{"id":275,"date":"2004-01-27T14:38:01","date_gmt":"2004-01-27T13:38:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=275"},"modified":"2016-04-04T09:21:51","modified_gmt":"2016-04-04T07:21:51","slug":"stoibers-amtliche-panikmache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=275","title":{"rendered":"Stoibers amtliche Panikmache"},"content":{"rendered":"<p>50.000 Arbeitspl&auml;tze wandern monatlich aus Deutschland ab, so der bayerische Ministerpr&auml;sident auf seinem Neujahrsempfang am 1.1.04 wie zuvor auch schon in der Fernsehsendung &bdquo;Berlin Mitte&ldquo;. Belegen kann Stoiber diese Zahl nicht. Sie ist offenbar frei erfunden und Teil einer Kampagne gegen die rot-gr&uuml;ne Regierung, wobei die Betreiber dieser Kampagne wohl ohne Z&ouml;gern mit einkalkulieren, den Ruf des Standorts Deutschland weiter zu besch&auml;digen.<br>\n<!--more--><br>\nDer bayerische Ministerpr&auml;sident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber hat in der Fernsehsendung &bdquo;Berlin Mitte&ldquo; vom 18. Dezember 2003 und dann noch einmal bei seinem Neujahrsempfang dramatisch darauf hingewiesen, aus Deutschland w&uuml;rden im Monat 50.000 Arbeitspl&auml;tze ins Ausland verlagert, aufs Jahr gerechnet 600.000. Weil dies ein ernstes Problem ist und in der Tat Betriebe und Betriebsteile immer wieder in verschiedene Teile der Welt verlagert werden, wollte ich genaues wissen. Von der bayerische Staatskanzlei wollte ich wissen, auf welche Quellen sich Ministerpr&auml;sident Stoiber st&uuml;tzt und ob die genannte Zahl brutto oder netto gemeint ist, ob also monatlich 50.000 Arbeitspl&auml;tze abwandern und eine von Stoiber nicht genannte Zahl von Arbeitspl&auml;tzen hierher nach Deutschland verlagert wird. Oder ob diese Zuwanderung bei der genannten Zahl von 50.000 schon gegengerechnet ist. Dann w&auml;re die Zahl von 50.000 in der Tat dramatisch. <\/p><p>Ich habe bisher weder von der bayerischen Staatskanzlei noch vom bayerischen Wirtschaftsministerium, an das ich weiter verwiesen worden war, irgend eine Auskunft bekommen. <\/p><p>Nach dieser Null-Auskunft habe ich versucht, beim Berliner Bundeswirtschaftsministerium Daten zu erfahren. Dort hie&szlig; es, man &bdquo;habe leider keine Daten &uuml;ber Verlagerung von Arbeitspl&auml;tzen ins Ausland und zur&uuml;ck.&ldquo; Dieser Auskunft glaube ich, aber ich wundere mich dar&uuml;ber, mit welcher Leichtfertigkeit ein Ministerpr&auml;sident mit diesem ernsten Thema und mit den Sorgen vieler Menschen spielt, und mit welcher Dreistigkeit er konkrete Zahlen nennt, ohne Belege daf&uuml;r zu haben. <\/p><p>Bei weiteren Recherchen bin ich dann auf Einsch&auml;tzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) vom Mai vergangenen Jahres gesto&szlig;en. Nach diesen Einsch&auml;tzungen gehen j&auml;hrlich (nicht monatlich) 50.000 Arbeitspl&auml;tze durch Produktionsverlagerungen verloren. Nach dieser Einsch&auml;tzung also 50.000 statt der von Stoiber genannten 600.000 im Jahr. Danach h&auml;tte Stoiber glatt die Unwahrheit gesagt &ndash; um Panik verbreiten zu k&ouml;nnen oder auch nur aus Wichtigtuerei.<\/p><p>Die Panikmache von Herrn Stoiber ist unverantwortlich, weil es einerseits keinen Grund f&uuml;r diese Art von Dramatisierung gibt und andererseits diese Panikmache unser Problem versch&auml;rft, statt es zu entsch&auml;rfen. Denn auch Unternehmer und Unternehmensleitungen sind bei ihren Investitionsentscheidungen von Stimmungen abh&auml;ngig. Wenn als unmodern oder als unf&auml;hig zur richtigen Kostenrechnung und zur Wahrnehmung von Steuervorteilen erscheint, wer Arbeitspl&auml;tze nicht verlagert, dann wird mit wiederkehrenden &Auml;u&szlig;erungen vom Typ Stoiber die Neigung zur Verlagerung erh&ouml;ht. Diese Vermutung wird durch Erfahrungen und durch Untersuchungen best&auml;tigt. In der zweiten H&auml;lfte der 1990er Jahre gab es einen richtigen Abwanderungsboom, der offenbar auch von Stimmungen gespeist war. &ldquo;Wir beobachten &hellip; einen deutlichen Strom von R&uuml;ckenkehrern nach Deutschland. W&auml;hrend vor sechs Jahren lediglich eine R&uuml;ckkehr auf 6,5 auswandernde Unternehmen kam, bel&auml;uft sich das Verh&auml;ltnis nunmehr auf eins zu drei &ldquo;, stellt der mit dem Thema Verlagerung befasste Wissenschaftler des Fraunhofer Institut (ISI) in Karlsruhe nach einer Befragung von Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, die im letzten Jahr ver&ouml;ffentlicht wurde, fest. Erstmals seit 1995 sei ein R&uuml;ckgang der Produktionsverlagerung zu verzeichnen. Bei Gro&szlig;betrieben komme auf jeden zweiten Verlagerer heute schon ein R&uuml;ckverlagerer. <\/p><p>Die Karlsruher Wissenschaftler warnen die Unternehmen davor, die so genannten Overhead-Kosten &ndash; also z.B. die Kosten der Sprachunterschiede, der Organisation der Verlagerung und der Arbeitsteilung mit einem Betriebsteil im Ausland &ndash; zu untersch&auml;tzen. Und sie raten dringend dazu, auch eine Prognose &uuml;ber die Kostenentwicklung im Land zu machen, wohin man verlagern will. Oftmals, so der Karlsruher Wissenschaftler Kinkel, w&uuml;rden nur Ist-Zust&auml;nde verglichen. H&auml;ufig lasse sich die erw&uuml;nschte Leistung auch ohne Standortverlagerung erreichen.<\/p><p>Die Forscher in Karlsruhe haben auch erhoben, welches die Motive f&uuml;r den Aufbau von Produktionsst&auml;tten in Ausland sind. Mit 65 Prozent rangierten an erster Stelle die &bdquo;Kosten der Produktionsfaktoren&ldquo;; dann folgten aber schon mit 60 Prozent die &bdquo;Markterschlie&szlig;ung&rdquo;; und dann mit 34 Prozent die &bdquo;N&auml;he zu Gro&szlig;kunden in&ldquo;. Es gibt also Gr&uuml;nde zur Verlagerung, die man nicht wegwischen kann und die auch nicht negativ beurteilt werden m&uuml;ssen. Wenn Investitionen im Ausland zur Markterschlie&szlig;ung stattfinden, dann hilft das auch der zu Hause gebliebenen Produktion, Entwicklung und Forschung.<br>\nDas Fazit der Karlsruher Wissenschaftler: Aus der Verbindung von inl&auml;ndischen und ausl&auml;ndischen Produktionsst&auml;tten ergeben sich offensichtlich Marktchancen und Steuerungsm&ouml;glichkeiten, die nicht nur f&uuml;r diese Unternehmen insgesamt Wachstumsimpulse setzen, sondern auch f&uuml;r die Unternehmensteile, die in Deutschland angesiedelt sind, Besch&auml;ftigungschancen mit sich bringen.<\/p><p>Die Studie aus dem Jahre 2002 wie auch neuere &Auml;u&szlig;erungen der mit dieser Untersuchung betrauten Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts zeigen deutlich, dass wir alle wie auch die deutsche Wirtschaft ein Interesse daran haben m&uuml;ssen, dass Investitions-, Verlagerungs- und R&uuml;ckverlagerungsentscheidungen mit klaren Kopf gef&auml;llt werden. Die falschen, &uuml;bertreibenden und immer wiederholten &Auml;u&szlig;erungen des bayerischen Ministerpr&auml;sidenten verst&auml;rken den Trend zur Verlagerung und st&ouml;ren die rationale Entscheidungsfindung. Wer auf Stoiber h&ouml;rt, ist jedenfalls schlecht beraten. Das zeigt die Studie des Fraunhofer-Instituts recht klar. <\/p><p>Es gab einmal, im April 1975, eine ber&uuml;hmte Rede des damaligen Vorsitzenden der CSU, Franz Josef Strau&szlig;, die so genannte Sonthofener Rede. Damals hat Strauss, um der Regierung Schmidt das Leben schwer zu machen, seinen Parteifreunden die Strategie empfohlen, &bdquo;es m&uuml;sse immer tiefer sinken&ldquo;, es m&uuml;sse wirtschaftlich immer schlechter gehen, damit die Union bessere Chancen hat, zur Macht im Bund zur&uuml;ckzukehren. Ein bisschen erinnern die heutigen Reden Stoibers zur Verlagerung an den damaligen Strau&szlig;, seinen Vorg&auml;nger und ehemaligen Chef.<\/p><p><em>&copy; vorw&auml;rts<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>50.000 Arbeitspl&auml;tze wandern monatlich aus Deutschland ab, so der bayerische Ministerpr&auml;sident auf seinem Neujahrsempfang am 1.1.04 wie zuvor auch schon in der Fernsehsendung &bdquo;Berlin Mitte&ldquo;. Belegen kann Stoiber diese Zahl nicht. 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