{"id":2737,"date":"2007-11-01T10:28:42","date_gmt":"2007-11-01T09:28:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2737"},"modified":"2019-07-30T12:21:52","modified_gmt":"2019-07-30T10:21:52","slug":"anmerkungen-zu-peter-merseburgers-buch-ueber-augstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2737","title":{"rendered":"Anmerkungen zu Peter Merseburgers Buch \u00fcber Augstein."},"content":{"rendered":"<p>Volker Bahl hat freundlicherweise das Buch gelesen. Hier seine Besprechung.<br>\n<!--more--><br>\nDas Buch &bdquo;Rudolf Augstein&ldquo; von Peter Merseburger ist ja gerade auch historisch so interessant &ndash; und zwar nicht nur, weil Augstein so in die j&uuml;ngste Geschichte vernarrt war (Peter Merseburger), sondern auch, weil er ja beim sich aus dem Fenster lehnen nicht m&uuml;de wurde, diese auch mit zu gestalten, und dabei immer sein Grundzug so herrlich zum Tragen kam: ein wunderbares &ldquo;Verehrungsverweigerungs-Genie&rdquo; zu sein. <\/p><p>Und gleichzeitig steht er in seiner Person auch f&uuml;r den so deutlichen Mentalit&auml;tswandel in dieser Bundesrepublik &ndash; vom heimkehrenden Soldaten mit starker nationaler bis nationalistischer Grundt&ouml;nung bis hin eben zum Augstein der &ldquo;Spiegel-Krise&rdquo; und dem Augstein zu Zeiten der 68-er. Beides brachte dem Spiegel in der Auflagenh&ouml;he auch erst so richtig den Durchbruch. So bleibt seine Person spannend f&uuml;r die Mentalit&auml;t der Deutschen &ndash; und ihren Wandel. Ich finde diesen Aspekt besonders erinnerungsw&uuml;rdig, wenn sich Deutsche heutzutage im internationalen Kontext als Moral-Apostel des &ldquo;Ewig-Demokratischen&rdquo; auff&uuml;hren &ndash; anstatt in dieser eigenen Geschichte zu &ldquo;lesen&rdquo; &ndash; und dadurch vielleicht viel besser zu verstehen &ndash; z.B. bei China und Russland u.a.<\/p><p>Aber an mehreren nicht unwesentlichen Stellen habe ich Einw&auml;nde. Und zwar vergisst Merseburger den zentralen Aspekt von 68, die Notstandsgesetze, die wieder an einen zentralen &ndash; den demokratischen! &ndash; Nerv dieser Republik &ndash; bei dieser j&uuml;ngsten Vergangenheit! &ndash; r&uuml;hrte. Ohne die Notstandsgesetze &ndash; und das &ldquo;Mitmachen&rdquo; der SPD in einer Gro&szlig;en Koalition &ndash; w&auml;re diese breite Politisierung in einer au&szlig;erparlamentarischen Opposition (APO) nicht m&ouml;glich gewesen.<\/p><p>Hier dr&auml;ngt sich der Verdacht auf, dass 68 so ein wenig an den Rand &ldquo;gedr&auml;ngt&rdquo; werden soll &ndash; neben dem Hauptstrang der Erz&auml;hlung, dass n&auml;mlich die Presse und die Medien es &ldquo;eigentlich&rdquo; waren, die die &ldquo;Bunsreplik&rdquo; weg aus der Vergangenheit in die Demokratie gef&uuml;hrt haben.<\/p><p>Und an einer zweiten fast ebenso bedeutsamen &ldquo;Weichenstellung&rdquo; der Republik, der Friedensbewegung, bringt Merseburger einen &ldquo;Schlenker&rdquo; rein, den ich wiederum so gar nicht sehen kann. Merseburger meint hier n&auml;mlich, dass Augstein bei seiner Positionierung auf Seiten der Friedensbewegung und gegen den Nato-Nachr&uuml;stungs-Beschluss auch wieder geirrt hat, denn &ldquo;letzt-endlich&rdquo; h&auml;tten doch der Kanzler Helmut Schmidt mit dem US-Pr&auml;sidenten mit dem Nachr&uuml;stungsbeschluss recht behalten. Er sieht n&auml;mlich eine Kausal-Kette zwischen dieser geplanten Nachr&uuml;stung und Gorbatschow, der den Nachr&uuml;stungskreislauf durchbrach &ndash; und den politischen Konkurs f&uuml;r das Sowjetsystem erkannte und einleitete. Leider kann ich die Logik dieser Argumentation &uuml;berhaupt nicht erkennen. Schon logischer ist, dass die Sowjetunion erkannte, dass sie wirtschaftlich (!) diesen Wettlauf nicht mitmachen konnte. Aber ich bin da noch immer klarer Verfechter der These von Erhard Eppler. Und au&szlig;erdem das Wichtigste: Die Entspannungspolitik entfaltete auch da ihre positive Wirkung: &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo; &ndash; eine (vielgescholtene) strategische Antwort von Egon Bahr und Willy Brandt und Gefolge auf die Verh&auml;rtungen des Kalten Krieges in den 50ern und den Mauerbau.<\/p><p>Dass es dann auch die Friedensbewegung in ihrer enormen St&auml;rke war, die dem Zentralkomitee in Moskau den Mut gab, Gorbatschow mit seinen Ideen ans Ruder zu lassen &ndash; und aus dem Teufelskreis der Nachr&uuml;stungen auszusteigen. Wo Hunderttausende &ndash; gerade auch in Deutschland &ndash;  demonstrierten gegen diese heraufziehende Kriegsm&ouml;glichkeit, konnte man aussteigen aus dem Nachr&uuml;stungswahnsinn &ndash; mit seinen Folgen f&uuml;r den Wohlstand der Bev&ouml;lkerung. So konnte der kalte Krieg zu Grabe getragen werden. Hier lag  wieder Augstein richtig zusammen mit Willy Brandt, w&auml;hrend Helmut Schmidt falsch lag, so jedenfalls erscheint es mir plausibler. <\/p><p>Um diese unterschiedlichen Geschichtsinterpretationen wird sicher noch weiter gerungen werden.<\/p><p>Aber wenn Merseburger beim Thema Friedensbewegung auch noch Willy Brandt gegen Helmut Schmidt eins auf die M&uuml;tze zu geben versucht, so hat er dann konsequenterweise auch &ndash; wie wohl auch schon selbst in seinem Buch &uuml;ber Willy Brandt &ndash; &uuml;berhaupt keine Einw&auml;nde gegen Augsteins Willy Brandt Bild als &ouml;konomischen Versager. Augsteins Urteil &uuml;ber Willy Brandt als &ldquo;Teilkanzler&rdquo; (gab es da nicht auch den Titel vom &ldquo;Au&szlig;enKanzler&rdquo; = Ostpolitik gut, aber Wirtschaftspolitik unf&auml;hig), der von der Wirtschaft nichts versteht&hellip; Dabei wird wohl hier die &ldquo;halbe&rdquo; Geschichte nur beschrieben &ndash; und nicht Augstein &ndash; in diesem Punkte &ndash; als wirtschaftsliberales FDP-Mitglied. Gab es da nicht wirtschaftspolitisch eine gewisse Entfremdung zwischen Willy Brandt und  &ldquo;seinem&rdquo; Wirtschaftsminister Schiller, der st&auml;rker unter den Einfluss der CDU-Leute im Wirtschaftsministerium geriet. Allen voran ein Hans Tietmeyer ( siehe Wikipedia &ldquo;Hans Tietmeyer&rdquo; ), der heute als Zugpferd f&uuml;r die &ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo; (INSM) zu seiner wahren &ndash; d.h. immer schon neoliberalen &ndash; Bestimmung gefunden hat. Augsteins Neigung zu Helmut Schmidt &ndash; weiter zusammen mit der FDP &ndash; zeigt dann auch den weiteren Weg &ndash; hin zur neoliberalen &ldquo;Erpressung&rdquo; durch das sog. Lambsdorff-Papier, das auch als &ldquo;Scheidungs-Papier&rdquo; f&uuml;r die SPD-FDP-Koalition in die Geschichte einging. Hatte die FDP die SPD doch gezwungen, die unter einem Walter Arendt geschaffenen Arbeitsmarkt-Reformen weitgehend &ldquo;abzur&auml;umen&rdquo; ( Lockerung der Zumutbarkeit u.a. ). So war dann auch unter Helmut Schmidt mit dem Lambsdorff-Papier die Schmerzgrenze erreicht &ndash; und f&uuml;hrte zu den dann folgenden 16 Jahren mit Helmut Kohl &ndash; immer mit der FDP. Genauer m&uuml;sste man diese Gechichte der Wirtschaftspolitik bei Willy Brandt auch erz&auml;hlen als den Beginn des neoliberalen Irrwegs, in dem wir heute dann mit der Agenda 2010 gestrandet sind &ndash; und Augstein als seinen fr&uuml;hen Vertreter. Aber das w&auml;re dann doch eine andere Geschichte, die einen Merseburger &uuml;berfordert h&auml;tte. Aber Fragezeichen, die er doch so deutlich woanders anbringt, w&auml;ren auch hier wichtig gewesen.<\/p><p>Soweit ein paar Anmerkungen zu diesem Buch, das Klaus Harprecht in der SZ als das &ldquo;ultimative&rdquo; Buch zu Augstein angepriesen hat. ( Klaus Harprechts Besprechung des Buches &ldquo;Rudolf Augstein&rdquo; von Peter Merseburger in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 20.September 07 &ndash; S.14 ) <\/p><p><strong>AM&rsquo;s Anmerkung aus aktuellem Anlass:<\/strong><\/p><p>Man kann zu Rudolf Augstein verschiedener Meinung sein. Aber zu seiner Ehre kann man annehmen, dass er das Desaster des heute fast t&auml;glich dokumentierten Kampagnen-Journalismus nicht zugelassen h&auml;tte. Man schaue sich nur mal die Artikel in SpiegelOnline zum angeblichen Linksruck beim SPD Parteitag und die damit verbundene Dauerpropaganda zur hohen Wirksamkeit der Agenda 2010-\/Hartz-Gesetze an. Auch der personelle Vergleich, zum Beispiel Gaus mit Aust und Steingart. Dazwischen liegen Welten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Volker Bahl hat freundlicherweise das Buch gelesen. Hier seine Besprechung. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208],"tags":[352,1713,1120,1644,397,399,420],"class_list":["post-2737","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-68er","tag-augstein-rudolf","tag-friedensbewegung","tag-gorbatschow-michail","tag-ostpolitik","tag-schmidt-helmut","tag-spiegel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2737","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2737"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2737\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53812,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2737\/revisions\/53812"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2737"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2737"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}