{"id":2758,"date":"2007-11-12T06:45:17","date_gmt":"2007-11-12T05:45:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2758"},"modified":"2015-12-10T11:20:40","modified_gmt":"2015-12-10T10:20:40","slug":"thomas-frickes-kolumne-vom-scheitern-der-alt-76er-ist-in-vieler-hinsicht-lehrreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2758","title":{"rendered":"Thomas Frickes Kolumne \u201eVom Scheitern der Alt-76er\u201c ist in vieler Hinsicht lehrreich."},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Nach gut 30 Jahren strammer Angebotslehre hat sich selbst der treue Sachverst&auml;ndigenrat von der alten Bekenntnis&ouml;konomie weitgehend verabschiedet. Sp&auml;t und z&ouml;gerlich, aber zeitgem&auml;&szlig;. Und aus gutem Grund,&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/meinung\/leitartikel\/276805.html?mode=print\">schreibt Fricke<\/a>.<br>\nEr beschreibt und belegt das lange Wirken der Angebots&ouml;konomie seit Mitte der siebziger Jahre und nennt ihr Scheitern beim Namen. Mit Recht. Aber seinen Optimismus, der Sachverst&auml;ndigenrat und die &ouml;konomische Zunft insgesamt verabschiede sich von ihren alten Bekenntnissen, kann ich leider nicht teilen. Auf allen Kan&auml;len und in nahezu allen Bl&auml;ttern wird uns doch t&auml;glich eingetrichtert, wir h&auml;tten das bisschen Wirtschaftsbelebung den Reformen zu verdanken. Und wir m&uuml;ssten dringlich so weitermachen. Auch Wirtschaftswissenschaftler predigen das Gleiche: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/top_news\/?em_cnt=1241295\">H&uuml;ther, Zimmermann<\/a> und selbst ein R&uuml;diger Pohl, den ich aus den Siebzigern noch mit ganz anderen T&ouml;nen kenne, b&auml;umen sich auf gegen das Eingest&auml;ndnis des Scheiterns. Thomas Fricke m&ouml;ge sich das DeutschlandRadioInterview mit Pohl anh&ouml;ren, das im Anhang verlinkt wird. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nNun aber zu den bemerkenswerten Aussagen von Fricke. Ich zitiere zun&auml;chst noch einen Absatz w&ouml;rtlich:<\/p><blockquote><p>Beim letzten Mal kam der Paradigmenwechsel mit Pauken und Trompeten. Als die Wirtschaftsprofessoren des Sachverst&auml;ndigenrats im November 1976 erstmals eine ganz neue &ldquo;angebotsorientierte&rdquo; Politik empfahlen, stellten sie sich damit gegen gro&szlig;e Teile der &Ouml;konomenschaft und mussten nach eigenem sp&auml;teren Bekunden eine hartn&auml;ckige &ldquo;D&eacute;formation professionnelle&rdquo; &uuml;berwinden.<br>\nDas Paradigma hat drei Jahrzehnte gehalten. Jetzt zeichnet sich eine neue Wende ab, wenn auch diesmal weit z&ouml;gerlicher und ohne Blasmusik. Dabei gibt es gute Gr&uuml;nde, das Leitmotiv von der heiligen Angebotspolitik zu begraben. So wie es in den j&uuml;ngsten Gutachten des Rats vorsichtig erkennbar wird. Die alte Bekenntnis&ouml;konomie wirkt reichlich &uuml;berholt.<\/p><\/blockquote><p>Und jetzt ein Res&uuml;mee:<\/p><ol>\n<li>Die Angebots&ouml;konomie versucht seit Mitte der siebziger Jahre die Wirtschaftspolitik zu bestimmen. Sie hat es teilweise geschafft. Das habe ich als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt leidvoll erfahren und in &bdquo;Machtwahn&ldquo; auch beschrieben. Thomas Fricke hat dankenswerterweise einen Beleg f&uuml;r die Durchsetzung der Angebots&ouml;konomie schon zu jener Zeit aufgetan, den ich bisher noch nicht parat hatte. Er zitiert den damaligen Vorsitzenden des Sachverst&auml;ndigenrates und Top-Angebotstheoretiker Olaf Sievert mit einem Res&uuml;mee von 2003:<br>\n<blockquote><p>Seit Mitte der 70er-Jahre hat es keine Wirtschaftspolitik nach dem Muster der globalen Nachfragesteuerung mehr gegeben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Zitat ist f&uuml;r die Auseinandersetzung mit den Neoliberalen und mit ihren Helfern auf der Linken Gold wert, auch wenn die Aussage &uuml;bertrieben ist. Es gab auch noch in der zweiten der H&auml;lfte der siebziger Jahre erfolgreiche Versuche einer Nachfragesteuerung. Das beste Beispiel ist das Zukunftsinvestitionsprogramm (ZIP). Aber in der Politik der Bundesbank wie auch bei Teilen der Bundesregierung hatten sich die Monetaristen und Angebots&ouml;konomen durchgesetzt.<br>\nIm Licht dieser Analyse bekommen dann die Klagen von als eher fortschrittlich und links geltenden Personen einen besonderen Beigeschmack. Ich meine all jene wie Erhard Eppler und den verstorbenen Peter Glotz, die immer wieder behaupteten, die keynesianisch eingef&auml;rbte Globalsteuerung sei in den siebziger Jahren gescheitert. Richtig ist: Sie wurde nicht mehr konsequent angewandt. Sie wurde st&auml;ndig konterkariert.<\/p><\/li>\n<li>Wir erproben jetzt fast 30 Jahre lang eine andere Konzeption. Diese hat sich schon ausgangs der siebziger und dann in den achtziger und vor allem in den neunziger Jahren als nicht hilfreich, sondern als wirkungslos erwiesen. Sie ist schlicht gescheitert. (In <a href=\"?page_id=1082\">&bdquo;Machtwahn&ldquo;<\/a> ist dieses Scheitern (zum Beispiel auch der Reformen nach Hartz I bis III) im einzelnen dokumentiert.)<\/li>\n<li>Jene, die wie etwa die erw&auml;hnten Professoren Klaus Zimmermann und R&uuml;diger Pohl jetzt die Fortsetzung anmahnen, sind offensichtlich immer noch nicht bereit, zum Konkursrichter zu gehen. Man sollte das Stehverm&ouml;gen dieser Ideologie also nicht untersch&auml;tzen. Man sollte auch den Fintenreichtum der handelnden Personen nicht untersch&auml;tzen. Schlie&szlig;lich haben Franz M&uuml;ntefering und Gerhard Schr&ouml;der uns eine Neuwahl au&szlig;er der Reihe zugemutet, um das Scheitern ihrer Reformpolitik zu verdecken. Ich nannte das damals einen Akt der Konkursverschleppung.<br>\nZumindest die &ouml;ffentlichen &Auml;u&szlig;erungen der Akteure zum Sachverst&auml;ndigenratsgutachten klingen nicht anders.<br>\nWenn Thomas Fricke meint, er sehe einen &bdquo;Erkenntniswandel ohne Blasmusik&ldquo;, dann ist das nett formuliert und freundlich gegen&uuml;ber den so genannten Wirtschaftsweisen. Aber ob diese Freundlichkeit der Einsicht zum Durchbruch verhilft, m&ouml;chte ich bezweifeln. Wer n&auml;mlich einer solch verbohrten Ideologie wie der Angebots&ouml;konomie huldigt, wer an die Geldmengen-Theorie glaubt und an Wachstumspfade, der ist zu rationaler Einsicht vermutlich nicht willens und nicht f&auml;hig. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil &uuml;berraschen.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Anhang:<\/strong><\/p><p><strong>Interview mit Prof. R&uuml;diger Pohl, Wirtschaftswissenschaftler<\/strong><br>\nDLF, 07.11.2007 23:22 (Wiederholung 08.11.2007 05:12, weil&rsquo;s so sch&ouml;n war)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/ondemand-mp3.dradio.de\/podcast\/2007\/11\/07\/dlf_20071107_2322_e19241a8.mp3\">DLF [Audio mp3]<\/a><\/p><blockquote><p>Wir haben in den letzten 10, 15  Jahren einen drastischen R&uuml;ckgang der Investitionst&auml;tigkeit in Deutschlang gehabt und  zur gleichen Zeit den Sozialstaat m&auml;chtig ausgebaut. Irgendwie hat das  miteinander zu tun. Und in den letzten drei Jahren war&rsquo;s  so, dass hier der Trend sich so&rsquo;n bisschen gewandelt hat. Wir haben die Sozialleistungen doch reduziert, die Investitionen haben sich jetzt belebt und auf diesem Kurs m&uuml;ssen wir weiter bleiben. Und ich meine, wenn wir jetzt Dinge diskutieren wie die Erh&ouml;hung des Arbeitslosengeldes, dann verfallen wir nat&uuml;rlich wieder in die Politik, die wir vor 10, 15 Jahren gemacht haben und die uns nicht zum Vorteil gereicht hat.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Nach gut 30 Jahren strammer Angebotslehre hat sich selbst der treue Sachverst&auml;ndigenrat von der alten Bekenntnis&ouml;konomie weitgehend verabschiedet. Sp&auml;t und z&ouml;gerlich, aber zeitgem&auml;&szlig;. Und aus gutem Grund,&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/meinung\/leitartikel\/276805.html?mode=print\">schreibt Fricke<\/a>.<br \/> Er beschreibt und belegt das lange Wirken der Angebots&ouml;konomie seit Mitte der siebziger Jahre und nennt ihr Scheitern beim Namen. Mit Recht. 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