{"id":2750,"date":"2007-11-07T08:35:35","date_gmt":"2007-11-07T07:35:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2750"},"modified":"2019-03-02T13:06:00","modified_gmt":"2019-03-02T12:06:00","slug":"newsweek-ueber-angela-merkel-ein-medienspiel-ueber-die-amerikanische-bande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2750","title":{"rendered":"Newsweek \u00fcber Angela Merkel \u2013 Ein Medienspiel \u00fcber die amerikanische Bande"},"content":{"rendered":"<p>Der Aufmacher in der fr&uuml;her einmal links-liberal geltenden amerikanischen Wochenzeitung &uuml;ber einen angeblichen Links-Ruck in Deutschland kam wie gerufen. Die Sprachrohre der Reformpolitik vom &bdquo;Spiegel&ldquo; &uuml;ber die &bdquo;Welt&ldquo; bis hin zur &bdquo;Zeit&ldquo; stiegen m&auml;chtig darauf ein. BILD machte sogar mit der Schlagzeile auf: &ldquo;US-Magazin nennt Angela Merkel ,verlorene&rsquo; Kanzlerin&rdquo;. Was unterging: Mit einer Ausnahme stammen die Meinungsmacher in Newsweek alle aus Deutschland, so etwa der fr&uuml;here Bundesau&szlig;enminister Joschka Fischer, Zeit-Herausgeber Josef Joffe oder  der BILD-Kolumnist Hugo M&uuml;ller-Vogg.  Autoren, die in Deutschland mit ihrer Reformeuphorie kaum noch ernst genommen werden, benutzten jetzt die USA als ihren Resonanzboden. Dazu die SZ s&uuml;ffisant:  Das US-Spezifische der Hauptgeschichte besteht darin, dass sie von einem nach Pittsburgh ausgewanderten Deutschen auf Englisch geschrieben wurde, der offenbar seit 2001 Deutschland-Korrespondent von Newsweek ist. Seine Hauptquellen sind das Allensbach-Institut, der Forsa-Chef, Zeit-Kommentator J&ouml;rg Lau und ein in London lebender Chef-&Ouml;konom der Bank of America mit dem Namen Holger Schmieding. Unser Leser Roger Strassburg hat einen Leserbrief an Newsweek geschrieben.<br>\n<!--more--><br>\nAn die Redaktion der Zeitschrift Newsweek:<\/p><p>ich bin ein in Deutschland lebender Amerikaner, und m&ouml;chte die Beitr&auml;ge in der 29. Oktober Ausgabe &uuml;ber Reformen in Deutschland und deren mangelnde Akzeptanz in der Bev&ouml;lkerung kommentieren.<\/p><p>Der Artikel von Stefan Thiel &uuml;ber Angela Merkel und die Reformen in Deutschland ist voller Halbwahrheiten und Klischees.<\/p><p>Es stimmt, dass die meisten Deutschen den Sozialstaat bevorzugen. Ich m&ouml;chte aber gerne der Behauptung widersprechen, dass die Deutschen nach links r&uuml;cken w&uuml;rden. Tatsache ist, dass sie nie wirklich nach rechts ger&uuml;ckt sind. Es sind ihnen vielmehr Rezepte von Rechts verkauft worden, die angeblich den Sozialstaat retten sollten. Doch diese Rezepte haben den Sozialstaat eher abgebaut, als gerettet.<\/p><p>Es stimmt auch, dass die deutsche Industrie w&auml;chst. Leider wachsen haupts&auml;chlich die exportorientierten Sektoren. M&auml;rkte, die von der Binnennachfrage abh&auml;ngen, stagnieren. Diese bilden &uuml;ber 60% des BIP. Der &bdquo;unglaubliche Boom&ldquo; der deutschen Wirtschaft betrug 2006 ganze 2,9 Prozent, gesch&auml;tzt werden 2,4 Prozent f&uuml;r 2007 und 2 Prozent f&uuml;r 2008 (Bloomberg.com). Das einzig Unglaubliche ist, dass dieses bescheidene Wachstum als Boom bezeichnet wird.<\/p><p>Es ist auch merkw&uuml;rdig, in einem amerikanischen Nachrichtenmagazin zu lesen, dass einem &Ouml;konom wegen Mindestl&ouml;hne die Haare zu Berge stehen w&uuml;rden. Anders als die meisten europ&auml;ischen L&auml;nder und die USA hat Deutschland keinen Mindestlohn. Wo stehen in diesen L&auml;ndern den &Ouml;konomen die Haare zu Berge? Tats&auml;chlich sind in den L&auml;ndern, wo es Mindestl&ouml;hne gibt, mehr Wachstum und h&ouml;herere Besch&auml;ftigung zu beobachten, als in Deutschland. K&ouml;nnte es sein, dass h&ouml;here L&ouml;hne durch erh&ouml;hte Nachfrage die Wirtschaft ankurbeln?<\/p><p>Thiel f&uuml;hrt die erh&ouml;hte Besch&auml;ftigung bei denen an, die fr&uuml;her wenig Chancen hatten, einen Arbeitsplatz zu finden, wie z.B. &Uuml;berf&uuml;nfzigj&auml;hrige(!). Was er nicht sagt, ist, dass die erh&ouml;hte Besch&auml;ftigung haupts&auml;chlich in Form von Billig-Jobs &ndash; manche f&uuml;r nur einen Euro (unter 3 Dollar!) in der Stunde &ndash;, und dass viele dieser Arbeitnehmer Einkommenszusch&uuml;sse vom Staat ben&ouml;tigen, um ihre Lebenskosten zu decken. Einkommenszusch&uuml;sse versorgen im Endeffekt Arbeitgeber mit billiger Arbeit &ndash; auf Kosten der Steuerzahler.<\/p><p>Apropos Steuerzahler: Von den Steuersenkungen der letzten Zeit haben nur die Wirtschaft und Besserverdiener profitiert, w&auml;hrend Verbraucher eine Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent ertragen mussten. Der Spitzensteuersatz wurde reduziert, diverse Unternehmenssteuern w&uuml;rden gesenkt oder eliminiert. Die Hans-B&ouml;ckler-Stiftung schrieb 2005, dass trotz einem nominalen Unternehmenssteuersatz von 38,7 Prozent, die tats&auml;chliche Steuerbelastung lediglich 22,6 Prozent betr&auml;gt, weit unter dem EU-Durchschnitt von 28,8 Prozent. Trotzdem fordern die Reformprediger immer noch weitere Steuersenkungen f&uuml;r Unternehmen und Reiche.<\/p><p>Angesichts dieser Verlagerung der Steuerlast von Unternehmen und Besserverdiener auf Arbeitnehmer ist es nicht schwer zu verstehen, warum Wirtschaftsf&uuml;hrer, die normalerweise staatliche Interventionen und Subventionen als wirtschaftssch&auml;dlich betrachten, staatliche Lohnsubventionen bef&uuml;rworten. Arbeitnehmer finanzieren sie mit ihren Steuern, und Unternehmen profitieren davon.<\/p><p>An was Deutschland zur Zeit kr&auml;nkelt ist nicht der vermeintliche Mangel an Konkurrenzf&auml;higkeit im globalen Markt, sonder die fehlende Konsumnachfrage im Inland. Diese Situation w&uuml;rde durch die Mehrwertsteuererh&ouml;hung, die minimale Lohnentwicklung und die Verlagerung der Kosten f&uuml;r Gesundheit und Altersversorgung vom parit&auml;tischen, einkommensabh&auml;ngigen Beitragssystem auf den Arbeitnehmer nicht besser. Da Arbeitgeberbeitr&auml;ge zu Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherungen eigentlich Teile der Arbeitsverg&uuml;tung sind, ist die Verlagerung dieser vom Arbeitgeber auf die Arbeitnehmer in Wirklichkeit eine Lohnsenkung, was die Konsumnachfrage weiter schw&auml;cht.<\/p><p>Die Bezeichnung der Linkspartei als &bdquo;radikal&ldquo; ist &uuml;bertrieben. Die Linkspartei steht politisch etwa da, wo die Sozialdemokraten fr&uuml;her standen. Und  Lafontaine ist nicht fremdenfeindlicher als der durchschnittlicher Demokrat in den USA (und weniger als manche Republikaner). Er lehnt einfach die Praxis ab, ausl&auml;ndische Arbeiter auszubeuten, um inl&auml;ndische L&ouml;hne zu dr&uuml;cken. Es ist nicht der ehemalige Vorsitzende der Sozialdemokraten Lafontaine, der nach links ger&uuml;ckt ist, sondern seine damalige Partei, die sich erheblich nach rechts bewegt hat, und das traditionelle Parteiklientel im Stich gelassen hat.<\/p><p>Es ist auch wahr, dass die meisten Deutschen die Privatisierung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen und Versorgungsbetriebe ablehnen. Es ist den meisten Menschen schwer verst&auml;ndlich, weshalb der Verkauf &ouml;ffentlicher Unternehmen unter Wert an private Anleger sinnvoll ist, zumal private Anbieter nicht nur ihre Kosten decken m&uuml;ssen, sondern noch obendrein einen Gewinn brauchen, was die Preise f&uuml;r die Verbraucher steigen l&auml;sst, ohne dass sie daf&uuml;r eine Gegenleistung bekommen. Wobei die Deutsche Telekom seit ihrer Privatisierung die Preise etwas reduziert hat, ist das Gegenteil in anderen Bereichen der Fall, wie bei den im Gro&szlig;en und Ganzen unregulierten Strom- und Gasunternehmen, deren Preise in Folge der Privatisierung und Konsolidierung erheblich gestiegen sind.<\/p><p>Die wirtschaftlichen &bdquo;Reformen&ldquo; in Deutschland galten bisher nur Lohnkosten und Steuern. Das skurrile daran ist, dass bislang so viel Aufmerksamkeit auf die Reduzierung von Lohnkosten um ein paar Prozentpunkte gerichtet war, w&auml;hrend die Steigung des Euro-Werts im gleichen Zeitraum um mehr als 60 Prozent, was die Preise f&uuml;r deutsche Exporte entsprechend steigen lie&szlig;, weitgehend ignoriert wurde &ndash; und sogar durch die restriktiven Politik der Europ&auml;ische Zentralbank noch versch&auml;rft. Trotz der vermeintlich hohen Arbeitskosten und hoher Euro-Bewertung hat Deutschland einen riesigen Handels&uuml;berschuss.<\/p><p>Die Deutschen sind aus einem einfachen Grund mit der Reformagenda ungl&uuml;cklich: Die Fr&uuml;chte kommen haupts&auml;chlich einer kleinen Minderheit zugute. Ist es seltsam, dass sie mit solchen &Auml;nderungen unzufrieden sind? W&uuml;rde Newsweek einen solch einseitigen Artikel schreiben, wenn es Amerikaner w&auml;ren, die auf einer &auml;hnlichen Situation in den USA reagierten? Ich glaube eher nicht.<\/p><p>Es ist entt&auml;uschend zu sehen, wie Newsweek einen Journalist von der Boulevardzeitung Bild zitiert &ndash; eine Zeitung, die Werbung mit Journalismus kombiniert, wie z.B. bei einer Zusammenarbeit in letzter Zeit zwischen Bild, T-Online und der Allianz-Versicherung, wo Werbung f&uuml;r private Rentenversicherung mit redaktionellen Beitr&auml;gen begleitet wurde. Das ist kein seri&ouml;ser Journalismus.<\/p><p>Dieser Artikel samt seiner &bdquo;Experten-&ldquo; Meinungen ist nichts anderes als die Fortsetzung der deutschen Reformpropaganda auf amerikanischem Boden. Die Experten, deren Beitr&auml;ge in dieser Newsweek-Ausgabe ver&ouml;ffentlicht wurden, sind Teil der Kampagne gegen den deutschen Sozialstaat: Joschka Fischer als Teil der ehemaligen Schr&ouml;der-Regierung, und Hugo M&uuml;ller-Vogg und Josef Joffe als Bef&uuml;rworter der Reformen in ihren jeweiligen Zeitungen. Es w&auml;re viel glaubw&uuml;rdiger gewesen, wenn Newsweek auch Beitr&auml;ge von National&ouml;konomen wie Albrecht M&uuml;ller, Heiner Flassbeck, Gustav Horn oder Peter Bofinger, dem Soziologen Christoph Butterwegge, oder amerikanischen &Ouml;konomen wie Robert Solow, Joseph Stiglitz oder Paul Krugman gebracht h&auml;tte.<\/p><p>Leider war ihre Reportage v&ouml;llig einseitig, und berichtete nur &uuml;ber die Fakten, die die Reform-Propagandisten in Deutschland benutzen, um ihre &Auml;nderungen durchzusetzen &ndash; von den gleichen Sprechblasen pr&auml;sentiert, die wir seit Jahren in Deutschland h&ouml;ren mussten.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nRoger Strassburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aufmacher in der fr&uuml;her einmal links-liberal geltenden amerikanischen Wochenzeitung &uuml;ber einen angeblichen Links-Ruck in Deutschland kam wie gerufen. Die Sprachrohre der Reformpolitik vom &bdquo;Spiegel&ldquo; &uuml;ber die &bdquo;Welt&ldquo; bis hin zur &bdquo;Zeit&ldquo; stiegen m&auml;chtig darauf ein. BILD machte sogar mit der Schlagzeile auf: &ldquo;US-Magazin nennt Angela Merkel ,verlorene&rsquo; Kanzlerin&rdquo;. 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