{"id":27621,"date":"2015-09-20T14:54:37","date_gmt":"2015-09-20T12:54:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27621"},"modified":"2019-03-11T15:20:42","modified_gmt":"2019-03-11T14:20:42","slug":"juergen-todenhoefer-herr-netanjahu-reissen-sie-die-mauern-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27621","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Todenh\u00f6fer: \u201eHERR NETANJAHU, REI\u00dfEN SIE DIE MAUERN EIN!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wir sprachen am Telefon &uuml;ber die immer bedr&uuml;ckender werdenden Zust&auml;nde in Pal&auml;stina und speziell im Gazastreifen. Weil dieses Leid hinter den sonstigen schrecklichen Leiden der Fl&uuml;chtlinge zu verschwinden droht, bat ich J&uuml;rgen Todenh&ouml;fer darum, den NachDenkSeiten-Leserinnen und -Lesern seinen Bericht zug&auml;nglich zu machen. Hier ist er. Wir &uuml;bernehmen ihn mit gro&szlig;em Dank und im Gef&uuml;hl der Verbundenheit mit einem ehemaligen Bundestagskollegen, der nicht nur berichtet und schreibt, sondern bei seinen Recherchen und Reisen pers&ouml;nlich viel riskiert.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1523\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-27621-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150921_Herr_Netanjahu_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150921_Herr_Netanjahu_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150921_Herr_Netanjahu_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150921_Herr_Netanjahu_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=27621-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150921_Herr_Netanjahu_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150921_Herr_Netanjahu_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&bdquo;HERR NETANJAHU, REI&szlig;EN SIE DIE MAUERN EIN!&ldquo;<\/strong><\/p><p>EINE REISE NACH GAZA.<\/p><p>Eigentlich hatte ich mich auf diese vierte Reise nach Gaza besonders gefreut. Schlie&szlig;lich wollte ich f&uuml;r die Kinder von Gaza einen Spielplatz, einen Fu&szlig;ballplatz und einen Frischwasserbrunnen einweihen. Finanziert mit dem Honorar meines Buches &ldquo;INSIDE IS -10TAGE IM ISLAMISCHEN STAAT&rdquo;. Immerhin 135.000 Euro.<\/p><p>Doch nach &uuml;ber einer Woche Gaza kehre ich tief deprimiert nach Hause zur&uuml;ck. Trotz der leuchtenden Augen der Kinder bei der Einweihung der Spiel- und Sportpl&auml;tze am vergangenen Dienstag. Und trotz der unbeschreiblichen Herzlichkeit der Menschen in Gaza gegen&uuml;ber uns G&auml;sten aus Deutschland. Den Gazanern geht es heute noch schlechter als vor einem Jahr. Weil sie keine Hoffnung mehr haben. Keine Perspektive, kein Licht am Ende des Tunnels. Sie haben jeden Glauben an die Zukunft verloren.&nbsp;<\/p><p><strong>DER VERGESSENE KRIEG<\/strong><\/p><p>2014 war Gaza von Netanjahu in Grund und Boden gebombt worden. &Uuml;ber 2.100 Pal&auml;stinenser waren get&ouml;tet, 11.000 verletzt worden. Mehr als 12.000 H&auml;user wurden total zerst&ouml;rt, &uuml;ber 6.000 so schwer besch&auml;digt, dass sie unbewohnbar sind. Ich war w&auml;hrend des Krieges 8 Tage im eingekesselten Gaza. Und habe die schrecklichen Bombenn&auml;chte miterlebt.&nbsp;<\/p><p>Nach dem Krieg hatte es in Gaza zun&auml;chst Hoffnung gegeben. Auf eine &Ouml;ffnung der Grenzen, vielleicht sogar einen l&auml;ngerfristigen Waffenstillstand. Au&szlig;erdem hatte die Welt versprochen, Gaza schnell wieder aufzubauen. Mit &uuml;ber 3.5 Mrd. US-Dollar. Weitere 1.5 Mrd. sollten das Westjordanland und Ramallah erhalten.<\/p><p><strong>NICHT GEHALTENE VERSPRECHEN<\/strong><\/p><p>Von den versprochenen 3.5 Mrd f&uuml;r Gaza kamen bisher weniger als 30 Prozent an. Nur ganz wenige Staaten wie Deutschland hielten ihre Zusagen ein. Nach UN-Angaben vor Ort leistete die Bundesregierung bisher 112 Mio Euro. Bravo! Doch gleichzeitig lieferte die Bundesregierung Israel das f&uuml;nfte von sechs &lsquo;Atomwaffen-f&auml;higen U-Booten&rsquo;. Subventioniert mit rund 165 Mio. Euro, Geldern des deutschen Steuerzahlers. Au&szlig;erdem sicherte sie Israel vier weitere Kriegsschiffe f&uuml;r die n&auml;chsten 5 Jahre zu. Subventioniert mit 115 Mio. Steuergeldern. Nein, wir stehen nicht wirklich auf der Seite der Pal&auml;stinenser.<\/p><p>Noch immer gibt es kaum Jobs, kaum Elektrizit&auml;t, kaum Trinkwasser, kaum Medikamente. Viele der Ruinen sind inzwischen mit riesigen Bulldozern beseitigt worden. Das hat das Bild Gazas optisch etwas ver&auml;ndert. Zwischen den &uuml;brig gebliebenen Ruinen entstehen endlich private Neubauten. Doch die Menschen m&uuml;ssen sich hierzu oft bis auf den letzten Schekel verschulden. Die meisten Neubauten finanziert jedoch Qatar, das sogar einen Wiederaufbau-Botschafter nach Gaza entsandt hat. Aber auch Qatar wird &lsquo;nur&rsquo; 1000 neue H&auml;user bauen. Das sind 8 Prozent der zerst&ouml;rten H&auml;user. Ein Tropfen auf den hei&szlig;en Stein. Insgesamt werden zur Zeit lediglich 10 und 12 Prozent der zerst&ouml;rten H&auml;user wieder aufgebaut.&nbsp;<\/p><p>Manche der ausgebombten Menschen in Gaza haben nur einige Zimmer ihrer Ruinen repariert. Zu mehr reicht es meist nicht. Und auch das geht nur zu Lasten ihrer ohnehin &auml;rmlichen Lebenshaltung. Es gibt dann eben keine neue Hose f&uuml;r die Kinder, keinen Anorak gegen die K&auml;lte im kommenden Winter. Bei einer Familie, die wir besuchten, wurde selbst der Wachhund abgeschafft. Ein alter Hahn &uuml;bernahm seine &lsquo;Funktionen&rsquo;.<\/p><p><strong>DEN INTERNATIONALEN HELFERN GEHT ES GUT<\/strong><\/p><p>Die diplomatischen Vertreter des Westens residieren in luxuri&ouml;sen Botschaften in Tel Aviv. Die europ&auml;ischen &lsquo;Wiederaufbau-Beobachter&rsquo; sitzen im eleganten israelischen Badeort Aschkelon. Dort klagen sie auf Cocktailparties bei Whiskey und Champagner, dass alles so kompliziert sei. Und so gef&auml;hrlich. In Gaza zu leben und vor Ort die Probleme des Landes zu l&ouml;sen, ist ihnen zu m&uuml;hsam. Die Pal&auml;stinenser halten diese &lsquo;Wiederaufbau-Beobachter&rsquo; angesichts ihrer hohen Geh&auml;lter und ihres sch&ouml;nen Lebens f&uuml;r eine &lsquo;Diebesbande&rsquo;.<\/p><p><strong>DIE FEIGHEIT DES WESTENS<\/strong><\/p><p>Bei den Gazanern w&auml;chst die Angst vor einem weiteren Krieg. Denn an das Grundproblem der israelischen Pal&auml;stina-Politik wagt sich keiner heran. Kein US-Pr&auml;sident sagt &ndash; &auml;hnlich wie einst Ronald Reagan vor der Berliner Mauer: &ldquo;Herr Netanjahu, rei&szlig;en Sie die Mauern ein! Geben Sie Gaza und Pal&auml;stina die Freiheit!&rdquo; Auch die radikale Hamas w&uuml;rde im Gegenzug jede sinnvolle Garantie f&uuml;r die Sicherheit Israels abgeben.<\/p><p>T&auml;glich frage ich mich: Hat Deutschland gegen&uuml;ber Pal&auml;stina nicht eine mindestens ebenso gro&szlig;e moralische Verpflichtung wie gegen&uuml;ber Israel? Zahlen die Pal&auml;stinenser letztlich nicht den Preis f&uuml;r die Politik der Nazis. Warum helfen wir ihnen nicht wirklich? Eine faire Friedensl&ouml;sung mit Pal&auml;stina und ein lebensf&auml;higer pal&auml;stinensischer Staat liegen doch auch im Interesse Israels!&nbsp;<\/p><p><strong>EIN &ldquo;MUSTERSTAAT DER TOLERANZ?&rdquo;<\/strong><\/p><p>Hatte der geistige Vater des Staates Israel, Theodor Herzl, nicht einen Musterstaat der Toleranz versprochen? Und geschrieben: &ldquo;Und f&uuml;gt es sich, dass Andersgl&auml;ubige, Andersnationale unter uns wohnen, so werden wir ihnen ehrenvollen Schutz und Rechtsgleichheit gew&auml;hren&rdquo;. Nach all dem, was man den Juden &uuml;ber Jahrtausende an Unrecht und Diskriminierung zugef&uuml;gt hatte, war das sehr glaubw&uuml;rdig.&nbsp;<\/p><p>Ich habe in meiner Jugend fest an dieses Versprechen geglaubt. Als Deutscher, der wei&szlig;, dass unsere Vorfahren gegen&uuml;ber den Juden im &lsquo;Dritten Reich&rsquo; schrecklichste Verbrechen begangen haben. Der das Existenzrecht Israels anerkennt. Und der Antisemitismus wie jede andere Form von Rassismus f&uuml;r erb&auml;rmlich h&auml;lt. Als Jugendlicher habe ich mit Freunden NPD-Veranstaltungen gest&uuml;rmt, um den Neo-Nazis all das entgegen zu schleudern.&nbsp;<\/p><p>Unter M&auml;nnern wie Netanjahu ist Israel zur Zeit leider das Gegenteil eines Musterstaats. Intolerant, t&auml;glich gegen die Menschenrechte versto&szlig;end, teilweise offen rassistisch &ndash; siehe Liebermann und Co. Oder sind israelische Gettos wie in Gaza keine Gettos? Ist israelische Apartheid keine Apartheid? Oder darf man das nicht mehr sagen?&nbsp;<\/p><p>Was unternimmt der Westen gegen die zum Himmel schreiende Diskriminierung der Pal&auml;stinenser durch die israelische Regierung? Nichts! &nbsp;Er macht sich in die Hosen. Niemand will als Antisemit gelten, das ist extrem gef&auml;hrlich. Die Welt k&auml;mpft gegen das Unrecht der M&auml;chtigen erst, wenn es vor&uuml;ber ist. Deshalb w&auml;chst der Widerstand gegen Hitler ja auch st&auml;ndig.&nbsp;<\/p><p><strong>PAL&Auml;STINENSER DIE JUDEN UNSERER ZEIT?<\/strong><\/p><p>Die Menschen in Gaza sind so gebrochen, dass sie nicht mehr klagen. Sie haben verstanden, dass die Welt feige ist. Und nie an der Seite der Schwachen k&auml;mpft. So wie sie nie f&uuml;r die Juden k&auml;mpfte, als diese in h&ouml;chster Not waren. Die Pal&auml;stinenser, besonders die aus Gaza, seien die Juden unserer Zeit, sagen manche. Und die Welt feige wie damals. V&ouml;llig falsch ist das nicht.<\/p><p>Wir sind so feige, dass die Bundesregierung bis heute nicht gegen die T&ouml;tung der 7-k&ouml;pfigen deutschen Familie Kilani protestiert hat. Die auf Anweisung der israelischen Regierung w&auml;hrend des Krieges in ein angeblich absolut &lsquo;bombensicheres&rsquo; Viertel Gazas geflohen war. Und dann in ihrem &lsquo;sicheren&rsquo; Haus von israelischen Raketen zerschmettert wurde. Gibt es irgendeine rechtliche oder moralische Begr&uuml;ndung f&uuml;r das Schweigen unserer Regierung?&nbsp;<\/p><p><strong>DER GAZA-SONG<\/strong><\/p><p>Am Ende unseres Aufenthaltes in Gaza spielt uns Mahmoud ein Abschiedslied vor. Mahmoud ist Mitte drei&szlig;ig. Seine Familie ist w&auml;hrend des Krieges von einer israelischen Rakete schwer verletzt worden. Sein kleiner Neffe hat den Angriff nicht &uuml;berlebt. Mahmouds K&ouml;rper ist noch immer voller Raketensplitter. Er geht an Kr&uuml;cken. Eine dieser Kr&uuml;cken hat er zur Fl&ouml;te umgebaut. Auf ihr improvisiert er ein bet&ouml;rend sch&ouml;nes Lied. Voll unendlicher Trauer. Gaza Sp&auml;tsommer 2015<br>\nJ&uuml;rgen Todenh&ouml;fer war fast zwei Jahrzehnte Bundestagsabgeordnete der CDU, dann Medienmanager, heute Publizist. Er engagiert sich &uuml;ber die Ma&szlig;en f&uuml;r Frieden im Nahen Osten und anderen Brennpunkten der Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sprachen am Telefon &uuml;ber die immer bedr&uuml;ckender werdenden Zust&auml;nde in Pal&auml;stina und speziell im Gazastreifen. Weil dieses Leid hinter den sonstigen schrecklichen Leiden der Fl&uuml;chtlinge zu verschwinden droht, bat ich J&uuml;rgen Todenh&ouml;fer darum, den NachDenkSeiten-Leserinnen und -Lesern seinen Bericht zug&auml;nglich zu machen. Hier ist er. Wir &uuml;bernehmen ihn mit gro&szlig;em Dank und im Gef&uuml;hl<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27621\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,35,170,20,171],"tags":[302,1557,303,1221,1122],"class_list":["post-27621","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-friedenspolitik","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-gaza","tag-israel","tag-palaestina","tag-perspektivlosigkeit","tag-waffenexporte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27621","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27621"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27621\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50072,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27621\/revisions\/50072"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27621"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27621"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27621"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}