{"id":27362,"date":"2015-08-28T13:38:13","date_gmt":"2015-08-28T11:38:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27362"},"modified":"2020-09-14T12:23:47","modified_gmt":"2020-09-14T10:23:47","slug":"massenflucht-vorboten-einer-neuzeitlichen-voelkerwanderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27362","title":{"rendered":"Massenflucht \u2013 Vorboten einer neuzeitlichen V\u00f6lkerwanderung"},"content":{"rendered":"<p>Allm&auml;hlich d&auml;mmert es auch den eifrigsten Verfechtern eines kurzen Prozesses mit &bdquo;Asylbetr&uuml;gern&ldquo; und &bdquo;Wirtschaftsfl&uuml;chtlingen&ldquo;, dass es nicht damit getan ist, Ressentiments gegen Menschen in Not zu sch&uuml;ren. Denn was wir gerade beobachten k&ouml;nnen, ist nichts weniger als der Vorabend einer neuzeitlichen V&ouml;lkerwanderung. Die Hunderttausende, die in unsere St&auml;dte und D&ouml;rfer str&ouml;men, sind nur die Vorhut. Viele Millionen stehen bereit, ihnen nachzufolgen. Der deutsche Innenminister musste deshalb die Jahresprognose f&uuml;r die in Deutschland ankommenden Asylbewerber kurzerhand von 450.000 auf 800.000 nahezu verdoppeln. Von <strong>Peter Vonnahme<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27362#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDie europ&auml;ische Geschichte ist reich an Beispielen f&uuml;r solche Menschenstr&ouml;me mit ihren unvermeidlichen Dammbr&uuml;chen. Wir tun gut daran, uns mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass diesen Zug nichts aufhalten wird, weder das Dampfgeplauder der Stammtische, noch die Militanz der Pegidaaktivisten und auch nicht die zum Ritual verkommenen Wir-haben-alles-im-Griff-Parolen der Politiker und deren Claqueure in dienstbeflissenen Medien. Wenn der CSU-Vorsitzende Seehofer beim Politischen Aschermittwoch mit heiserer Stimme t&ouml;nt, dass er sich &bdquo;bis zur letzten Patrone &hellip; gegen eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme&ldquo; str&auml;uben werde, klingt das unerschrocken und heldenhaft. Es hat jedoch die gleiche Verl&auml;sslichkeit wie die Ank&uuml;ndigung eines durch Alkoholgenuss enthemmten Spr&uuml;cheklopfers auf dem Marktplatz, er k&ouml;nne den bevorstehenden Sonnenuntergang aufhalten. Tatsache ist n&auml;mlich, dass es nichts mehr zum Aufhalten gibt. Denn die Zuwanderung ist seit L&auml;ngerem im Verlauf und wir sind ohnm&auml;chtige Zeugen derselben. Es wird kein Zur&uuml;ck in die Beschaulichkeit der letzten Jahrzehnte geben.<\/p><p>Menschen, die an ihren Wohnorten tagt&auml;glich um ihr Leben f&uuml;rchten m&uuml;ssen, sei es wegen Hungersnot oder wegen Kriegsgefahren, haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder sie bleiben und kommen (h&ouml;chstwahrscheinlich) um oder sie begeben sich auf einen langen und risikoreichen Weg mit h&ouml;chst ungewissem Ende. Millionen haben sich f&uuml;r letztere Variante entschieden. Sie nehmen Entbehrungen, Krankheiten und die Gefahr von Raub&uuml;berf&auml;llen auf sich, durchqueren zu Fu&szlig; oder per Anhalter W&uuml;sten, Savannen und feindliche Stammesgebiete. Im Regelfall wandern sie nach Norden oder nach Westen, zumeist Richtung Meer. Wenn sie dann mit viel Gl&uuml;ck nach Monaten entkr&auml;ftet und ausgelaugt an einer K&uuml;ste ankommen, dann beginnt die n&auml;chste, nicht minder gef&auml;hrliche Etappe ihrer Wanderung. &bdquo;Schlepper&ldquo; nehmen ihnen das Geld ab, das ihnen ihre Familien beim Abschied mit der dringenden Bitte anvertraut haben, sie am Ziel ihrer Wanderung nicht zu vergessen. Es beginnt die Zeit des Wartens. Wenn die Elendsfl&uuml;chtlinge dann irgendwann bei Nacht in &uuml;berladene und seeunt&uuml;chtige Boote gepfercht werden, k&ouml;nnen sie nur noch beten, dass sie lebend &uuml;ber das Meer kommen. Nat&uuml;rlich wissen sie um die Gefahren der &Uuml;berfahrt, aber sie nehmen die Todesgefahr in Kauf, um dem fast sicheren Tod zu entgehen. Viele ertrinken, nicht zuletzt deswegen, weil die L&auml;nder ihrer Sehnsucht nicht das geringste Interesse daran haben, dass sie jemals dort ankommen.<\/p><p>Was wir derzeit in TV-Bildern sehen, sind Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me von Arm nach Reich und solche aus Kriegsgebieten in vermeintlich sichere Zufluchtsorte. Wir, die alteingesessenen Bewohner der wohlhabenden und befriedeten L&auml;nder Europas, m&uuml;ssen diese Entwicklung nicht sch&ouml;n finden. Doch darauf kommt es &uuml;berhaupt nicht an. Denn niemand fragt uns nach unserer Meinung. Die Elenden und Verzweifelten dieser Welt machen sich einfach auf den Weg. Auf Gedeih und Verderb.<\/p><p>Ende 2013 gab es nach dem Jahresbericht des UN-Fl&uuml;chtlingshilfswerks (UNHCR) weltweit 50 Millionen Fl&uuml;chtlinge, Asylsuchende und Binnenvertriebene; ein Jahr sp&auml;ter waren es 10 Millionen mehr. Die H&auml;lfte dieser Fl&uuml;chtlinge sind Kinder. Etwa 20 Millionen Menschen leben heute im ausl&auml;ndischen Exil. Allein aus Afghanistan und Syrien fl&uuml;chteten je ca. 2,5 Millionen, aus Somalia ca. 1,2 Millionen und aus dem Irak gut 400.000. Die meisten dieser Fl&uuml;chtlinge leben heute in riesigen Lagern in der T&uuml;rkei, in Pakistan, im Libanon und im Iran, somit in L&auml;ndern, die bereits vor Eintreffen der Flutwellen erhebliche wirtschaftliche und soziale Probleme hatten. Diese Aufnahmel&auml;nder haben nicht ann&auml;hernd den Wohlstand der entwickelten europ&auml;ischen Staaten. Gleichwohl m&uuml;ssen sie versuchen, die erdr&uuml;ckende Fl&uuml;chtlingslast zu bew&auml;ltigen. Die Lage in den Fl&uuml;chtlingslagern ist oft katastrophal. Man kann es erahnen, wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten Deutschland, eines der wohlhabendsten L&auml;nder der Welt, hat, weitaus weniger Fl&uuml;chtlinge unterzubringen.<\/p><p>Ein Ende dieses Fl&uuml;chtlingsstroms ist nicht in Sicht. Er folgt archaischen Verhaltensmustern. Wir k&ouml;nnen versuchen, Mauern aufzurichten, um unseren Reichtum zu verteidigen. Aber diese Mauern werden dem Andrang von Abermillionen auf Dauer nicht standhalten. Die besorgten Rufe nach neuen und sch&auml;rferen Gesetzen werden die Probleme erst recht nicht l&ouml;sen. Denn diese Rufe werden in den Kriegs- und Armutsgebieten Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens ungeh&ouml;rt verhallen. Die Verzweifelten in Syrien, im Irak, in Afghanistan, Eritrea und Somalia und anderswo haben ganz andere Sorgen als unsere Asylgesetze zu lesen. Noch weniger interessiert es sie, ob das Taschengeld f&uuml;r Asylbewerber gek&uuml;rzt wird (wie j&uuml;ngst der bayerische Innenminister vorschlug) oder ob es durch Gutscheine ersetzt wird (so Bundesinnenminister de Maizi&egrave;re). All das ist den Kriegs- und Armutsfl&uuml;chtlingen keinen Gedanken wert. Denn sie haben nur ein Ziel: Sie wollen ihr Leben retten, Taschengeld hin, Gutscheine her. Sie wissen, dass viele von ihnen umkommen werden wie bereits Tausende vor ihnen. Sie wissen auch, dass die Gl&uuml;cklichen, die es tats&auml;chlich bis an unsere Grenzen schaffen, nicht mit offenen Armen aufgenommen werden, sondern dass ein beschwerlicher Weg mit viel B&uuml;rokratie und Unsicherheit auf sie wartet und dass Dem&uuml;tigungen und Anfeindungen ihre Wegbegleiter sein werden. Wenn sie sich dennoch auf den Weg machen, dann ist ihr Beweggrund nicht Abenteuerlust und der Traum von einem bequemen Leben in einem fernen unbekannten Land, sondern die verzweifelte Lage in ihrer Heimat. Wer verl&auml;sst schon leichten Herzens seine Familie, seine Freunde, seine Bekannten, sein vertrautes Dorf, seine Stadt? Und wer geht schon gern in ein Land, dessen Sprache er nicht spricht, dessen Kultur er nicht kennt und von dem er wei&szlig;, dass es ihn nicht haben will? All denen, die &uuml;ber Neuank&ouml;mmlinge die Nase r&uuml;mpfen und &bdquo;den ganzen Haufen&ldquo; postwendend zur&uuml;ckschicken wollen, sei angeraten, sich in einer ruhigen Stunde zu &uuml;berlegen, was sich in unserem Land ver&auml;ndern m&uuml;sste, damit sie sich selbst zu einer hochriskanten Reise ins Ungewisse entschlie&szlig;en.<\/p><p>Es zeugt von wenig Nachdenklichkeit, all die Menschen, die in Erstaufnahmeeinrichtungen, in Kasernen, in Turnhallen und desolaten Wohnh&auml;usern untergebracht sind, als Wirtschaftsfl&uuml;chtlinge und Asylbetr&uuml;ger zu beschimpfen. Ihr Ziel ist im Regelfall nicht die viel beschworene &bdquo;soziale H&auml;ngematte&ldquo;, sondern das nackte &Uuml;berleben. Ich habe in meiner langen T&auml;tigkeit als Asylrichter die Schicksale vieler Asylbewerber kennengelernt. Die weitaus meisten wurden nicht als asylberechtigt anerkannt, weil sie nicht &bdquo;politisch&ldquo; verfolgt waren. Entscheidend ist jedoch, dass nach meiner sicheren Erinnerung nahezu alle Asylbewerber einen &uuml;beraus triftigen Grund f&uuml;r das Verlassen ihrer Heimat hatten. Das sollte all jenen zu denken geben, denen das Wort vom Asylbetr&uuml;ger so leicht &uuml;ber die Lippen geht. Warum nennt man eigentlich die Asylsuchenden Betr&uuml;ger? Kein Bauwerber, dessen Bauantrag abgelehnt wird, ist in unserem Sprachgebrauch ein Baubetr&uuml;ger. Ebenso wenig ist ein Unternehmer, dessen Subventionsantrag abgelehnt wird, ein Subventionsbetr&uuml;ger. Nur die erfolglosen Asylantragsteller sollen Betr&uuml;ger sein? Das ist hetzerisch. Also belassen wir es beim &bdquo;Asylanten&ldquo;? Doch aufgepasst: Selbst das an sich wertfreie Wort &bdquo;Asylant&ldquo; hat durch die Art und Weise, wie es von Stimmungsmachern in den letzten Jahren benutzt worden ist, eine Abwertung erfahren. Es erinnert im heutigen Sprachgebrauch an Simulant, Querulant, Demonstrant und Intrigant. Der Asylant ist somit auch sprachlich unversehens zu etwas Negativem geworden. Besinnung tut Not &ndash; und die beginnt mit der Sprache.<\/p><p>Es ist an der Zeit, ein realistisches Bild von der gegenw&auml;rtigen Lage zu gewinnen, ohne aber gleich in Hysterie zu verfallen. Wir m&uuml;ssen begreifen, dass wir am Beginn einer Entwicklung stehen, die das Potential zu einem Jahrhundertproblem hat, vergleichbar mit Klimawandel, Umweltzerst&ouml;rung und Weltbev&ouml;lkerungsexplosion. Untr&uuml;gliches Indiz f&uuml;r die Gr&ouml;&szlig;e eines Problems ist, dass es die Politik nur mit spitzen Fingern anfasst. Es besteht eine gro&szlig;e Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen. Man spricht von massenhaftem Asylmissbrauch statt vom Beginn einer V&ouml;lkerwanderung. Die Politik begn&uuml;gt sich im Wesentlichen mit der Organisation von Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nften. An den Kern des &Uuml;bels will sie nicht ran, weil andernfalls zentrale Inhalte der Politik ver&auml;ndert werden m&uuml;ssten.<\/p><p>Die Verantwortungstr&auml;ger befassen sich lieber mit Zweit- und Drittrangigem, weil da schneller Erfolge zu erzielen sind. Das Missverh&auml;ltnis wird deutlich, wenn man sich vergew&auml;rtigt, welch unerh&ouml;rte Kraftanstrengungen f&uuml;r das vergleichsweise kleine Griechenland-Problem gemacht wurden. Das f&uuml;r unsere Zukunft viel wichtigere Fl&uuml;chtlingsproblem wurde nie seiner Bedeutung entsprechend behandelt. Die Diskussionen blieben an der Oberfl&auml;che: Unterbringung, Taschengeld, Grenzschlie&szlig;ung, Abschiebung. Wenn man dieses Problem in seiner ganzen Tragweite anpacken will, sind Weitsicht, Mut, Ehrlichkeit und Entschlusskraft vonn&ouml;ten. Befund: Fehlanzeige!<br>\nV&ouml;lkerwanderungen gibt es seit Beginn der Menschheitsgeschichte. Die gegenw&auml;rtige Form der Migration hat jedoch Besonderheiten. Erstens gab es noch nie gleichzeitig so viel Bedrohliches f&uuml;r so viele Menschen. Zweitens hatten die Bedrohten noch nie so viel Kenntnis &uuml;ber die ungerechte Verteilung der G&uuml;ter auf dieser Erde: bittere Armut auf der einen und &uuml;berbordenden Reichtum auf der anderen Seite. Und drittens war es noch nie so einfach, von einem Erdteil in einen anderen zu gelangen. Kommt all das zusammen, dann sind Massenwanderungen die logische Folge.<\/p><p>So einfach diese Analyse ist, so schwierig ist die Therapie. Klar ist nur, dass es strategisch ohne Wert ist, sich an den unerfreulichen Symptomen der Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me abzuarbeiten, ohne gleichzeitig den Versuch einer Ursachenbeseitigung zu unternehmen. Bei der Suche nach den Fluchtursachen f&auml;llt sofort auf, dass die mit Abstand meisten Fl&uuml;chtlinge aus L&auml;ndern kommen, die in den letzten 20 Jahren Schaupl&auml;tze von Kriegen waren: das ehemalige Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien, &Auml;thiopien, Somalia. Nach einer Statistik des Bundesamts f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge (BAMF) waren 2014 die genannten Staaten und ihre Zerfallsprodukte die 10 wichtigsten Herkunftsl&auml;nder f&uuml;r Asylbewerber in Deutschland. Kennzeichnend f&uuml;r fast alle Kriege in den genannten Staaten sind v&ouml;lkerrechtswidrige Milit&auml;rinterventionen, zumeist der USA und ihrer B&uuml;ndnispartner. Das legt die Annahme nahe, dass diese Kriege haupturs&auml;chlich f&uuml;r die gro&szlig;en Fluchtbewegungen der Gegenwart sind. Diese Kriege bedeuteten Tod, Verarmung, Anarchie, Zerfall von Gesellschaften, religi&ouml;s motivierte Massaker und Massenflucht. Nie gelang es, stabile Demokratien einzuf&uuml;hren oder gar Menschenrechte zu sichern. Wer also Massenflucht eingrenzen will, muss in einem ersten Schritt milit&auml;rische Abenteuer unterbinden und Milit&auml;rb&uuml;ndnisse wie die Nato auf reine Verteidigungsaufgaben zur&uuml;ckf&uuml;hren. Das Gesagte gilt auch f&uuml;r schwelende Konfliktherde wie etwa Iran oder Ukraine. Wenn auch von dort Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me einsetzen w&uuml;rden, w&auml;re das allein schon wegen des Bev&ouml;lkerungsreichtums dieser L&auml;nder eine Katastrophe unvorstellbaren Ausma&szlig;es.<\/p><p>Leidtragende der Interventionskriege sind neben den gepeinigten und entwurzelten Menschen, den Fl&uuml;chtlingen, insbesondere die L&auml;nder in der Peripherie der Fluchtstaaten. Das sind vor allem die ohnehin problembehafteten Staaten des Nahen Ostens und des s&uuml;dlichen Europas. Die USA, gut gesichert durch zwei Ozeane, bleiben von den Fluchtauswirkungen verschont. Ausbaden m&uuml;ssen ihre Kriege andere, auch die B&uuml;ndnispartner. Der deutsche Beitrag muss deshalb prim&auml;r darin bestehen, jede politische und milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Interventionskriege rigoros abzulehnen und eigene Waffenlieferungen in Krisenregionen einzustellen. Verst&ouml;&szlig;e hiergegen bezahlen wir unweigerlich mit neuen Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;men.<\/p><p>Au&szlig;erdem werden wir uns mit dem Gedanken anfreunden m&uuml;ssen, den notleidenden Staaten echte Solidarit&auml;t anzubieten. Wohlklingende Rhetorik und Almosen werden auf Dauer nicht ausreichen. Auch Entwicklungshilfe in der Form von Absatzm&auml;rkten f&uuml;r unsere Industrieprodukte ist keine wirkliche Hilfe f&uuml;r die Menschen, die am Rande des Existenzminimums vegetieren. Wir m&uuml;ssen uns daran erinnern, dass unser heutiger Wohlstand nicht zuletzt auf Kosten der Herkunftsstaaten der uns &uuml;berrollenden Fl&uuml;chtlingswellen begr&uuml;ndet worden ist. Wir m&uuml;ssen lernen zu teilen. Das ist zwar nicht einfach, aber notwendig. Wenn wir es aufgrund eigener Einsicht nicht schaffen, dann werden sich die Benachteiligten dieser Erde ihren Anteil irgendwann holen. Denn im Vergleich zu fr&uuml;her wissen heute auch die &Auml;rmsten viel &uuml;ber uns und unsere Lebensumst&auml;nde. Die informierte Weltgemeinschaft wird Ungleichgewichte nicht auf Dauer hinnehmen. Die Alternative ist im Grunde sehr einfach: Entweder wir geben den Armen so viel von unserem Wohlstand ab, dass sie glauben, es lohnt sich, in der Heimat zu bleiben oder, wenn wir dazu nicht f&auml;hig sind, dann werden sie sich ihren Anteil bei uns abholen. Diesen Vorgang bezeichnet man verniedlichend als V&ouml;lkerwanderung.<\/p><p>Doch selbst das w&auml;re nicht zwingend der Untergang des Abendlandes. Denn auch wir Deutsche sind bekanntlich das Produkt historischer V&ouml;lkerwanderungen. Unserer Herkunft nach sind wir zumindest ein Mischvolk aus germanischen, keltischen und slawischen Bestandteilen. Diese Einfl&uuml;sse haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind.<\/p><p>Wir Deutsche haben keinen Grund zur Kleinmut. Wir haben es geschafft, nach dem Zweiten Weltkrieg 12 Millionen Vertriebene und Fl&uuml;chtlinge einzugliedern und sie zum Teil unseres wirtschaftlichen Aufstiegs zu machen. Die Voraussetzungen waren damals denkbar schlecht: zerbombte St&auml;dte und Fabriken, zerst&ouml;rte Infrastruktur, ein aufgeteiltes Land, Millionen Witwen und Waisen, eine demoralisierte und fremdbeherrschte Gesellschaft. Die Deutschen hielten jedoch solidarisch zusammen.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen uns deshalb heute in Erinnerung an diese grandiose Gemeinschaftsleistung nicht &auml;ngstigen vor ein paar Hunderttausend Fl&uuml;chtlingen, auch dann nicht, wenn deren Zahl noch weiter steigt. Wir m&uuml;ssen uns nur bem&uuml;hen, aus der Not eine Tugend zu machen. Dazu brauchen wir Solidarit&auml;t untereinander und Solidarit&auml;t mit den Fl&uuml;chtlingen. Sie wollen in ihrer gro&szlig;en Mehrzahl nicht schmarotzen, sondern ihren Beitrag in der Gesellschaft leisten.<\/p><p>Mehr Anlass zur Besorgnis ist die fehlende Bereitschaft mehrerer EU-Staaten, einen angemessenen Anteil der in den Mittelmeerl&auml;ndern anlandenden Fl&uuml;chtlinge aufzunehmen. Die Schlie&szlig;ung von Grenzen l&ouml;st kein Problem. Au&szlig;erdem ist dieses Verhalten ein grober Versto&szlig; gegen den Solidarit&auml;tsgedanken der europ&auml;ischen Vertr&auml;ge. Wer sich so verh&auml;lt, legt die Axt an die Grundmauern der Europ&auml;ischen Union. Deutschland m&uuml;sste hier eine entschlossene F&uuml;hrungsrolle &uuml;bernehmen. Gleiches gilt f&uuml;r die unerl&auml;ssliche Neuausrichtung der Milit&auml;r-, B&uuml;ndnis- Entwicklungs- und Einwanderungspolitik. Das ist kein Selbstl&auml;ufer. Denn es betrifft h&ouml;chst anspruchsvolle Politikfelder. Doch genau dort k&ouml;nnte sich die vom Bundespr&auml;sidenten unl&auml;ngst angemahnte gr&ouml;&szlig;ere Verantwortung der deutschen Politik friedenstiftend entfalten. Vonn&ouml;ten ist ein vertieftes Nachdenken jenseits der Tages- und Parteipolitik. Das bedarf eines langen Atems. Ich vermag Derartiges noch nicht zu erkennen. Vielleicht m&uuml;ssen noch mehr Fl&uuml;chtlinge kommen, bevor Weitblick und Solidarit&auml;t eine echte Chance bekommen. Wenn uns das zu anstrengend ist, dann m&uuml;ssen wir lernen, mit der V&ouml;lkerwanderung zu leben.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Der Autor war Richter am Bayer. Verwaltungsgerichtshof<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allm&auml;hlich d&auml;mmert es auch den eifrigsten Verfechtern eines kurzen Prozesses mit &bdquo;Asylbetr&uuml;gern&ldquo; und &bdquo;Wirtschaftsfl&uuml;chtlingen&ldquo;, dass es nicht damit getan ist, Ressentiments gegen Menschen in Not zu sch&uuml;ren. Denn was wir gerade beobachten k&ouml;nnen, ist nichts weniger als der Vorabend einer neuzeitlichen V&ouml;lkerwanderung. 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