{"id":27488,"date":"2015-09-09T09:35:02","date_gmt":"2015-09-09T07:35:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27488"},"modified":"2015-09-09T12:46:14","modified_gmt":"2015-09-09T10:46:14","slug":"zur-kritik-der-inklusionskritik-clemens-koblochs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27488","title":{"rendered":"Zur Kritik der Inklusionskritik Clemens Koblochs"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn die Ver&ouml;ffentlichung von Clemens Koblochs geharnischte Kritik der Debatte &uuml;ber die Inklusion von Kindern mit besonderen F&ouml;rderbedarfen in Regelschulen auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24597\">Nachdenkseiten<\/a> schon mehr als ein halbes Jahr zur&uuml;ckliegt, sollte sie nicht ohne eine Entgegnung an gleicher Stelle bleiben. Denn die Nachdenkseiten sind als aufkl&auml;rerisch-kritisches Medium bekannt, und Clemens Knobloch, Professor an der Universit&auml;t Siegen, ist kein schulpolitischer &bdquo;Rechtskonservativer&ldquo;, wie man es angesichts vieler Passagen seines Beitrags vermuten k&ouml;nnte. Nein, seine &bdquo;Inklusionskritik&ldquo; kommt von links, in aufkl&auml;rerischer Absicht gegen Bestrebungen neoliberaler Bildungsprivatisierung. Umso frappierender muss seine anti-inklusionistische Philippika erscheinen, gilt doch die politische und gesellschaftliche Linke meist als entschiedene K&auml;mpferin f&uuml;r die Verwirklichung von Menschenrechten im Allgemeinen und f&uuml;r den Umbau des selektiv-hierarchischen deutschen Schulsystems zu einem inklusiven System im Besonderen. Die Entgegnung muss sich vorliegend auf Fragen beschr&auml;nken, die mir von eher grunds&auml;tzlicher Bedeutung scheinen. Dar&uuml;ber hinaus gibt es zahlreiche Darstellungen Knoblochs im Detail, die aus meiner Sicht Kritik verdienen, deren umfassende Behandlung aber hier den Rahmen sprengen w&uuml;rde. Von <strong>Daniel Kreutz<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27488#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ein altes Thema sp&auml;t entdeckt<\/strong><\/p><p>Offenbar hat Knobloch sich erst in j&uuml;ngerer Zeit mit dem Inklusionsthema befasst, denn er schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bevor das Fahnenwort Inklusion in der medialen Zirkulation aufgetaucht war, d&uuml;rfte kaum jemand auf die Idee gekommen sein, in der Existenz von F&ouml;rderschulen f&uuml;r Lernbehinderte ein moralisches Problem zu sehen. Eher im Gegenteil: Sie galten als n&uuml;tzlich und n&ouml;tig.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Tats&auml;chlich l&auml;uft die kritische Diskussion &uuml;ber die (oft lebenslang wirkende) stigmatisierende Aussonderung behinderter Kinder in Sonderkinderg&auml;rten und (Hilfs-, Sonder-) F&ouml;rderschulen, die geradezu systemisch zur Aussonderung am Arbeitsmarkt f&uuml;hrt, in Deutschland bereits seit Jahrzehnten. Vor allem Behinderten- und Elternverb&auml;nde fordern seit langem, &bdquo;F&ouml;rderkinder&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] regelhaft in der &ndash; inhaltlich und strukturell ver&auml;nderten &ndash; Regelschule zu unterrichten. Wir haben bald 40 Jahre &bdquo;integrativer&ldquo; (wie es fr&uuml;her hie&szlig;) Schulversuche hinter uns, deren wissenschaftliche Begleitforschung Regalw&auml;nde f&uuml;llt. Die Erkl&auml;rung der Weltkonferenz &bdquo;P&auml;dagogik f&uuml;r besondere Bed&uuml;rfnisse: Zugang und Qualit&auml;t&ldquo; der UNESCO, deren Dokumente &bdquo;<em>getragen [sind] vom Prinzip der Integration, von der Erkenntnis, dass es notwendig ist, auf eine &ldquo;Schule f&uuml;r alle&rdquo; hinzuarbeiten &ndash; also auf Einrichtungen, die alle aufnehmen, die Unterschiede sch&auml;tzen, das Lernen unterst&uuml;tzen und auf individuelle Bed&uuml;rfnisse eingehen<\/em>&ldquo;, bekannt als &bdquo;Erkl&auml;rung von Salamanca&ldquo;, datiert von 1994. In der Schulpolitik des nordrhein-westf&auml;lischen Landtags spielte das Thema schon in den 1990er Jahren eine Rolle, vorangetrieben von der damaligen Linkspartei, den Gr&uuml;nen. Im Gesetzgebungsverfahren des Landesbehindertengleichstellungsgesetzes (BGG NRW) 2001 war es ein zentraler Kritikpunkt (fast) aller Behindertenverb&auml;nde an der Regierungsvorlage. Das scheint Knobloch alles nicht zu wissen; erst das &bdquo;Fahnenwort Inklusion&ldquo; aus der Diskussion &uuml;ber die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) scheint ihn auf das Thema gesto&szlig;en zu haben. Jedenfalls bleibt die Behauptung, dass F&ouml;rderschulen bis zum Auftauchen des &bdquo;Fahnenworts Inklusion&ldquo; allgemein als &bdquo;n&uuml;tzlich und n&ouml;tig&ldquo; galten, ein geschichtsvergessener &bdquo;Irrtum&ldquo;. Die Periode, f&uuml;r die das zutraf, ging mit der &bdquo;Kr&uuml;ppelbewegung&ldquo; der 1970er Jahre zu Ende. Seither wurde die ma&szlig;geblich von Betroffenen selbst vorangetriebene und sich ausbreitende Kritik an den aussondernden Sondereinrichtungen f&uuml;r behinderte Menschen von der amtlichen Politik jahrzehntelang recht erfolgreich marginalisiert. Erst mit dem R&uuml;ckenwind der BRK erreichte sie die Agenda der &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; Politik, weil sich die staatlichen Institutionen einer menschen- und v&ouml;lkerrechtlichen Verpflichtung <em>nicht ohne weiteres<\/em> entziehen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Beifallrisiko von (ganz) falscher Seite <\/strong><\/p><p>Beim Lesen von Knoblochs Beitrags gewinnt man den Eindruck, man habe es hier mit einem radikalen Inklusionsgegner zu tun, dessen Anliegen die Verteidigung des aus dem preu&szlig;ischen Obrigkeitsstaat &uuml;berkommenen, hierarchisch gegliederten, sozial selektiven Schulsystems ist, das den damaligen Bedarfen an Klassenbildung entsprach. W&auml;ren da nicht die Wendungen gegen die neoliberale Bildungsprivatisierung, k&ouml;nnten unbefangene LeserInnen annehmen, es sei ein Beitrag &bdquo;von rechts&ldquo;.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Knobloch spricht von inklusionsgetriebener &bdquo;Zerschlagung&ldquo; der F&ouml;rderschulen &ndash; meine Wahrnehmung ist da eher ein politisches Bem&uuml;hen um den strukturellen Erhalt des Sondersystems &ndash; und l&auml;sst dem S&auml;tze folgen, die so gelesen werden k&ouml;nnten: &bdquo;<em>Neben den nicht muttersprachlichen Migrantenkindern [Nicht genug schon damit!] werden k&uuml;nftig in gro&szlig;er Zahl [drohende Flut!] &hellip; Kinder mit allen Arten von Lernbehinderung, von Blinden und Geh&ouml;rlosen[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] &uuml;ber Autisten [Man denke!], ADHS-Kinder[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] bis hin zu psychisch und sozial auff&auml;lligen Kindern [Unerh&ouml;rt! Auch das noch!] im Regelbetrieb der &ouml;ffentlichen Schulen auftreten<\/em>&ldquo;. Ich bin sicher, dass Knobloch einen solchen Eindruck unter keinen Umst&auml;nden erwecken m&ouml;chte, aber das kommt einer behindertenfeindlichen Sarrazzinade schon brandgef&auml;hrlich nahe. In&rsquo;s gleiche Horn dann sp&auml;ter: &bdquo;<em>Das Kind, das kaum lesen und schreiben kann, wird dem &bdquo;normalen&ldquo; Gymnasialunterricht keinesfalls folgen k&ouml;nnen, es muss &bdquo;besch&auml;ftigt&ldquo; werden<\/em>.&ldquo; Dann: &bdquo;<em>Die Gymnasien verweisen (mit Recht) ganz &uuml;berwiegend darauf, dass es wenig Sinn macht, Kinder aufzunehmen, die definitiv kein Abitur machen k&ouml;nnen<\/em>.&ldquo; Und schlie&szlig;lich: &bdquo;<em>Bester Orwell ist in diesem Zusammenhang die Formel von der &bdquo;zieldifferenten Inklusion&ldquo;. Sie besagt, dass ein Kind, das die allgemeine Schule besucht, deren Leistungsziele keinesfalls erreichen wird.<\/em>&ldquo; Das spricht doch denen aus der Seele, die sich &bdquo;ihr&ldquo; Gymnasium als &ndash; oft eher Kraft gehobenem Sozialstatus denn Kraft Leistung &ndash; privilegierende Institution in der heraufziehenden &bdquo;Zweigliedrigkeit&ldquo; erhalten wollen. Solche S&auml;tze affirmieren schlicht die selektive Schulformhierarchie, die auf der Fiktion gr&uuml;ndet, man k&ouml;nne Kinder prognostisch in relativ leistungshomogene Gruppen einteilen, die dann m&ouml;glichst gleiche Klassen- und Bildungsziele erreichen. F&uuml;r die F&ouml;rderkinder hei&szlig;t das dann: die Schwachen lernen am besten unter Schwachen, und Sonderschulen erscheinen als &bdquo;n&uuml;tzlich und n&ouml;tig&ldquo;. <\/p><p>Knobloch verteidigt die F&ouml;rderschulen ja auch ganz explizit: es werde &bdquo;<em>einfach geleugnet, dass f&ouml;rderbed&uuml;rftige Kinder auch eigene Einrichtungen [sic!] brauchen<\/em>&ldquo;. Was sie zweifellos brauchen, ist hochwertige, bedarfsgerechte F&ouml;rderung mit Hilfe von Kompetenzen aus den Disziplinen der Sonderp&auml;dagogik, der Rehabilitation und der Pflege. Aber was weder sie noch die Mehrheitsgesellschaft brauchen, sind Sonder-&bdquo;Einrichtungen&ldquo; die beide Lebenswelten trennen. Es gibt keinen Grund, warum der Ort, an dem dem individuellen F&ouml;rderbedarf entsprochen wird, nicht die Regelschule sein sollte. Ausnahmen m&ouml;gen die Regel best&auml;tigen: f&uuml;r geh&ouml;rlose Kinder (sehr gering an der Zahl) k&ouml;nnte der Erwerb der Deutschen Geb&auml;rdensprache (DGS) als &bdquo;Muttersprache&ldquo; wichtig sein, wof&uuml;r eine DGS-Community besser sein k&ouml;nnte als die vereinzelte Einstreuung in h&ouml;rende Gruppen. Entscheidungsleitend muss letztlich der Grundsatz des Kindeswohls sein, in ma&szlig;geblicher Abw&auml;gung mit dem Kindesrecht auf Inklusion. <\/p><p>Jedenfalls scheint Knobloch unbekannt geblieben zu sein, dass die einschl&auml;gige empirische Bildungsforschung zur Gen&uuml;ge belegt hat, dass &bdquo;F&ouml;rderschulen nicht f&ouml;rdern&ldquo;, dass insbesondere die Schulen f&uuml;r &bdquo;Lernbehinderte&ldquo; &ndash; die einzige Behinderungsart, die auf die Schulzeit befristet ist &ndash; in Wirklichkeit &bdquo;Restschulen f&uuml;rs Prekariat&ldquo; (Wocken) sind. Die Folgen sozialstruktureller Benachteiligung werden hier uminterpretiert zu individueller Beeintr&auml;chtigung. <\/p><p><strong>Fehlende Differenzierung zwischen Idee und &bdquo;Umsetzung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Knobloch differenziert weitestgehend nicht zwischen dem menschenrechtlich begr&uuml;ndeten Inklusions<em>ziel<\/em> und der Politik, die mit der Behauptung auftritt, dessen &bdquo;Umsetzung&ldquo; zu dienen. Stattdessen l&auml;sst er &bdquo;die Inklusion&ldquo; selbst als &Uuml;bel erscheinen, die &bdquo;<em>de facto allein [sic!] das k&uuml;hle Kalk&uuml;l der Bildungsprivatisierer<\/em>&ldquo; f&ouml;rdere. Die menschenrechtliche Fundierung der Inklusion scheint ihm nur als &bdquo;Antidiskriminierungskleid&ldquo; zu gelten, das sich die Privatisierer &uuml;berstreifen. Bei Differenzierung zwischen dem Zielgedanken und dem, was als &bdquo;Umsetzung&ldquo; auftritt, w&auml;re letztere anhand von Ma&szlig;st&auml;ben zu kritisieren, die ersterem entlehnt sind. Wenngleich Knobloch der &bdquo;Umsetzung&ldquo; einen eigenen Abschnitt gewidmet hat, zieht sich doch die Vermengung von Zielvorstellung und &bdquo;Umsetzungs&ldquo;praxis durch den ganzen Text und die Argumente zu dieser und jener erscheinen vielfach austauschbar. Auf diese Weise l&auml;sst sich keine aufkl&auml;rerisch-kritische Debatte f&uuml;hren. <\/p><p><strong>Inklusion und Bildungsprivatisierung<\/strong><\/p><p>Wenn es eine Agenda neoliberaler Bildungsprivatisierung bei Schule gibt[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>], dann ist sie &ndash; hier w&uuml;rde Knobloch sicher zustimmen &ndash; nicht von &bdquo;der Inklusion&ldquo; verursacht. Und selbstverst&auml;ndlich sind deren Agenda-Setter dann bestrebt, sich &bdquo;die Inklusion&ldquo; &ndash; eine Herausforderung, der man nicht einfach ausweichen kann &ndash; so zurecht zu biegen, dass sie da hineinpasst und wom&ouml;glich Privatisierung &bdquo;n&uuml;tzlich und n&ouml;tig&ldquo; erscheinen l&auml;sst. Das aber ist ein recht bekanntes Aktionsmuster des Neoliberalismus, der gern emanzipatorische (anti-etatistische, anti-b&uuml;rokratische, anti-diskriminierende) Kritiken am Status Quo aufgreift, um sie auf das Reich der &bdquo;Freiheit&ldquo; am Wettbewerbsmarkt hin zu kanalisieren. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Hilfreich w&auml;re sachlich fundierte Aufkl&auml;rung &uuml;ber die Agenda der Bildungsprivatisierung und deren Ans&auml;tze, sowie die Entwicklung von Gegenforderungen und -strategien. Schlie&szlig;lich trifft die Inklusionsdebatte auf ein Schulsystem, das ohnedies schon durch chronische Unterfinanzierung halb sturmreif geschossen ist, dessen soziale Selektivit&auml;t hinl&auml;nglich bekannt ist und dessen Lernbedingungen man h&auml;ufig auch keiner Regelsch&uuml;lerin zumuten m&ouml;chte. Oder mit Knoblochs eigenen Worten: &bdquo;<em>Tats&auml;chlich herrscht im &ouml;ffentlichen Bildungswesen seit Jahrzehnten das Rotstiftmilieu und die &ouml;ffentlichen Ausgaben f&uuml;r Schulen kennen nur eine Richtung: nach unten<\/em>.&ldquo; Sein Aufsatz hinterl&auml;sst aber den Eindruck, dass diejenigen, die Bildungsprivatisierung ablehnen, nicht zuletzt gegen Inklusion k&auml;mpfen m&uuml;ssten. Er schl&auml;gt den Sack und meint den Esel. <\/p><p><strong>Wortstreit zwischen Fahnenw&ouml;rtern?<\/strong><\/p><p>Knobloch &auml;u&szlig;ert sich sarkastisch &uuml;ber den &bdquo;Wortstreit zwischen den Fahnenw&ouml;rtern Integration und Inklusion&ldquo;. Der geht aber keineswegs um Kaisers Bart, sondern um den Unterschied zwischen einer &bdquo;Eingliederung&ldquo; in die voraussetzungsvollen vorgegebenen Strukturen und Strukturen, die so beschaffen sind, dass sie alle &bdquo;einschlie&szlig;en&ldquo; k&ouml;nnen. Den &bdquo;Integrationisten&ldquo; geht es nicht darum, die Kinder mit besonderen F&ouml;rderbedarfen &bdquo;f&uuml;r die Welt der &sbquo;normalen&lsquo; Kinder passend&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] zu machen, wie er schreibt, sondern um den Erhalt der hierarchisch-selektiven Schulstrukturen, die <em>sie<\/em> f&uuml;r &bdquo;n&uuml;tzlich und n&ouml;tig&ldquo; halten. <\/p><p>Indes ist der Wortstreit im Grunde bereits &uuml;berwunden. Und zwar mittels eines v&ouml;llig inflation&auml;ren Gebrauchs des Inklusionsbegriffs, der auch noch den bescheidensten Ansatz zur &bdquo;Eingliederung&ldquo; mit einem gro&szlig;en Schild &bdquo;Inklusion&ldquo; versieht. Herrschende Deutungsmacht (die der Herrschenden) hat den Begriff in der &ouml;ffentlichen Kommunikation l&auml;ngst seines Inhalts beraubt. <\/p><p>Tats&auml;chlich fordert Inklusion in Deutschland letztlich einen grundlegenden Wandel des &auml;u&szlig;eren (Schulstrukturen: Eine Schule f&uuml;r alle) und inneren (P&auml;dagogik, Didaktik: Zieldifferenz ist normal) Konzepts von Schule, einen regelrechten Systemwechsel. Der UN-Berichterstatter zur BRK, Vernor Munoz, beantwortete beim zweiten Inklusionskongress an der K&ouml;lner Uni (2010) die Frage, was sich aus seiner Sicht am deutschen Schulsystem &auml;ndern m&uuml;sse, damit es inklusiv wird, mit einem Wort: &bdquo;Alles.&ldquo; Ein auf Selektion und Exklusion basierendes System kann nicht mit einigen wenigen &bdquo;Anpassungen&ldquo; inklusiv werden. <\/p><p><strong>Zieldifferenz muss zur Regel werden<\/strong><\/p><p>Knobloch meint, die &bdquo;zieldifferente Inklusion&ldquo; als &bdquo;bester Orwell&ldquo; besage, &bdquo;<em>dass ein Kind, das die allgemeine Schule besucht, deren Leistungsziele keinesfalls erreichen wird<\/em>.&ldquo; K&ouml;nnte das Problem nicht an der Fiktion einheitlicher Leistungsziele f&uuml;r verschiedenartige Kinder liegen? W&auml;re zieldifferente Inklusion nicht auch ein Versprechen f&uuml;r Hochbegabte, von denen manche durch die &Ouml;dnis der Einheitslehrpl&auml;ne zu Schulversagern gemacht werden? Ist nicht Zieldifferenz &ndash; eine P&auml;dagogik und Didaktik, die jedem Kind nach Ma&szlig;gabe seines Entwicklungsstands die Herausforderungen bietet, an denen es wachsen kann, ohne seine Lernbegierde in Unter- oder &Uuml;berforderung einzub&uuml;&szlig;en &ndash; notwendige Normalit&auml;t in Einer Schule f&uuml;r alle? <\/p><p>Auf dem ersten K&ouml;lner Inklusionskongress (2007) beeindruckte mich der Bericht eines Berliner Gymnasiums, das einen taubblinden, schwer spastisch gel&auml;hmten Jungen bis zum Ende der Schulzeit zieldifferent integrierte, ja inkludierte. In der und durch die Umgebung seiner Mitsch&uuml;lerInnen (prospektiver Studierender) lernte er, sich zu verst&auml;ndigen, und kam so weit, dass er anschlie&szlig;end zun&auml;chst selbstbestimmt im betreuten Wohnen leben konnte. Angesichts seiner Beeintr&auml;chtigungen eine herausragende Leistung! Im R&uuml;ckblick war dies wohl sein individuelles zieldifferentes Lernziel. In der Sonder-Wohneinrichtung (unter &bdquo;seinesgleichen&ldquo;) konnte er sein erreichtes Niveau allerdings nicht halten, so dass dann doch die Heimunterbringung kam. Seither bin ich &uuml;berzeugt, dass Inklusion grunds&auml;tzlich keine Grenze kennt. <\/p><p>Und die &bdquo;psychisch und sozial Auff&auml;lligen&ldquo;, die jeden geordneten Unterricht sprengen? Die haben das gleiche Menschenrecht auf Bildung. Und die Frage, wie man sinnvoll mit ihnen umgeht, ohne ihr oder der Mitsch&uuml;lerInnen Bildungsrecht zu beeintr&auml;chtigen, kann und muss unabh&auml;ngig vom F&ouml;rderort beantwortet werden. Bislang kann Regelschule solche &sbquo;unzumutbaren&lsquo; Kinder aus der &bdquo;Welt der &sbquo;normalen&lsquo; Kinder&ldquo; in die F&ouml;rderschule abschieben (so sie nicht von vornherein dort landen), ohne sich fragen zu m&uuml;ssen, ob und wie sie anderen F&ouml;rdersch&uuml;lerInnen &sbquo;zumutbar&lsquo; werden, welche Settings also Gelingensbedingungen in beiden Richtungen sind.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] <\/p><p><strong>Die Kritik der &bdquo;Umsetzung&ldquo; muss auf die Umsetzung der Kritik zielen<\/strong><\/p><p>Nicht &bdquo;die Inklusion&ldquo; ist ein Problem &ndash; im Gegenteil -, sondern die Weigerung der Politik &ndash; hier ebenso wie generell im Sozialen und in der Daseinsvorsorge &ndash; die personellen und s&auml;chlichen Ressourcen systematisch zu mobilisieren, die <em>zugleich<\/em> f&uuml;r eine Instandsetzung der Regelschule und f&uuml;r ihren Umbau zu einem attraktiven und leistungsf&auml;higen Inklusivsystem erforderlich sind. Die &bdquo;Umsetzung&ldquo;, die Politik der Inklusion angedeihen l&auml;sst, erinnert in gewisser Weise &ndash; man verzeihe die Analogie von Unvergleichbarem &ndash; an die stalinistische &bdquo;Umsetzung&ldquo; des Sozialismus. Sie droht derart f&uuml;rchterlich zu geraten, dass am Ende kaum noch jemand damit was zu tun haben will. Inklusionswillige Eltern wenden sich teils von einer zur Inklusion umetikettierten schlechten Integration ab und glauben (wieder), die F&ouml;rderschule sei doch der bessere Ort f&uuml;r ihr Kind. Bei der &bdquo;Umsetzung&ldquo; besteht tats&auml;chlich dringender Bedarf an radikaler, an die Wurzeln gehender Kritik und an politischer Gegenwehr, die ihre Ma&szlig;st&auml;be vom Kindesrecht auf Inklusion (u.a. &bdquo;Annehmbarkeit&ldquo;) herleitet. Dann ginge es nicht zuletzt um die Kritik der enormen Verteilungsungleichheit und klassengesellschaftlicher Sozialhierarchien sowie um deren &Uuml;berwindung. Dabei sollte die Umsetzungskritik aber keine Position des &bdquo;Nein, wenn nicht&ldquo; einnehmen, indem sie den Einstieg in den Wandel von Vorbedingungen abh&auml;ngig macht. Dergleichen w&uuml;rde nur zur Verl&auml;ngerung der &bdquo;deutschen Krankheit der Beginnlosigkeit&ldquo; beitragen, wie ein leidgepr&uuml;fter &auml;lterer Integrationsp&auml;dagoge formulierte. Hier geht es um &bdquo;Ja, aber&ldquo;, bei scharfer Konturierung des &bdquo;Aber&ldquo;.<\/p><p>Auch Knobloch &uuml;bt Umsetzungskritik, wenn er von einer &bdquo;unverantwortlichen Praxis der Implementierung&ldquo; spricht, die &bdquo;die Schulen v&ouml;llig unvorbereitet in die Inklusion hineinstolpern&ldquo; l&auml;sst. Aber daraus folgt &ndash; leider &ndash; zumindest in diesem seinem Beitrag nichts, was Perspektiven bieten k&ouml;nnte. Und ganz am Ende seines Textes kommt das z&auml;hneknirschende Bekenntnis: &bdquo;<em>Am Ende verbeuge ich mich auch vor dem Gesslerhut Inklusion: Niemand wird abstreiten, dass es einen berechtigten Kern f&uuml;r Inklusionsforderungen gibt<\/em>.&ldquo; Wer hier ein anerkanntes Menschenrecht als Gesslerhut bezeichnet, w&uuml;rde sich vermutlich (und zu Recht) emp&ouml;ren, wenn andere das bez&uuml;glich anderer Menschenrechte t&auml;ten. In Sonntagsreden Menschenrechte zu proklamieren, z&auml;hlt nicht zu den Verbrechen des Kapitalismus, wohl aber, sie allt&auml;glich mit F&uuml;&szlig;en zu treten. Die Auseinandersetzung k&ouml;nnte konstruktiver werden &ndash; wenngleich wom&ouml;glich nicht minder kontrovers &ndash; wenn Knobloch erkennen lie&szlig;e, worin der &bdquo;berechtigte Kern&ldquo; aus seiner Sicht denn bestehe und was denn notwendig sei, um dem insoweit einger&auml;umten Recht Gen&uuml;ge zu tun. Aber das bleibt &ndash; leider &ndash; v&ouml;llig im Dunklen.<\/p><p><em><strong>Nachbemerkung:<\/strong> Die Replik erfolgt im Einverst&auml;ndnis mit Clemens Knobloch<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] <strong>Daniel Kreutz<\/strong> war von 1990 bis 2000 Abgeordneter des nordrhein-westf&auml;lischen Landtags f&uuml;r B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen. Anschlie&szlig;end war er bis 2010 Referent f&uuml;r Sozialpolitik beim Sozialverband Deutschland (SoVD) e.V., Landesverband NRW. Seither engagiert er sich ehrenamtlich in der Sozialpolitik des SoVD auf Landes- und Bundesebene.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Alle Kinder sind &bdquo;F&ouml;rderkinder&ldquo;. Art und Umfang des F&ouml;rderbedarfs sind individuell verschieden.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Wom&ouml;glich &ndash; horribile dictu &ndash; k&ouml;nnten &bdquo;national-soziale&ldquo; Globalisierungs&ldquo;kritiker&ldquo; ihn mitsamt der anti-neoliberalen Kritik goutieren.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Wieso sind die &bdquo;lernbehindert&ldquo;? <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Die sind meist schon in Regelschulen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Soweit ich das beurteilen kann, liefert die NRW-Schulstatistik noch keine klaren Indizien f&uuml;r einen Privatschulboom als Antwort des Bildungsb&uuml;rgertums auf &bdquo;die Inklusion&ldquo;. Manche Gr&uuml;ndungen privater Ersatzschulen sind durch Bestrebungen &bdquo;besserer Integration&ldquo; motiviert und die Sch&uuml;lerzahl privater Gymnasien ist gegen&uuml;ber 2009\/2010 r&uuml;ckl&auml;ufig. Eine auff&auml;llige Zunahme gibt es bei privaten Berufskollegs. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Bei der Pflegepolitik haben Bertelsmann\/Prognos bspw. den Wunsch der gro&szlig;en Mehrheit, nicht ins Heim zu m&uuml;ssen, sondern selbstbestimmt in eigener H&auml;uslichkeit zu leben, als Leimrute f&uuml;r ein sparpolitisches Budgetierungskonzept missbraucht. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Es ist gerade die Trennung der &bdquo;Welten&ldquo; von Kindern mit und ohne Beeintr&auml;chtigung, die dringend der &Uuml;berwindung bedarf. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Vgl. auch: Eibe Riedel, Zur Wirkung der internationalen Konvention &uuml;ber die Rechte von Menschen mit Behinderung und ihres Fakultativprotokolls auf das deutsche Schulsystem, Mannheim\/Genf 2001. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn die Ver&ouml;ffentlichung von Clemens Koblochs geharnischte Kritik der Debatte &uuml;ber die Inklusion von Kindern mit besonderen F&ouml;rderbedarfen in Regelschulen auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24597\">Nachdenkseiten<\/a> schon mehr als ein halbes Jahr zur&uuml;ckliegt, sollte sie nicht ohne eine Entgegnung an gleicher Stelle bleiben. Denn die Nachdenkseiten sind als aufkl&auml;rerisch-kritisches Medium bekannt, und Clemens Knobloch, Professor an<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27488\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[151,123,152,146],"tags":[1127,409,1282],"class_list":["post-27488","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildungspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-schulsystem","category-soziale-gerechtigkeit","tag-behinderte","tag-bildungschancen","tag-bildungsinklusion"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27488","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27488"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27488\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27494,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27488\/revisions\/27494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27488"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27488"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27488"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}