{"id":27425,"date":"2015-09-03T09:47:31","date_gmt":"2015-09-03T07:47:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27425"},"modified":"2015-09-04T09:53:42","modified_gmt":"2015-09-04T07:53:42","slug":"demographischer-wandel-die-rente-und-fachkraeftemangel-wie-fluechtlinge-instrumentalisiert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27425","title":{"rendered":"Demographischer Wandel, die Rente und Fachkr\u00e4ftemangel \u2013 wie Fl\u00fcchtlinge instrumentalisiert werden"},"content":{"rendered":"<p>Ex-Kanzler Schr&ouml;der fordert in der WELT eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article145777823\/Schroeder-will-Einwanderung-in-unser-Sozialsystem.html\">Agenda 2020<\/a>&ldquo;, eine &bdquo;Zuwanderung in unser Sozialsystem&ldquo;, da Deutschland schrumpfe. Nur mit hohen Zuwandererzahlen k&ouml;nne &bdquo;unsere Rente&ldquo; gesichert werden. Ins gleiche Horn bl&auml;st der SPD-Vorsitzende Gabriel &ndash; f&uuml;r ihn ist eine &bdquo;gro&szlig;e Zuwanderung&ldquo; n&ouml;tig, um &bdquo;den absehbaren Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/wirtschaftsticker\/gabriel-sieht-fluechtlinge-als-chance-gegen-fachkraeftemangel_id_4917242.html\">zu schlie&szlig;en<\/a>. Beide Aussagen sind blanker Unsinn, dennoch gibt es selbst aus progressiven Kreisen kaum Kritik. Das ist verst&auml;ndlich, schlie&szlig;lich setzt man sich schnell dem Verdacht aus, &bdquo;gegen Fl&uuml;chtlinge&ldquo; zu argumentieren. Doch das ist zu kurz gedacht. Schr&ouml;der und Gabriel missbrauchen vielmehr die Fl&uuml;chtlingsthematik, um alten Wein in neuen Schl&auml;uchen unter das Volk zu bringen. Der Begriff &bdquo;Agenda 2020&ldquo; ist da &ndash; obgleich Schr&ouml;der dies sicher nicht einmal so gemeint hat &ndash; durchaus passend. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5374\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-27425-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150903_Instrumentalisierte_Fluechtlinge_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150903_Instrumentalisierte_Fluechtlinge_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150903_Instrumentalisierte_Fluechtlinge_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150903_Instrumentalisierte_Fluechtlinge_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=27425-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150903_Instrumentalisierte_Fluechtlinge_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150903_Instrumentalisierte_Fluechtlinge_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Kann Flucht und Migration den Fachkr&auml;ftemangel entsch&auml;rfen? G&auml;be es denn wirklich einen Fachkr&auml;ftemangel, k&ouml;nnte man diese Frage ernsthaft debattieren. Dem ist aber bekanntlich nicht so. Wo gewirtschaftet wird, fehlen nat&uuml;rlich immer irgendwo Fachkr&auml;fte. Es ist jedoch kein gesellschaftliches Problem, wenn einem Automobilhersteller ein Ingenieur fehlt, der sich gut mit der Kriechz&auml;higkeit von Verbundwerkstoffen auskennt. Ein gesellschaftliches Problem w&auml;re es, wenn die Wirtschaft fl&auml;chendeckend keine Arbeitskr&auml;fte finden w&uuml;rde. Doch dies nicht der Fall. Nach offiziellen Zahlen suchen momentan fast <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27405#h07\">f&uuml;nf Millionen Menschen<\/a> einen Job. Hinzu kommt, dass deutsche Arbeitgeber dank Arbeitnehmerfreiz&uuml;gigkeit weitestgehend unreguliert auf den gesamten EU-Arbeitsmarkt zugreifen k&ouml;nnen &ndash; dem wohl gr&ouml;&szlig;ten zusammenh&auml;ngenden Arbeitsmarkt der Welt. Wenn bestimmte Branchen in bestimmten Regionen ihren Arbeitskr&auml;ftebedarf nicht zufriedenstellend decken k&ouml;nnen, dann ist dies in der Regel hausgemacht &ndash; die L&ouml;hne sind zu gering, die Arbeitsbedingungen zu schlecht, die Anforderungen unrealistisch hoch. All diese Probleme lassen sich ohne weiteres l&ouml;sen. Aber nicht durch die Gesellschaft, sondern durch die betreffenden Unternehmen. <\/p><p>&Auml;hnlich unbefriedigend f&auml;llt die Antwort beim demographischen Wandel aus. Ob langfristig der demographische Wandel dazu f&uuml;hren k&ouml;nnte, dass fl&auml;chendeckende offene Stellen nicht mehr besetzt werden k&ouml;nnen, weil es keine Bewerber mehr gibt, ist ungewiss und im Zweifel eher unwahrscheinlich. Aber selbst wenn &ndash; wer sagt denn, dass dies schlecht sein muss? Angebot und Frage regulieren in einer Marktwirtschaft den Preis. Bei Arbeitsverh&auml;ltnissen ist dieser Preis gleichbedeutend mit dem Arbeitslohn. Wenn also eine Situation kommen sollte, in der das Angebot an Arbeitskr&auml;ften die Nachfrage nicht mehr decken kann, steigen getreu der &ouml;konomischen Logik die L&ouml;hne. Und wenn einzelne Unternehmen aus dem Markt ausscheiden m&uuml;ssen, da sie bei steigenden L&ouml;hnen nicht mehr profitabel arbeiten k&ouml;nnen, dann ist dies gesellschaftlich sicher kein gro&szlig;er Verlust. Jahrzehntelang ist es ja gerade eben die Strategie der Arbeitgeberseite die L&ouml;hne zu dr&uuml;cken, indem man das Angebot an Arbeitskr&auml;ften m&ouml;glichst hoch h&auml;lt und dabei die Nachfrage z&uuml;gelt. Dass man dazu nun auch die Fl&uuml;chtlinge als Reservearmee einspannen will, ist einfach nur sch&auml;big.<\/p><p>Deutschland schrumpft. Na und? W&auml;re eine gro&szlig;e Volkswirtschaft per se w&uuml;nschenswert, dann m&uuml;sste Indien mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern ja ein Erfolgsmodell sein und die Schweiz w&auml;re mit ihren acht Millionen Einwohnern ein Problemfall. Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es Deutschland und seinen Bewohnern nun schlechter gehen sollte, wenn die Bev&ouml;lkerung mittel- bis langfristig zur&uuml;ckgeht. Vor allem vor dem Argument begrenzter Ressourcen und eines technischen Fortschritts, bei dem immer mehr manuelle Arbeit durch die Technik obsolet gemacht wird, erscheint es zumindest mir sogar vorteilhaft, wenn Deutschland langfristig ein wenig schrumpfen w&uuml;rde. Unsere Gesellschaft w&uuml;rde dann aber &bdquo;&uuml;beraltern&ldquo;, so h&ouml;rt man. Na und? Was ist denn an einer Gesellschaft mit einem vergleichsweise hohen Altersdurchschnitt so schlimm? <\/p><p>Und mit &bdquo;unseren&ldquo; Renten hat dies monokausal auch nicht viel zu tun. Es kommt hier nicht auf die Quantit&auml;t, sondern auf die Qualit&auml;t an. Eine Volkswirtschaft mit f&uuml;nf Millionen hochproduktiven Arbeitspl&auml;tzen und einer hohen Erwerbsquote kann ohne Probleme einen &bdquo;&Uuml;berhang&ldquo; von f&uuml;nf Millionen Rentnern ausreichend finanzieren, w&auml;hrend dies eine Volkswirtschaft mit zehn Millionen minder produktiven Arbeitspl&auml;tzen und einer niedrigen Erwerbsquote nie schaffen w&uuml;rde. Dass Gerhard Schr&ouml;der diesen Zusammenhang anscheinend immer noch nicht verstanden hat, ist bezeichnend. <\/p><p>Dies Alles darf jedoch nicht als Argumentation gegen Einwanderung und Zuwanderung verstanden werden. Hier wird versucht, eine im Kern wichtige und richtige Politik mit komplett falschen Argumenten zu begr&uuml;nden. Es ist nicht nur eine Eselei, sondern sogar eine Schande, dass ein modernes Land wie Deutschland immer noch nicht &uuml;ber ein Einwanderungsgesetz verf&uuml;gt. Und wenn man feststellen muss, dass es falsch ist, pauschal zu behaupten &bdquo;nur&ldquo; Zuwanderung w&uuml;rde die Sozialsysteme und den Standort Deutschland zukunftsf&auml;hig machen, so ist die in rechten Ecken popul&auml;re pauschale Argumentation, Zuwanderung w&uuml;rde die Sozialsysteme schw&auml;chen, genau so falsch. Es kommt halt immer darauf an, wie wir die Zuwanderung gestallten. Wenn beispielsweise junge Menschen gut ausgebildet werden und einen produktiven und dabei auch ordentlich bezahlten Job bekommen, so st&auml;rkt dies nat&uuml;rlich die Sozialsysteme &ndash; unabh&auml;ngig von deren Herkunft. Umgekehrt werden die Sozialsysteme geschw&auml;cht, wenn man das Potential brachliegen l&auml;sst und die Menschen &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur zu Hungerl&ouml;hnen besch&auml;ftigt, bei denen kaum Sozialabgaben anfallen. Aber auch dies ist keine exklusive Frage der Zuwanderung, sonst gilt ganz allgemein. Auch der junge Max aus Zwickau und die junge Sofie aus F&uuml;rstenfeldbruck st&auml;rken nur dann die Sozialsysteme, wenn sie einen ordentlichen Job haben, in dem sie auch nennenswerte Sozialabgaben generieren. <\/p><p>Wir sollten daher auch tunlichst aufpassen, uns nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Weder der vermeintliche Fachkr&auml;ftemangel noch die Zukunft der Rente haben im Guten oder im Schlechten etwas mit Zuwanderung zu tun. Zuwanderung ist in diesem Kontext nur dann relevant, wenn es um die Frage geht, wie Einwanderer in den Arbeitsmarkt integriert werden. Und hier ist &auml;u&szlig;erste Obacht geboten. Die Arbeitgeberverb&auml;nde trommeln ja nicht deshalb f&uuml;r mehr Einwanderung, weil sie armen Menschen helfen wollen. Ihnen geht es schlichtweg darum, das Verh&auml;ltnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt so zu beeinflussen, dass sie niedrigere L&ouml;hne zahlen m&uuml;ssen. Und dazu eignen sich nat&uuml;rlich vor allem Fl&uuml;chtlinge. Wer nur dann in Deutschland geduldet wird, wenn er einen Arbeitsplatz hat und wer bei einer K&uuml;ndigung f&uuml;rchten muss, seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren, hat nat&uuml;rlich auch eine denkbar schlechte Verhandlungsposition gegen&uuml;ber seinem Arbeitgeber. Schlechte L&ouml;hne, schlechte Arbeitsbedingungen, unbezahlte &Uuml;berst&uuml;nden &hellip; wer w&uuml;rde da schon den Mund aufmachen, wenn er im Zweifel damit rechnen muss, abgeschoben zu werden? So und nur so ist dann auch die aktuelle Begeisterung der Arbeitgeberverb&auml;nde zu interpretieren. Und es ist zumindest wahrscheinlich, dass auch Schr&ouml;der und Gabriel eine Agenda hinter der Fassade verfolgen. Um die Fl&uuml;chtlinge scheint es bei dieser Debatte ohnehin niemanden zu gehen &ndash; sie werden lediglich instrumentalisiert, um schale und falsche Forderungen wieder auf die Tagesordnung zu bringen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f00593753fc742009fd452452d73a237\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ex-Kanzler Schr&ouml;der fordert in der WELT eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article145777823\/Schroeder-will-Einwanderung-in-unser-Sozialsystem.html\">Agenda 2020<\/a>&ldquo;, eine &bdquo;Zuwanderung in unser Sozialsystem&ldquo;, da Deutschland schrumpfe. Nur mit hohen Zuwandererzahlen k&ouml;nne &bdquo;unsere Rente&ldquo; gesichert werden. 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