{"id":27371,"date":"2015-08-31T09:56:20","date_gmt":"2015-08-31T07:56:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27371"},"modified":"2019-02-15T12:22:08","modified_gmt":"2019-02-15T11:22:08","slug":"wiederholt-sich-die-geschichte-rassistischer-ausgrenzung-und-gewalt-von-hoyerswerda-und-rostock-lichtenhagen-fuehrt-eine-linie-nach-heidenau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27371","title":{"rendered":"Wiederholt sich die Geschichte rassistischer Ausgrenzung und Gewalt? Von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen f\u00fchrt eine Linie nach Heidenau"},"content":{"rendered":"<p>Die j&uuml;ngsten, teilweise von der NPD angemeldeten Demonstrationen und Gewaltaktionen organisierter Neonazis vor den Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nften in Berlin-Hellersdorf und Heidenau bei Dresden erinnerten stark an die pogromartigen &Uuml;bergriffe im ebenfalls s&auml;chsischen Hoyerswerda (September 1991) und in Rostock-Lichtenhagen (August 1992). Dort griffen rassistisch motivierte Jugendliche und teils zugereiste Rechtsextremisten die Anlaufstellen f&uuml;r Asylbewerber und die Unterk&uuml;nfte vietnamesischer Vertragsarbeiter unter dem Beifall vieler Anwohner mit Molotowcocktails an. Bei den tagelangen Ausschreitungen wurde zwar wie durch ein Wunder niemand get&ouml;tet, aber Todesangst unter Migranten und Medienvertretern erzeugt, die in einem brennenden Wohnheim eingeschlossen wurden, als sie dar&uuml;ber berichten wollten, und nur mit viel Gl&uuml;ck den Flammen entkamen. Von <strong>Christoph Butterwegge<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Hintergr&uuml;nde, Zusammenh&auml;nge und Folgen<\/strong><\/p><p>Den geistigen Hintergrund f&uuml;r das brutale Vorgehen der Neonazis gegen Flucht- bzw. Arbeitsmigranten in Hoyerswerda und Lichtenhagen sowie dessen schockierend breite Akzeptanz unter den Anwohnern bildete eine Debatte, die sich um den angeblich massenhaften Missbrauch der Sozialhilfe durch &bdquo;Wirtschaftsasylanten&ldquo; drehte. Presse, Politiker und etablierte Parteien &uuml;berboten sich monatelang in der Hetze gegen Fl&uuml;chtlinge, die sie zu &bdquo;Asylbetr&uuml;gern&ldquo; und &bdquo;Sozialschmarotzern&ldquo; stempelten. Nur so ist erkl&auml;rbar, dass biedere Kleinb&uuml;rger, Mittelschichtangeh&ouml;rige und brave Familienv&auml;ter dem brandschatzenden Mob vor laufenden Fernsehkameras applaudierten.<\/p><p>Ein paar Wochen nach dem mehrt&auml;gigen Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, das &uuml;berall auf der Welt pures Entsetzen ausl&ouml;ste, schlossen CDU\/CSU, FDP und SPD auf Bundesebene den sog. Asylkompromiss. Gemeinsam schr&auml;nkten sie das Grundrecht auf Asyl in der Hoffnung drastisch ein, die Fl&uuml;chtlinge w&uuml;rden fortan einen Bogen um die Bundesrepublik machen &ndash; eine Illusion, wie man heute wei&szlig; und damals schon h&auml;tte erkennen k&ouml;nnen. Bis das Bundesverfassungsgericht der Aushungerungs- und Abschreckungspraxis gegen&uuml;ber Fl&uuml;chtlingen im Juli 2012 einen Riegel vorschob, erhielten politisch Verfolgte nach dem &bdquo;Asylbewerberleistungsgesetz&ldquo; blo&szlig; noch das Lebensnotwendigste. Dies werteten die Neonazis damals ebenso als bleibenden Erfolg ihrer aggressiven Strategie und ihrer radikalen Methoden wie den Umstand, dass die Stadt an der Ostsee durch die Evakuierung der angegriffenen Migranten &bdquo;ausl&auml;nderfrei&ldquo; geworden war. <\/p><p>Durch die Rostocker Ausschreitungen gewann der rechte Terror &ndash; mehr noch als durch die Brandanschl&auml;ge in Hoyerswerda knapp ein Jahr vorher &ndash; eine neue Dimension: Bis in die organisierte Neonazi-Szene hinein war eine Mobilisierung &uuml;ber L&auml;ndergrenzen hinweg gelungen. Wirkungsvoller als jedes andere zeitgeschichtliche Ereignis haben die Geschehnisse in Hoyerswerda und Lichtenhagen den Boden f&uuml;r die Mordserie des &bdquo;Nationalsozialistischen Untergrundes&ldquo; (NSU) bereitet. Ohne das dortige Pogrom h&auml;tte es die Radikalisierung der ostdeutschen Szene und die Hinwendung von Kadern des Th&uuml;ringer Heimatschutzes zum Rechtsterrorismus vermutlich nie gegeben.<\/p><p><strong>Peinliche Parallelen<\/strong><\/p><p>Schon im Vorfeld des Lichtenhagener Pogroms war das Verhalten vieler politisch Verantwortlicher derma&szlig;en skandal&ouml;s gewesen, dass Kritiker von Komplizenschaft sprachen. Polizeif&uuml;hrung und Mitglieder der Landesregierung suchten die Ereignisse herunterzuspielen. Auch wurde die juristische Ahndung von Straftaten verschleppt. So dauerte es fast zehn Jahre, bis vor dem Landgericht Schwerin das letzte Hauptverfahren wegen versuchten Mordes, schwerer gemeinschaftlicher Brandstiftung und Landfriedensbruchs er&ouml;ffnet wurde.<\/p><p>Heute decken die verantwortlichen Politiker, die demokratischen Parteien und die Polizei zwar keine rechten Gewaltt&auml;ter mehr, die Strafverfolgungsbeh&ouml;rden &uuml;berschlagen sich allerdings nicht gerade in dem Bem&uuml;hen, vor den Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nften begangene Delikte schnell aufzukl&auml;ren und streng zu ahnden. Nur zwei Personen wurden in Heidenau vorl&auml;ufig festgenommen, aber nach kurzer Zeit wieder auf freien Fu&szlig; gesetzt. Ob die beteiligten Neonazis angezeigt werden, pr&uuml;ft die zust&auml;ndige Staatsanwaltschaft in den n&auml;chsten Wochen.<\/p><p>Nach den Brandanschl&auml;gen auf von Migrant(inn)en t&uuml;rkischer Herkunft bewohnte H&auml;user in M&ouml;lln und Solingen 1992\/93 weigerte sich Bundeskanzler Helmut Kohl mit der Begr&uuml;ndung, f&uuml;r &bdquo;Beileidstourismus&ldquo; stehe er nicht zur Verf&uuml;gung, an den Begr&auml;bnissen der Todesopfer teilzunehmen. Angela Merkel hat sich trotz entsprechender Aufforderungen des Koalitionspartners und der Opposition lange geziert, eine Fl&uuml;chtlingsunterkunft zu besuchen, ist aber k&uuml;rzlich doch nach Heidenau gefahren und hat dort mit den Betroffenen gesprochen. Dass der Bundeskanzlerin ein tieferes Verst&auml;ndnis f&uuml;r deren Situation gleichwohl fehlt, zeigte ihr Verhalten ausgerechnet beim B&uuml;rgerdialog &bdquo;Gut leben in Deutschland&ldquo; an einer Rostocker Schule, wo Merkel der jungen Pal&auml;stinenserin Reem Sahwil, die aus dem Libanon kommt und seit vier Jahren hier lebt, wenige Wochen vorher zu erkl&auml;ren gesucht hatte, dass nicht alle Fl&uuml;chtlinge bleiben k&ouml;nnten. Als die 14-j&auml;hrige Sch&uuml;lerin daraufhin zu weinen begann, ging die Bundeskanzlerin auf sie zu, strich ihr liebevoll &uuml;bers Haar und sagte &bdquo;Das hast du doch prima gemacht&ldquo;, als ob Aufregung und nicht die Angst vor Abschiebung der Grund f&uuml;r den Gef&uuml;hlsausbruch des M&auml;dchens gewesen sei.<\/p><p>Deutliche Parallelen zwischen Hoyerswerda und Lichtenhagen einerseits sowie Hellersdorf und Heidenau andererseits gibt es insofern, als Mitglieder der politischen Klasse die Entwicklung im rechten Spektrum bis heute verharmlosen und entpolitisieren, wenn sie NPD-Anh&auml;nger als &bdquo;Spinner&ldquo; (Bundespr&auml;sident Joachim Gauck) und rassistische Gewaltt&auml;ter als &bdquo;Pack&ldquo; (Vizekanzler und SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel) oder &bdquo;alkoholisierte Schreih&auml;lse&ldquo; (Regierungssprecher Steffen Seibert) bezeichnen. Nein, es handelt sich um organisierte Neonazis und rechtsextreme Parteiaktivisten, die &uuml;berlegt handeln, konsequent ihre politische Ziele verfolgen und in diesem Rahmen auch eine geschickte Strategie verfolgen: Sie instrumentalisieren durch zahllose Krisen, Kriege und Katastrophen fast &uuml;berall auf der Welt ausgel&ouml;ste Fl&uuml;chtlingsdramen, suchen gr&ouml;&szlig;ere Teile der einheimischen Bev&ouml;lkerung mittels Horrorszenarien massenhafter Zuwanderung und ethnischer bzw. religi&ouml;ser &Uuml;berfremdung in Panik zu versetzen, unterminieren die Demokratie durch Denunziation ihrer gew&auml;hlten Vertreter als &bdquo;Volksverr&auml;ter&ldquo; wollen nach Art einer &bdquo;Propaganda der Tat&ldquo; die mentale Basis f&uuml;r eine Neuauflage des totalit&auml;ren F&uuml;hrerstaates schaffen.<\/p><p>Obwohl es mittlerweile erheblich mehr Fl&uuml;chtlingsinitiativen als vor einem Vierteljahrhundert und mancherorts sogar eine ausgepr&auml;gte Willkommenskultur gegen&uuml;ber politisch Verfolgten gibt, die sich nach Deutschland durchgeschlagen haben, wittern Rechtsextremisten erneut Morgenluft und begleiten noch immer rassistische Hasstiraden das Geschehen &ndash; heute sogar massenhaft &uuml;ber das Internet verbreitet. Facebook beruft sich ebenso wie Rechtsextremisten und Rassisten auf demokratische Grundrechte, wenn gegen Fl&uuml;chtlinge gehetzt wird. Meinungsfreiheit bedeutet aber mitnichten, menschenverachtende &Auml;u&szlig;erungen unter die Leute bringen zu d&uuml;rfen, sowenig die Gewerbefreiheit die M&ouml;glichkeit er&ouml;ffnet, unbehelligt mit Kindern und Kokain zu handeln. Ganz im Gegenteil: Wer die Gewerbefreiheit bewahren will, muss daf&uuml;r sorgen, dass alles unterbleibt, was sie in ein falsches Licht r&uuml;cken w&uuml;rde!<\/p><p>Dass trotz sich zuletzt h&auml;ufender Brandanschl&auml;ge auf Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nfte im Land der T&auml;ter keine rechte Pogromstimmung aufkommen will, verdankt sich dem Meinungsumschwung in fast allen Leitmedien: So wirbt der <em>Spiegel<\/em>, damals mit seinen <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=spiegel++das+boot+ist+voll&amp;tbm=isch&amp;tbo=u&amp;source=univ&amp;sa=X&amp;ved=0CB4QsARqFQoTCMm4msPH0ccCFcaSLAodypIIug&amp;biw=1920&amp;bih=913\">geschickt montierten Titelbildern und demagogischen Botschaften<\/a> neben dem Boulevard publizistischer Scharfmacher Nr. 1, schon seit Wochen um Verst&auml;ndnis f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge und widmete ihnen ein Heft (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/index-2015-31.html\">Nr. 31 v. 25.7.2015<\/a>). Beklagte mit <em>Bild<\/em> seinerzeit das auflagenst&auml;rkste Blatt des Landes eine &bdquo;Asylantenschwemme&ldquo; und forderte von den Politikern rasche Abhilfe durch Abschaffung des Grundgesetz-Artikels 16 und Abschottung der Bundesrepublik, verbreitet die Zeitung mit den grellsten Schlagzeilen diesmal (fast) keine Vorurteile, sondern &bdquo;entlarvt die sieben gr&ouml;&szlig;ten L&uuml;gen &uuml;ber Asylbewerber&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/fluechtling\/bild-entlarvt-7-vorurteile-ueber-fluechtlinge-42340012.bild.html\">Bild v. 27.8.2015<\/a>). Wenngleich in standortnationalistischer Manier mit dem die Kosten &uuml;bersteigenden Nutzen der Fl&uuml;chtlinge f&uuml;r den hiesigen Wirtschaftsstandort argumentiert wird und man diese als demografische L&uuml;ckenb&uuml;&szlig;er eines schrumpfenden deutschen Volkes und als L&ouml;sung f&uuml;r das vermeintliche Problem des Fachkr&auml;ftemangels &bdquo;unserer&ldquo; Wirtschaft empfiehlt, &uuml;berrascht das migrationsfreundliche Fazit: &bdquo;Wir k&ouml;nnen uns diese Art der Zuwanderung nicht nur finanziell leisten, wir brauchen sie sogar!&ldquo;<\/p><p><strong>Wider die Wohlstandsfestung<\/strong><\/p><p>R&uuml;stet man (West-)Europa, wie das die Regierenden seit Jahrzehnten tun, zur Wohlstandsfestung auf, m&uuml;ssen Fl&uuml;chtlinge verst&auml;rkt Schleuserdienste in Anspruch nehmen, um dorthin gelangen zu k&ouml;nnen. Sich anschlie&szlig;end &uuml;ber die Gesch&auml;ftemacherei von Schleppern zu emp&ouml;ren, diese statt der Fluchtursachen zu bek&auml;mpfen und Krokodilstr&auml;nen &uuml;ber die im Mittelmeer ertrunkenen oder auf den Ladefl&auml;chen von Lastwagen erstickten Opfer der eigenen Fl&uuml;chtlingsabwehr zu vergie&szlig;en, ist mehr als heuchlerisch. &Uuml;brigens h&auml;tte Willy Brandt als linkssozialistischer Widerstandsk&auml;mpfer im Fr&uuml;hjahr 1933 den Nazis ohne die Hilfe von Schleppern nicht auf einem Fischerboot &uuml;ber die Ostsee entkommen, &uuml;ber D&auml;nemark nach Norwegen in Sicherheit gelangen und sp&auml;ter Bundeskanzler werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Der wachsende Andrang von Fl&uuml;chtlingen ist nicht die Ursache, sondern nur ein Ausl&ouml;ser rechtsextremer &Uuml;bergriffe. Unter der Eile leidet gew&ouml;hnlich die Sorgfalt: Durch eine weitere Beschleunigung der Asylverfahren, wie Bund und L&auml;nder sie anstreben, kann man sich der Fl&uuml;chtlinge vielleicht schneller entledigen, das Problem l&auml;sst sich auf diesem Weg jedoch genauso wenig l&ouml;sen wie mit der ebenfalls wohlfeilen Forderung, in die EU gelangte Fl&uuml;chtlinge &bdquo;gerechter&ldquo; auf die Mitgliedstaaten zu verteilen, also L&auml;nder zur Aufnahme von mehr politisch Verfolgten zu zwingen, die sie eher noch schlechter behandeln. Nur zur Erinnerung und zur Auffrischung des kollektiven Ged&auml;chtnisses sei es noch einmal ausdr&uuml;cklich festgestellt: Das sog. Dritte bzw. Gro&szlig;deutsche Reich war der Staat, welcher durch seine rassistisch motivierten Eroberungs- und Ausrottungsfeldz&uuml;ge im Zweiten Weltkrieg die gr&ouml;&szlig;ten Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me des Jahrhunderts erzeugt hat. Das oberste Ziel jeglicher Politik der Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin dieses Staates m&uuml;sste es schon deshalb sein, dass sich Hoyerswerda, Lichtenhagen, Hellersdorf und Heidenau nie mehr wiederholen &ndash; auch nicht au&szlig;erhalb Deutschlands!<\/p><p>Wenn man sieht, wie nicht blo&szlig; rechtspopulistische Organisationen und Parteien &agrave; la AfD und Pegida, sondern auch konservative Biederm&auml;nner &ndash; allen voran der bayerische Ministerpr&auml;sident Horst Seehofer mit der NPD-Parole &bdquo;Wir sind nicht das Sozialamt f&uuml;r die ganze Welt&ldquo; und der zust&auml;ndige Bundesminister Thomas de Maizi&egrave;re mit seinem Plan, Fl&uuml;chtlingen statt des &bdquo;Taschengeldes&ldquo; mehr Sachleistungen zu gew&auml;hren &ndash; erneut den geistigen N&auml;hrboden f&uuml;r die rechtsextremen Brandstifter geschaffen haben, bleiben jedoch ernhafte Zweifel, ob die M&auml;nner an den Schalthebeln der politischen Macht ihrer historischen Verantwortung und ihren humanit&auml;ren Verpflichtungen gerecht zu werden verm&ouml;gen.<\/p><p>Migration ist ein Menschenrecht, das wahrzunehmen im Zeitalter der Globalisierung <a href=\"https:\/\/www.proasyl.de\/fileadmin\/proasyl\/Broschuere-lang-web.pdf\">als Normalit&auml;t anerkannt werden muss [PDF &ndash; 655 KB]<\/a>. Einwanderungsland zu sein bedeutet im Falle der Bundesrepublik auch, finanzielle Ressourcen von Einheimischen zu Migrant(inn)en umleiten zu m&uuml;ssen, was aber keineswegs harte Opfer &bdquo;deutscher Familien&ldquo; erfordert, wie uns rechte Demagogen glauben machen wollen. Geld ist n&auml;mlich genug da, es ist nur ungerecht verteilt und befindet sich h&auml;ufig in den falschen Taschen.<\/p><p>Umverteilung von oben nach unten hei&szlig;t die Aufgabe der Stunde. Auch die &ouml;ffentliche Armut, unter der die Handlungsf&auml;higkeit des Staates im Bereich von Migration und Integration merklich leidet, k&ouml;nnte durch eine h&ouml;here Steuerbelastung der Wohlhabenden und Reichen beseitigt werden. Diese wurden seit der Vereinigung in unverantwortlicher Weise beg&uuml;nstigt &ndash; genannt seien nur die Aussetzung der Verm&ouml;gensteuer, die Abschaffung der Gewerbekapitalsteuer, mehrere Senkungen des Einkommensteuer-Spitzensteuersatzes und der K&ouml;rperschaftsteuer (f&uuml;r Kapitalgesellschaften), die Einf&uuml;hrung der Abgeltungssteuer (auf Kapitalertr&auml;ge) sowie die Privilegierung der Unternehmerfamilien bei Erbschaft- und Schenkungssteuer.<\/p><p><strong>Was zu tun bleibt<\/strong><\/p><p>Rassistischen Ressentiments und rechten Parolen wie &bdquo;Deutschland den Deutschen!&ldquo; oder &bdquo;Ausl&auml;nder raus!&ldquo; nachzugeben, w&auml;re ein fatales Signal. Die aggressivsten Neonazis w&uuml;rden best&auml;rkt, Nachahmungst&auml;ter auf den Plan gerufen. Ordnungskr&auml;fte, Polizei und Geheimdienste d&uuml;rfen nicht wegschauen, wenn sich irgendwo Rechtsextremisten zusammenrotten, sondern m&uuml;ssen eingreifen, bevor die W&uuml;rde anderer Menschen angetastet oder ihnen gar Gewalt angetan wird.<\/p><p>Zwar geht es auch um kriminelle Handlungen, die der Rechtsstaat &bdquo;mit aller H&auml;rte des Gesetzes&ldquo; verfolgen und ahnden muss, wie Politiker aller demokratischen Parteien derzeit lauthals verk&uuml;nden, ganz so, als sei dies in einem zivilisierten Gemeinwesen nicht selbstverst&auml;ndlich. Notwendig w&auml;re dar&uuml;ber hinaus die gesellschaftliche &Auml;chtung eines Denkens, das die rechten Gewaltt&auml;ter bisher in der Vorstellung best&auml;rkt, sie handelten im Sinne des Volkes; die Schaffung eines politischen Klimas, das rassistische Ausgrenzung und deutschnationalen D&uuml;nkel aus der &Ouml;ffentlichkeit verbannt &ndash; beispielsweise aus unseren Sportnachrichten, die noch jede Bronzemedaille eines Deutschen tagelang bejubeln, w&auml;hrend der Sieger keines Wortes gew&uuml;rdigt wird, wenn er anderer Nationalit&auml;t ist; schlie&szlig;lich die F&ouml;rderung einer neuen Kultur der Solidarit&auml;t mit allen sozial Benachteiligten und von Angeh&ouml;rigen der Mehrheitsgesellschaft diskriminierten Minderheiten.<\/p><p>Was ist das blo&szlig; f&uuml;r ein Land, in dem Synagogen seit Jahrzehnten unter Polizeischutz stehen und Moscheen ebenso wie Fl&uuml;chtlingswohnheimen dasselbe Schicksal droht? &bdquo;Dunkeldeutschland&ldquo; hat es Bundespr&auml;sident Gauck genannt und damit eine Bezeichnung aufgegriffen, die Antifaschisten in den fr&uuml;hen 1990er-Jahren verwendet hatten, um das W&uuml;ten des rechten Mobs zu kennzeichnen. Um eine Wiederholung der abscheulichen Vorf&auml;lle zu verhindern, m&uuml;sste sich das Alltagsbewusstsein grundlegend &auml;ndern. Das l&auml;ngerfristige Ziel muss eine inklusive Gesellschaft sein, die alle Wohnb&uuml;rger\/innen umfasst und niemanden ausgrenzt, der hier lebt oder Zuflucht sucht.<\/p><p><em><strong>Prof. Dr. Christoph Butterwegge<\/strong> lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln und ist Mitglied der dortigen Forschungsstelle f&uuml;r interkulturelle Studien (FiSt). Er hat zahlreiche B&uuml;cher zu diesem Themenbereich ver&ouml;ffentlicht, z.B. &bdquo;Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung&ldquo;, &bdquo;Massenmedien, Migration und Integration&ldquo; sowie &bdquo;Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut&ldquo;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die j&uuml;ngsten, teilweise von der NPD angemeldeten Demonstrationen und Gewaltaktionen organisierter Neonazis vor den Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nften in Berlin-Hellersdorf und Heidenau bei Dresden erinnerten stark an die pogromartigen &Uuml;bergriffe im ebenfalls s&auml;chsischen Hoyerswerda (September 1991) und in Rostock-Lichtenhagen (August 1992). 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