{"id":276,"date":"2004-02-09T14:43:10","date_gmt":"2004-02-09T13:43:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=276"},"modified":"2016-04-02T12:40:07","modified_gmt":"2016-04-02T10:40:07","slug":"roland-koch-schraubt-den-anteil-der-usa-am-weltmarkt-auf-sagenhafte-19-prozent-hoch-durch-addition-der-importe-in-die-usa-ein-dreistes-stuck-manipulation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=276","title":{"rendered":"Roland Koch schraubt den Anteil der USA am Weltmarkt auf sagenhafte 19 Prozent hoch &#8211; durch Addition der Importe in die USA. Ein dreistes St\u00fcck Manipulation."},"content":{"rendered":"<p>In dieser modernen Welt der permanenten Manipulation haben wir uns an sehr vieles gew&ouml;hnt. Was sich aber der hessische Ministerpr&auml;sident Roland Koch in einem Gespr&auml;ch mit Hans D. Barbier unter der Moderation von Frank Schirrmacher am 6.2.2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung leistete, das ist neue Spitzenklasse.<br>\n<!--more--><br>\nZum Hintergrund: Seit dem vergangenen Jahr l&auml;uft eine Kampagne zur Dramatisierung der Debatte um die Wettbewerbsf&auml;higkeit unseres Landes mit dem Argument, Deutschland verliere beim Anteil am Welthandel. Teil dieser Kampagne und wissenschaftlicher Zeuge ist der M&uuml;nchner Professor f&uuml;r National&ouml;konomie und Pr&auml;sident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Ein im vergangenen Herbst erschienenes Buch Sinns enth&auml;lt eine dramatisch erscheinende Kurve zum angeblich sinkenden Anteil Deutschlands am Welthandel. Mit dem &ldquo;Material&rdquo; von Sinn arbeiten die Akteure der Kampagne; die gleichen angeblichen Facts tauchen in Reden von verschiedenen Politikern und nun auch in Regionalzeitungen immer wieder auf. <\/p><p>Aber die Behauptungen von Prof. Sinn und seiner Gefolgsleute stimmen nicht. Deutschlands Anteil am Welthandel &ndash; gemessen an den Exporten &ndash; ist in den letzten Jahren wieder gestiegen; wir haben im Jahr 2003 mit 10,2 die USA mit 9,9 &uuml;berholt. <\/p><p>Um diese Peinlichkeit zu &uuml;bert&uuml;nchen, kommt der Nothelfer in der Amtsperson eines Ministerpr&auml;sidenten des Wegs und rechnet einfach die Importe zum Welthandelsanteil hinzu. Das kann man machen. Aber diese Zahl sagt dann nichts &uuml;ber die Wettbewerbsst&auml;rke eines Landes, im Gegenteil. Im Falle der USA zeigt der rasante Anstieg des Welthandelsanteils a la Koch nur, dass die USA ein gewaltiges Handels- und Leistungsbilanzdefizit von fast 500 Milliarden Dollar (2002: 480,9) haben; die US-Amerikaner kaufen auf den Weltm&auml;rkten weit &uuml;ber ihre Exportf&auml;higkeit hinaus ein; in den letzten 10 Jahren, von 1993 bis 2002, summiert sich das Leistungsbilanzdefizit auf 2.332,4 !! Mrd. US$. Die USA leben in unverantwortlicher Weise &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse.<\/p><p>Bei Roland Koch sieht die Beschreibung dieser hoch problematischen Situation dann so aus: &ldquo;Der Anteil der Vereinigten Staaten am Welthandel ist von 1991 bis 2002 von gut vierzehn auf mehr als neunzehn Prozent gestiegen, der deutsche Anteil ist von knapp zw&ouml;lf auf acht Prozent gesunken.&rdquo;<\/p><p>Die FAZ wirbt damit, dass ihre Leser kluge K&ouml;pfe seien. Roland Koch h&auml;lt die klugen K&ouml;pfe aber offenbar f&uuml;r leicht manipulierbar und die beiden &bdquo;alten FAZ-Hasen&ldquo; Barbier und Schirrmacher haben nichts unternommen, um ihre Leser vor dieser billigen Manipulation zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>Wenn man sich bei einem Vergleich zwischen der Wettbewerbsf&auml;higkeit der USA und Deutschlands an die Fakten h&auml;lt, dann kommt man zu v&ouml;llig anderen Schl&uuml;ssen. Hier noch einige erg&auml;nzende Daten:<\/p><ul>\n<li>In dem von Roland Koch genannten Zeitraum von 1991 bis 2002 ist aus einem Leistungsbilanz-&Uuml;berschuss von 3,7 Milliarden Dollar f&uuml;r die USA das erw&auml;hnte Defizit von 480,9 Milliarden geworden. F&uuml;r Deutschland hingegen wurde aus einem Defizit von 22 Milliarden ein &Uuml;berschuss von 54 Milliarden Dollar.<\/li>\n<li>Einer der Gr&uuml;nde f&uuml;r die Verschiebung der Exportposition zu Gunsten Deutschlands d&uuml;rfte die Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten sein. Laut OECD sind die Lohnst&uuml;ckkosten in Deutschland zwischen 1995 und 2002 um 5,7% gesunken, die der USA sind um 12,5% gestiegen.<\/li>\n<li>Die OECD hat einen Wettbewerbsf&auml;higkeit-Index entwickelt. Dieser Index ging im erw&auml;hnten Zeitraum f&uuml;r die USA zur&uuml;ck, f&uuml;r Deutschland ging er kr&auml;ftig in die H&ouml;he. Kein anderes OECD-Land konnte seine Wettbewerbsf&auml;higkeit zwischen 1995 und 2002 so steigern wie Deutschland.<\/li>\n<\/ul><p>Die von Sinn, von Koch und anderen angef&uuml;hrte Debatte um den Welthandelsanteil zeigt im &Uuml;brigen auch, auf welch niedrigem sachlichen Niveau die &ouml;ffentliche Debatte in Deutschland zur Zeit stattfindet: Wenn man an das Problem sachlich herangehen wollte, dann m&uuml;sste man z. B. den deutschen Weltmarktanteil auch in Relation zu anderen vergleichbaren L&auml;ndern setzen. Gro&szlig;britannien erreichte 2002 4,4%, Japan 6,6%, Italien 4% und Frankreich 5%. Gemessen daran ist Deutschlands Anteil mit &uuml;ber 10% unglaublich hoch; es w&auml;re &uuml;berhaupt nicht verwunderlich, wenn der Anteil etwas sinken w&uuml;rde. Darauf sollten wir uns auch aus anderen Gr&uuml;nden einstellen: auch die gro&szlig;en V&ouml;lker, die in den letzten Jahren wirtschaftlich zu prosperieren beginnen &ndash; China und Indien zum Beispiel &ndash; m&uuml;ssen zwangsl&auml;ufig einen wachsenden Anteil am Welthandel erreichen. Wer dann darauf beharren will, dass Deutschland auf alle Zeit hinaus allein schon ein Zehntel aller Exporte in der Welt liefert und abwickelt, der &ldquo;hat nicht mehr alle Tassen im Schrank&rdquo;. Der Professoren- und auch der Ministerpr&auml;sidententitel ist dann nur der Paravent f&uuml;r praktizierte Scharlatanerie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser modernen Welt der permanenten Manipulation haben wir uns an sehr vieles gew&ouml;hnt. Was sich aber der hessische Ministerpr&auml;sident Roland Koch in einem Gespr&auml;ch mit Hans D. 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