{"id":2731,"date":"2007-10-30T10:25:16","date_gmt":"2007-10-30T08:25:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2731"},"modified":"2015-12-13T12:24:56","modified_gmt":"2015-12-13T11:24:56","slug":"hochschulen-sollen-selbst-ueber-die-zahl-der-studienplaetze-entscheiden-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2731","title":{"rendered":"Hochschulen sollen selbst \u00fcber die Zahl der Studienpl\u00e4tze entscheiden k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Weg mit den alten Z&ouml;pfen&ldquo; dr&auml;ngt Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf eine Abschaffung der Kapazit&auml;tsverordnungen. Solche Verordnungen wurden vor allem durch das sog. Numerus Clausus-Urteil durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in den 70er Jahren erzwungen. Das Gericht hatte in mehreren Urteilen entschieden, dass &ouml;ffentlich finanzierte Hochschulen auf Grund des Grundrechts der Berufsfreiheit nach Art. 12 GG, des Gleichheitssatzes und des Sozialstaatsprinzips zu einer ersch&ouml;pfenden Nutzung der an den Hochschulen vorhandenen Ausbildungskapazit&auml;ten und zu einer vergleichbaren Auslastung der verschiedenen Hochschulen verpflichtet seien.<br>\nDie Bundesregierung fordert nun die L&auml;nder auf, die auf diesen Urteilen basierenden Kapazit&auml;tsverordnungen abzul&ouml;sen: &bdquo;Die Freiheit der L&auml;nder und Hochschulen, miteinander in Wettbewerb zu treten, die Studienplatzvergabe zu dezentralisieren, Studienentgelte zu erheben und damit die Lehrbedingungen&hellip; deutlich zu verbessern, verdeutlicht, wie unzeitgem&auml;&szlig; die Orientierung an einer maximalen Kapazit&auml;tsaussch&ouml;pfung ist&ldquo;, sagt die <a href=\"http:\/\/dip.bundestag.de\/btd\/16\/065\/1606578.pdf\">Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion [PDF -760 KB]<\/a>. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nSeit 1972 hat das Bundesverfassungsgericht daf&uuml;r gesorgt, dass es nicht im Belieben der einzelnen Hochschulen steht, wie viele Studierende sie aufnehmen will. Staatliche, aus Steuergeldern finanzierte Hochschulen mussten seither zur Verwirklichung des Rechts der Studierfreiheit ihre Studienkapazit&auml;ten voll aussch&ouml;pfen.<br>\nDie durch die Gerichte und zahllose Prozesse erzwungenen, teilweise sehr differenzierten Verrechnungsschl&uuml;ssel der in Staatsvertr&auml;gen geregelten Kapazit&auml;tsverordnungen waren von je her ein &Auml;rgernis f&uuml;r die Hochschulen und f&uuml;hrten zu heftigen Attacken gegen die von den Gerichten erzwungenen &bdquo;staatliche Regulierungen&ldquo;. Schon seit l&auml;ngerer Zeit wird bei den &ouml;rtlichen Zulassungsbeschr&auml;nkungen oder durch die seit einigen Jahren m&ouml;gliche Hochschulauswahl der Studierenden gegen die volle Aussch&ouml;pfung der Studienkapazit&auml;ten versto&szlig;en. Deshalb konnten viele Studierende ihren Studienplatz erfolgreich einklagen.<\/p><p>Diese Tendenz der Hochschulen zu Zulassungsbeschr&auml;nkungen ist verst&auml;ndlich, weil ihnen seit Jahrzehnten eine &bdquo;&Uuml;berlast&ldquo; zugemutet wurde, d.h. gemessen an der Steigerung staatlicher Mittel und gemessen an der Zahl der Hochschullehrer wurde ihnen zugemutet, immer mehr Studierende aufzunehmen.<\/p><p>Nach der Abschaffung des Hochschulrahmengesetzes muss nun einmal mehr das neue Steuerungsinstrument &bdquo;Wettbewerb&ldquo; dazu herhalten, die bisherigen Kapazit&auml;tsverordnungen auszuhebeln und es ins Belieben (in die &bdquo;Freiheit&ldquo;) der Hochschulen zu stellen, wie viele Studierende sie aufnehmen m&ouml;chten:  &bdquo;Nach &uuml;ber 30 Jahren und der Neuausrichtung der Zielsetzung im Wissenschaftssystem, insbesondere in Hinblick auf Hochschulautonomie und der F&ouml;rderung von Exzellenz in Forschung und Lehre, ist es Zeit zu fragen, ob das Kriterium der einheitlichen &bdquo;Lehrauslastung&ldquo; von F&auml;chern den heutigen Anspr&uuml;chen gerecht wird&ldquo;, schreibt die Bundesregierung.<\/p><p><strong>Eine weitere Barriere zum Studium<\/strong><\/p><p>Sollten die Gerichte diesem weiteren Paradigmenwechsel in der Hochschulpolitik folgen &ndash; was nach dem Studiengeb&uuml;hrenurteil des Bundesverfassungsgerichts zu bef&uuml;rchten ist &ndash; d&uuml;rfte, neben den Studiengeb&uuml;hren, eine weitere Barriere f&uuml;r den Hochschulzugang errichtet werden, n&auml;mlich durch eine von jeder Hochschule selbst zu entscheidende Beschr&auml;nkung der Zulassungszahl an Studierenden. Da es geradezu ein nat&uuml;rliches Interesse der Hochschullehrer und damit auch der Hochschule gibt, die Zahl der Studierenden wieder auf eine &uuml;berschaubare Zahl von Teilnehmern bei Lehrveranstaltungen zu beschr&auml;nken, d&uuml;rfte dies zun&auml;chst zu einer geringeren Auslastung der Kapazit&auml;ten und damit zu einer erheblichen Reduzierung der Zulassungszahlen f&uuml;hren.<br>\nDas Grundrecht der Berufswahl- (und Studier-)freiheit w&uuml;rde so ins Belieben der jeweiligen Hochschule gestellt.<br>\nWie die Bundesregierung zu der Auffassung gelangen kann, dass mit Abschaffung der Kapazit&auml;tsverordnungen &bdquo;das politische Ziel einer h&ouml;heren Akademikerquote&ldquo; erreicht werden k&ouml;nne, widerspricht aller Lebenserfahrung und jeglicher Logik.<\/p><p>Das Wettbewerbsprinzip als Regulativ der Hochschulsteuerung w&uuml;rde damit &uuml;ber das Grundrecht der Berufswahlfreiheit, den allgemeinen Gleichheitssatz und das Sozialstaatsprinzip gestellt. Der Haushaltsgesetzgeber h&auml;tte keinen Einfluss mehr darauf, dass die in den Hochschulen eingesetzten Mittel des Steuerzahlers m&ouml;glichst effizient eingesetzt w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Ein weiterer Schritt zur Hierarchisierung der Hochschullandschaft<\/strong><\/p><p>Schon die Ernennung zu &bdquo;Elitehochschulen&ldquo; und die damit verbundenen zus&auml;tzlichen Geldzuweisungen, aber auch die Einf&uuml;hrung des Wettbewerbsprinzips zwischen den Hochschulen ganz allgemein f&uuml;hren zu einer Differenzierung und Hierarchisierung der Hochschulen in Elite-, Durchschnitts- und Schmalspuruniversit&auml;ten bzw. in forschungs- und lehrintensive Hochschulen.<br>\nDurch die Entscheidung der Hochschulen &uuml;ber die Zulassungszahlen wird diese Hierarchisierung der Hochschullandschaft vertieft. Au&szlig;erdem wird die unter dem Schlagwort &bdquo;Profilbildung&ldquo; herbeigef&uuml;hrte Differenzierung des Studienangebots f&uuml;r Studierende und f&uuml;r die Arbeitgeber noch un&uuml;berschaubarer, besser m&uuml;sste man schon sagen, noch chaotischer.<br>\nF&uuml;r die Bundesregierung ist dieses Chaos aber offensichtlich ausdr&uuml;ckliches Ziel, hei&szlig;t es doch in der Antwort: &bdquo;Ziel der Politik ist es schlie&szlig;lich nicht, homogene Studieng&auml;nge in den einzelnen Disziplinen zu erzwingen, sondern im Wettbewerb ein heterogenes Studiengangangebot entstehen zu lassen, dass die unterschiedlichen Bed&uuml;rfnisse der Studierenden (?) ber&uuml;cksichtigt.&ldquo;<\/p><p><strong>Freigabe der H&ouml;he der Studiengeb&uuml;hren, die n&auml;chste Konsequenz<\/strong><\/p><p>Es liegt in der Logik dieser Entwicklung, dass die Hochschulen, die z.B. durch eine Reduzierung der Studienpl&auml;tze verbesserte Betreuungsrelation anbieten und damit die Studienbedingen verbessern, h&ouml;here Studiengeb&uuml;hren verlangen werden (wenn nicht sogar m&uuml;ssen). Denn nur durch eine Verteuerung des Studienangebotes k&ouml;nnen sie auf dem Ausbildungsmarkt ausreichend erg&auml;nzende Finanzierungsmittel einwerben.<br>\nDer n&auml;chste Schritt in der Wettbewerbswissenschaft ist daher logisch zwingend die Freigabe der H&ouml;he der Studiengeb&uuml;hren. Die Knappheit der Studienangebote bestimmt dann bei der gegebenen &Uuml;bernachfrage eben die H&ouml;he des Preises f&uuml;r ein Studienangebot. In den sog. &bdquo;Eliteuniversit&auml;ten&ldquo; wird diese Forderung nach deutlich h&ouml;heren Studiengeb&uuml;hren f&uuml;r die dort angebotenen angeblichen &bdquo;Elitestudieng&auml;nge&ldquo; schon ganz offen diskutiert und gefordert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Weg mit den alten Z&ouml;pfen&ldquo; dr&auml;ngt Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf eine Abschaffung der Kapazit&auml;tsverordnungen. Solche Verordnungen wurden vor allem durch das sog. Numerus Clausus-Urteil durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in den 70er Jahren erzwungen. Das Gericht hatte in mehreren Urteilen entschieden, dass &ouml;ffentlich finanzierte Hochschulen auf Grund des Grundrechts der Berufsfreiheit nach<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2731\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[186,17],"tags":[986,521,321,443,234],"class_list":["post-2731","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesverfassungsgerichtverfassungsgerichtshof","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-hochschulautonomie","tag-hochschulzugang","tag-schavan-annette","tag-standortwettbewerb","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2731","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2731"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2731\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29542,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2731\/revisions\/29542"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2731"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2731"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2731"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}