><\/p><p>Als die Wirtschaftskrisen im vorletzten Jahrhundert Irland, Italien, Deutschland, Gro&szlig;britannien, Russland und Polen &uuml;berzogen, entschieden sich viele Menschen aus diesen L&auml;ndern dazu, ihr Gl&uuml;ck auf der anderen Seite des Atlantiks zu suchen. Die Entscheidung, die alte Heimat zu verlassen, um seinem Leben eine Perspektive zu geben, ist &uuml;ber alle Kulturgrenzen hinweg kein Novum. Wenn ein Fischer seine Familie nicht mehr ern&auml;hren kann, ein Schlosser keinen Job findet und auch in Zukunft keine Job finden wird und ein gutausgebildeter Z&ouml;gling aus besserem Haus in der Heimat keine Perspektive sieht, dann verlassen diese Menschen ihre Heimat. Sei es, um in ein Nachbarland zu ziehen, in dem im konkreten Fall jedoch auch keine Perspektive besteht, oder um den gro&szlig;en Sprung &uuml;ber die Weltmeere zu wagen und fern der Heimat eine neue Chance zu beginnen. Solange sich nichts an den grundlegenden Problemen und den hier skizzierten Ursachen &auml;ndert, wird auch der Fl&uuml;chtlingsstrom aus Afrika nicht versiegen. Im Gegenteil. Was wir momentan vor Lampedusa und Ceuta beobachten, d&uuml;rfte nur das Vorspiel zu einer noch gr&ouml;&szlig;eren Entwicklung sein, die unser Jahrhundert charakterisieren wird. <\/p><p>Noch so hohe Schutzz&auml;une und noch so stark mit eingebundene autorit&auml;re Staaten am s&uuml;dlichen Rand des Mittelmeeres werden diese Entwicklung nicht stoppen k&ouml;nnen. Und wenn wir in die Zukunft schauen, braucht man vor dem Hintergrund des Klimawandels und der demographischen Entwicklung in Afrika nicht viel Phantasie, um zu erkennen, dass wir den Migrationsstrom nur dann mindern k&ouml;nnen, wenn wir die Ursachen und nicht nur die Symptome bek&auml;mpfen.<\/p><p>Afrika durchlebt momentan eine Phase des Wachstums ohne Entwicklung. Was Afrika aber braucht, ist ein Wachstum mit Entwicklung. Dies ist jedoch nur dann zu erreichen, wenn man den Staaten des Kontinents die Chance gibt, sich weiterzuentwickeln. Dazu sollte man zun&auml;chst einmal vom hohen europ&auml;ischen Ross herabsteigen. Die Afrikaner sind ja schlie&szlig;lich nicht dumm und wissen in den meisten F&auml;llen selbst, was sie br&auml;uchten. Sie sind jedoch in einem Handelssystem gefangen, das ganz explizit f&uuml;r die Interessen des globalen Nordens, zu dem man heute auch China z&auml;hlen muss, und gegen die Interessen des globalen S&uuml;dens konstruiert wurde. Wenn ein Schwergewichtsboxer und ein Fliegengewicht sich in einem Kampf &bdquo;unter Gleichberechtigten&ldquo; gegen&uuml;berstehen, dann ist dieser Kampf nicht fair, sondern unfair. Genau so unfair ist der globale Freihandel, wenn wirtschaftlich unterentwickelte Staaten direkt mit den Giganten der Weltwirtschaft konkurrieren sollen. Wer Afrika helfen will, muss Afrika die Chance geben, sich weiterzuentwickeln. Und das geht nur, wenn man den afrikanischen Staaten gestattet, Schutzz&ouml;lle zu erheben und darauf dr&auml;ngt, dass die Einnahmen aus den afrikanischen Exporten produktiv in den entsprechenden L&auml;ndern investiert werden. Dies betrifft &uuml;brigens keinesfalls nur afrikanische Staaten. Warum erhebt beispielsweise die EU keinen &bdquo;Solidarzoll&ldquo; f&uuml;r europ&auml;ische Exporte nach Afrika, dessen Einnahmen in einen von Afrikanern verwalteten Fonds gehen, mit dem afrikanische Unternehmen produktive Investments im eigenen Lande vornehmen k&ouml;nnten?<\/p><p>Es g&auml;be also M&ouml;glichkeiten, Afrika dabei zu helfen, dass es sich mittel- bis langfristig selbst helfen kann. Diese M&ouml;glichkeiten stehen jedoch weder in der EU, noch in den USA oder China auf der politischen Agenda und man muss kein Schwarzmaler sein, um vorherzusagen, dass das Pendel eher in die andere Richtung schlagen wird. Dann muss sich aber auch nicht wundern, wenn die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/562acaf6190d44d99ff73455399c353c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie treiben in Pirogen im Atlantik, ertrinken vor Lampedusa, werden vor Ceuta von EU-Grenzsch&uuml;tzern <a href=\"http:\/\/www.proasyl.de\/de\/news\/detail\/news\/schwere_menschenrechtsverletzungen_an_fluechtlingen_an_der_grenze_zu_melilla\/\">abgeschossen<\/a> und schaffen es manchmal sogar in die gelobten L&auml;nder des Nordens, wo sie entweder als illegale Billigarbeiter ausgebeutet oder gleich wieder abgeschoben werden &ndash; die Rede ist von schwarzafrikanischen Fl&uuml;chtlingen, die hierzulande meist despektierlich als &bdquo;Wirtschaftsfl&uuml;chtlinge&ldquo; bezeichnet werden. 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