{"id":27525,"date":"2015-09-11T09:22:59","date_gmt":"2015-09-11T07:22:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27525"},"modified":"2015-09-14T16:59:02","modified_gmt":"2015-09-14T14:59:02","slug":"die-faz-und-ihre-reichen-verteidigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27525","title":{"rendered":"Die FAZ und ihre \u201eReichen-Verteidigung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Artikel, bei denen man gar nicht mehr aus dem Staunen herauskommt. Der gestern ver&ouml;ffentlichte FAZ-Artikel <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/evs-die-ausgaben-der-reichen-13795334.html\">&bdquo;Luxus ist den Reichen fremd&ldquo;<\/a> von Patrick Bernau geh&ouml;rt zweifelsohne dazu. F&uuml;r Bernau ist die Welt &ndash; wie stets bei ihm &ndash; vollkommen in Ordnung. Luxus? Gibt es nicht. Und wenn, dann ist dies eine kaum wahrnehmbare Ausnahme. &bdquo;Die reichen Deutschen&ldquo; geben laut Bernau ihr Geld nicht f&uuml;r &bdquo;Boote, Diamanten oder teure Restaurants&ldquo;, sondern &bdquo;bemerkenswert pragmatisch&ldquo; aus. Als Quelle dieser ungew&ouml;hnlichen Erkenntnis gibt Bernau die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Bundesamts f&uuml;r Statistik aus. Das ist drollig, werden bei eben dieser Erhebung doch s&auml;mtliche Haushalte mit einem Nettoeinkommen von mehr als 18.000 Euro pro Monat gar nicht erst erfasst. Welche statistischen Aussagen &uuml;ber &bdquo;Reiche&ldquo; will Bernau also aus einem Datenpool treffen, in dem gar keine &bdquo;Reichen&ldquo; vorhanden sind? Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7721\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-27525-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150914_Reichen_Verteidigung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150914_Reichen_Verteidigung_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150914_Reichen_Verteidigung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150914_Reichen_Verteidigung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=27525-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150914_Reichen_Verteidigung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150914_Reichen_Verteidigung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die &bdquo;Reichen&ldquo; von denen Bernau spricht, sind Haushalte mit einem Einkommen zwischen 5.000 und 18.000 Euro, das oberste Einkommensf&uuml;nftel der nach oben abgeschnittenen Datenmenge &ndash; schaut man sich die EVS genau an, sieht man auch schnell, dass der untere Einkommensbereich innerhalb dieser Gruppe im Datenpool massiv &uuml;berrepr&auml;sentiert ist. Wir reden hier also &uuml;ber Haushalte, die beispielsweise so aussehen k&ouml;nnten:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Das Lehrerehepaar mit drei kleinen Kindern, das bei Besoldungsstufe A14 auf ein Jahresbruttoeinkommen &ndash; je nach Dienstalter &ndash; zwischen 88.000 und 111.000 Euro kommt und damit netto in der Gruppe von Bernaus &bdquo;Reichen&ldquo; liegt.<\/li>\n<li>Die alleinstehende Chefsekret&auml;rin (56.000 Euro brutto), die zusammen mit ihrem Sohn, der sich in der Ausbildung (12.000 Euro brutto) befindet und ihrer Rente beziehenden Mutter (12.000 Euro brutto) in einem Haushalt zusammenlebt.<\/li>\n<\/ol><p>Sicher sind diese beiden Beispielhaushalte nicht arm, aber w&uuml;rden Sie sie als reich bezeichnen? Ganz sicher nicht. Und dass diese Haushalte nicht unbedingt verd&auml;chtig sind, ihr Geld f&uuml;r Yachten, Diamantenkolliers oder 5-G&auml;nge-Menus im Sternetempel auszugeben, versteht sich eigentlich von selbst. Auch Patrick Bernau d&uuml;rfte diese Erkenntnis nicht &uuml;berraschen und das Ganze w&auml;re wohl auch keinen Artikel im FAZ-Wirtschaftsressort wert. Etwas anderes sieht es nat&uuml;rlich aus, wenn man diese Haushalte durch einen Trick f&uuml;r &bdquo;reich&ldquo; erkl&auml;rt und ihr Ausgabenverhalten als statistisch repr&auml;sentatives Ergebnis f&uuml;r die Schicht der &bdquo;Reichen&ldquo; verkauft und dem Ganzen auch noch den seri&ouml;sen Stempel des Bundesamtes f&uuml;r Statistik verpasst. <\/p><p>Da die Einkommen in Deutschland gemessen an der Produktivit&auml;t viel zu gering sind, befinden sich die oben genannten Beispielhaushalte unter den oberen zwanzig Prozent in der Einkommensskala &ndash; vor allem dann, wenn man die Haushalte mit mehr als 18.000 Euro netto pro Monat gar nicht ber&uuml;cksichtigt. Bernau folgert nun, wer zum &bdquo;obersten F&uuml;nftel&ldquo; geh&ouml;rt, muss auch &bdquo;reich&ldquo; sein. Das ist nat&uuml;rlich all zu durchsichtig und ziemlicher Unfug. Lassen Sie mich die Vorgehensweise Bernaus einmal an einem anderen, leicht zu verstehenden Beispiel aufzeigen:<\/p><p>Wir haben eine Gruppe aus zehn Menschen, darunter f&uuml;nf S&auml;uglinge, drei 5-j&auml;hrige Kleinkinder, ein 14-j&auml;hriger Sch&uuml;ler und ein 92-j&auml;hriger Greis. Der 14-j&auml;hrige Sch&uuml;ler geh&ouml;rt in dieser Gruppe zum obersten Altersf&uuml;nftel. W&uuml;rden Sie nun aber wagen, ihn als Beispiel f&uuml;r einen &bdquo;Alten&ldquo; zu w&auml;hlen? Noch absurder wird es, wenn man die Erhebungsmethoden des Statistischen Bundesamtes bzgl. reicher Haushalte an diese Gruppe anlegt. Dann m&uuml;sste n&auml;mlich der 92-j&auml;hrige Greis aus dem Datenpool verschwinden, da er ein &bdquo;statistischer Ausrutscher&ldquo; ist, &uuml;ber den man angeblich keine &bdquo;gesicherten Daten&ldquo; erheben kann. Wenn man also die statistischen Methoden der von Bernau verwendeten Einkommens- und Verbrauchsstichprobe an unsere Gruppe ansetzt, w&auml;re der Greis gar nicht mehr vorhanden und sogar die drei 5-j&auml;hrigen Kleinkinder w&auml;ren statistisch in der Gruppe der &bdquo;Alten&ldquo;. Und Herr Bernau k&ouml;nnte schreiben, dass die &bdquo;alten Deutschen&ldquo; ihr Geld am liebsten f&uuml;r Eis am Stil und Spielzeug ausgeben. Absurd? Ja, nat&uuml;rlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Volksverm&ouml;gen in Deutschland ungef&auml;hr <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27480\">so verteilt ist<\/a>, wie das Alter in diesem Beispiel. <\/p><p>Ein wirklich reicher deutscher Haushalt, der statistisch zum obersten Promille geh&ouml;rt, verf&uuml;gt &uuml;brigens &uuml;ber ein durchschnittliches Verm&ouml;gen von rund 37 Millionen Euro. Selbst wenn man nun eine &auml;u&szlig;erst konservative Kapitalrendite von 1,0% annimmt, erzielt dieser Haushalt ein Kapitaleinkommen, dass sogar beim Spitzensteuersatz noch ausreicht, um deutlich &uuml;ber der Grenze von 18.000 Euro netto pro Monat zu liegen, ab der das Statistische Bundesamt keine Daten mehr erhebt. Oder um es ganz deutlich zu sagen: In Deutschland werden keine statistischen Daten &uuml;ber die Reichen erhoben und daher kann man auch keine statistischen Aussagen &uuml;ber die Reichen anstellen. Das sollte auch Herr Bernau wissen und da er ja kein Dummkopf ist, wird er das auch wissen. Und warum schreibt er dennoch wider besseren Wissens so einen Unsinn? Man kann wohl davon ausgehen, dass es dem Wirtschafts-Ressort der FAZ hier vor allem um eine Verteidigung der Reichen geht. Wer sein Geld ganz &bdquo;pragmatisch&ldquo; f&uuml;r Dinge wie Wohn- und Mobilit&auml;tskosten ausgibt, ist im Grund ja greifbar, einer von uns. Eine h&ouml;here Besteuerung oder gar eine Verm&ouml;gensabgabe sind f&uuml;r solche &bdquo;Reiche&ldquo; nat&uuml;rlich ungerecht, denkt sich der Leser. Bei Bernaus Artikel handelt es sich also keinesfalls um einen Artikel, bei dem dem Autor &auml;rgerliche Fehler unterlaufen sind, sondern vielmehr um ein St&uuml;ck Meinungsmache. Und diese Meinungsmache wirkt. Sie hat n&auml;mlich auch zum Ziel, dass das Lehrerehepaar und die Chefsekret&auml;rin &ndash; beide geh&ouml;ren ja auch zur Zielgruppe der FAZ &ndash; sich nun selbst zu den &bdquo;Reichen&ldquo; z&auml;hlen und eine Politik unterst&uuml;tzen, die nicht ihnen, sondern den wirklich Reichen nutzt. Und die lachen sich &ndash; fern jeder statistischen Erhebung &ndash; ins F&auml;ustchen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/c45d3b7d90f24f9bb6fd70fcade130bd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Artikel, bei denen man gar nicht mehr aus dem Staunen herauskommt. Der gestern ver&ouml;ffentlichte FAZ-Artikel <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/evs-die-ausgaben-der-reichen-13795334.html\">&bdquo;Luxus ist den Reichen fremd&ldquo;<\/a> von Patrick Bernau geh&ouml;rt zweifelsohne dazu. F&uuml;r Bernau ist die Welt &ndash; wie stets bei ihm &ndash; vollkommen in Ordnung. Luxus? Gibt es nicht. 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