{"id":2739,"date":"2007-11-02T10:29:29","date_gmt":"2007-11-02T09:29:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2739"},"modified":"2015-12-13T10:29:25","modified_gmt":"2015-12-13T09:29:25","slug":"der-hoehenflug-des-euros-gilt-als-weitgehend-unschaedlich-aber-die-sog-lohnnebenkosten-schaden-der-internationalen-wettbewerbsfaehigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2739","title":{"rendered":"Der H\u00f6henflug des Euros gilt als weitgehend unsch\u00e4dlich, aber die sog. Lohnnebenkosten schaden der internationalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit"},"content":{"rendered":"<p>Der Kurs des Euro hat ein neues Rekordhoch erreicht. In der Spitze sprang die Gemeinschaftsw&auml;hrung bis auf 1,45 US-Dollar und damit auf den h&ouml;chsten Stand seit der Einf&uuml;hrung des Euro, so die letzten Meldungen. Die Belastungen dieses H&ouml;henflugs des Euro f&uuml;r die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit spielen seltsamerweise in der &ouml;ffentlichen Debatte kaum eine Rolle, daf&uuml;r wird etwa im <a href=\"?p=2704\">Gemeinschaftsgutachten der Konjunkturforschungsinstitute<\/a> um so mehr &uuml;ber die Belastungen durch L&ouml;hne und sog. Lohnebenkosten geklagt und deren weitere Senkung gefordert. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nAm Tag der Einf&uuml;hrung des Euro am 1. Januar 2002 musste ein Amerikaner,  wenn er seine Dollars in Euro einwechselte, f&uuml;r einen Euro weniger als einen Dollar, n&auml;mlich nur 89 US-Cents bezahlen. Am 30. Oktober 2007 musste ein Amerikaner f&uuml;r einen Euro &uuml;ber sechzig Prozent mehr, n&auml;mlich einen Dollar und 44 US-Cents <a href=\"http:\/\/www.waehrungskurs.de\/content\/kurse\/index.php\">(1,44 US-Dollar) bezahlen.<\/a><\/p><p>Um zu zeigen, was das bedeutet, bilden wir einmal ein konkretes Beispiel: Nehmen wir an, ein Porsche kostete 2002 ab Werk 100.000 Euro. H&auml;tte unser Amerikaner seinen Porsche in Zuffenhausen abgeholt und in Dollar bezahlt so h&auml;tte er damals 89.000 US-Dollar hinbl&auml;ttern m&uuml;ssen. Unterstellen wir weiter, der gleiche Porsche w&uuml;rde 2007 immer noch 100.000 Euro kosten, dann m&uuml;sste unser Porsche-Fan aus den USA heute 144.000 Dollar auf den Tisch legen. Der Porsche w&auml;re f&uuml;r unseren Amerikaner innerhalb von 5 Jahren &ndash; einmal die Inflationsrate und Lohnsteigerungen in den USA au&szlig;er Acht gelassen &ndash; um genau 62 Prozent teurer geworden.<br>\nMir ist klar, dass das nur eine sehr vereinfachte Rechnung ist, aber das Beispiel zeigt jedenfalls, dass die Waren aus Deutschland f&uuml;r alle K&auml;ufer aus dem sog. Dollar-Raum, dramatisch teurer geworden sind.<br>\nIch wei&szlig; nicht, wie sich der Kaufpreis in den USA f&uuml;r einen Porsche in den letzten f&uuml;nf Jahren ver&auml;ndert hat, jedenfalls m&uuml;sste der Porsche f&uuml;r den Amerikaner durch den H&ouml;henflug des Euro gegen&uuml;ber dem Dollar erheblich teurer geworden sein, dennoch ist der Absatz von Porsche allein im letzten Jahr <a href=\"http:\/\/www.epochtimes.de\/articles\/2007\/10\/02\/174686.html\">um 20 Prozent gestiegen.<\/a><\/p><p>Aber nicht nur der Absatz von Porsches in den USA ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen, sondern die gesamte Wareneineinfuhr aus Deutschland in die Vereinigten Staaten hat sich erh&ouml;ht.  (Von 69 Milliarden Dollar (2003) auf knapp 87 Milliarden Dollar (2005)oder von gut 61 Milliarden Euro (2003) auf knapp 70 Milliarden Euro (2005) <a href=\"http:\/\/www.eds-destatis.de\/de\/publ\/download\/lp_usa.pdf\">Statistisches Bundesamt, L&auml;nderprofil USA, 2006, S. 4) [PDF &ndash; 144 KB]<\/a><\/p><p>Zwar liegen die USA im Stellenwert des deutschen Au&szlig;enhandels immerhin auf Platz 2, aber man k&ouml;nnte einwenden, dass nur 40 Prozent des deutschen Au&szlig;enhandels au&szlig;erhalb des Euro- Raumes stattfindet und keineswegs nur in Dollar abgerechnet wird. Doch auch nahezu alle anderen wichtigen W&auml;hrungen haben in den letzten Jahren gegen&uuml;ber dem Euro erheblich an Wert verloren, der Schweizer Franken 43,5 Prozent, das englische Pfund 42 Prozent, der australische Doller gar 83 Prozent und der Yen immerhin 14 Prozent.<br>\nObwohl also deutsche Waren seit 2002 f&uuml;r die K&auml;ufer fast &uuml;berall au&szlig;erhalb des Euroraumes durch die Ver&auml;nderung der W&auml;hrungsparit&auml;ten erheblich teurer geworden sein m&uuml;ssten, hatte Deutschland im Jahr 2006 zum vierten Mal in Folge weltweit <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Publikationen\/Querschnittsveroeffentlichungen\/WirtschaftStatistik\/Aussenhandel\/KonjunkturmotorExport,property=file.pdf\">die Spitzenposition im Export von G&uuml;tern inne [PDF &ndash; 712 KB].<\/a><br>\nAuch im laufenden Jahr wird trotz der Abschw&auml;chung der Weltkonjunktur noch mit einem deutlichen Umsatzzuwachs des &bdquo;Exportweltmeisters&ldquo; gerechnet. <\/p><p>Im Ergebnis l&auml;sst sich feststellen, dass die erhebliche Kurssteigerung des Euro den Warenexport in andere W&auml;hrungsr&auml;ume nicht wesentlich tangiert hat, der Export in solche L&auml;nder ist vielmehr st&auml;ndig gewachsen. Oder kurz: Die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Wirtschaft hat unter dem Fall des Dollars und anderer W&auml;hrungen nicht gelitten, im Gegenteil. <\/p><p>In der Exportwirtschaft und bei den Au&szlig;enhandelsexperten hat man zwar schon manchmal warnende Stimmen geh&ouml;rt, in der Politik und in den Medien ist das jedoch bestenfalls ein Randthema. Im<a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_23_2007\"> Gemeinschaftsgutachten der Konjunkturforschungsinstitute [PDF &ndash; 1,8 MB]<\/a> hei&szlig;t es z.B. auf Seite 26  lapidar,   &bdquo;die real effektive Aufwertung des Euro (belaste zwar) die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Produzenten im Euroraum. Es gibt allerdings gute Gr&uuml;nde f&uuml;r die Einsch&auml;tzung, dass die d&auml;mpfenden Effekte keinen Abschwung im Euroraum ausl&ouml;sen.&ldquo; <\/p><p>Dennoch, vergleicht man einmal die Gelassenheit, mit der auf das Rekordhoch des Euro und dessen Einfluss auf die Wettbewerbsf&auml;higkeit reagiert wird, mit dem &ouml;ffentlichen Get&ouml;se, dass etwa um die Lohnabschl&uuml;sse, vor allem aber um die Bedeutung der Senkung der sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; gemacht wird, so ist das schon bemerkenswert.<\/p><p>Nehmen wir als Beispiel die weitere Absenkung des Beitrags f&uuml;r die Arbeitslosenversicherung. <\/p><p>Daran h&auml;ngt ja, wenn man die Kanzlerin, die Wirtschaftsverb&auml;nde oder Wirtschaftsminister Glos h&ouml;rt, offenbar Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft. Weil diese Absenkung so entscheidend sein soll, wurde der Beitragssatz ja schon von 6,5 auf 4,2 Prozent gesenkt, und er soll ab 1. Januar 2008 weiter auf 3,9 Prozent abgesenkt werden. Glos will den Beitragssatz nun nicht nur &ndash; wie von der SPD schon zugestanden &ndash; auf 3,5 Prozent, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,491663,00.html\">sondern dar&uuml;ber hinaus absenken.<\/a> <\/p><p>Nach amtlichen Angaben kostet ein Prozentpunkt bei der Arbeitslosenversicherungsbeitrag rund <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub050436A85B3A4C64819D7E1B05B60928\/Doc~ED1532719146D4226B2DDAE096B2ECEE8~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">7,3 Milliarden Euro<\/a>.<br>\nNehmen wir einmal an, der Beitrag w&uuml;rde also von 4,2 auf 3,2 Prozent abgesenkt. Die H&auml;lfte dieses Betrages, also 3,65 Milliarden, w&uuml;rden jeweils den Arbeitnehmern und den Unternehmen zugute kommen. Das h&ouml;rt sich in absoluten Zahlen sehr beachtlich an.<\/p><p>Rechnen wir ruhig gro&szlig;z&uuml;gig und unterstellen, dass diese 3,65 Milliarden, die die Unternehmen nicht mehr an die Arbeitslosenversicherung abf&uuml;hren m&uuml;ssten, an der Bruttolohnsumme eingespart w&uuml;rden. (Was nicht ganz korrekt ist, weil dort nur der Arbeitnehmeranteil an den Sozialversicherungsbeitr&auml;gen enthalten ist, aber f&uuml;r unser Rechenbeispiel k&ouml;nnen wir schadlos einmal annehmen, dass er die Bruttolohnsumme tats&auml;chlich um weitere 3,65 Milliarden senken w&uuml;rde.)<\/p><p>Die Rechnung s&auml;he dann wie folgt aus:<br>\nDie gesamte Bruttolohnsumme betrug 2006 ausweislich der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) 929,4 Milliarden Euro. Davon w&auml;ren 3,65 Milliarden f&uuml;r die Senkung des Arbeitslosenversicherungsbeitrags um ein Prozent gerade mal 0,4 Prozent. <\/p><p>Vergleicht man diesen marginalen &bdquo;Gewinn&ldquo; an internationaler Wettbewerbsf&auml;higkeit mit den Belastungen aus dem H&ouml;henflug des Euros, so zeigt sich die ganze Widerspr&uuml;chlichkeit in dieser Debatte um die Senkung der Arbeitslosenversicherungsbeitrags.<\/p><p>Nehmen wir ein zweites Beispiel, das in den letzten Wochen so heftigen Streit ausgel&ouml;st hat:<br>\nDen Vorschlag von Kurt Beck, das Arbeitslosengeld I f&uuml;r &Auml;ltere um ein paar Monate zu verl&auml;ngern. Da wird von einigen Wirtschaftsexperten und den Wirtschaftslobbyisten geradezu der Untergang des Wirtschaftsstandortes Deutschland beschworen.<\/p><p>Um welche &bdquo;Belastung&ldquo; der Wirtschaft handelte es sich bei diesem Vorschlag konkret? <\/p><p>Kurt Beck rechnet zwar &bdquo;nur&ldquo; mit Mehrkosten f&uuml;r die Bundesagentur von 800 Millionen Euro &ndash;  was wahrscheinlich sein d&uuml;rfte, angesichts der Tatsache, dass es im Oktober laut Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit insgesamt &bdquo;nur&ldquo; noch 993.000 Arbeitslosengeld I-Empf&auml;nger gibt und in diesem Jahr angeblich &bdquo;nur&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/idw_dlf\/683549\/\">50.000 Arbeitslose &uuml;ber 50 Jahre ins Alg II abrutschen<\/a>. <\/p><p>Aber rechnen wir mit dem schlimmsten Fall und legen die Horrormeldung der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit zugrunde; diese behauptet, dass die SPD-Vorschl&auml;ge bis zu 2,9 Milliarden Euro zu Buche schlagen w&uuml;rden.<br>\nSehen wir weiter davon ab, dass dieser Betrag locker aus den in diesem Jahr erwarteten &Uuml;bersch&uuml;sse der BA von rund 6 Milliarden finanziert werden k&ouml;nnte.<br>\nNehmen wir einfach noch einmal an, dieser von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufzubringende Betrag w&uuml;rde die Unternehmen h&auml;lftig, also mit 1,45 Milliarden, zus&auml;tzlich belasten. Die Rechnung ergibt: das w&auml;ren ganze 0,15 Prozent der Bruttolohnsumme.<\/p><p>Man k&ouml;nnte viele &auml;hnliche Rechnungen mit der viel beschworenen Senkung der Lohnnebenkosten anstellen, &uuml;berall w&uuml;rde sich zeigen, dass solche Senkungen, die die politische und die &ouml;ffentliche Debatte beherrschen, gemessen an den Belastungen, die der H&ouml;henflug des Euros f&uuml;r die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit bedeutet, &bdquo;peanuts&ldquo; darstellen, um es mit den Worten des Chefs der Deutschen Bank zu sagen.<\/p><p>Daraus lassen sich mindestens zwei Schlussfolgerungen ziehen:<\/p><p>Erstens: Die ganze Debatte um die Senkung der Lohnnebenkosten hat &ndash; gemessen an den wirtschaftlichen Auswirkungen des Kuranstiegs des Euros &ndash; mit der &ouml;konomischen Wirklichkeit bestenfalls marginal etwas zu tun. Verglichen mit den &Auml;nderungen der W&auml;hrungsparit&auml;ten beeinflussen die Lohnnebenkosten die Wettbewerbsf&auml;higkeit kaum; das wirkliche Ziel ist der Abbau von parit&auml;tisch finanzierten Sozialleistungen, d.h. der Abbau des Sozialstaats.<\/p><p>Zweitens: Der H&ouml;henflug des Euros wird als unab&auml;nderliche Konstante unterstellt, und deshalb bleiben als einzige Variable die Kosten des Faktors Arbeit. Nur wenn man diese Betrachtung einnimmt, muss konsequenterweise von diesen Arbeitskosten auch noch das letzte Zehntel Prozent eingespart werden, um damit die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit zu halten oder weiter zu verbessern.<\/p><p>Das Paradoxe an dieser Argumentation ist, dass der H&ouml;henflug des Euro ja gerade mit der hohen internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit und den gemessen an den USA hohen Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen der deutschen Wirtschaft zusammenh&auml;ngt. Und diese wirtschaftlichen Erfolge &ndash; so wird uns ja st&auml;ndig eingeredet &ndash;  hingen ja vor allem auch mit den &bdquo;moderaten Lohnabschl&uuml;ssen&ldquo; und der sinkenden &bdquo;Abgabenlast&ldquo; zusammen. Niedrige L&ouml;hne und sinkende Lohnnebenkosten h&auml;tten doch &ndash; so wird gesagt &ndash; zu den Exporterfolgen beigetragen. Doch kaum einer f&uuml;gt hinzu, dass gerade die dadurch bewirkte wirtschaftliche Konkurrenzf&auml;higkeit wiederum den Kurs des Euro ansteigen l&auml;sst.<\/p><p>Folgt man diesen st&auml;ndig vorgetragenen Argumenten, dann ger&auml;t man in einen logischen Teufelskreis:<br>\nNiedrige L&ouml;hne und die Senkung der sog. Lohnebenkosten (d.h. der Abbau der sozialen Sicherungssysteme) f&ouml;rdern die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit, diese erh&ouml;ht die Wirtschaftskraft und das f&uuml;hrt wiederum zu einer Erh&ouml;hung des Kurswertes des Euro. Um die mit diesem Kursanstieg einhergehende Belastung f&uuml;r die preisliche Konkurrenzf&auml;higkeit auf den internationalen Warenm&auml;rkten zu kompensieren, m&uuml;ssen die L&ouml;hne und die sog. Lohnebenkosten immer weiter gesenkt werden.<br>\nLohnzur&uuml;ckhaltung und Sozialabbau bewirken also &uuml;ber die Exporterfolge und den dadurch befl&uuml;gelten Wert des Euro eine st&auml;ndige Spirale der Arbeitskosten nach unten.<\/p><p>Jedenfalls solange man sich von dieser Argumentation beeindrucken l&auml;sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kurs des Euro hat ein neues Rekordhoch erreicht. In der Spitze sprang die Gemeinschaftsw&auml;hrung bis auf 1,45 US-Dollar und damit auf den h&ouml;chsten Stand seit der Einf&uuml;hrung des Euro, so die letzten Meldungen. 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