{"id":27309,"date":"2015-08-24T17:04:02","date_gmt":"2015-08-24T15:04:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27309"},"modified":"2024-09-27T04:49:43","modified_gmt":"2024-09-27T02:49:43","slug":"ein-interview-zur-gedankenpolizei-vom-neuen-deutschland-wieder-aus-dem-netz-genommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27309","title":{"rendered":"Ein Interview zur \u201eGedankenpolizei\u201c \u2013 vom Neuen Deutschland wieder aus dem Netz genommen."},"content":{"rendered":"<p>Das ist ein Interview von <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>. Es war f&uuml;r das <em>Neue Deutschland<\/em> bestimmt. Das Blatt hatte es im Netz und nahm es nach einer internen Intervention wieder raus. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>J.W.: Warum geht es mit der gesellschaftlichen Linken eigentlich nicht mehr voran? Weil sie sich oft lieber zerstreitet und spaltet statt das Notwendige zu tun, meint der Publizist und NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht M&uuml;ller im Gespr&auml;ch mit Jens Wernicke. F&uuml;r besonders bedenklich h&auml;lt er dabei das Agieren einiger Pseudo-Linker als  &bdquo;Gedankenpolizei&ldquo;.<\/em><\/p><p><strong>Herr M&uuml;ller, Sie sind Herausgeber der NachDenkSeiten.de, kritisieren seit Langem die Meinungsmache und Medien im Land und sprechen zurzeit von einer &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25696\">Gedanken- bzw. Gesinnungspolizei<\/a>&ldquo;. Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Auf diesen Begriff kam ich, weil sich in den Monaten bis zum M&auml;rz 2015 Mails bei mir h&auml;uften, deren Argumentationsaufbau etwa folgenderma&szlig;en aussah: Der Einstieg war immer &auml;hnlich: &sbquo;Sie machen eine tolle Arbeit mit den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/\">NachDenkSeiten<\/a>, ich habe auch Ihre B&uuml;cher mit Gewinn gelesen. Aber: Dass Sie sich f&uuml;r die Friedensbewegung engagieren und dass Sie Ken Jebsen, diesem Verschw&ouml;rungstheoretiker und nachgewiesenen Antisemiten ein Interview gegeben haben, das kann ich nicht verstehen. Und mit Willy Wimmer haben Sie auch geredet. Auch dass Sie immer wieder die USA kritisieren, finde ich nicht gut.&lsquo; Usw. usf.<\/p><p>Ich habe ja nichts dagegen, wenn manche unserer Leser so denken, aber dass man mir vorschreiben will, was <em>ich<\/em> denke und mit wem ich Kontakt habe und spreche, das fand und finde ich zu viel des Guten. Deshalb habe ich diese Art von Mails &ouml;ffentlich gemacht und dabei von Gesinnungspolizei gesprochen. Seitdem habe ich &uuml;brigens Ruhe. Ich bekomme keine verlogenen, schleimigen Mails mehr. Daf&uuml;r viele andere konstruktive von Menschen, die wissen, was Toleranz bedeutet, und was sie von uns verlangt.<\/p><p><strong>Das klingt sehr nach einem &bdquo;Spalte und Herrsche&ldquo;-Mechanismus&hellip;: Es gibt immer mehr soziale Not im Land und gleichzeitig immer mehr Denk- und Redetabus &ndash; und in Summe schw&auml;cht das vor allem die kritischen Stimmen im Land. Ist es so in der Art?<\/strong><\/p><p>Ja, das hat auch eine soziale Seite. Um die Not der Unterschicht k&uuml;mmert man sich nicht mehr. Und es hat eine politische Seite. Denken Sie etwa an die Rote-Socken-Kampagne von CDU und CSU und der mit ihnen verbundenen Medien. Das war der gelungene Versuch, ein Kontaktverbot f&uuml;r SPD und Gr&uuml;ne nach links hin auszusprechen. Damit hat man es geschafft, die seit Jahren m&ouml;gliche Koalition links von Frau Merkel zu verhindern. Und eben auch, unserem Land den Zugang zu einer politischen Alternative zu versperren.<\/p><p><strong>H&auml;tten Sie da denn ein konkretes Beispiel zum Agieren der &bdquo;Gesinnungspolizei&ldquo; f&uuml;r uns?<\/strong><\/p><p>Ja, ich hatte in den NachDenkSeiten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23749\">davon geschrieben<\/a>, wir lebten quasi im Status einer Kolonie. Anlass war der Spatenstich f&uuml;r das gr&ouml;&szlig;te Milit&auml;rhospital der USA au&szlig;erhalb ihres eigenen Landes in Landstuhl in der Pfalz. Da gab es ein bezeichnendes Foto in meiner Regionalzeitung: Die Bundesbauministerin machte einen strammen Diener vor dem zust&auml;ndigen US-amerikanischen General. <\/p><p>Daraufhin meldete sich ein Herbert M&uuml;ller aus Berlin, wie sich dann herausstellte ein Typ, der unter dem Namen &bdquo;Genova&ldquo; im Netz unterwegs ist, und andere Menschen des Antisemitismus bezichtigt. Er zitierte damals die Definition von Kolonie und bestritt, dass dies zu unserem Verh&auml;ltnis zu den USA passe. Au&szlig;erdem beklagte er sich, dass Artikel der NachDenkSeiten bei Ken Jebsen verlinkt werden.<\/p><p><strong>Und was ist Ihre Antwort hierauf &ndash; auf all diese Verbote, Tabus und die damit gesch&uuml;rte &bdquo;Kontaktangst&ldquo; und den kritischen Stimmen im Land?<\/strong><\/p><p>Nun, ich habe mich entschlossen, mir nicht von anderen vorschreiben zu lassen, mit wem ich Kontakt haben darf, wen ich achte und zitiere und mit wem ich mit Respekt umgehe. Nicht nur, aber auch, weil Dialog wichtig ist &ndash; und wir ohne eben diesen allzu schnell auf Kampagnen und L&uuml;gen &uuml;ber andere hereinfallen w&uuml;rden.<\/p><p>Ich will dazu noch ein Beispiel nennen: Seit den siebziger Jahren habe ich mit Andreas von B&uuml;low zu tun. Unsere Familien waren in der gemeinsamen Bonner Zeit befreundet. Er war in der Zeit der Nachr&uuml;stungsdebatte bei einem <a href=\"http:\/\/pleisweiler-oberhofen.de\/pleisweiler-gespraeche\/\">Pleisweiler Gespr&auml;ch<\/a>. Jetzt sieht er die Rolle der USA, ihrer Geheimdienste und auch die Hintergr&uuml;nde von 9\/11 etwas anders und h&auml;rter als ich. Und er wird daf&uuml;r gescholten, ein Verschw&ouml;rungstheoretiker zu sein. Ich denke dennoch nicht im Traum daran, diesen Urteilen zu folgen und meinen Respekt f&uuml;r ihn der allgemeinen Stimmungsmache zu opfern. <\/p><p>Ich k&ouml;nnte eine Reihe anderer Beispiele nennen, will aber die etwas allgemeinere Bemerkung anf&uuml;gen: Die Intoleranz und die Etikettenverteilung, die hierzulande gerade &uuml;blich wird, sollten wir nicht mitmachen. Und wir sollten hart dagegen angehen. Das habe ich im M&auml;rz getan. Es hat gewirkt. Weil Denunzianten n&auml;mlich zugleich Feiglinge sind.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, geboren  1938 in Heidelberg, ist ein Volkswirt, Publizist und Politiker. M&uuml;ller war Planungschef im Bundeskanzleramt unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Weiter war er von 1987 bis 1994 f&uuml;r die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages und ist seit 2003 als Autor und Mitherausgeber der NachDenkSeiten t&auml;tig.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ein Interview von <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>. Es war f&uuml;r das <em>Neue Deutschland<\/em> bestimmt. 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