{"id":27623,"date":"2015-09-21T09:50:31","date_gmt":"2015-09-21T07:50:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27623"},"modified":"2015-09-21T10:43:14","modified_gmt":"2015-09-21T08:43:14","slug":"funktionale-privatisierung-staatlicher-aufgaben-am-beispiel-oeffentlicher-hochschulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27623","title":{"rendered":"Funktionale Privatisierung staatlicher Aufgaben \u2013 am Beispiel \u00f6ffentlicher Hochschulen"},"content":{"rendered":"<p>Referat von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong> auf der gemeinsam von der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, dem BdWi dem Bildungs- und F&ouml;rderungswerk der GEW im DGB e.V., dem DGB Brandenburg und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft  (GEW) veranstalteten Tagung &bdquo;&Ouml;ffentlich vor privat &ndash; Die Zukunft der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge&ldquo; am 19.9.2015  in Berlin.<br>\n<!--more--><br>\nDie deutschen Hochschulen haben seit der Jahrhundertwende die gr&ouml;&szlig;ten Umbr&uuml;che seit den preu&szlig;ischen Universit&auml;tsreformen hinter sich. Es fand ein Leitbildwechsel weg vom humboldtschen Bildungsideal hin zum hayekschen Glauben an die &Uuml;berlegenheit der Markt- und Wettbewerbssteuerung  einer vom Staat &bdquo;entfesselten Hochschule&ldquo; (so Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling, ehemals Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des n Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung, CHE, der Bertelsmann Stiftung) statt.<\/p><p>Unter dem positiv und vor allem bei den Hochschulangeh&ouml;rigen sympathisch empfundenen Tarnwort  &bdquo;Autonomie&ldquo;  wurde in Deutschland ein Systemwechsel von der sich selbstverwaltenden Gruppenuniversit&auml;t zur &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule vollzogen.<\/p><p>Dieser Leitbildwechsel hat zwar in den verschiedenen Hochschulgesetznovellierungen der L&auml;nder unterschiedliche Auspr&auml;gungen erfahren, aber die Grundtendenz war &uuml;berall gleich. N&auml;mlich weg von der demokratisch verantworteten, sich selbst verwaltenden Hochschule hin zur wettbewerbsgesteuerten Hochschule. Der Wettbewerb auf dem Forschungs- und Ausbildungsmarkt und &bdquo;Standortkonkurrenz&ldquo; sollten zu den wichtigsten Steuerungsinstrumenten der Hochschul- und Forschungsentwicklung werden. <\/p><p>Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt, ich wende mich nicht gegen einen Wettbewerb um die besten Forschungsleistungen. Einen solchen Wettbewerb unter Wissenschaftlern hat es immer gegeben. Wissenschaft &ndash; zumal an einer von der Allgemeinheit getragenen Hochschule &ndash; ist genuin auf den Wettstreit um die richtige Antwort &ndash; pathetisch gesagt &ndash; auf den Wettstreit um Wahrheit angelegt.<br>\nHinter dem Wettbewerb im Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; steht aber nicht das Bild vom Wettstreit um Wahrheit: Es ist das Bild einer Hochschule, die wie ein Unternehmen ihre &bdquo;Produkte&ldquo; und &bdquo;Waren&ldquo; &ndash; also ihre Forschungsleistungen sowie ihre Aus- und Weiterbildungsangebote &ndash; auf dem Markt an kaufkr&auml;ftige Nachfrager abzusetzen hat: n&auml;mlich an zahlungskr&auml;ftige Forschungsf&ouml;rderer und Auftraggeber, an Stifter und Sponsoren &ndash; und an Studierende, die nunmehr &bdquo;Kunden&ldquo; sein sollen und deshalb f&uuml;r die eingekaufte &bdquo;Ware&ldquo; namens Studium zur Kasse gebeten werden sollten.<\/p><p><strong>Zwischenbemerkung: <\/strong><br>\nDie Studiengeb&uuml;hren waren als &bdquo;nachfrageorientierte&ldquo; Steuerung gedacht. Die zun&auml;chst auf 500 Euro pro Semester begrenzte Geb&uuml;hr sollte dabei nur der Einstieg sein.<\/p><p>Wenn erst einmal der Anfang gemacht ist &ndash;  so planten die Bef&uuml;rworter -, dann w&uuml;rden die Geb&uuml;hren &ndash; wie &uuml;berall in der Welt, also etwa in Gro&szlig;britannien oder Australien oder im klassischen Geb&uuml;hrenland USA schon steigen. Exzellenzuniversit&auml;ten in den Metropolen mit gro&szlig;er Nachfrage k&ouml;nnten dar&uuml;berhinaus dann mehr verlangen, als Hochschulen in der Provinz.<\/p><p>Die Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rworter hatten allerdings nicht mit dem breiten politischen Wiederstand gerechnet, der sogar Wahlentscheidungen beeinflusste.<\/p><p>Zum Wintersemester 2014\/2015 schaffte Niedersachsen als letztes Bundesland die Studiengeb&uuml;hren wieder ab. In Hessen, Baden-W&uuml;rttemberg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und im Saarland wurden nach Wahlniederlagen von CDU und FDP, die Studiengeb&uuml;hren wieder abgeschafft. Selbst in Bayern wagte die mit absoluter Mehrheit wiedergew&auml;hlte CSU nicht, die 2013 abgeschaffte Campus-&bdquo;Maut&ldquo; wieder einzuf&uuml;hren. <\/p><p>Doch die Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rworter geben keine Ruhe. Im letzten Herbst fingen die Hochschulrektoren an, wieder mobil zu machen.<\/p><p>Wie tief der politische und &ouml;konomische Sachverstand der angeblichen Manager unserer &bdquo;hohen Schulen&ldquo; gesunken ist, belegt die Argumentation des Vorsitzenden der HRK, Horst Hippler: Vor dem Hintergrund knapper Landeskassen und der &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; sei das Thema Studiengeb&uuml;hren &bdquo;garantiert nicht erledigt&ldquo;. <\/p><p>Dass die &ouml;ffentliche Verschuldung etwas mit dem &bdquo;Steuersenkungswahn&ldquo; der letzten Dekade und die &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; etwas mit dem neoliberalen Dogma des &bdquo;Aushungern&ldquo; des Staates (&bdquo;starve the beast&ldquo;) zu tun hat, sehen die Rektoren in ihrer Angepasstheit an die herrschende Ideologie leider nicht mehr. <\/p><p>Statt alle politischen Hebel in Bewegung zu setzen, die Hochschulpaktmittel pro Studienanf&auml;nger von 26.000 Euro auf wenigstens 30.0000 Euro anzuheben oder daf&uuml;r zu k&auml;mpfen, dass die L&auml;nder die vom Bund &uuml;bernommenen BAF&ouml;G-Mittel in die Hochschulen stecken, wollen die Rektoren lieber die Studierenden zu Kasse bitten. Sie tun gerade so, als ob damit die Unterfinanzierung der Hochschulen &uuml;berbr&uuml;ckt werden k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Zweite Zwischenbemerkung:<\/strong><\/p><p><strong>Wie kam es zu dem Leitbildwechsel?<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens nach dem Scheidebrief an die sozialliberale Koalition, dem sog. Lambsdorff-Papier aus dem Jahre 1982 haben der &bdquo;Thatcherismus&ldquo; und die &bdquo;Reaganomics&ldquo; auch in Deutschland ihren Siegeszug angetreten. Das Rezept ist schlicht: Der Markt kann alles besser als der Staat. Und um dieser Ideologie politisch zum Durchbruch zu verhelfen, muss man die staatlichen Angebote &ouml;ffentlich schlecht machen. <\/p><p>Manche der &Auml;lteren unter Ihnen werden sich bestimmt noch an die Schlagworte erinnern, mit denen auf dem Feld der Hochschulen im Wortsinne zugeschlagen wurde: Die Hochschulen seien &bdquo;Mittelma&szlig;&ldquo;, im &bdquo;Kern verrottet&ldquo; (so etwa der Sozialdemokrat Peter Glotz), &bdquo;mit dem Latein am Ende&ldquo; (Spiegel) oder einfach nur &bdquo;krank&ldquo;. Das hatte durchaus Methode: Mit diesem Schlechtreden des &bdquo;Wirtschaftsstandorts Deutschland&ldquo; wurden ja auch die ganzen sog. &bdquo;Strukturreformen&ldquo; der Agenda 2010 und das Lohndumping durchgesetzt.<\/p><p>Hochschullehrer sind Einzelk&auml;mpfer, die Erfahrung von solidarischer Kraft ist ihnen historisch unbekannt. Die Hochschulen waren politisch leider schon immer eine leichte Verf&uuml;gungsmasse der politisch M&auml;chtigen oder des Zeitgeistes. Au&szlig;erdem hat sich an den Hochschulen eine &bdquo;Froschperspektive&ldquo; des politischen Denkens breit gemacht. Selbst fortschrittlichere Hochschullehrer und schon gar die Hochschulleitungen greifen z.B. in ihrer finanziellen Not nur allzu gern nach dem Strohhalm der Studiengeb&uuml;hren oder privater Drittmittel. Sie haben vor der nunmehr seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem sog. &bdquo;&Ouml;ffnungsbeschluss&ldquo; beginnenden staatlichen &bdquo;Unterfinanzierung&ldquo; resigniert und ihre Hoffnungen auf eine angemessene staatliche Finanzierung weitgehend aufgegeben. Das Politikum, dass n&auml;mlich die knappen &ouml;ffentlichen Kassen auch etwas mit dem Steuersenkungswahn und der Aushungerung des Staates der letzten Dekaden zu tun hat, wird gar nicht mehr gesehen. <\/p><p>Unverkennbar ist auch die &uuml;berwiegende Mehrheit der Hochschulangeh&ouml;rigen auf den neoliberalen Mainstream eingeschwenkt. Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten, wo diese Lehre nahezu unisono verk&uuml;ndet wird, haben da ganze Arbeit geleistet. &Uuml;ber die soziale Auslese-Funktion von Studiengeb&uuml;hren und ihre bildungspolitische Bedeutung wird so z.B. kaum noch nachgedacht. Die Hochschulen sind ja ohnehin &uuml;berf&uuml;llt, warum sollte man sich da auch noch Sorgen machen, um diejenigen, die wegen dieser Geldbarriere vor den H&ouml;rs&auml;len bleiben<\/p><p><strong>Bertelsmann als &bdquo;informelles Bundesbildungsministerium&ldquo;<\/strong><\/p><p>Einer der st&auml;rksten Motoren f&uuml;r die hochschulpolitische Entwicklung der letzten zwei Dekaden war die Bertelsmann Stiftung.<\/p><p>Diese Stiftung ist &ndash; entgegen dem Anschein, den sie zu erwecken versucht &ndash; keine gesellschaftspolitisch neutrale Einrichtung zu uneigenn&uuml;tzigen Zwecken.<\/p><p>Man kann dem verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn nicht einmal vorwerfen, dass er mit seiner &bdquo;Mission&ldquo; hinter dem Berg gehalten h&auml;tte. Jeder kann diese noch heute auf der Website der Bertelsmann Stiftung oder etwa in Mohns Buch &bdquo;Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers&ldquo; nachlesen.<\/p><p>Mohn und mit ihm die Bertelsmann Stiftung vertreten eine Art deutschen Sonderweg in die wirtschaftsliberal globalisierte Welt, <\/p><ul>\n<li>der auf eine korporatistische Unternehmenskultur setzt,<\/li>\n<li>der den Sozialstaat als &uuml;berdehnt oder gar &uuml;berholt betrachtet<\/li>\n<li>und der eine &uuml;ber den Wettbewerb hergestellte Effizienz als Steuerungsinstrument an die Stelle von Mitbestimmung und demokratischer Gestaltung setzen will.<\/li>\n<\/ul><p>Und immer geht es deshalb auch um ein Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des Staates, eine Verringerung der Staatsquote und &ndash; als Mittel dazu &ndash; um die Senkung der Steuerlast.<\/p><p>&bdquo;Es ist ein Segen, dass uns das Geld ausgeht. Anders kriegen wir das notwendige Umdenken nicht in Gang&ldquo;, sagte Reinhard Mohn schon 1996 in einem Stern-Interview.<\/p><p>Im Hinblick auf diese Mission ist die Stiftung &ndash; wie Harald Schumann im Tagesspiegel schrieb &ndash; eine &bdquo;Macht ohne Mandat&ldquo;.<\/p><p>Auf dem Feld der Bildungspolitik ist Bertelsmann geradezu zu einem &bdquo;informellen Bundesbildungsministerium&ldquo; geworden. <\/p><p>Unter dem Pathos der &bdquo;Gemeinwohlverpflichtung&ldquo; oder &bdquo;Wir helfen der Politik, dem Staat und der Gesellschaft, L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft zu finden&ldquo; (so Reinhard Mohn) gibt es kaum ein politisches Feld von Bedeutung, wo die Bertelsmann Stiftung mit ihren Handreichungen nicht ihre L&ouml;sungsangebote macht.<\/p><p>Besonders engagiert ist die Bertelsmann Stiftung auf dem Feld der Hochschulpolitik. <\/p><p>Hochschulen wurden von Reinhard Mohn &ndash; richtigerweise &ndash; als &bdquo;Schl&uuml;ssel zur Gesellschaftsreform&ldquo; angesehen.<\/p><p>Mohn war einer der Gr&uuml;ndungsv&auml;ter und viele Jahre der Hauptsponsor der 1983 gegr&uuml;ndeten ersten deutschen Privaten Universit&auml;t Witten-Herdecke. Diese sollte &bdquo;Stachel im Fleisch&ldquo; der staatlichen Hochschulen sein.<\/p><p>Witten-Herdecke schaffte es nie so richtig finanziell auf die Beine zu kommen und w&auml;re dieser Privaten Uni der Staat nicht zur Seite gesprungen, dann w&auml;re sie schon l&auml;ngst Pleite gegangen. <\/p><p>Reinhard Mohn hat offenbar im Laufe der Zeit erkannt, dass der Weg zur Reform des Hochschulsystems &uuml;ber die Gr&uuml;ndung privater Hochschulen nicht erfolgversprechend ist; schlicht: weil sich nicht ausreichend private Geldgeber finden lassen und weil die &ouml;ffentlichen Hochschulen qualitativ nach wie vor &uuml;berlegen sind und den Bedarf an teuren privaten Studienpl&auml;tzen in engen Grenzen halten.<\/p><p>Viel effizienter erschien Mohn  daher der Weg, die weitgehend staatlich finanzierten &ouml;ffentlichen Hochschulen organisiert wie private Unternehmen in den Wettbewerb zu schicken und &uuml;ber die Konkurrenz um Studiengeb&uuml;hren und erg&auml;nzende private oder auch &ouml;ffentliche Drittmittel das Hochschulsystem steuern zu lassen.<\/p><p>Diese Erkenntnis haben Reinhard Mohn und seine Berater wohl veranlasst 1994 das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) zu gr&uuml;nden.<\/p><p>Klugerweise nahm das CHE die damals ohne jeden Apparat und ohne gro&szlig;en institutionellen Einfluss auf die Hochschulpolitik agierende, aber umso standesbewusstere Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mit ins Boot. <\/p><p>So ver&ouml;ffentlichten das CHE und die HRK ihre hochschulreformerischen L&ouml;sungskonzepte unter einem gemeinsamen Kopfbogen und so verschaffte sich Bertelsmann ein einigerma&szlig;en unverd&auml;chtiges Entree in die Hochschulen vor allem &uuml;ber die Hochschulleitungen.<\/p><p>Die Entstehungsgeschichte des sog. &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; in Nordrhein-Westfalen in den Jahren 2005 und 2006 ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie sich die Politik und der Staat aus ihrer Verantwortung f&uuml;r ein zentrales Feld der Zukunftsgestaltung zur&uuml;ck ziehen und dem Druck einer privaten Lobbyorganisationen nachgeben und sich zur verl&auml;ngerten Werkbank des &bdquo;Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung&ldquo; degradieren lassen.<\/p><p>Schaut man n&auml;mlich einmal genauer hin, woher das im HFG in Gesetzesform gegossene Konzept vom R&uuml;ckzug des Staates zugunsten einer unternehmerischen Hochschule stammt, so st&ouml;&szlig;t man auf die sog. &bdquo;Governance Struktur&ldquo; des &bdquo;New Public Management&ldquo;-Modells das vom bertelsmannschen Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE), dem &bdquo;Stifterverband f&uuml;r die deutsche Wissenschaft&ldquo; &ndash; dem wissenschaftspolitischen Arm der Arbeitgeber &ndash;  und der OECD seit geraumer Zeit der Politik angedient, um nicht zu sagen aufgen&ouml;tigt wird.<\/p><p>Da Wettbewerb und Konkurrenz das entscheidende Steuerungsinstrument sein sollen, steuern vor allem einzuwerbenden Mittel, also die von den L&auml;ndern bereitgestellte &bdquo;Grundfinanzierung&ldquo; erg&auml;nzende Finanzierung &ndash; das nach wie vor ganz &uuml;berwiegend staatlich finanzierte Unternehmen Hochschule. <\/p><p>Die staatlichen Hochschulen wurden statt den &bdquo;Gesetzen&ldquo; des demokratisch legitimierten Gesetzgebers, den anonymen und angeblich objektiven &bdquo;Gesetzen&ldquo; des Wettbewerbs auf dem Wissenschaftsmarkt und der Konkurrenz auf dem Ausbildungsmarkt unterstellt. <\/p><p><strong>Die Hochschulen sollen auf Quasi-M&auml;rkten agieren und &auml;hnliche Organisationsstrukturen wie Profitunternehmen haben<\/strong><\/p><p>Dazu mussten horizontale oder Bottom-up-Strukturen demokratischer oder kooperativer Interessenvertretung von vertikalen, Top-down-Entscheidungsbefugnissen abgel&ouml;st werden.<\/p><p>Wie in einer Aktiengesellschaft soll in diesem Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; das Management von der Spitze aus in alle Bereiche des Unternehmens &ndash; als &bdquo;Dienstherr&ldquo; des &bdquo;Personals&ldquo; (&sect; 38 HessHG) (ehemals Hochschullehrer genannt) und bis hinein in die &bdquo;Ausbildungsverh&auml;ltnisse&ldquo; (ehemals Studium genannt) &ndash; durchentscheiden k&ouml;nnen. Man braucht dazu sozusagen einen &bdquo;Chief Executive Officer&ldquo; als Pr&auml;sidenten, gegen dessen Stimme keine Entscheidung getroffen werden kann. (So war das z.B. auch in &sect; 15 Abs. 2 Ziff. 3 des NRW- Hochschul&ldquo;Freiheits&ldquo;gesetzes geregelt.)<\/p><p>Die Qualit&auml;t einer Hochschule bestimmt sich nicht mehr aus ihrer wissenschaftlichen Anerkennung innerhalb der Scientific Community &ndash; also aus ihrem symbolischen oder &acute;kulturellen Kapital` (Pierre Bourdieu) -, sondern in der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule erweist sich Qualit&auml;t in der &bdquo;Konkurrenz mit ihresgleichen&ldquo; (so schrieb der damalige Innovationsminister Pinkwart von der FDP). Und die Qualit&auml;t eines wissenschaftlichen Studiums l&auml;sst sich aus den Benchmarks von Hochschulrankings ableiten, die Qualit&auml;t der Forschung aus der H&ouml;he der Drittmitteleinwerbungen &ndash; also aus ganz handfestem Kapital.<\/p><p>Damit den Gesetzen des Wettbewerbs gefolgt werden kann, muss &ndash; dem Glaubensbekenntnis des Markt- und Wettbewerbsliberalismus entsprechend &ndash; der Staat aus dem Marktgeschehen m&ouml;glichst weitgehend herausgehalten werden.<br>\nDas Parlament ist allenfalls noch der Zahlmeister, der &ndash; so w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;Zusch&uuml;sse&ldquo; gew&auml;hrt.<\/p><p><strong>&bdquo;Freischwebende&ldquo; Aufsichtsr&auml;te<\/strong><br>\nAn Stelle des Ministeriums oder des Parlaments als demokratische legitimierte rahmensetzende Organe wurde in der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule &ndash; wie bei einem in Form einer Aktiengesellschaft konstituierten Wirtschaftsunternehmen &ndash; der Hochschulleitung ein frei schwebender Aufsichtsrat als &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; mit weitgehenden Kompetenzen vorgesetzt. <\/p><p>Die Kompetenzen der Hochschulr&auml;te sind in den einzelnen Landesgesetzen unterschiedlich weitgehend geregelt &ndash; am tiefgreifendsten war das im sog. Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz in NRW. <\/p><p>Die Berufung in die Hochschulr&auml;te ist in den L&auml;ndern unterschiedlich geregelt, doch anders als etwa bei der Berufung der Rundfunkr&auml;te bei den staatsunabh&auml;ngigen &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, haben die Parlamente bei der Bestellung der Hochschulr&auml;te durch das jeweilige Ministerium in aller Regel nichts zu sagen. <\/p><p>Mag man bei der Bestellung der Hochschulr&auml;te noch von einer teilweisen Legitimation durch den Hochschulsenat oder wie in NRW neuerdings durch eine &bdquo;Hochschulwahlversammlung&ldquo; (&sect; 22a HZG NRW ) und von einer mittelbaren demokratischen Legitimation durch die vom Parlament gew&auml;hlte Exekutive, also dem Ministerium sprechen, so sind aber die Mitglieder des Hochschulrats nach ihrer Bestellung &uuml;ber ihre gesamte vierj&auml;hrige Amtszeit keiner auch nur irgendwie demokratisch legitimierten Instanz mehr rechenschaftspflichtig.  Sie k&ouml;nnen f&uuml;r Ihre oft tiefgreifenden und kostenintensiven Entscheidungen von niemand zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb nenne ich die Hochschulr&auml;te &bdquo;freischwebend&ldquo;.<\/p><p>Die meisten Hochschulgesetze billigen dem weder parlamentarisch noch gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit rechenschaftspflichtigen und von der Hochschule nicht zur Verantwortung ziehbaren Hochschulrat Kompetenzen und Entscheidungsrechte zu, die dem demokratisch gew&auml;hlten Parlament und der demokratisch legitimierten Regierung entzogen wurden. Ja noch mehr: Hochschulr&auml;ten wurden sogar mehr Kompetenzen einger&auml;umt als der Staat gegen&uuml;ber den Hochschulen vor dem Systemwechsel  je hatte. Sie &uuml;ben z.B. eine Kontrollfunktion in akademischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten aus, sie stimmen der Entwicklungsplanung zu, sie entlasten das Pr&auml;sidium, sie bestimmen die Wahl der Hochschulleitung wesentlich mit. <\/p><p>Wenigstens einige dieser Defizite der Hochschulratsstruktur  r&auml;umen inzwischen sogar die wichtigsten Protagonisten der Einf&uuml;hrung von Hochschulr&auml;ten &ndash; n&auml;mlich das bertelsmannsche Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) und der Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft &ndash; ein. In einem &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.stifterverband.info\/publikationen_und_podcasts\/positionen_dokumentationen\/handbuch_hochschulraete\/index.html\">Handbuch Hochschulr&auml;te<\/a>&ldquo;  wird z.B. festgestellt, dass die Ehrenamtlichkeit der Hochschulr&auml;te mit ihren zumeist weitgehenden Kompetenzen konfligiere. Statt aber die Kompetenzen der Ehrenamtlichkeit anzupassen, wird vorgeschlagen, dass die Hochschulratsmitglieder f&uuml;r einen &ldquo;individuellen Versicherungsschutz&ldquo; Sorge tragen sollen und etwa eine &bdquo;Directors and Officers-Versicherung&ldquo; abschlie&szlig;en sollten, wie das f&uuml;r das Management von Unternehmen &uuml;blich ist. Die Hochschulen sollen die entsprechenden Versicherungsbeitr&auml;ge &uuml;bernehmen.<\/p><p>Als Ersatz f&uuml;r eine &ouml;ffentliche oder parlamentarische Kontrolle, sollen sich die Hochschulr&auml;te einer &bdquo;externen Evaluation&ldquo; stellen. Und um die Ehrenamtler f&uuml;r ihre verantwortungsvolle T&auml;tigkeit zu r&uuml;sten, sollen die Ministerien den Hochschulr&auml;ten zu Beginn ihrer Amtszeit einen Leitfaden &bdquo;in Form eines &bdquo;Starter-Kits f&uuml;r Hochschulr&auml;te&ldquo; &ndash; so hei&szlig;t es w&ouml;rtlich in dem Handbuch &ndash; zur Verf&uuml;gung stellen. <\/p><p>Ich halte &ndash; mit Verlaub &ndash; diese Korrekturen eher f&uuml;r kabarettreif als f&uuml;r zielf&uuml;hrend. Jedenfalls k&ouml;nnen sie das Legitimationsdefizit f&uuml;r die Dauer der Amtszeit nicht heilen. <\/p><p>Die Hochschulratsmitglieder m&ouml;gen zwar viel Engagement und Sympathie f&uuml;r &bdquo;ihre&ldquo; jeweilige Hochschule haben, doch sie m&uuml;ssen keinerlei fachliche oder rechtliche Kenntnisse besitzen, sie m&uuml;ssen noch nicht einmal mit dem Hochschulwesen vertraut sein. Sie sind ehrenamtlich t&auml;tig und m&uuml;ssen sich nach der Gesch&auml;ftsordnung lediglich halbj&auml;hrlich versammeln. Nach einer <a href=\"http:\/\/www.uni-muenster.de\/imperia\/md\/content\/kowi\/forschen\/ergebnisreport_organisation_oeffentlichkeit_hochschulen.pdf\">empirischen Untersuchung von Macinkowski\/ Kohring<\/a> nehmen Hochschulratsvertreter durchschnittlich zwischen 3,7 bis 4,1- mal im Jahr an Sitzungen teil und wenden &ndash; nach Eigenangaben &ndash;  zwischen 50,9 bis 73,2 Stunden im Jahr f&uuml;r ihre T&auml;tigkeit auf.<br>\nDie Kontakte zu Hochschulvertretern sind relativ selten und finden ganz &uuml;berwiegend zur Hochschulleitung statt.<\/p><p>In aller Regel haben Hochschulr&auml;te keinen eigenen planerischen Unterbau, der ihnen f&uuml;r ihre tiefgreifenden und weitreichenden Entscheidungen zuarbeiten k&ouml;nnte.<\/p><p>Es bestehen &ndash; so auch das Bundesverwaltungsgericht im Hinblick auf das nieders&auml;chsische Modell einer Stiftungshochschule &ndash; (w&ouml;rtlich) &bdquo;durchgreifende Zweifel&ldquo;, ob diese Aufsichtsr&auml;te die ihnen vom Gesetz &uuml;bertragenen Kompetenzen fachlich und sachlich ausf&uuml;llen k&ouml;nnen.<\/p><p>In der Praxis st&auml;rken Hochschulr&auml;te eher die Durchgriffsmacht der mit den Hochschulreformgesetzen ohnehin massiv gest&auml;rkten Hochschulleitungen gegen&uuml;ber den Hochschulangeh&ouml;rigen und den Gremien der Hochschule.<\/p><p>Auf der Basis von Befragungen von Mitgliedern der Hochschulleitungen, von Hochschulratsmitgliedern und Kanzlern kommt selbst eine Studie des bertelsmannschen CHE &uuml;ber das &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.che.de\/downloads\/CHE_AP140_Strategie.pdf\">strategische Management<\/a>&ldquo; an den Hochschulen zum Ergebnis, dass Hochschulr&auml;te zwar kaum &bdquo;fachlichen Impulse&ldquo; geben, aber daf&uuml;r die Macht h&auml;tten, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8882\">Strategien einzufordern<\/a>.<\/p><p>Im Blick auf die fachlichen Impulse ergab sich nach dieser Befragung (so w&ouml;rtlich) &bdquo;ein klares negatives Urteil&ldquo; (S.90)<\/p><p>&bdquo;Die gro&szlig;e Mehrheit der Interviewten berichtete, dass die Hochschulr&auml;te (hier vor allem die externen Mitglieder) fachlich wenig zur Strategie der Hochschule beitragen (teils wollen, teils) k&ouml;nnen&hellip;Gleichzeitig herrschte weitgehende Einigkeit dahingehend, dass es gar nicht w&uuml;nschenswert sei, dass die Hochschulr&auml;te sich inhaltlich in die Strategieentwicklung einschalten w&uuml;rden. Bei den Vertreter(inne)n aus anderen gesellschaftlichen Feldern bestehe ohnehin nur die Gefahr, dass sie Erfahrungen aus ihrem eigenen Umfeld oder ihrer eigenen Branche &uuml;berbewerteten&hellip;&ldquo; <\/p><p>Wenn aber selbst einer der &bdquo;Erfinder&ldquo; der Hochschulr&auml;te&ldquo;, das CHE, zu dem Befund kommt, dass die Hochschulr&auml;te zwar viel Macht haben, aber fachlich eher wenig zu einer Hochschulstrategie beitragen (k&ouml;nnen), dann stellt sich umso mehr die Frage, warum ihnen in den Hochschulgesetzen nach wie vor die Kompetenz einger&auml;umt bleibt, &uuml;ber die strategische Ausrichtung einer Hochschule zu entscheiden. <\/p><p>Dass &ndash; wie von Hochschulratsmitgliedern immer wieder betont wird &ndash; die gesetzlichen Kompetenzen von den Hochschulr&auml;ten nicht ausgesch&ouml;pft werden, sondern diese ihre Funktion eher als &bdquo;Berater&ldquo; oder &bdquo;Unterst&uuml;tzer&ldquo; verstehen, &auml;ndert an der Rechtslage nichts. Im Gegenteil, diese Praxis spricht f&uuml;r eine &Auml;nderung der Gesetze.<\/p><p>Ich bin selbst Mitglied in einem Hochschulrat einer Hochschule  gewesen und habe so &uuml;ber 10 Jahren Erfahrungen mit einem solchen &bdquo;Aufsichtsrat&ldquo; sammeln k&ouml;nnen:<br>\nDabei bin ich zur festen &Uuml;berzeugung gelangt: Ein ehrenamtlicher Hochschulrat ist mit den ihm per Gesetz &uuml;bertragenen Kompetenzen in aller Regel schlicht &uuml;berfordert.<\/p><p>In der ganz &uuml;berwiegenden Zahl der zu treffenden Entscheidungen hat das hauptamtliche Pr&auml;sidium einen nicht einholbaren Informationsvorsprung und kennt die m&ouml;glichen Handlungsoptionen erheblich besser als zumindest jedes externe Mitglied des Hochschulrates.<\/p><p>Etliche Pr&auml;sidenten haben sich dadurch zu Alleinherrschern bzw. zu patriarchalischen Unternehmerpers&ouml;nlichkeiten entwickelt.<\/p><p>Hochschulr&auml;te arbeiten weder &ouml;ffentlich noch transparent noch sind sie repr&auml;sentativ zusammengesetzt.<\/p><p>Nach einer Erhebung durch Bogumil et al. ordnen sich 41 % der Befragten Hochschulratsmitglieder dem Bereich Wissenschaft zu. Es k&ouml;nne also angenommen werden, dass eine &bdquo;Orientierung an den Normen und Interessen des Wissenschaftssystems&ldquo; bestehe (S. 93f.) dass damit aber eben nicht gesellschaftliche Perspektiven eingebracht werden.<\/p><p>Die am zweith&auml;ufigsten vertretene Gruppe bilden Personen aus der Wirtschaft mit 36%, davon wiederum 78% von Gro&szlig;unternehmen.<br>\nAber vor allem: &bdquo;F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten&ldquo; aus der Wirtschaft stellen nahezu die H&auml;lfte aller Hochschulratsvorsitzenden. Arbeitnehmer oder andere Repr&auml;sentanten anderer gesellschaftlichen Gruppen sind nur zu einem winzigen Bruchteil vertreten. Der Anteil von Ruhest&auml;ndlern ist hoch. <\/p><p>Von einer angemessenen Repr&auml;sentanz &ndash; wie es etwa in &sect; 86 HessHG so sch&ouml;n hei&szlig;t &ndash; wichtiger F&uuml;rsprecher aus den Bereichen &bdquo;Wissenschaft, Wirtschaft, der beruflichen Praxis oder der Kultur&ldquo; kann also kaum die Rede sein. <\/p><p>In Abwandlung zur Kritik an US-Hochschul-Boards &bdquo;white, wealthy, businessmen&ldquo; k&ouml;nnte man bei uns sagen die Aufsichtsr&auml;te sind &uuml;berwiegend &bdquo;old, wealthy, businessmen, masculine&ldquo;. (In Rheinland-Pfalz inzwischen eine Quote f&uuml;r Frauen.)<\/p><p><strong>Funktionelle Privatisierung<\/strong><\/p><p>Bei der Hochschulratsstruktur ganz allgemein handelt es sich um eine nach dem deutschen &ouml;ffentlichen Recht singul&auml;re Organisationsform.<\/p><p>Die Parlamente und der Staat billigen einem demokratisch nicht legitimierten, parlamentarisch nicht rechenschaftspflichtigen und von der Hochschule oder von der Gesellschaft nicht zur Verantwortung ziehbaren Hochschulrat Kompetenzen und Entscheidungsrechte zu, die teilweise weit &uuml;ber die Kompetenzen hinausgehen, die der Staat jemals zumindest gegen&uuml;ber den Universit&auml;ten hatte.<\/p><p>Es geht nicht etwa um eine nach dem Verwaltungsrecht m&ouml;gliche Auslagerung einer &ouml;ffentlichen Aufgabe in eine mitgliedschaftlich organisierte Selbstverwaltungsk&ouml;rperschaft, sondern um eine im demokratischen Verwaltungsstaat bisher unbekannte &bdquo;Zerfaserung&ldquo; von Staatlichkeit bei einer gleichzeitigen &bdquo;Erosion der klassischen Verb&auml;ndebeteiligung&ldquo; und einer Verschiebung der &bdquo;Organisationsverantwortung&ldquo; hin zu einigen wenigen &bdquo;F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten&ldquo;, die niemand rechenschaftspflichtig sind.<br>\n(Vgl. J&ouml;rg Bogumil, Rolf G. Heinze, Stephan Grohs, Sascha Gerber, <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf_fof\/S-2007-981-5-1.pdf\">Hochschulr&auml;te als neues Steuerungsinstrument? Eine empirische Analyse der Mitglieder und Aufgabenbereiche, 2007, Studie im Auftrag der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung [PDF &ndash; 481 KB]<\/a>)<\/p><p>Es geht gleichzeitig um eine Machtverschiebung zu Lasten der klassisch-parlamentarischen Repr&auml;sentation der gesellschaftlichen Interessen und vor allem auch zu Ungunsten der Selbstverwaltung der Hochschule.<\/p><p>Die einer privatrechtlichen Aktiengesellschaft nachgebildete Aufsichtsratsstruktur der Hochschulr&auml;te kommt einer &bdquo;funktionellen Privatisierung&ldquo; der &ouml;ffentlichen und staatlich nur noch &bdquo;bezuschussten&ldquo; Hochschulen gleich. Die &ouml;ffentlichen Hochschulen werden zwar noch staatlich subventioniert, die &bdquo;Differenz zwischen staatlicher und privater Hochschultr&auml;gerschaft&ldquo; verliert aber an Bedeutung.<br>\n(Siehe Enrique Fern&aacute;ndez Darraz, Gero Lenhardt, Robert D. Reisz, Manfred Stock, Hochschulprivatisierung und akademische Freiheit, hrsg. So eine Studie des <strong>Institut f&uuml;r Hochschulforschung (HoF)<\/strong> 2010; &auml;hnlich auch <a href=\"http:\/\/stifterverband.info\/publikationen_und_podcasts\/positionen_dokumentationen\/private_hochschulen\/rolle_und_zukunft_privater_hochschulen_in_deutschland.pdf\">&bdquo;Rolle und Zukunft privater Hochschulen in Deutschland&ldquo;, eine Studie des Stifterverbands in Kooperation mit McKinsey &amp; Company [PDF &ndash; 3.7 MB]<\/a>).<\/p><p>Das meine nicht nur ich, sondern auch eine Studie des Instituts f&uuml;r Hochschulforschung (HoF) in Halle und selbst eine Studie von McKinsey f&uuml;r den Stifterverband kommt <a href=\"http:\/\/stifterverband.info\/publikationen_und_podcasts\/positionen_dokumentationen\/private_hochschulen\/index.html\">zu diesem Urteil<\/a>.<\/p><p>F&uuml;r die Privatisierungsideologen ist eine solche &bdquo;funktionelle Privatisierung&ldquo; sogar der Idealfall: Der Staat sichert die Grundfinanzierung und die erg&auml;nzende Finanzierung steuert das Ganze.<\/p><p><strong>Autonomie f&uuml;r die Hochschulleitung<\/strong><\/p><p>Das der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; zugrunde liegende Hochschul-Autonomie-Verst&auml;ndnis bezieht die &bdquo;Autonomie&ldquo; im Wesentlichen auf die &bdquo;Institution&ldquo; Hochschule und dabei faktisch vor allem auf die Leitungsebene. Diese Verengung des grundgesetzlichen Autonomiebegriffs auf die Institution tangiert aber das prim&auml;re &bdquo;subjektive&ldquo;, Freiheitsgrundrecht der Hochschulangeh&ouml;rigen als eigentliche Tr&auml;ger der Wissenschaftsfreiheit und der daraus abgeleiteten Selbstverwaltungsrechte.<\/p><p>Das Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; wechselt einen auf die individuelle Wissenschaftsfreiheit und nur mittelbar als &bdquo;institutionelle Garantie&ldquo; auch auf die Hochschule bezogenen Autonomiebegriff und verengt ihn auf die Institution Hochschule, ja noch mehr auf die Hochschulleitung.<\/p><p>Zugespitzt k&ouml;nnte man sagen: Die Institution Hochschule wurde &bdquo;autonom&ldquo; von Staat und Parlament und &bdquo;heteronom&ldquo; einem Hochschulrat unterstellt. <\/p><p><strong>&bdquo;Unternehmerische Hochschule&ldquo; behindert Innovation<\/strong><\/p><p>Jenseits rechtlicher Bewertungen widerspricht aber nach meiner Meinung  die &bdquo;unternehmerische&ldquo; Hochschule mit ihrer Aufsichtsratsstruktur den &bdquo;professionskulturellen&ldquo; Bedingungen einer freien und innovativen Wissenschaft. Die wettbewerbsgesteuerte Hochschule ist wissenschaftlicher Kreativit&auml;t nicht f&ouml;rderlich, sondern konterkariert eher das vorgegebene Ziel wissenschaftlicher Qualit&auml;t und l&auml;uft Gefahr wissenschaftliche Innovation zu erschweren.<\/p><p>Auch das ist nicht nur meine pers&ouml;nliche Meinung sondern das Ergebnis einer Studie mit dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7183\">Das Dilemma der unternehmerischen Universit&auml;t<\/a>&ldquo; von Klaus D&ouml;rre und Matthias Neis an der Friedrich-Schiller-Uni in Jena. &Uuml;brigens der bisher einzig mir bekannte empirische Untersuchung, die die ansonsten st&auml;ndig nur behaupteten Erfolge der neuen Hochschulstruktur in Frage stellt.<\/p><p>Die Studie kommt zum Ergebnis:<br>\n&bdquo;Einseitig an messbaren Effizienz- und Wettbewerbskriterien ausgerichtete Steuerungssysteme, wie sie den Leitbildern der unternehmerischen Universit&auml;t und eines academic capitalism entsprechen, laufen Gefahr, das Gegenteil von dem zu produzieren, was sie eigentlich beabsichtigen. Sie k&ouml;nnen Innovationen erschweren, ja geradezu blockieren.&ldquo; <\/p><p>Denn Innovationen entst&uuml;nden innerhalb der Universit&auml;t als Ergebnis weitgehend ungeplanter Prozesse in Nischen, die sich einer direkten Kontrolle entz&ouml;gen. Sie beruhten auf kollektivem Lernen, setzten Vertrauen und gegenseitige Anerkennung voraus. <\/p><p>&bdquo;Das Regime von McKinsey und Co&ldquo; beeintr&auml;chtige geradezu die Funktionsf&auml;higkeit der &bdquo;Herzkammer des Kapitalismus&ldquo;, n&auml;mlich sein Innovationssystem, hei&szlig;t es dort<\/p><p>Zu ganz <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16573\">&auml;hnlichen Ergebnissen<\/a> kommt der Wissenschaftssoziologe Richard M&uuml;nch:<\/p><p>&bdquo;Die unternehmerische Universit&auml;t entmachtet die wissenschaftliche und die akademische Gemeinschaft und die Fachgesellschaften als Treuh&auml;nder des Erkenntnisfortschritts im inneren Kern der Wissenschaft und der Wissensvermittlung und in ihrem Au&szlig;enverh&auml;ltnis zur Gesellschaft. Die kollektive Suche nach Erkenntnis als Kollektivgut und der kollektive Prozess der Bildung und des Wissenstransfers in die Gesellschaft in der Hand der wissenschaftlichen und der akademischen Gemeinschaft sowie der einzelnen Fachgesellschaften wird von der privatisierten Nutzung des Erkenntnisfortschritts, der Bildung und des Wissenstransfers durch unternehmerische Universit&auml;ten im Wettbewerb um Marktanteile abgel&ouml;st&ldquo;. <\/p><p><strong>Die Lehre verliert an Boden<\/strong><\/p><p>Lassen Sie mich am Schluss noch auf eine Tatsache hinweisen, die in der Debatte um die wettbewerbsgesteuerte Hochschule &uuml;bersehen oder vernachl&auml;ssigt wird:<br>\nIn der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; hat die Lehre gegen&uuml;ber der Forschung an Boden verloren.<\/p><p>Um mehr Drittmittel einzuwerben, werden z.B. bei Berufungs- und Bleibeverhandlungen immer h&auml;ufiger deutliche Reduzierungen bei den Lehrdeputaten gew&auml;hrt. <\/p><p>Die erkennbare Gef&auml;hrdung der Gleichrangigkeit der Lehre hat inzwischen sogar den Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft und die Kultusministerkonferenz veranlasst den Wettbewerb &bdquo;Exzellente Lehre&ldquo; auszuloben. Die Dotierung mit gerade einmal zehn Millionen Euro hat allerdings bestenfalls symbolische Bedeutung gemessen an der Drittmittelabh&auml;ngigkeit der Universit&auml;ten. <\/p><p><strong>Die Idee der Universit&auml;t wird korrumpiert<\/strong><\/p><p>Bei real stagnierenden Grundmitteln, sind die Universit&auml;ten, um &uuml;berhaupt noch Forschung betreiben zu k&ouml;nnen, mehr und mehr auf die Einwerbung von Drittmitteln angewiesen. Der Wettbewerb um Drittmittel wird so immer mehr zum Steuerungsinstrument der Universit&auml;tsforschung. Das Grundecht der Wissenschaftsfreiheit f&uuml;r den einzelnen Hochschulwissenschaftler wird dadurch eingeschr&auml;nkt und die Idee der Universit&auml;t als ein von Fremdbestimmung, von wirtschaftlichen Verwertungsinteressen oder von politischen Zweckm&auml;&szlig;igkeitsvorstellungen freier Ort der Wissenschaft wird <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24970\">zunehmend korrumpiert<\/a>.<\/p><p>Die &bdquo;Drittmittelquote&ldquo;, also der Anteil der Drittmittel an der Gesamtfinanzierung der Hochschulen und ihrer Forschungen, in nur gut einem Jahrzehnt von 16 auf 26 Prozent erh&ouml;ht. Der Durchschnitt besagt jedoch wenig:<br>\nDer Anteil der Drittmittel an den Forschungsausgaben ist an den Hochschulen sehr unterschiedlich: er liegt bei den technischen Hochschulen mit einem hohen Anteil an mathematisch-naturwissenschaftlichen oder ingenieurwissenschaftlichen F&auml;chern deutlich h&ouml;her als an klassischen Universit&auml;ten, bei der RWTH Aachen liegt dieser Anteil z.B. bei &uuml;ber 40%.<\/p><p>2011 waren an deutschen Hochschulen 26&nbsp;% des wissenschaftlichen und k&uuml;nstlerischen Personals, umgerechnet in Vollzeitbesch&auml;ftigte, durch Drittmittel finanziert. Bei den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern lag der Anteil an drittmittelfinanziertem Personal sogar bei 38%. <\/p><p>Etwa jeder dritte Euro der Drittmitteleinnahmen kam von der (staatlich finanzierten) Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Jeder f&uuml;nfte Euro inzwischen schon von der gewerblichen Wirtschaft.<\/p><p><strong>Die Mehrheit der Lehrenden und Studierenden ist unfreier geworden<\/strong><\/p><p>Damit komme ich zur&uuml;ck auf meine Eingangsfeststellung:<br>\ndie staatlichen Hochschulen wurden statt den &bdquo;Gesetzen&ldquo; des demokratisch legitimierten Gesetzgebers und den Entscheidungen der Selbstverwaltungsorgane, den anonymen und angeblich objektiven den &bdquo;Gesetzen&ldquo; des Wettbewerbs auf dem Wissenschaftsmarkt unterstellt.  <\/p><p>Mit den auf diesen Wettbewerb ausgerichteten unternehmerischen Leitungsstrukturen ist aber die &uuml;berwiegende Mehrheit der Lehrenden und Studierenden gemessen an ihren fr&uuml;heren Forschungs- und Lernfreiheiten wesentlich &bdquo;unfreier&ldquo; geworden. <\/p><p><strong>Die Gesetzesnovellen blieben auf halbem Wege stecken<\/strong><\/p><p>Durch die Regierungswechsel etwa in Baden-W&uuml;rttemberg oder NRW kam es zu Novellierungen der Landeshochschulgesetze auch in Niedersachsen ist eine Novelle auf den Weg gebracht. <\/p><p>Doch die Gesetze sind auf halbem Wege stehen geblieben. Zu einer ausgewogenen Balance zwischen demokratischem Staat und der funktionell privatisierten Hochschule ist es nicht gekommen. <\/p><p>Es fehlte der politische Mut, klar zu bekennen, dass das Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; noch nie zu wissenschaftlichen Hochschulen gepasst hat und dass es darum gehen m&uuml;sste f&uuml;r eine freie Forschung und Lehre in Verantwortung vor der Gesellschaft f&uuml;r eine demokratische und soziale Hochschule, einzutreten &ndash; wie sie etwa im hochschulpolitischen Programm des DGB im Jahre 2012 in die Diskussion gebracht wurde.<\/p><p><strong>Ein neues Leitbild f&uuml;r die Hochschulen<\/strong><\/p><p>Ein neues Leitbild, m&uuml;sste die Selbstbestimmung der Grundrechtstr&auml;ger der Wissenschaftsfreiheit und die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschule miteinander vermitteln. Wie das etwa im hochschulpolitischen Programm des DGB im Jahre 2012 <a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/themen\/++co++61926a20-4053-11e2-a408-00188b4dc422\">in die Diskussion gebracht wurde<\/a>. Mitbestimmung und Partizipation der Wissenschaftler (und auch der Studierenden) als Grundrechtstr&auml;ger w&auml;re ein unverzichtbarer Bestandteil einer autonomen Hochschule. Gerade die staatliche gew&auml;hrte Freiheitsgarantie und nicht zuletzt die ganz &uuml;berwiegende Finanzierung durch die Allgemeinheit begr&uuml;nden nicht nur die Verantwortung der Hochschulen gegen&uuml;ber der Gesellschaft, sondern auch eine Pflicht der Wissenschaftler &uuml;ber die Ziele, Inhalte,  Ergebnisse und die Folgen von Forschung und Lehre selbstkritisch gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit Rechenschaft abzulegen. Die Hochschule in der Demokratie ist zu Transparenz und Kommunikation verpflichtet (Stichworte: &bdquo;Open Access&ldquo;, Wissenstransfer). Dies schon deshalb, um in den verteilungspolitischen Auseinandersetzungen bei knappen &ouml;ffentlichen Haushalten gegen&uuml;ber anderen staatlichen Aufgaben auf Dauer erfolgreich sein zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Zur einer wirklich internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit auf dem Felde der Forschung geh&ouml;rte auch, dass zumindest gesetzliche Rahmenvorgaben f&uuml;r &bdquo;Gute Arbeit&ldquo; und die Nachwuchsf&ouml;rderung an den Hochschulen gemacht w&uuml;rden oder die Garantie, dass eine angemessene staatliche Grundfinanzierung wieder Grundlage f&uuml;r freie Forschung der Hochschulwissenschaftler wird. Damit k&ouml;nnte auch dem Brain-Drain junger Wissenschaftler entgegen gewirkt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Referat von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong> auf der gemeinsam von der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, dem BdWi dem Bildungs- und F&ouml;rderungswerk der GEW im DGB e.V., dem DGB Brandenburg und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) veranstalteten Tagung &bdquo;&Ouml;ffentlich vor privat &ndash; Die Zukunft der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge&ldquo; am 19.9.2015 in Berlin.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,129,160,143,14],"tags":[232,231,235,986,568,230,443,565],"class_list":["post-27623","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-markt-und-staat","category-privatisierung-oeffentlicher-leistungen","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-bertelsmann","tag-che","tag-drittmittel","tag-hochschulautonomie","tag-hochschulraete","tag-lieb-wolfgang","tag-standortwettbewerb","tag-unternehmerische-hochschule"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27623","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27623"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27623\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27625,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27623\/revisions\/27625"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}