{"id":27444,"date":"2015-09-04T14:31:05","date_gmt":"2015-09-04T12:31:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27444"},"modified":"2015-09-07T15:58:56","modified_gmt":"2015-09-07T13:58:56","slug":"boese-ungarn-gute-deutsche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27444","title":{"rendered":"B\u00f6se Ungarn, gute Deutsche?"},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Hell-Deutschland&rdquo; zeigt sich von seiner besten Seite. Hunderte freiwillige Helfer empfingen am M&uuml;nchen Hauptbahnhof <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/fluechtlinge-in-muenchen-ein-freundliches-froehliches-durcheinander-13780063.html\">mit offenen Armen<\/a> einen der wenigen Fl&uuml;chtlingsz&uuml;ge, die es aus dem fernen Budapest nach Deutschland geschafft haben. Gutes Deutschland! Auf der anderen Seite verweigern die ungarischen Beh&ouml;rden Tausenden Fl&uuml;chtlingen am Budapester Westbahnhof die Weiterfahrt und leiten die Fl&uuml;chtlingsz&uuml;ge nicht nach Deutschland, sondern in Auffanglager in der ungarischen Provinz. Ungarns rechtspopulistischer Pr&auml;sident poltert derweil in Br&uuml;ssel und erkl&auml;rt die Fl&uuml;chtlingskrise zu einem deutschen Problem. B&ouml;ses Ungarn! Doch so einfach, wie es sich auch die meisten Medien machen, ist es nicht. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9074\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-27444-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150907_Boese_Ungarn_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150907_Boese_Ungarn_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150907_Boese_Ungarn_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150907_Boese_Ungarn_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=27444-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150907_Boese_Ungarn_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150907_Boese_Ungarn_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Auch wenn dies heutzutage kein deutscher Politiker &ouml;ffentlich zugestehen w&uuml;rde &ndash; die momentan oberfl&auml;chlich nur schwer zu verstehende Fl&uuml;chtlingspolitik Ungarns entspricht eins zu eins den europ&auml;ischen Gesetzen. Den Gesetzen, die vor allem Deutschland &uuml;ber Jahre hinweg gefordert und schlussendlich auch durchgesetzt hat. Wer den ungarisch-serbischen Grenzzaun und die aktuellen Geschehnisse am Keleti-Bahnhof verstehen will, muss zun&auml;chst wissen, was die Dublin-Verordnung ist. 1997 trat in der EU das sogenannte Dubliner &Uuml;bereinkommen in Kraft, das im Grundsatz besagt, dass ein Asylbewerber in dem EU-Land Asyl beantragen muss, in dem er als erstes EU-Boden betreten hat. Wenn man sich einmal die Landkarte anschaut, kann man sich schon denken, welches Land damals das gr&ouml;&szlig;te Interesse an &ldquo;Dublin&rdquo; hatte &ndash; das zentral gelegene Deutschland, das sich auf diese Art und Weise juristisch vor gr&ouml;&szlig;eren Mengen an Fl&uuml;chtlingen dr&uuml;cken konnte, die schon damals naturgem&auml;&szlig; vor allem in den Staaten mit EU-Au&szlig;engrenzen, allen voran Italien und Griechenland, zum ersten Mal europ&auml;ischen Boden betraten.<\/p><p>&Uuml;ber die Jahre hinweg wurde &ldquo;Dublin&rdquo; ausgeweitet, heute ist das sogenannte Dublin-III-Abkommen in Kraft. Dublin III sieht in Kombination mit weiteren EU-Richtlinien vor, dass die Staaten mit EU-Au&szlig;engrenzen zentrale Auffanglager f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge betreiben, in denen die Fl&uuml;chtlinge erkennungsdienstlich behandelt werden und ihren Erstantrag auf Asyl zu stellen haben. Den EU-Staaten ist es untersagt, Fl&uuml;chtlinge ohne vorherige erkennungsdienstliche Behandlung und Aufnahme in das europ&auml;ische Zentralregister in andere EU-Staaten weiterreisen zu lassen. Gem&auml;&szlig; den &uuml;blichen Fluchtrouten f&uuml;hrte dies bereits seit Jahren zu untragbaren Zust&auml;nden in Italien und Griechenland. Deutschland konnte mit dieser Regelung immer sehr gut leben. <strong>S&auml;mtliche Forderungen des Europ&auml;ischen Parlaments nach einer solidarischen Aufteilung der Fl&uuml;chtlinge und der damit verbundenen finanziellen Lasten wurden stets von Deutschland <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2013-10\/EU-Asyl-Migration\/komplettansicht\">abgeblockt<\/a>. Noch 2013 lehnte der damalige Bundesinnenminister Friedrich eine &Auml;nderung der Aufnahmeregelungen kategorisch ab.<\/strong><\/p><p>Bis heute ist es g&auml;ngige Praxis, dass Deutschland sich im gro&szlig;en Stil weigert, Asylantr&auml;ge von Bewerbern zu bearbeiten, die europ&auml;ischen Boden erstmals &uuml;ber einen anderen EU-Staat betreten haben. Die EU-Gesetze sehen in einem solchen Fall vor, dass Deutschland sich f&uuml;r nicht zust&auml;ndig erkl&auml;rt und die Asylbewerber in das Land abschiebt, &uuml;ber das sie in die EU eingereist sind. 2011 erhielt Dublin erste Risse. Damals <a href=\"http:\/\/www.euractiv.de\/globales-europa\/artikel\/asylrecht-eugh-urteil-stellt-dublin-ii-verordnung-in-frage-005818\">entschied der Europ&auml;ische Gerichtshof<\/a>, dass eine Abschiebung nach Griechenland gem&auml;&szlig; der Dublin-Richtlinien unzul&auml;ssig ist, da der zahlungsunf&auml;hige Staat die Grundrechte der Asylbewerber nicht garantieren kann. Heute ist Ungarn das Land, in das deutsche Beh&ouml;rden die meisten Asylbewerber am liebsten zur&uuml;ckschicken w&uuml;rden. Im zweiten Quartal 2015 stellte Deutschland 3.565 &Uuml;bernahmeersuche an Ungarn &ndash; gefolgt von Italien (2.305) und Bulgarien (1.411). Insgesamt waren es 11.819 &Uuml;bernahmeersuche. Davon wurde jedoch nur ein kleiner Teil tats&auml;chlich vollzogen. Nur 931 Asylbewerber wurden tats&auml;chlich in ein anderes EU-Land abgeschoben. Im Falle Ungarns waren es 61 erfolgte &Uuml;berstellungen. Da auch Ungarn, genau so wie Italien oder Bulgarien, massive Defizite bei der praktischen Umsetzung der Asylverfahren aufweist und die Grundrechte nicht gesichert sind, haben juristische Einspr&uuml;che gegen diese Abschiebepraxis meist Erfolg.<\/p><p>Was hei&szlig;t dies f&uuml;r die aktuelle Situation? <strong>Ungarn ist durch die Dublin-Verordnung dazu gezwungen, ankommende Fl&uuml;chtlinge in Sammellagern zu registrieren und selbst die Asylantr&auml;ge entgegenzunehmen und die Verfahren durchzuf&uuml;hren.<\/strong> Und wenn die Fl&uuml;chtlinge auf dem Keleti-Bahnhof tausendmal skandieren, sie wollten nach Deutschland, so ist dies ohne deutsches Entgegenkommen nach g&auml;ngigem EU-Recht schlicht nicht m&ouml;glich. So seltsam es sich anh&ouml;rt &ndash; Victor Orb&aacute;n handelt vollkommen gesetzeskonform. Und wenn er in Br&uuml;ssel sagt, Deutschland k&ouml;nne diesen Menschen ja ein Visum ausstellen, dann k&ouml;nne Ungarn sie ohne weiteres weiterreisen lassen, ist dies juristisch vollkommen korrekt. Die Dublin-III-Verordnung sieht &uuml;brigens auch ein &ldquo;Selbsteintrittsrecht&rdquo; vor, mit dem ein Staat seine Zust&auml;ndigkeit erkl&auml;ren kann. <strong>Die deutsche Regierung k&ouml;nnte also schon heute ein &ldquo;Selbsteintrittsrecht&rdquo; f&uuml;r die Fl&uuml;chtlinge in Ungarn abgeben und damit ihre schnelle Weiterreise nach Deutschland erm&ouml;glichen. Das tut sie aber nicht.<\/strong> Warum? Weil es nat&uuml;rlich sehr bequem ist, auf die &ldquo;b&ouml;sen Ungarn&rdquo; zu schimpfen und sich selbst in einem positiven Licht darzustellen. <\/p><p>Sollte Ungarn den Fl&uuml;chtlingen eine Weiterreise erm&ouml;glichen, so verst&ouml;&szlig;t es ganz explizit gegen Dublin III und muss damit rechnen, dass es die Fl&uuml;chtlinge von den sp&auml;teren Ziell&auml;ndern wieder zur&uuml;ckgeschickt bekommt. Italien musste sich bereits mehrfach harte R&uuml;gen von Frankreich und Deutschland anh&ouml;ren, da es die in Italien gestrandeten Fl&uuml;chtlinge in vielen F&auml;llen nicht interniert und erkennungsdienstlich behandelt hat. Wor&uuml;ber regt sich die deutsche Politik also konkret auf? Dar&uuml;ber, dass Ungarn sich &ndash; anders als Italien &ndash; an die Gesetze h&auml;lt? <\/p><p>Es ist vollkommen klar, dass Victor Orb&aacute;n die Fl&uuml;chtlingssituation nutzt, um sich selbst als &ldquo;harter Hund&rdquo; innenpolitisch zu profilieren. Das kann man kritisieren. Man kann jedoch nicht kritisieren, dass Orb&aacute;n die EU-Gesetze eins zu eins befolgt. Wenn man hier etwas kritisieren will, ja kritisieren muss, dann sind dies die EU-Gesetze! Auch &ldquo;sein&rdquo; Grenzzaun zu Serbien entspricht nicht nur buchstabengetreu den EU-Gesetzen, sondern entspricht sogar einwandfrei deren Charakter: <strong>Es geht nicht um den Schutz der Fl&uuml;chtlinge, sondern um den Schutz vor den Fl&uuml;chtlingen<\/strong> &ndash; sei es am Grenzzaun von Melilla\/Spanien, beim Grenzzaun zwischen Ungarn und Serbien oder aber bei der scharf bewachten Seegrenze s&uuml;dlich von Malta und Lampedusa. Deutsche Politiker, die sich nun Sympathiewerte davon versprechen, wenn sie einen humanen Umgang mit den Fl&uuml;chtlingen anmahnen, sind schlichtweg Heuchler. <strong>Man kann nicht auf der einen Seite Gesetze bef&ouml;rdern, die Grenzz&auml;une und Aufnahmezentren in L&auml;ndern mit zweifelhaften Ruf vorsehen und aktiv daf&uuml;r sorgen, dass Tausende Fl&uuml;chtlinge im Mittelmeer ersaufen und sich dann medienwirksam &uuml;ber L&auml;nder wie Ungarn aufregen, die exakt diese Gesetze in die Tat umsetzen.<\/strong><\/p><p>Gro&szlig; ist auch der Katzenjammer der Kanzlerin, wenn es um Verteilungsquoten geht. Wundert es Frau Merkel wirklich, dass dieser Wunsch von vielen L&auml;ndern abgelehnt wird? Bis vor einem Jahr geh&ouml;rte Angela Merkel doch selbst noch zu den Staatschefs, die nichts von einer solidarischen Verteilung der Fl&uuml;chtlinge in Europa wissen wollten. Klar &ndash; Deutschland hat keine EU-Au&szlig;engrenze und wollte dieses &ldquo;Problem&rdquo; ganz elegant Staaten wie Italien, Griechenland, Bulgarien oder Ungarn &uuml;berlassen; Staaten, die ohnehin finanzielle Probleme haben und in denen ein Asylverfahren nach deutschen Vorstellungen nicht m&ouml;glich ist. Nun hat sich die Lage ge&auml;ndert. Die Grenzstaaten kapitulieren, die Fl&uuml;chtlinge kommen nach Deutschland und k&ouml;nnen aufgrund der renitenten Justiz, die auf solch antiquierte Dinge wie Grund- und Menschenrechte pocht, nicht in diese Grenzstaaten zur&uuml;ckgeschickt werden. Nun muss Deutschland, wie zuvor schon Italien, Griechenland oder Ungarn selbst mit einem Fl&uuml;chtlingsansturm fertig werden. Und genau in diesem Moment appelliert Merkel an den Rest der EU sich solidarisch zu zeigen und Deutschland Fl&uuml;chtlinge abzunehmen. Glaubt eigentlich irgendwer ernsthaft, dass diese miese Tour Aussicht auf Erfolg hat? Nein, wir Deutschen sind nicht die &ldquo;Guten&rdquo;. Wir vergessen nur immer wieder all zu gerne, wer wir eigentlich sind.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f00593753fc742009fd452452d73a237\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Hell-Deutschland&rdquo; zeigt sich von seiner besten Seite. Hunderte freiwillige Helfer empfingen am M&uuml;nchen Hauptbahnhof <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/fluechtlinge-in-muenchen-ein-freundliches-froehliches-durcheinander-13780063.html\">mit offenen Armen<\/a> einen der wenigen Fl&uuml;chtlingsz&uuml;ge, die es aus dem fernen Budapest nach Deutschland geschafft haben. Gutes Deutschland! 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