{"id":273,"date":"2006-03-21T14:23:01","date_gmt":"2006-03-21T13:23:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=273"},"modified":"2019-02-15T13:20:17","modified_gmt":"2019-02-15T12:20:17","slug":"christoph-butterwegge-migrationsberichterstattung-massenmedien-als-motoren-der-ethnisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=273","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge: Migrationsberichterstattung \u2013 Massenmedien als Motoren der Ethnisierung"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber die Ausl&auml;nder\/innen in der Bundesrepublik berichten Massenmedien ganz &auml;hnlich wie &uuml;ber das Ausland, n&auml;mlich praktisch nur im Ausnahmefall, der m&ouml;glichst spektakul&auml;r sein und katastrophische Z&uuml;ge tragen sollte, wodurch Zuwanderer mit Unordnung, Chaos und Gewalt in Verbindung gebracht werden. Der medial konstruierte und auf diese Weise deformierte &bdquo;Fremde&ldquo; ist &uuml;berfl&uuml;ssig oder gef&auml;hrlich, zu bedauern oder zu f&uuml;rchten &ndash; meistens allerdings beides zugleich. Das gilt vor allem im Hinblick auf Musliminnen und Muslime aus der T&uuml;rkei, die mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Zuwanderergruppe Deutschlands. Die aktuelle Migrationsberichterstattung reproduziert, forciert und zementiert jenen Trend zur sozialen Polarisierung, den die Globalisierung bzw. neoliberale Modernisierung erzeugt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Christoph Butterwegge<\/strong><br>\nGek&uuml;rzter Beitrag des Verfassers aus dem Buch: Christoph Butterwegge\/Gudrun Hentges (Hg.), Massenmedien, Migration und Integration, Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaft) 2006, 260 Seiten, ISBN-Nr. 3-531-15047-2, Ladenverkaufspreis: 19,90 EUR<\/p><p>Massenmedien filtern f&uuml;r die Meinungsbildung wichtige Informationen und beeinflussen auf diese Weise das Bewusstsein der Menschen, f&uuml;r die sich die gesellschaftliche Realit&auml;t zunehmend &uuml;ber die Rezeption von Medien erschlie&szlig;t. W&auml;hrend beispielsweise die Berichterstattung &uuml;ber Fluchtmotive und deren strukturelle Ursachen bzw. Hintergr&uuml;nde (von der ungerechten Weltwirtschaftsordnung und den Ausbeutungspraktiken industrieller Gro&szlig;konzerne &uuml;ber den &Ouml;kokolonialismus bis zu den Waffenexporten &bdquo;unserer&ldquo; R&uuml;stungsindustrie) mehr als defizit&auml;r zu nennen ist, behandeln Reportagen aus der sog. Dritten Welt &uuml;berwiegend Kriege und B&uuml;rgerkriege, Natur- und Technokatastrophen, Milit&auml;rputsche und Palastrevolutionen. Je mehr schwer beherrschbare Ereignisse nach Art des Tsunami in S&uuml;dostasien (Dezember 2004) oder des Erdbebens in Pakistan (Oktober 2005) es gibt, umso eher festigt sich der Eindruck, &bdquo;die Afrikaner&ldquo;, &bdquo;die Asiaten&ldquo;, &bdquo;die S&uuml;damerikaner&ldquo; oder auch die &bdquo;Osteurop&auml;er&ldquo; seien zwar Nutznie&szlig;er der westlichen Zivilisation und moderner Technologien, zu eigener und rationaler Daseinsgestaltung bzw. demokratischer Selbstverwaltung aber im Grunde unf&auml;hig.<\/p><p>Wenn ethnische Differenzierung als Voraussetzung der Diskriminierung und dominanter Mechanismus einer sozialen Schlie&szlig;ung gegen&uuml;ber Migrant(inn)en charakterisiert werden kann, treiben die Medien den Ausgrenzungsprozess voran, indem sie als Motoren und Multiplikatoren der Ethnisierung wirken. &bdquo;Ethnisierung&ldquo; ist ein sozialer Exklusionsmechanismus, der Minderheiten schafft, diese (fast immer negativ) etikettiert und Privilegien einer dominanten Mehrheit perpetuiert. Je mehr die Konkurrenz im Zuge der Globalisierung, genauer: der neoliberalen Modernisierung bzw. der Umstrukturierung fast aller Gesellschaftsbereiche nach dem Vorbild des Marktes, etwa durch die von den Massenmedien stimulierte &bdquo;Standortdebatte&ldquo; ins Zentrum zwischenstaatlicher wie -menschlicher Beziehungen r&uuml;ckt, desto leichter l&auml;sst sich die ethnische bzw. Kulturdifferenz politisch aufladen.<\/p><p>Medien fungieren dabei als Bindeglieder zwischen institutionellem (strukturellem, staatlichem), intellektuellem (pseudowissenschaftlichem) und individuellem bzw. Alltagsrassismus. Sondergesetze f&uuml;r und beh&ouml;rdliche Willk&uuml;rma&szlig;nahmen gegen Migrant(inn)en, die man &bdquo;institutionellen Rassismus&ldquo; nennen kann, kennen deutsche &bdquo;Normalb&uuml;rger\/innen&ldquo; haupts&auml;chlich aus den Massenmedien. Sie best&auml;tigen meist ihre eigenen Klischeevorstellungen &uuml;ber Ausl&auml;nder\/innen. Umgekehrt benutzt der Staat durch Medien millionenfach verbreitete Ressentiments gegen&uuml;ber &bdquo;den Ausl&auml;ndern&ldquo;, um diese strukturell benachteiligen zu k&ouml;nnen. Im Rahmen der 1991\/92 kampagnenartig zugespitzten Asyldebatte rechtfertigten Politiker die &Auml;nderung des Artikels 16 Grundgesetz mit der &bdquo;Volksmeinung&ldquo;. Schlie&szlig;lich erhalten Rechtsextremismus und Rassismus durch die Medien teilweise ein &ouml;ffentliches Forum, was ihre hohe Massenwirksamkeit mit erkl&auml;rt.<\/p><p><strong>Wie Migrant(inn)en und Angeh&ouml;rige ethnischer Minderheiten zu &bdquo;Fremden&ldquo; gemacht werden: Asylbetrug und Ausl&auml;nderkriminalit&auml;t<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber die Ausl&auml;nder\/innen in der Bundesrepublik berichten Massenmedien ganz &auml;hnlich wie &uuml;ber das Ausland, n&auml;mlich praktisch nur im Ausnahmefall, der m&ouml;glichst spektakul&auml;r sein und katastrophische Z&uuml;ge tragen sollte, wodurch Zuwanderer mit Unordnung, Chaos und Gewalt in Verbindung gebracht werden. Der medial konstruierte und auf diese Weise deformierte &bdquo;Fremde&ldquo; ist &uuml;berfl&uuml;ssig oder gef&auml;hrlich, zu bedauern oder zu f&uuml;rchten &ndash; meistens allerdings beides zugleich. Das gilt vor allem im Hinblick auf Musliminnen und Muslime aus der T&uuml;rkei, die mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Zuwanderergruppe Deutschlands.<\/p><p>Im deutschen Migrationsdiskurs dominieren semantische Exklusionsmechanismen. Dabei &uuml;berwiegen konventionelle Metaphern aus den Bereichen &bdquo;Krieg&ldquo;, &bdquo;Warenhandel&ldquo; und &bdquo;Wasser&ldquo;. Beispielhaft genannt seien: &bdquo;Einmarsch&ldquo;, &bdquo;Invasion&ldquo; und &bdquo;Ansturm&ldquo;; &bdquo;Import&ldquo;, &bdquo;Export&ldquo; und &bdquo;Schmuggel&ldquo;; &bdquo;(Zu-)Strom&ldquo;, &bdquo;Welle&ldquo; und &bdquo;Flut&ldquo;. In dem Begriff &bdquo;einschleusen&ldquo; &uuml;berlappen sich die zuletzt genannten Bereiche. Migrant(inn)en und Allochthone werden in deutschen Medien vorwiegend als &bdquo;Ausl&auml;nder\/innen&ldquo; bezeichnet. Schon in diesem Sprachgebrauch manifestiert sich der Trend zur Aus- bzw. Abgrenzung von Menschen, die den Einheimischen &bdquo;fremd&ldquo; erscheinen. Dadurch, wie Journalist(inn)en &uuml;ber Ausl&auml;nder\/innen, Fl&uuml;chtlinge und Zuwanderer berichten, zementieren sie eine im Bewusstsein der Bundesb&uuml;rger\/innen ausgebildete Hierarchie, wonach bestimmte Gruppen von Ausl&auml;nder(inne)n als &bdquo;Fremde&ldquo; betrachtet werden, andere &ndash; etwa prominente Sportler\/innen und K&uuml;nstler\/innen &ndash; hingegen hochwillkommene G&auml;ste sind. Besonders stark ausgepr&auml;gt ist dieser Dualismus in der Lokal- und der Boulevardpresse: Beide bringen das &bdquo;Ausl&auml;nderproblem&ldquo; oft mit einer angeblich drohenden &bdquo;&Uuml;berfremdung&ldquo; sowie einer Gef&auml;hrdung der Inneren Sicherheit in Verbindung.<\/p><p>Aus den Zeitungen und anderen Medien ist selten Positives &uuml;ber Ausl&auml;nder\/innen zu erfahren. Mord und Totschlag, Diebstahl, (Banden-)Raub und (Asyl-)Betrug sind Delikte, &uuml;ber die im Zusammenhang mit ethnischen Minderheiten h&auml;ufig berichtet wird. Ein angels&auml;chsisches Bonmot (&bdquo;Only bad news are good news&ldquo;) abwandelnd, kann man konstatieren: Nur b&ouml;se Ausl&auml;nder sind f&uuml;r deutsche Medien gute Ausl&auml;nder! Dadurch wird einerseits die Ausbreitung des Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft, andererseits die Zunahme desintegrativer Tendenzen bei ethnischen Minderheiten gef&ouml;rdert.<\/p><p>Seit der emotional aufgeladenen Asyldiskussion zu Beginn der 1990er-Jahre wird die Kriminalit&auml;tsfurcht der Mehrheitsgesellschaft auf die ethnischen Minderheiten projiziert. Deutsche werden &uuml;berwiegend als &bdquo;Einzelt&auml;ter&ldquo; dargestellt, wohingegen Migrant(inn)en eher im Kollektiv auftauchen, auch wenn nicht immer explizit von &bdquo;ausl&auml;ndischen Banden&ldquo; die Rede ist. Ein gutes Beispiel f&uuml;r dieses Darstellungsmuster lieferte die rheinische Boulevardzeitung Express am 21. Oktober 1999: Ihr Aufmacher auf Seite 1 lautete: &bdquo;Balkan-Bande hops genommen. Danke, Polizei! &ndash; Hunderte Einbr&uuml;che in und um K&ouml;ln aufgekl&auml;rt&ldquo;, w&auml;hrend ein &bdquo;Burgenk&ouml;nig vor Gericht: Wie oft hat er betrogen?&ldquo; &uuml;berschriebener Artikel vergleichsweise klein war und erst auf Seite 28 stand, obwohl es dabei um einen Schaden in Millionenh&ouml;he ging. &Uuml;ber mehrere Jahre hinweg waren junge Taschendiebe aus S&uuml;dosteuropa ein Top-Thema der Boulevardpresse, die das Ausl&auml;nderbild der Deutschen ma&szlig;geblich pr&auml;gt. Am 9. November 1999 machte der K&ouml;lner Express beispielsweise mit der Schlagzeile &bdquo;Passen Sie auf! Klau-Kinder in der Stadt&ldquo; auf, am 22. August 2002 ver&ouml;ffentlichte er unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Die Klau-Kids von K&ouml;ln. Sie haben Hunderte von Menschen &uuml;berfallen und beklaut. Und sie laufen frei herum&ldquo; nach Art eines Fahndungsaufrufs die Bilder von 53 &uuml;berwiegend dunkelh&auml;utig aussehenden Jugendlichen.<\/p><p>Problematisch ist schon die Nennung der nichtdeutschen Herkunft von Tatverd&auml;chtigen und Straft&auml;tern in Berichten &uuml;ber Verbrechen, weil dadurch der Eindruck vermittelt bzw. best&auml;rkt wird, die Amoralit&auml;t eines Gesetzesbrechers h&auml;nge mit dessen Abstammung oder ethnischer Herkunft zusammen. Neuerdings findet man h&auml;ufiger den mehr als mysteri&ouml;s wirkenden Hinweis, ein (Gewalt-)T&auml;ter habe Deutsch gesprochen oder sei Deutscher, ganz so, als sei dies ein besonderes Erkennungsmerkmal, weil im Bereich der Kriminalit&auml;t hierzulande eher selten. Am 5. Dezember 2005 erw&auml;hnte der K&ouml;lner Stadt-Anzeiger unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Neugeborenes im M&uuml;ll. Mutter l&auml;sst kleinen Jungen auf der Caf&eacute;-Toilette zur&uuml;ck&ldquo; die erfolgreiche Suche nach einer jungen Frau, deren Baby dort kurz nach seiner Entdeckung starb, mit dem Satz: &bdquo;Die Polizei nimmt eine 21-j&auml;hrige Deutsche (!?) in ihrer Wohnung fest.&ldquo;<\/p><p>Identifizierende Hinweise auf Nationalit&auml;t, Sprache und\/oder Hautfarbe sind h&ouml;chstens dann zu rechtfertigen, wenn die aktuelle Fahndung sie erfordert. Selbst eine Qualit&auml;tszeitung wie die S&uuml;ddeutsche verzichtet jedoch im Bericht &uuml;ber einen M&uuml;nchner, der seine zweij&auml;hrige Tochter nach der von seiner Ehefrau betriebenen Trennung auf brutale Weise umbringen wollte, nicht auf die Erw&auml;hnung der f&uuml;r den Fall irrelevanten Tatsache, dass er aus Nigeria stammt und immerhin vor knapp zehn Jahren nach Deutschland gekommen ist (vgl. Kind &bdquo;wie einen Ball&ldquo; aus Fenster geschleudert, in: SZ v. 13.12.2005). Sie verwendet auch noch immer den Begriff &bdquo;Rasse&ldquo; f&uuml;r Menschen, ohne ihn in Anf&uuml;hrungszeichen zu setzen oder kritisch zu hinterfragen (vgl. Rassismus aus Tradition. Die Unruhen in Sydney haben den Mythos eines multikulturellen Australiens zerst&ouml;rt, in: SZ v. 15.12.2005).<\/p><p>Allerdings bedarf es keiner Schlagzeile wie &bdquo;Tod im Gem&uuml;seladen: T&uuml;rke erscho&szlig; Libanesen&ldquo; (Weser-Kurier v. 22.5.1999, S. 1), um rassistische Klischees in den K&ouml;pfen zu produzieren oder entsprechende Einstellungsmuster zu stimulieren. Schon eine n&uuml;chterne und scheinbar &bdquo;objektive&ldquo; Polizeistatistik zur Ausl&auml;nderkriminalit&auml;t, enth&auml;lt &ndash; sofern sie weder kommentiert noch richtig interpretiert wird &ndash; die heimliche Botschaft, Menschen anderer Nationalit&auml;t bzw. Herkunft seien aufgrund ihrer biologischen und\/oder kulturellen Disposition f&uuml;r Straftaten anf&auml;lliger. In Wahrheit sind Ausl&auml;nder\/innen jedoch nicht krimineller als Deutsche, und es gibt kaum ein rechtes &bdquo;Argument&ldquo;, das durch kritische Reflexion und fundierte Analysen &uuml;berzeugender zu widerlegen w&auml;re.<\/p><p><strong>Nach dem 11. September 2001: Terrorismushysterie und Stimmungsmache gegen Muslime<\/strong><\/p><p>Im Gefolge der Attentate auf das Word Trade Center und das Pentagon feierte die Deutung der Weltpolitik als &bdquo;Kampf der Kulturen&ldquo; (Samuel P. Huntington) bzw. &bdquo;Krieg der Zivilisationen&ldquo; (Bassam Tibi) fr&ouml;hliche Urst&auml;nd. Der damalige Zeit-Mitherausgeber und -Chefredakteur Josef Joffe schrieb f&uuml;r die am 13. September 2001 erscheinende Ausgabe, welche f&uuml;r das Blatt ungewohnt rei&szlig;erisch und mit roten Lettern &bdquo;Krieg gegen die USA&ldquo; verk&uuml;ndete, einen Leitartikel unter dem Titel &bdquo;Die Zielscheibe: unsere Zivilisation. Terror total und global&ldquo;. Dort hie&szlig; es: &bdquo;In dieser Woche scheint der Harvard-Politologe Samuel Huntington mit seinem viel gescholtenen Kampf der Kulturen (1995) auf schrecklichste Weise Recht zu bekommen.&ldquo; Obwohl Huntington die kulturellen bzw. religi&ouml;sen Gegens&auml;tze zwischen Abend- und Morgenland im Vergleich zu &ouml;konomischen, politischen und sozialen Faktoren &uuml;berbewertet, die Unterschiede im Vergleich zu den ideologischen Schnittmengen bzw. Gemeinsamkeiten jedoch signifikant &uuml;berzeichnet hatte, ver&ouml;ffentlichte die Zeit im Vorfeld des ersten Jahrestages der Terroranschl&auml;ge am 5. September 2002 ein Interview mit Huntington unter dem Titel &bdquo;Die blutigen Grenzen des Islam&ldquo; und bescheinigte dem prominenten Wissenschaftler: &bdquo;Nine-eleven war (&hellip;) die perfekte Illustration Ihrer These. Es war nicht ein Krieg zwischen Staaten wie im 19. Jahrhundert oder Ideologien wie im 20., sondern der Angriff einer privat operierenden islamistischen Gruppe gegen ein Sinnbild der westlichen Zivilisation, Amerika.&ldquo; Auf die Frage, ob ihn der 11. September best&auml;tigt habe, antwortete Huntington (&bdquo;In gewisser Hinsicht schon&ldquo;) allerdings sehr verhalten.<\/p><p>Osama bin Laden und Al Qaida wurden zu Chiffren, welche die Feindschaft gegen&uuml;ber der westlichen Zivilisation symbolisieren. Terrorismus, Fundamentalismus und Islamismus avancierten in vielen Medien zu einer gleicherma&szlig;en omnipr&auml;senten wie -potenten Gefahr, der man gemeinsam mit US-Pr&auml;sident George W. Bush in kriegerischer Manier entgegentrat, wobei sich der Einwanderungs- und der Kriminalit&auml;tsdiskurs wieder verschr&auml;nkten. Teilweise gab es sogar einen R&uuml;ckfall in Zerrbilder, die w&auml;hrend der Asyldiskussion in den fr&uuml;hen 90er-Jahren dominiert hatten. Die alten Klischees beherrschten Titelseiten gro&szlig;er deutscher Nachrichtenmagazine wie auch Dokumentationen vieler Fernsehsender. Hier seien nur das stern-Titelbild vom 27. September 2001, wo ein dunkelh&auml;utiger Mann mit Vollbart und Sonnenbrille zu sehen ist, in deren Gl&auml;sern sich unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Terror-Gefahr in Deutschland. Geheimdienste warnen vor Anschl&auml;gen radikaler Muslime&ldquo; die brennenden T&uuml;rme des World Trade Center spiegeln, sowie das Titelbild eines Spiegel special (2\/2003) zum Thema &bdquo;Allahs blutiges Land. Der Islam und der Nahe Osten&ldquo; genannt, wo von verschleierten Musliminnen &uuml;ber einen b&auml;rtigen Fanatiker mit bluttriefendem Krummdolch bis zum flammenden Inferno &uuml;ber Juden alle Stereotype bedient werden.<\/p><p>Dass sich diese Form der Stimmungsmache auf die Migrationspolitik und Integrationsbem&uuml;hungen negativ auswirkte, ist offensichtlich. Nunmehr werden Migrant(inn)en eher noch st&auml;rker als vorher mit (Gewalt-)Kriminalit&auml;t, Emotionalit&auml;t und Irrationalit&auml;t, wenn nicht gar religi&ouml;sem Fundamentalismus und politisch-ideologischem Fanatismus in Verbindung gebracht. Noch lange nach den Attentaten dominierten in deutschen Massenmedien die Bilder der brennenden Zwillingst&uuml;rme, milit&auml;rische Metaphern und eine martialische Sprache. So schrieb der konservative Historiker Michael St&uuml;rmer in der Welt (v. 27.10.2003) unter dem Titel &bdquo;Krieg der Welten&ldquo; &uuml;ber globale Angriffsplanungen der Terroristen: &bdquo;Was in New York und Washington geschah, ist nicht das Ende des gro&szlig;en Terrors, sondern nur der Anfang.&ldquo; Da wundert es nicht, wenn selbst die Wochenzeitung des Bundestages Das Parlament (v. 8.\/15.8.2005) einen Artikel des Berliner Islamwissenschaftlers Peter Heine mit der rei&szlig;erischen &Uuml;berschrift &bdquo;Terror &ndash; eine moderne Seuche&ldquo; versah, wodurch das Ph&auml;nomen entpolitisiert, biologisiert bzw. pathologisiert wird, und im Untertitel generalisierend behauptete: &bdquo;Islamisten wollen eine globale Scharia durchsetzen &ndash; mit allen Mitteln&ldquo;, umrahmt von einem Foto, das die Familie eines Selbstmordattent&auml;ters beim Ansehen seines Abschiedsvideos zeigt.<\/p><p>Schleier und Kopftuch avancierten zu Symbolen f&uuml;r den Islamismus und seine Unterdr&uuml;ckung der Frau. Im sog. Kopftuch-Streit kulminierten die weitgehend ungekl&auml;rten Fragen nach der Haltung zum Islam wie zur Religion allgemein und nach der Einstellung zur Migration wie zum weiblichen Geschlecht. Um nicht in den Verdacht religi&ouml;ser Intoleranz oder migrationspolitischer Ignoranz zu geraten, bedienten sich Medienmacher im Kampf gegen das Kopftuch teilweise der Zwischenrufe von Muslimen. So ver&ouml;ffentlichte die Zeit am 1. Oktober 2003 unter dem Titel &bdquo;Weg mit dem Tuch!&ldquo; eine bei&szlig;ende Kritik von Namo Aziz am kurz zuvor ergangenen Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach das Land Baden-W&uuml;rttemberg die klagende Lehrerin Fereshda Ludin nicht ohne gesetzliche Grundlage aus dem Schuldienst entlassen durfte. In seinem polemischen Kommentar warf der in Bonn lebende Publizist den Karlsruher Richtern vor, mit ihrer Kopftuchentscheidung erneut Ahnungslosigkeit oder gar Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber unterdr&uuml;ckten Frauen in islamischen L&auml;ndern bewiesen zu haben: &bdquo;Wer das Kopftuch in deutschen Schulen und Universit&auml;ten toleriert, der sollte auch die Einf&uuml;hrung der von der Scharia vorgesehenen Strafen wie Auspeitschung, Amputation und Steinigungen in Betracht ziehen.&ldquo;<\/p><p>In der kampagnenartigen Berichterstattung &uuml;ber &bdquo;Zwangsverheiratungen&ldquo; von M&auml;dchen und Frauen sowie &bdquo;Ehrenmorde&ldquo; blieben (kultur)rassistische Untert&ouml;ne gleichfalls nicht aus. Nachdem drei ihrer f&uuml;nf Br&uuml;der die Kurdin Hatun S&uuml;r&uuml;c&uuml; am 7. Februar 2005 in Berlin erschossen hatten, besch&auml;ftigte das Thema nicht nur die lokalen Medien wochenlang. So berichtete die S&uuml;ddeutsche Zeitung am 26. Februar 2005 unter dem Titel &bdquo;In den F&auml;ngen einer t&uuml;rkischen Familie. Muslimische Dorfmoral in der Berliner Moderne: Schon wieder haben t&uuml;rkische M&auml;nner eine Frau mit dem Tod bestraft. Die Geschichte eines brutalen Zusammenpralls der Kulturen&ldquo; dar&uuml;ber. Gleichfalls in der Bundeshauptstadt wurde am 4. Dezember 2005 ein schwangeres M&auml;dchen von seinem &bdquo;15-j&auml;hrigen libanesisch-st&auml;mmigen Exfreund&ldquo; und dessen 14-j&auml;hrigem t&uuml;rkischem Kumpel durch Fu&szlig;tritte und Schl&auml;ge schwer verletzt, wie J&ouml;rg Lau in der Zeit (v. 15.12.2005) schrieb. Er wertete solche Straftaten unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Brutale Prinzen. Junge Ausl&auml;nder attackierten eine Schwangere, um ihr ungeborenes Kind zu Tode zu treten &ndash; eine Folge m&auml;nnlicher Gewaltkultur&ldquo; als Beweis daf&uuml;r, dass sich in manchen Stadtvierteln &bdquo;abgeschottete Parallelgesellschaften&ldquo; (Wolfgang Sch&auml;uble) herausgebildet h&auml;tten und eine schonungslose Debatte &uuml;ber die Situation von Frauen und M&auml;dchen, aber auch von Jungen und M&auml;nnern &bdquo;in islamisch gepr&auml;gten Migrantenmilieus&ldquo; n&ouml;tig sei.<\/p><p>Als der mit den Namen von Osama bin Laden und Al Qaida verbundene Bombenterror mit den Anschl&auml;gen auf Vorortz&uuml;ge in Madrid am 11. M&auml;rz 2004 sowie auf die U-Bahn und einen Bus in London am 7. Juli 2005 auch Europa traf, wurde das politische und mediale Klima hierzulande rauer, was sich z.B. in der Berichterstattung &uuml;ber die &bdquo;Visa-Aff&auml;re&ldquo; niederschlug, womit man den damaligen Au&szlig;enminister Joschka Fischer (B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen) massiv unter Druck setzte. So scheute sich Peter Carstens in einem FAZ-Kommentar vom 21. Februar 2005 nicht, die seiner Meinung nach zu gener&ouml;se Erteilung von Touristenvisa durch die deutsche Botschaft in Kiew unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Politik f&uuml;r Menschenh&auml;ndler&ldquo; auf eine Weise zu verurteilen, die Osteurop&auml;er unter den Generalverdacht krimineller Handlungen stellte: &bdquo;Durch mehrere Erlasse, von denen zumindest der sogenannte &sbquo;Volmer\/Fischer-Erla&szlig;&lsquo; auf direkte Weisung des Ministers zur&uuml;ckgeht, wurde Menschenh&auml;ndlern das Gesch&auml;ft erleichtert, insbesondere auch die Versklavung von Frauen, die sich im Besitz offizieller Reisedokumente w&auml;hnten.&ldquo; Selbst liberale Medien waren nicht frei von Panik, wie die &bdquo;Visa-Aff&auml;re&ldquo; durchg&auml;ngig &bdquo;uralte anti&ouml;stliche Stereotype und Feindbilder&ldquo; (Wolfgang Burgdorf) mobilisierte, die Hunnen, Mongolen, Tataren und Russen galten.<\/p><p><strong>Die multikulturelle Gesellschaft im Zerrspiegel der Massenmedien<\/strong><\/p><p>Medien liefern nicht nur (Zerr-)Bilder von Zuwanderern und ethnischen Minderheiten, die das Denken und Handeln der Einheimischen beeinflussen, sondern pr&auml;gen auch deren Haltung im Hinblick auf die Modelle eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalit&auml;t, Herkunft, Kultur und Religion, indem sie M&ouml;glichkeiten und Grenzen der Integration ausloten und &ouml;ffentliche Debatten dar&uuml;ber f&uuml;hren. Besonders das in der Bundesrepublik seit den 80er-Jahren diskutierte Konzept einer &bdquo;multikulturellen Gesellschaft&ldquo; wurde auch von Journalist(inn)en kommentiert, (fehl)interpretiert und wiederholt &uuml;berzogen, aber nie &uuml;berzeugend kritisiert.<\/p><p>In seiner Titelgeschichte &bdquo;Deutsche und Ausl&auml;nder: Gef&auml;hrlich fremd&ldquo; vom 14. April 1997 erkl&auml;rte der Spiegel die multikulturelle Gesellschaft f&uuml;r gescheitert. Auf dem Titelbild des Hamburger Nachrichtenmagazins schwenkte eine Frau mit dunklem Teint und geschwollener Halsschlagader eine rote (t&uuml;rkische) Fahne. Daneben sa&szlig;en M&auml;dchen mit Kopft&uuml;chern auf endlos lang wirkenden Bankreihen einer Koranschule. Unter der Fahne trieb eine dunkelh&auml;utig-maskuline, mit Messern und Tschakos bewaffnete Jugendgang ihr Unwesen.<\/p><p>Wenngleich manche Zeitungen und Zeitschriften, die das Thema sofort danach aufgriffen, sehr viel differenzierter als der Spiegel urteilten, bestimmte dieser als Leitmedium das politische Klima der Bundesrepublik. Man r&uuml;ckte von einem liberalen Konzept der Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik ab, dem das konservative Dogma der Nachkriegszeit gegen&uuml;berstand, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland und d&uuml;rfe es auch nicht werden. Seri&ouml;se b&uuml;rgerliche Presseorgane polemisierten nunmehr h&auml;ufiger gegen das Konzept der &bdquo;multikulturellen Gesellschaft&ldquo;, mit dem man (Ausl&auml;nder-)Kriminalit&auml;t, Bandenkriege und Chaos in Verbindung brachte.<\/p><p>Hierzu passte die im Sommer 1998 vom damaligen Berliner Innensenator J&ouml;rg Sch&ouml;nbohm (CDU) als Gegenmodell zum Multikulturalismus erhobene, gut zwei Jahre sp&auml;ter von seinem Parteifreund und damaligen Chef der Unionsfraktion im Bundestag Friedrich Merz aufgegriffene Forderung, Zuwanderer m&uuml;ssten sich der &bdquo;deutschen Leitkultur&ldquo; unterwerfen. Dar&uuml;ber entbrannte in den Medien eine l&auml;ngere Kontroverse, bei der es um die &bdquo;nationale Identit&auml;t&ldquo; und die Salonf&auml;higkeit einer neokonservativen Spielart des Kulturrassismus ging. In diesem Zusammenhang fungierten Vertreter demokratischer Parteien wiederholt als Stichwortgeber rechtsextremer Publikationsorgane, die sich gern auf Stellungnahmen und Positionen b&uuml;rgerlicher Kreise berufen, um ihre Reputation zu erh&ouml;hen. <\/p><p>Die multikulturelle Realit&auml;t der Einwanderungsgesellschaft erf&auml;hrt in den Massenmedien eine oft gezielt betriebene Umdeutung zur Bedrohung oder unzumutbaren Belastung f&uuml;r die autochthone Bev&ouml;lkerung, was in der Diskussion &uuml;ber die &bdquo;deutsche Leitkultur&ldquo; besonders deutlich zum Ausdruck kam. Mit der Schlagzeile &bdquo;Lebensl&uuml;ge Multikultur&ldquo; &uuml;berschrieb beispielsweise die Rheinische Post am 30. Oktober 2000 einen Kommentar ihres Chefredakteurs Ulrich Reitz, in dem dieser Umdeutungsmechanismus griff. &bdquo;Multikultur ist eine Illusion&ldquo;, hie&szlig; es da ganz apodiktisch, &bdquo;sogar eine nicht einmal w&uuml;nschenswerte, weil Parallelgesellschaf&shy;ten sich herausbilden w&uuml;rden und ein wom&ouml;glich gar blutiger Kampf um Vorherrschaft in der Gesellschaft anfinge.&ldquo; Folglich wurde die Leitkultur als Schutzschild gegen&uuml;ber kultureller &Uuml;berfremdung, schleichender Islamisierung und B&uuml;rgerkrieg betrachtet.<\/p><p>In der Diskussion &uuml;ber das angebliche &bdquo;Scheitern der multikulturellen Gesellschaft&ldquo; und die Forderung nach einem Treueid f&uuml;r Zuwanderer, die nach der Ermordung des niederl&auml;ndischen Filmemachers Theo van Gogh am 2. November 2004 wieder aufflammte, feierte die &bdquo;deutsche&ldquo;, h&auml;ufiger auch die &bdquo;christlich-abendl&auml;ndische&ldquo; oder &bdquo;freiheitliche demokratische&ldquo; Leitkultur fr&ouml;hliche Urst&auml;nd. Die liberale Zeit &uuml;berschrieb den von Leon de Winter verfassten Leitartikel eines Dossiers, das am 18. November 2004 erschien, zum Thema &bdquo;Vor den Tr&uuml;mmern des gro&szlig;en Traums. Warum selbst in den Niederlanden, dem Mutterland der Toleranz, die islamischen Vorstellungen von Respekt und Ehre mit westlichen Werten nicht harmonieren k&ouml;nnen&ldquo;, womit aus Sicht der Blattmacher klar war, dass &bdquo;Multikultur&ldquo; keine Zukunft mehr hatte.<\/p><p>Eine ganz &auml;hnliche Sto&szlig;richtung verfolgte die in Berlin erscheinende neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit in ihrer Berichterstattung &uuml;ber das niederl&auml;ndische Medienereignis. JF-Chefredakteur Dieter Stein schrieb am 12. November 2004 unter dem Titel &bdquo;Mord in den Niederlanden: Abschied von einer Illusion&ldquo; einen Leitartikel, in dem es hie&szlig;: &bdquo;Verantwortungslose Politiker haben den europ&auml;ischen Gesellschaften das illusion&auml;re multikulturelle Projekt &uuml;bergest&uuml;lpt, in der blau&auml;ugigen Annahme, die Liberalit&auml;t und Toleranz unserer Nationen gr&uuml;ndeten auf unersch&uuml;tterlichen Fundamenten.&ldquo; Stein zitierte den Zeit-Herausgeber und Altbundeskanzler Helmut Schmidt mit den Worten &bdquo;Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen&ldquo; (vgl. Die Zeit v. 22.4.2004), ohne dass die &bdquo;unkontrollierte Migration in eine &uuml;beralternde, schrumpfende Bev&ouml;lkerung&ldquo; gestoppt worden sei, und schloss mit dem Appell: &bdquo;Es ist allerh&ouml;chste Eisenbahn, da&szlig; die Regierungen Europas die Notbremse ziehen. Schlu&szlig; mit der multikulturellen Gef&uuml;hlsduselei! Die Zeichen des B&uuml;rgerkrieges stehen an der Wand!&ldquo; Eine Woche sp&auml;ter machte die Junge Freiheit unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Holland ist &uuml;berall. Das b&ouml;se Erwachen aus dem multikulturellen Traum&ldquo; mit dem Foto einer brennenden Koranschule in den Niederlanden auf. In derselben JF-Ausgabe behauptete der Amsterdamer Historiker George Harinck, die &bdquo;Masseneinwanderung&ldquo; bedrohe nunmehr die &bdquo;permissive Gesellschaft&ldquo;, deren &bdquo;Nebenprodukt&ldquo; sie sei, und verlangte eine R&uuml;ckbesinnung auf die &bdquo;nationale Identit&auml;t&ldquo; mit der Begr&uuml;ndung, &bdquo;da&szlig; wir uns wieder unserer eigenen Identit&auml;t versichern m&uuml;ssen, wenn wir gegen&uuml;ber dem Islam bestehen wollen.&ldquo; Wieder eine Woche sp&auml;ter wurde der ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte interviewt, welcher mit seinem Buch &bdquo;Der Krieg in unseren St&auml;dten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern&ldquo; eine Flut von Klagen und Gerichtsprozessen ausgel&ouml;st hatte. Ulfkotte erkl&auml;rte Terroranschl&auml;ge in der Bundesrepublik zwar f&uuml;r jederzeit m&ouml;glich, verneinte aber sowohl die Frage, ob die &bdquo;multikulturelle&ldquo; Gesellschaft an sich das Problem sei, unter Hinweis auf &bdquo;viele gegl&uuml;ckte Beispiele&ldquo;, wie auch die Frage, ob die Wurzel des Problems &bdquo;in der Einwanderung selbst&ldquo; liege: &bdquo;Nein, darin, da&szlig; man die Einwanderung nicht entsprechend gesteuert hat.&ldquo; <\/p><p>Im Feuilleton der FAZ (v. 23.11.2004) sprach Lorenz J&auml;ger vom &bdquo;Bankrott des Multikulturalismus&ldquo; und mutma&szlig;te, die Ermordung Theo van Goghs werde wom&ouml;glich eines Tages mit dem Fall der Berliner Mauer verglichen, denn nunmehr sei &bdquo;eine weitere Lebensl&uuml;ge der deutschen Linken geplatzt und der Katzenjammer entsprechend gro&szlig;&ldquo;, was zwei Wege er&ouml;ffne: &bdquo;Der eine ist der &Uuml;bergang zur Wirklichkeit. Wird er nicht eingeschlagen, dann bleibt nur eine weitere Drehung der multikulturellen Schraube: Dann wird der Staat seinen therapeutischen Charakter noch einmal steigern und f&uuml;r die Unwilligen unter der Mehrheitsbev&ouml;lkerung neue Erziehungs- und Toleranzprogramme auflegen. Er wird dann ein jakobinischer Tugendstaat, und die Freiheit bleibt auf der Strecke.&ldquo; Dagegen relativierte Mark Siemons an selbiger Stelle, gescheitert sei nur die &bdquo;Milchm&auml;dchenrechnung der Monokultur&ldquo;, und wies auf Kanada hin, wo die meisten Einwanderer nicht nur in den Arbeitsmarkt integriert, sondern auch von der dortigen Gesellschaft &bdquo;als Gewinn f&uuml;r ihr eigenes Wohlergehen gewollt und gew&uuml;nscht&ldquo; seien: &bdquo;Wie selbstverst&auml;ndlich geh&ouml;rt zur kanadischen Leitkultur die kulturelle Verschiedenheit.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Parallelgesellschaft&ldquo; fungierte nach dem Mord an van Gogh als Mode- und Kontr&auml;rbegriff zur &bdquo;multikulturellen Gesellschaft&ldquo;, der eine umfassende Drohkulisse aufbaut und d&uuml;stere Entwicklungsperspektiven ahnen l&auml;sst. Damit werden kulturelle Entfremdung, Integrationsverweigerung und Selbstabschottung assoziiert. Mit der Diskussion &uuml;ber &bdquo;Parallelgesellschaften&ldquo;, die in einem &bdquo;Die Schlacht um Europa&ldquo; &uuml;berschriebenen Artikel von Gilles Kepel in der Welt am Sonntag vom 21. November 2004 und im Titelblatt der am Tag darauf erschienenen Ausgabe des M&uuml;nchener Nachrichtenmagazins Focus &bdquo;Unheimliche G&auml;ste. Die Gegenwelt der Muslime in Deutschland&ldquo; gipfelte, kehrte der Kalte Krieg als medialer Kulturkampf zwischen Abend- und Morgenland zur&uuml;ck.<\/p><p>Nach der vorgezogenen Bundestagswahl am 18. September 2005 flammte die &bdquo;Leitkultur&ldquo;-Debatte erneut auf. Norbert Lammert (CDU) erkl&auml;rte unmittelbar nach seiner Wahl zum Nachfolger Wolfgang Thierses als neuer Parlamentspr&auml;sident gegen&uuml;ber der Zeit (v. 20.10.2005), dieser Begriff sei &bdquo;reflexartig&ldquo; abgelehnt worden, verdiene es aber, wieder aufgegriffen zu werden: &bdquo;Dass es in jeder Gesellschaft &Uuml;berzeugungen geben muss, die m&ouml;glichst breit verankert sind, ist eine Binsenweisheit. Kein politisches System kann seine innere Legitimation ohne solche gemeinsam getragenen &Uuml;berzeugungen aufrechterhalten &ndash; schon gar nicht in schwierigen Zeiten wie heute, in denen nicht Wohlstandszuw&auml;chse verteilt, sondern Anspr&uuml;che eingesammelt werden m&uuml;ssen.&ldquo; Kurz darauf meldete sich Wolfgang Sch&auml;uble, damals noch designierter alt-neuer Bundesinnenminister und Nachfolger Otto Schilys, in der Bild-Zeitung (v. 27.10.2005) zu Wort: &bdquo;F&uuml;r mich bedeutet Leitkultur, da&szlig; wir uns immer wieder fragen m&uuml;ssen: Was h&auml;lt unsere freiheitliche Gesellschaft im Innersten zusammen? Welche Werte verbinden uns? Wo wollen wir als Volk hin?&ldquo; In der Zeit (v. 10.11.2005) erkl&auml;rte Sch&auml;uble, kein Anh&auml;nger des Streites um Begriffe zu sein. Recht habe im Kern aber sowohl, wer von &bdquo;Leitkultur&ldquo;, wie auch, wer von der Bundesrepublik als &bdquo;Einwanderungsland&ldquo; spreche: &bdquo;Zum einen m&uuml;ssen wir uns unserer Identit&auml;t immer wieder sicher sein, denn wer mit sich selbst nicht im Reinen ist, ist f&uuml;r andere schwer ertr&auml;glich. Zum anderen wird es auch in Zukunft weitere Einwanderung nach Deutschland geben &ndash; auch wenn wir im klassischen Sinne kein Einwanderungsland sind, das sich seine Zuwanderer selbst aussucht.&ldquo;<\/p><p>Norbert Lammert &auml;u&szlig;erte sich &auml;hnlich, schlug aber weniger v&ouml;lkisch-nationalistische T&ouml;ne an und argumentierte differenzierter als Sch&auml;uble. So kritisierte Lammert ausdr&uuml;cklich die Wortkombination &bdquo;deutsche Leitkultur&ldquo;, verband Letztere vielmehr mit einer &bdquo;Revitalisierung des Glaubens&ldquo; im Sinne christlicher Religionsgemeinschaften und hob hervor, dass jede Gesellschaft nicht nur eine Rechtsordnung brauche, sondern sich auch &bdquo;&uuml;ber ihre Grundlagen, ihre Herkunft, ihre Orientierungen&ldquo; verst&auml;ndigen m&uuml;sse: &bdquo;Wir machen bei uns die Erfahrung, dass sich neben der Rechtsordnung, deren Geltung kein Mensch bestreitet, Verhaltensmuster halten, die ihrerseits kulturell begr&uuml;ndet sind. Wenn sich die Gesellschaft nicht regelm&auml;&szlig;ig ihrer Grundlagen vergewissert, l&auml;uft sie Gefahr, dass sich auch die Rechtsordnung aufl&ouml;st.&ldquo; (Rheinischer Merkur v. 24.11.2005) Der neue Bundestagspr&auml;sident betonte in mehreren Interviews die Notwendigkeit, &bdquo;ein Mindestma&szlig; an Verbindlichkeit &uuml;ber gemeinsame Grundlagen und Orientierungen&ldquo; zu schaffen: &bdquo;Unterschiedliche Kulturen sind eine Bereicherung und eine Herausforderung zugleich, sie stiften nicht nur Konsens, sondern auch Konflikt. Keine Gesellschaft kann das einfach auf sich beruhen lassen und abwarten, was sich daraus entwickelt.&ldquo; (Frankfurter Rundschau v. 25.11.2005) Ausdr&uuml;cklich bezog sich Lammert auf &bdquo;die pr&auml;genden historischen Erfahrungen, die von der christlich-j&uuml;dischen Tradition nicht zu trennen sind. Nicht wenige Ausl&auml;nder aus anderen Kulturkreisen, die nun in Deutschland leben, w&uuml;nschen sich solche Verbindlichkeit.&ldquo; Indem Lammert die Religion (statt der Nation) zum zentralen Ab- bzw. Ausgrenzungskriterium macht, l&ouml;st er das Problem einer Dominanzkultur, die sich &uuml;ber den Wertehorizont der Zuwanderer erhaben d&uuml;nkt, nicht. Lammert, der die &bdquo;Leitkultur&ldquo;-Debatte ohne erkennbaren Grund wiederbelebte, konnte dem &bdquo;L-Wort&ldquo;, das eine &bdquo;wilhelminisch-d&uuml;nkelhafte F&auml;rbung&ldquo; (Gustav Seibt) hat, keine neue Bedeutung geben. Mit dem von Lammert benutzten &bdquo;Kulturkreis&ldquo;-Begriff wird Fremdheit konstruiert bzw. assoziiert und vor allem die nichteurop&auml;ische Migration negativ etikettiert bzw. abqualifiziert.<\/p><p>Politik und Publizistik schaukeln sich in der &bdquo;Berliner Republik&ldquo; wechselseitig hoch, weht doch ein neokonservativer Zeitgeist durch Ministerien, Gerichtss&auml;le und Redaktionsstuben. Da die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung dem Trend geistig-moralisch wenig entgegenzusetzen hatte, sondern sich zuletzt st&auml;rker als zu Beginn ihrer Amtszeit in &bdquo;Neoliberalismus light&ldquo; und prinzipienlosem Pragmatismus erging, gewannen christlich-abendl&auml;ndische Werte und Traditionen wieder an Bedeutung. Durch die Bildung der Gro&szlig;en Koalition von CDU\/CSU und SPD im November 2005 wurde die konservative Kehrtwende des Zeitgeistes nicht verhindert, sondern erleichtert. Sie bedroht den ohnehin m&auml;&szlig;igen Fortschritt in der Migrations- bzw. Integrationspolitik, wie ihn das Zuwanderungs(begrenzungs)gesetz repr&auml;sentiert, und beeinflusst auch die Art und Weise, wie &uuml;ber dieses Politikfeld k&uuml;nftig in den Medien berichtet wird.<\/p><p><strong>Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung: Migranten als &bdquo;n&uuml;tzliche&ldquo; Arbeitskr&auml;fte bzw. &bdquo;unn&uuml;tze&ldquo; Ausl&auml;nder<\/strong><\/p><p>Migration ist so alt wie die Menschheit selbst, nimmt heute jedoch neue Z&uuml;ge an. Globalisierung, soziale Polarisierung und Pauperisierung gro&szlig;er Teile der Weltbev&ouml;lkerung f&ouml;rdern die Migration, welcher aufgrund einer multimedial erweiterten Informations- und Kommunikationsstruktur k&uuml;nftig noch mehr Bedeutung zukommen d&uuml;rfte. Bedingt durch Spaltungstendenzen zwischen wie innerhalb der einzelnen Nationalstaaten, differenziert sich die Migration aus: W&auml;hrend die transnationale Eliten- bzw. Expertenmigration positiv, n&auml;mlich als &bdquo;Standortvorteil&ldquo; gegen&uuml;ber auf den Weltm&auml;rkten mit dem &bdquo;eigenen&ldquo; Wirtschaftsstandort konkurrierenden Volkswirtschaften, bewertet wird, gilt Elendsmigration bzw. Flucht den Bewohnern reicher L&auml;nder als &bdquo;Standortnachteil&ldquo;, der zu vermeiden oder zu verringern ist.<\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 2000 erfuhr die deutsche Zuwanderungsdebatte eine ganz neue Wendung, als Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der auf der Computermesse CeBIT in Hannover anregte, gezielt IT-Fachleute aus Nicht-EU-L&auml;ndern anzuwerben, und das Arbeitsministerium eine &bdquo;Verordnung &uuml;ber die Arbeitsgenehmigung f&uuml;r hoch qualifizierte ausl&auml;ndische Fachkr&auml;fte der Informations- und Kommunikationstechnologie&ldquo; nach US-amerikanischem Muster, aber mit gegen&uuml;ber der dortigen Green Card weniger gro&szlig;z&uuml;gigen Aufenthaltsregelungen vorbereitete. Die seither auch in den Medien verst&auml;rkt er&ouml;rterte Frage &bdquo;Nutzen uns die Zuwanderer oder nutzen sie uns aus?&ldquo; beruht auf nationalistischen und rassistischen Pr&auml;missen, welche der proklamierten Weltoffenheit eigentlich Hohn sprechen. Sie grenzt ein nationales Kollektiv, die deutsche &bdquo;Wir&ldquo;-Gruppe, &bdquo;den Anderen&ldquo; bzw. &bdquo;den Fremden&ldquo; gegen&uuml;ber ab. In der sehr breit angelegten Diskussion &uuml;ber Green und\/oder Blue Card dominierte erstmals wieder nach 1945 offen das &bdquo;deutsche Interesse&ldquo;, wobei weniger v&ouml;lkische als standortnationalistische Argumentationsmuster hervortraten. Nach mehreren Jahrzehnten massiven Widerstandes in der politischen &Ouml;ffentlichkeit schien sich aufgrund der &bdquo;Green Card&ldquo;-Initiative von Bundeskanzler Schr&ouml;der ein gesellschaftlicher Grundkonsens dar&uuml;ber herauszubilden, dass es keine Alternative zur Einwanderungsrealit&auml;t gibt und man sich damit arrangieren muss. Es wurde im Unterschied zur &bdquo;Gastarbeiter&ldquo;-Diskussion 1970 bis 1973 einerseits und zu den Asyldebatten 1980 bis 1983 bzw. 1991 bis 1993 andererseits mehrheitlich f&uuml;r eine &Ouml;ffnung der Bundesrepublik und f&uuml;r die (begrenzte) Einwanderung pl&auml;diert. Seit dem Anwerbestopp im November 1973 bestanden nie so gro&szlig;e Chancen f&uuml;r eine breite Akzeptanz von Immigration, obwohl kritisch einzuschr&auml;nken bleibt, dass die Interessen der Wirtschaft am Import von Arbeitskr&auml;ften den Ansto&szlig; dazu gaben und der N&uuml;tzlichkeitsaspekt die Bereitschaft zur Erteilung befristeter Arbeitsgenehmigungen und Aufenthaltserlaubnisse f&uuml;r ausl&auml;ndische Fachkr&auml;fte f&ouml;rderte.<\/p><p>Typisch f&uuml;r das Medienbild, das man sich vom &bdquo;Green-Card-Inhaber&ldquo; machte, war der asiatische IT-Experte, den die Bild-Zeitung ihren Leser(inne)n am 2. M&auml;rz 2000 unter der Schlagzeile &bdquo;Computer-Inder Surjit Singh Suri: Ich freue mich auf das saubere Deutschland &hellip; und einen BMW&ldquo; vorstellte. Wie man sich selbst sah, sollten m&ouml;glichst auch die Zuwanderer sein: angepasst, ordentlich und strebsam. Mit dem Zitat &bdquo;Hier ist alles so gut organisiert&ldquo; &uuml;berschrieben die Bremer Lokalzeitungen denn auch ihren Bericht &uuml;ber das Praktikum, welches indische Krankenschwestern in einer Klinik der Hansestadt absolviert hatten (vgl. Bremer Nachrichten\/Weser-Kurier v. 30.4.2000).<\/p><p>Nach den Terroranschl&auml;gen am 11. September 2001 wurde der lange erhoffte und seinerzeit wahrscheinlich m&ouml;gliche Paradigmenwechsel in der (arbeitsmarktbezogenen) Migrationspolitik durch einen autorit&auml;ren Sicherheitsdiskurs konterkariert. Der zumindest vor&uuml;bergehend liberale Zeitgeist wandelte sich wieder, weil fortan auch der &bdquo;Schl&auml;fer&ldquo; das Zerrbild des muslimischen Migranten bestimmte und sich die Zuwanderungsdebatte dadurch beinahe ins Gegenteil verkehrte.<\/p><p>Vor allem in der Boulevardpresse erschien Zuwanderung einmal mehr als Bedrohung und Belastung f&uuml;r &bdquo;die Deutschen&ldquo;. Man brachte sie h&auml;ufig mit Arbeitsplatzverlust, &bdquo;&Uuml;berfremdung&ldquo;, Wohnungsknappheit, Sozialleistungsmissbrauch und (Gewalt-)Kriminalit&auml;t in Verbindung. Bedeutsam war dabei die Komposition von Artikeln, Kommentaren und Berichten. Bild platzierte zum Beispiel am 9. Juli 2002 die Meldung, dass die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen im Monat davor wieder auf knapp 4 Millionen gestiegen war, und einen Bericht &uuml;ber den drohenden Bankrott des Maschinenbaukonzerns Babcock-Borsig (&bdquo;Jetzt stehen rund 13500 deutsche Jobs auf dem Spiel&ldquo;) direkt unter der Ank&uuml;ndigung eines Streitgespr&auml;chs zwischen den beiden Kanzlerkandidaten zu mehreren Themen mit der suggestiven &Uuml;berschrift &bdquo;Schr&ouml;der und Stoiber im Duell bei BILD: Wie viele Ausl&auml;nder sind genug?&ldquo; Neben einer schwarzh&auml;utigen Bikini-Sch&ouml;nheit ging da die Kurzmeldung &bdquo;Weniger Asylbewerber&ldquo; &uuml;ber einen R&uuml;ckgang von 11,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr praktisch unter.<\/p><p>Berichte &uuml;ber den Zustrom von Armutsfl&uuml;chtlingen k&ouml;nnen die Furcht deutscher Arbeitnehmer\/innen, ihre Stelle einzub&uuml;&szlig;en und im Gefolge einer als &ouml;konomisches Naturgesetz begriffenen Globalisierung erwerbslos zu werden, genauso verst&auml;rken wie Meldungen &uuml;ber Massenentlassungen, Firmenzusammenbr&uuml;che und Kapitalflucht. Wenn die Bild-Zeitung (v. 6.10.1999) mit der Schlagzeile &bdquo;Hochsteuerland Deutschland: Haut Daimler ab in die USA?&ldquo; oder das M&uuml;nchner Boulevardblatt tz (v. 23.4.2004) mit der Frage &bdquo;74000 Jobs in Gefahr: Will Siemens aus Deutschland weg?&ldquo; aufmacht, greift m&ouml;glicherweise die Vorstellung um sich, dass zuwandernde Ausl&auml;nder &bdquo;unsere&ldquo; Arbeitspl&auml;tze besetzen und deutsche Unternehmer (mitsamt den Arbeitspl&auml;tzen) ins Ausland abwandern.<\/p><p>Einen neueren Fokus der Medienberichterstattung bildet das Thema &bdquo;illegale Migration&ldquo;, meist verbunden mit Horrorszenarien im Hinblick auf eine Invasion der hungernden Massen Afrikas und die Grenz&ouml;ffnung nach der EU-Osterweiterung. Da der Landweg f&uuml;r Armutsfl&uuml;chtlinge durch die sog. Drittstaatenregelung weitgehend versperrt ist, spielt das Meer seither eine besondere Rolle. So erschien der Spiegel am 17. Juni 2002 mit einem Titelbild, das unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Ansturm der Migranten: Europa macht dicht&ldquo; ein mit verlumpt aussehenden Menschen vollgepfropftes Fl&uuml;chtlingsschiff zeigt. Anlass daf&uuml;r bot der EU-Gipfel in Sevilla, auf dem vier Tage sp&auml;ter die Versch&auml;rfung der Grenzkontrollen und eine v&ouml;llige Entrechtung der sog. Illegalen beschlossen wurden.<\/p><p>Zwar gibt es in den Massenmedien auch einf&uuml;hlsame Berichte &uuml;ber jene Fl&uuml;chtlingstrag&ouml;dien, die sich tagt&auml;glich an den (See-)Grenzen der Wohlstandsinsel (West-)Europa abspielen, wenn etwa Afrikaner versuchen, &uuml;ber das Mittelmeer oder Ceuta und Melilla, spanische Exklaven auf ihrem Kontinent, das gelobte EU-Land zu erreichen, und dabei nicht selten den Tod finden. Wie manche Journalist(inn)en das Spezialproblem der irregul&auml;ren bzw. illegalisierten Zuwanderung behandeln, grenzt jedoch an Heuchelei: Man emp&ouml;rt sich wortreich &uuml;ber die R&uuml;cksichtslosigkeit der Schlepper- bzw. Schleuserbanden, die zwecks eines hohen Gewinns selbst den Tod von Migrant(inn)en aus der sog. Dritten Welt in Kauf nehmen, fragt aber nicht, ob sich Menschen wie jene 58 Chinesen, deren tragischer Erstickungs- bzw. K&auml;ltetod in einem K&uuml;hllastwagen gegen Ende Juni 2000 als &bdquo;Drama von Dover&ldquo; zahllose Presseschlagzeilen machte, vielleicht nur deshalb zweifelhaften Organisationen anvertrauen, weil sich Westeuropa &ndash; aus &auml;hnlich egoistischen Gr&uuml;nden, wie sie diesen vorgeworfen wurden &ndash; immer mehr abschottet und gegen&uuml;ber dem Fl&uuml;chtlingselend verschlie&szlig;t.<\/p><p>Die aktuelle Migrationsberichterstattung reproduziert, forciert und zementiert jenen Trend zur sozialen Polarisierung, den die Globalisierung bzw. neoliberale Modernisierung erzeugt: Positiv werden vor allem Zuwanderer dargestellt, die einen sozialen Aufstieg erleben oder erhoffen k&ouml;nnen und &bdquo;freiberuflich&ldquo; oder unternehmerisch t&auml;tig sind. Gest&uuml;tzt auf eine Studie des Zentrums f&uuml;r T&uuml;rkeistudien berichtete die Rheinische Post am 2. Mai 2005 unter dem Titel &bdquo;Nicht so enden wie die M&uuml;tter&ldquo; &uuml;ber &bdquo;t&uuml;rkischst&auml;mmige Frauen der dritten Generation&ldquo;, die sich mit eigenen Unternehmen selbstst&auml;ndig gemacht oder &bdquo;verantwortungsvolle Firmenpositionen&ldquo; &uuml;bernommen h&auml;tten. Seit geraumer Zeit konzentrieren sich die Massenmedien st&auml;rker auf eine &bdquo;junge Zuwandererelite&ldquo; (Roland Kaehlbrandt, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Hertie-Stiftung, zit. nach: Eine Chance f&uuml;r Flei&szlig;ige, in: Rheinische Post v. 13.9.2005), w&auml;hrend &bdquo;normale&ldquo; oder sozial benachteiligte Migrant(inn)en h&ouml;chstens im Rahmen einer medialen Problemdiskussion &uuml;ber Schulen, in denen kaum noch Deutsch gesprochen wird, eine Hauptrolle spielen (vgl. z.B. &bdquo;Null Deutsch&ldquo; auf dem Schulhof, in: Rheinische Post v. 13.9.2005; &bdquo;Deutze Spracke isse sw&auml;re Spracke&ldquo;. Die Lage der Einwanderer-Kinder in K&ouml;ln &ndash; Das t&auml;gliche Elend in Kinderg&auml;rten und Schulen, in: K&ouml;lner Stadt-Anzeiger v. 14.11.2005). Negativ und manchmal mit einem kaum verhohlenen Hang zum Paternalismus wird &uuml;ber Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund berichtet, die Bildungsl&uuml;cken aufweisen und soziale Transferleistungen beziehen. Auch wohlmeinende Journalist(inn)en machen oft den Fehler, die Migrationssituation als Kumulation von Sprach- und Bildungsdefiziten zu beschreiben, was ihrer Komplexit&auml;t keineswegs gerecht wird und den betroffenen Familien, ausl&auml;ndischen M&uuml;ttern und V&auml;tern einen Gro&szlig;teil der Schuld am Versagen ihrer Kinder zuschiebt (vgl. z.B. &bdquo;Lumpensammler&ldquo; Hauptschule. Sch&uuml;ler mit Sprachschw&auml;chen und aus schwierigsten Familien brauchen Krisenmanager als Lehrer, in: K&ouml;lner Stadt-Anzeiger v. 19.\/20.11.2005).<\/p><p>Gleichzeitig erscheinen Ausl&auml;nder in folgenden Kontexten als brutale Gewaltt&auml;ter: bei Familienstreitigkeiten bzw. &bdquo;Stammesfehden&ldquo; und Fu&szlig;ballspielen. F&uuml;r den zuletzt genannten Themenkreis war die Berichterstattung &uuml;ber Ausschreitungen nach einem wertlosen 4:2-Sieg der T&uuml;rkei gegen die Schweiz im WM-Qualifikationsspiel am 17. November 2005 kennzeichnend. Auf dem Titelblatt verk&uuml;ndete die K&ouml;lner Ausgabe der Bild-Zeitung tags darauf &bdquo;Pr&uuml;gel-T&uuml;rken: FC-Star Alpay der Schlimmste&ldquo;, im Sportteil berichtete sie unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Die Nacht der Schande von Istanbul&ldquo; und druckte ein Interview mit Fifa-Pr&auml;sident Joseph Blatter unter der Frage &bdquo;Sperren f&uuml;r alle t&uuml;rkischen Mannschaften?&ldquo; ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber die Ausl&auml;nder\/innen in der Bundesrepublik berichten Massenmedien ganz &auml;hnlich wie &uuml;ber das Ausland, n&auml;mlich praktisch nur im Ausnahmefall, der m&ouml;glichst spektakul&auml;r sein und katastrophische Z&uuml;ge tragen sollte, wodurch Zuwanderer mit Unordnung, Chaos und Gewalt in Verbindung gebracht werden. 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