{"id":27666,"date":"2015-09-23T09:41:35","date_gmt":"2015-09-23T07:41:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27666"},"modified":"2019-01-30T10:24:06","modified_gmt":"2019-01-30T09:24:06","slug":"fluten-wellen-stroeme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27666","title":{"rendered":"Fluten, Wellen, Str\u00f6me &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>In welchen Begriffen reden wir &uuml;ber Fl&uuml;chtlinge? Welche Bilder und Metaphern verwenden die Medien? Was sagt das &uuml;ber uns selber aus? Welche politisch-gesellschaftlichen Umst&auml;nde beg&uuml;nstigen Integrationsbem&uuml;hungen, welche behindern sie eher? Was droht uns, wenn Integration misslingt? <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> versucht diesen Fragen nachzugehen.<br>\n<!--more-->                                                                                <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eines der wesentlichen Merkmale einer guten Gesellschaft sollte sein, Randexistenzen zu tolerieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>(Susan Sontag)<\/p><p><strong>Begr&uuml;&szlig;ungsrituale<\/strong><\/p><p>Seit Wochen sehe ich jeden Abend in der Tagesschau Polizisten, die, wenn sie Fl&uuml;chtlinge in Empfang nehmen, Mundschutz und Gummihandschuhe tragen. Warum tun sie das? Man denkt unwillk&uuml;rlich, dass die Fremden unter ansteckenden Krankheiten leiden, Pest und Cholera einschleppen. Man n&auml;hert sich ihnen wie Schmutz oder hochtoxischem Abfall. Was machen solche Fernsehbilder mit unserem Bewusstsein &ndash; und vor allem unserem Unbewussten? Und: Wie wirken Mundschutz und Gummihandschuhe auf die Ank&ouml;mmlinge? Man ber&uuml;hrt sie mit den spitzen Fingern des Ekels. Den Begleittext zu diesem Begr&uuml;&szlig;ungsritual h&ouml;rte ich im Fernsehen einen bayrischen Polizisten sprechen, der gerade eine syrische Fl&uuml;chtlingsfamilie aus dem Auto eines ungarischen Schleusers herausgeholt hat: &bdquo;Der Schleuser wird zur Bundespolizei verbracht, dort weiter bearbeitet und vernommen, dann auf Anordnung des Staatsanwalts einem Haftrichter vorgef&uuml;hrt und geht dann vermutlich in Untersuchungshaft. Die Fl&uuml;chtlinge werden zur Bundespolizei transportiert, dort registriert und dann in eine Erstaufnahmeeinrichtung verbracht.&ldquo; <\/p><p>Unmenschlichkeit k&uuml;ndigt sich in der Sprache an. Wer in einer verdinglichten Sprache (&bdquo;sind zu registrieren, sind zuzuf&uuml;hren, m&uuml;ssen verbracht werden&ldquo;) &uuml;ber Menschen redet, behandelt sie irgendwann auch wie Dinge. Als Amos Oz im Jahr 2014 den ersten Siegfried Lenz-Preis erhielt, sagte er im Interview mit der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe eine bestimmte Verantwortung f&uuml;r die Sprache. Wenn sie missbraucht wird, ist es meine Pflicht loszubr&uuml;llen. Ich reagiere wie ein Rauchmelder. Wenn Menschen als &sbquo;unerw&uuml;nschte Ausl&auml;nder&lsquo; bezeichnet werden oder als &sbquo;Parasiten&lsquo;, muss ich Alarm schlagen. Denn eine enthumanisierte Sprache ist das erste Indiz f&uuml;r eine enthumanisierte Gesellschaft.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Victor Klemperer hat dem Nachweis dieses Zusammenhangs sein Lebenswerk gewidmet.<\/p><p><strong>Fluten, Wellen, Str&ouml;me<\/strong><\/p><p>Apropos Sprache: Wenn von den Fl&uuml;chtlingen geredet wird, ist von <em>Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;men<\/em> und einer <em>Asylantenschwemme<\/em> die Rede, von <em>Wellen<\/em>, <em>Ansturm<\/em>, <em>Flut<\/em>. Diese Begriffe legen nahe, dass wir uns dagegen sch&uuml;tzen, zur Wehr setzen, D&auml;mme errichten m&uuml;ssen, sonst gehen wir unter, werden wir &uuml;berschwemmt. Lloyd deMause und Klaus Theweleit haben gezeigt, dass die Verwendung von bestimmten Metaphern wenig &uuml;ber die solcherart Bezeichneten, aber viel &uuml;ber die K&ouml;rpergeheimnisse, unbewussten Phantasien, W&uuml;nsche und &Auml;ngste derer aussagen, die sie verwenden. Die visuellen Botschaften der Leit-Medien repr&auml;sentieren laut deMause die kollektive nationale Traumarbeit. Sie wirken durch Titelbilder, Karikaturen, Schlagzeilen und filmische Darstellungen mit am Aufbau von &bdquo;Gruppenphantasien&ldquo;, die die Art und Weise pr&auml;gen, wie Wirklichkeit wahrgenommen wird. <\/p><p>Wer oder was droht da &uuml;berflutet, &uuml;berschwemmt zu werden? Wogegen werden Grenzz&auml;une, D&auml;mme und Barrieren errichtet? <\/p><p>Klaus Theweleit hat aus den schriftlichen Hinterlassenschaften der Freikorpsm&auml;nner der fr&uuml;hen 1920er Jahre ein Psychogramm des Faschisten und des Faschismus herausgelesen. Fast alles, was Theweleit dort gefunden und in seinem zweib&auml;ndigen Buch &bdquo;M&auml;nnerphantasien&ldquo; beschrieben hat, finden wir nun auch bei den zeitgen&ouml;ssischen Rassisten und Ausl&auml;nderfeinden wieder. Aber eben nicht nur bei diesen, sondern auch in den Bildern und Metaphern, die in der medialen Berichterstattung &uuml;ber die V&ouml;lkerwanderung der Armen verwendet werden. <\/p><p>Die D&auml;mme und Begrenzungen, die eingef&uuml;hrt werden, um die <em>Ausl&auml;nderflut<\/em> zu stoppen, werden auch gegen das eigene Unbewusste errichtet. Die Bedrohung, die man im anderen zu sehen glaubt, ist urspr&uuml;nglich im eigenen Inneren zu finden. Der gef&uuml;rchtete Fremde ist die Verk&ouml;rperung dessen, was wir auf dem Weg ins Erwachsenenalter verdr&auml;ngen mussten und das uns in der Folge fremd geworden ist. Die Begegnung mit ihm l&ouml;st Angst aus und es muss durch allerhand Abwehrma&szlig;nahmen in Schach gehalten werden. Freud sprach im Anschluss an Jean Paul vom Unbewussten als dem &bdquo;wahren inneren Afrika&ldquo;, das wir in uns tragen und in dem das Ich seine Kolonien errichtet. Die Fremden, die nun zu uns kommen, sind also auch Sendboten jenes dunklen Kontinents, den wir in uns tragen. &bdquo;&Auml;u&szlig;eres weist innen auf Versch&uuml;ttetes&ldquo;, hat der Schweizer Schriftsteller Reto H&auml;nny einmal geschrieben, und diese Verzahnung von Innerem und &Auml;u&szlig;eren ist es, die den vermeintlichen Abwehrkampf gegen die Fl&uuml;chtlinge psychisch antreibt. Um das Versch&uuml;ttete unter der Schwelle des Bewusstseins zu halten, geht man gegen das &Auml;u&szlig;ere vor, das es symbolisiert.<\/p><p><strong>&bdquo;Freude aus Verunsicherung ziehen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Vehemenz der Abwehrreaktion h&auml;ngt ab vom Ausma&szlig; der Verdr&auml;ngung, die ein Mensch leisten muss. Wer das Gl&uuml;ck hatte, nicht autorit&auml;r erzogen und &bdquo;zur Sau gemacht&ldquo; worden zu sein, der wird die Zuwanderung gelassen sehen und die mit ihr verbundenen Schwierigkeiten n&uuml;chtern analysieren k&ouml;nnen. Vielleicht wird er es sogar gelernt haben, &ldquo;Freude aus Verunsicherung zu ziehen&rdquo; und kann die Zuwanderung als kulturelle und soziale Bereicherung erleben. Christa Wolf hatte die Formulierung &bdquo;Freude aus Verunsicherung zu ziehen&ldquo; in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung gebraucht und mit der skeptischen Frage verbunden: &ldquo;Wer hat uns das je beigebracht?&rdquo; Je traditioneller ein Mensch gepr&auml;gt ist, je mehr man ihn in einen Charakterpanzer gezw&auml;ngt hat, desto schwerer wird er sich damit tun, angesichts von Neuem und Unbekanntem Freude zu empfinden. <\/p><p>Seit die sogenannte &bdquo;Willkommenskultur&ldquo; hegemonial geworden ist, sogar Angela Merkel sich die Parole &bdquo;Wir schaffen das!&ldquo; zu eigen gemacht und BILD die Aktion &bdquo;Fl&uuml;chtlinge willkommen&ldquo; gestartet hat, f&uuml;hlen sich die Ausl&auml;nderfeinde nicht mehr so von oben ermuntert, wie sie es bislang gewohnt waren. <\/p><p>Von den neuen Fl&uuml;chtlingsfreunden wird zur Begr&uuml;ndung auf den &ouml;konomischen Nutzen verwiesen, den die Bundesrepublik aus der Zuwanderung ziehen kann. Die Fl&uuml;chtlinge sind &uuml;berwiegend jung und f&uuml;llen die Alterspyramide im unteren Bereich auf. Die Wirtschaft klagt &uuml;ber einen &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; und &uuml;ber angeblich Hunderttausende unbesetzter Arbeitspl&auml;tze. Ifo-Pr&auml;sident Hans-Werner Sinn m&ouml;chte die Gunst der Stunde nutzen und den Mindestlohn revidieren. In einem Beitrag f&uuml;r die Wirtschaftswoche schreibt er: &bdquo;Um die neuen Arbeitskr&auml;fte in den regul&auml;ren Arbeitsmarkt zu integrieren, wird man den gesetzlichen Mindestlohn senken m&uuml;ssen, denn mehr Besch&auml;ftigung f&uuml;r gering Qualifizierte gibt es unter sonst gleichen Bedingungen nur zu niedrigerem Lohn.&ldquo; Bestimmte Kapitalfraktionen sehen in den Fl&uuml;chtlingen Nachschub f&uuml;r den &bdquo;Arbeiterstrich&ldquo;, auf dem man sich je nach konjunktureller Lage kurzfristig mit billigen Arbeitskr&auml;ften eindecken kann. Die Fl&uuml;chtlinge dienen als &bdquo;Reservearmee&ldquo; und Druckmittel gegen Lohnforderungen. <\/p><p>Massive Zusatzkosten f&uuml;r die Bew&auml;ltigung der Fl&uuml;chtlingskrise werden schon bald von der Politik als Grund genannt werden, warum f&uuml;r andere Belange kein Geld mehr da ist. &bdquo;Dann wird es hei&szlig;en, f&uuml;r Kita-Erzieherinnen, Schwimmb&auml;der, Theater und Schulen ist kein Geld da, weil die Fl&uuml;chtlinge ja so teuer sind. Und man muss nur eins und eins zusammenz&auml;hlen, um sich auszumalen, wie dies von der momentan noch sehr solidarischen &Ouml;ffentlichkeit aufgenommen werden d&uuml;rfte&ldquo;, schrieb Jens Berger <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27549\">am 14. September auf den <em>Nachdenkseiten<\/em><\/a>.<\/p><p>Wie auch immer der Meinungsumschwung in der Haltung den Fl&uuml;chtlingen gegen&uuml;ber motiviert sein mag, er kann eine nicht zu untersch&auml;tzende, gewaltmindernde Wirkung haben. Denn je autorit&auml;rer jemand strukturiert ist, desto wichtiger ist es f&uuml;r ihn, sich in seinem Denken und Handeln im Einklang mit der Obrigkeit zu befinden. Die derzeitige Hegemonie der &bdquo;Ausl&auml;nderfreunde&ldquo; hat allerdings auch zur Folge, dass ausl&auml;nderfeindliche und rassistische Positionen sich in den Untergrund des Stammtischgeredes und privaten Meinens zur&uuml;ckziehen. Dort entwickelt sich  ein Schwarzmarkt grummelnder Ressentiments. In Gie&szlig;en h&ouml;rte ich neulich auf dem Wochenmarkt einen Metzger in breitestem Hessisch zu einem seiner Kunden sagen: &bdquo;Secht mer mal ebbes, wird mer gleich in die Eck gestellt.&ldquo; Vor einem Lotto-Gesch&auml;ft in der Fu&szlig;g&auml;ngerzone sah ich zwei M&auml;nner stehen, so um die sechzig Jahre alt. Die H&auml;nde hielten sie auf dem R&uuml;cken verschr&auml;nkt, die Hemden spannten &uuml;ber den B&auml;uchen. Als eine Gruppe junger Migranten vor&uuml;berging, sagte der eine: &bdquo;Es werden immer mehr von denen.&ldquo; Der andere stimmte zu: &bdquo;Es sind jetzt schon viel zu viele ins Land gekommen und es kommen t&auml;glich mehr.&ldquo; &bdquo;Ich hab geh&ouml;rt, die Filiale eines Discounters muss schlie&szlig;en, weil die den Laden leerklauen&ldquo;, sagte der Erste. &bdquo;Wir brauchen einen kleinen Adolf&ldquo;, schlussfolgerte der Zweite. Der Erste stimmte ihm zu und erg&auml;nzt: &bdquo;Zu klein darf er aber auch nicht sein. Er muss schon durchgreifen und den Saustall ausmisten.&ldquo;<\/p><p>Wenn es nicht gelingt, diese Ressentiments zu korrigieren und in eine aufkl&auml;rerische Richtung zu bringen, k&ouml;nnte sich der Schwarzmarkt zu einer echten Bedrohung der Demokratie auswachsen. Es muss nur ein Charismatiker auftauchen, der die grassierenden Ressentiments verallgemeinert und zum politischen Programm erhebt. Das hatten wir schon einmal. <\/p><p><strong>Migration und Solidarit&auml;t<\/strong><\/p><p>In basal auf K&auml;lte, Konkurrenz und Feindseligkeit gestimmten Gesellschaften, wie es die kapitalistischen Gesellschaften nach der im Namen des Neoliberalismus betriebenen Planierung des Sozialstaats sind, droht der unorganisierte Zustrom fremder Menschen trotz aller ausl&auml;nderfreundlichen Rhetorik in einem Desaster, in Pogromen und rassistischer Gewalt zu enden. Die anarchische Form der kapitalfixierten Globalisierung des freien Waren- und Dienstleistungsverkehrs ruft nun eine ebenso anarchische Globalisierung auf Seiten der lebendigen Arbeitskraft hervor, die auch dahin str&ouml;mt, wo sie ein besseres Leben vermutet. Warum soll Grenz&uuml;berschreitung und Vorteilnahme in der Fremde ein Privileg des Kapitals und des Geldes sein? Die Menschen, die nicht vor Krieg und B&uuml;rgerkrieg, Folter und Misshandlung fliehen, sondern weil sie sich woanders ein besseres Leben versprechen, verk&ouml;rpern den Typus des modernen Arbeitsnomaden, der hochmobil und flexibel dahin geht, wo er bzw. seine Arbeitskraft gebraucht wird &ndash; oder wo er annimmt, dass sie gebraucht wird. Unser Wohlstand basiert eben gerade auf ihrem Elend, es sind zwei Seiten einer Medaille. Und wer will es ihnen ver&uuml;beln, wenn sie auch einmal die andere Seite kennenlernen wollen.<\/p><p>Gesch&auml;he die Massenmigration innerhalb einer solidarischen Welt, in der gegenseitige Hilfe und Beistand f&uuml;r Schw&auml;chere oberste Prinzipien w&auml;ren, w&auml;re das Ganze wahrscheinlich kein Problem. Ernst J&uuml;nger hat anl&auml;sslich der Diskussionen um die Kosten der deutschen Wiedervereinigung einmal gesagt, man d&uuml;rfe, wenn ein Bruder an die T&uuml;r klopft, nicht nach den Kosten fragen. So w&auml;re das, allerdings ohne die spezifisch J&uuml;ngersche Verengung des Begriffs &ldquo;Bruder&rdquo; auf das m&auml;nnliche Geschlecht, den soldatischen Kameraden und deutschen Volksgenossen, in einer solidarisch-egalit&auml;ren Gesellschaft, die nicht mehr in ethnischen Kategorien d&auml;chte und handelte, sondern in Begriffen einer einzigen Menschheit. <\/p><p>Was verbindet all die &uuml;ber den Globus verstreuten Individuen? Die Tatsache, dass sie Menschen und damit letztlich Br&uuml;der und Schwestern sind. In einer solidarischen Welt w&uuml;rde in jeder Gemeinde, in jedem Haus ein Zimmer f&uuml;r Fremde und Fl&uuml;chtende freigehalten, ein &bdquo;G&auml;stezimmer&ldquo;, wie man fr&uuml;her sagte. Nationale Identit&auml;t ist ein &uuml;berholtes Konzept und organisiert uns falsch: Entscheidend ist nicht, ob jemand Chinese, Eritreer, Syrer oder Deutscher ist, sondern ob er f&uuml;r das Leben und das Lebendige eintritt. In einer solidarischen, egalit&auml;ren Gesellschaft mit Freundlichkeit als vorherrschendem Kommunikations- und Umgangsstil w&uuml;rde den Menschen nicht mehr so viel Bosheit eingepresst, die sie im Vorurteil gegen Minderheiten und Fremde entweichen lassen m&uuml;ssen. <\/p><p><strong>Bindungen als Antidot gegen Gewalt<\/strong><\/p><p>Gewalt und Religion bestimmten die Formen der Integration in der feudalen Welt; die b&uuml;rgerlich-kapitalistische Gesellschaften setzen auf Geld, Markt (auch als Arbeitsmarkt) und Konsum als Modi der Integration; eine wahrhaft demokratische  (und soziale) Gesellschaft w&uuml;rde stattdessen auf emotionale Bindungen, Solidarit&auml;t und Empathie als Kr&auml;fte des gesellschaftlichen Zusammenhalts setzen. In Beziehung sein und bleiben, das ist das einzig wirksame Gegengift gegen Gewalt und Zerst&ouml;rung. Bindung bedeutet auch libidin&ouml;se Besetzung &ndash; von Menschen und Objekten. Das, wovon ich ein Teil bin und an das mich sinnlich gebunden f&uuml;hle, kann ich nicht sch&auml;digen oder gar zerst&ouml;ren wollen. <\/p><p>Nun geh&ouml;ren emotionale Bindungen (wie Liebe und Zuneigung) zu jenen Qualit&auml;ten, die man nicht staatlicherseits verordnen kann. Eine Gesellschaft verf&uuml;gt &uuml;ber sie und beg&uuml;nstigt ihre Ausbildung &ndash; Politiker wie Brandt und Palme zum Beispiel setzten auf menschliche &bdquo;Compassion&ldquo; und Solidarit&auml;t &ndash; oder aber sie arbeitet an ihrer Zerst&ouml;rung und s&auml;gt damit langfristig einen der &Auml;ste ab, auf denen sie selber sitzt. <\/p><p>F&uuml;r die Entwicklung spezifisch menschlicher Qualit&auml;ten wie Mitgef&uuml;hl, wechselseitige Verantwortung und gegenseitige Hilfe ist es nicht unwichtig, in welcher gesellschaftlichen Umgebung man lebt. Ein funktionierender Sozialstaat beg&uuml;nstigt ihre Herausbildung,  der von der Leine gelassene Markt ruiniert sie eher und entfesselt Mentalit&auml;ten und Haltungen der Feindseligkeit und Konkurrenz. Oskar Negt schreibt in seinem Buch <em>Philosophie des aufrechten Gangs<\/em>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zum ersten Mal in der Geschichte sind die wirtschaftlichen M&auml;chte damit besch&auml;ftigt, in einer totalisierenden Warenproduktion Bindungen bewusst zu zerst&ouml;ren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zur gegenw&auml;rtigen Gesellschaft geh&ouml;rt der Imperativ, flexibel zu sein, was letztlich nichts anderes hei&szlig;t, als ohne Bindungen zu existieren, weil Bindungen Flexibilit&auml;t und Mobilit&auml;t behindern. Bindungslosigkeit droht zum allgemeinen Zustand zu werden.  Diese Gesellschaft organisiert das Leben ihrer Mitglieder nur noch als sinn- und ziellosen individualistischen Konkurrenzkampf aller gegen alle. Jeder hat Angst, auf der Strecke zu bleiben, absolviert unbezahlte Praktika, arbeitet, sofern er einen Arbeitsplatz hat, bis tief in die Nacht, identifiziert sich mit seiner Firma, die ihn bei n&auml;chster Gelegenheit feuern wird. Nach Feierabend &bdquo;g&ouml;nnt man sich etwas&ldquo;, kauft Klamotten, wirft irgendwelche Drogen ein, die die Stimmung aufhellen, surft stundenlang durchs Internet oder treibt Sport, um sich selbst zu optimieren und das Altern zu verhindern. <\/p><p>Gerade bei der Integration der Migranten m&uuml;sste man aber auf die Entwicklung emotionaler Bindungen setzen. Bindungen bezeichnen Gef&uuml;hle und &Uuml;berzeugungen, die daf&uuml;r sorgen, dass ein Mensch in seinem Verhalten und Erleben andere Menschen und deren Gef&uuml;hle ber&uuml;cksichtigt. Ohne Bindungen in diesem Sinn werden die Migranten fremd bleiben und Demokratie und Rechtsstaat werden f&uuml;r sie lediglich abstrakte Begriffe sein. &bdquo;Innerhalb einer stark integrierten Gesellschaft sind die Hauptzwecke allen gemeinsam, und das Ziel, das andere sich setzen, wird f&uuml;r jeden zur Forderung&ldquo;, hat Sartre einmal geschrieben. <\/p><p>Die Masse der jungen M&auml;nner, die nun zu uns kommen, k&ouml;nnten sich unter diesen Bedingungen zu einer zeitgen&ouml;ssischen Form dessen entwickeln, was man fr&uuml;her &bdquo;gef&auml;hrliche Klassen&ldquo; genannt hat. Viele von ihnen sind entwurzelte, oft sogar traumatisierte junge M&auml;nner zwischen Pubert&auml;t und Eheschlie&szlig;ungsalter, f&uuml;r die keine verbindlichen oder wirksamen Regeln und Schranken des Verhaltens bestehen, die sich nichts und niemandem verpflichtet f&uuml;hlen. Weder Arbeit &ndash; sie haben meist keine &ndash; noch stabile Liebesbeziehungen, die dem schweifenden Trieb Dauer und Form verleihen, indem sie ihn an ein Objekt fest binden, verorten sie in der Gesellschaft und halten sie von Regelverletzungen zur&uuml;ck. <\/p><p>Man hat ihre K&ouml;pfe via Fernsehen und Internet mit Bildern einer Welt des Luxus und der M&uuml;helosigkeit versorgt, zu der man ihnen gleichzeitig den Zutritt verwehrt. Man hat in ihnen W&uuml;nsche geweckt, deren Erf&uuml;llung sie zu Mitgliedern dieser Gesellschaft machen k&ouml;nnte, gleichzeitig fehlen ihnen aber die Mittel dazu, diese sich auf gesellschaftlich lizenzierte Weise erf&uuml;llen zu k&ouml;nnen. So leben sie in einem Zustand permanenter Frustration und f&uuml;rchten, mangels vorzeigbarer Statussymbole und demonstrativen Konsums aus der Gemeinschaft der Gleichaltrigen und der durch sie repr&auml;sentierten Gesellschaft herauszufallen oder gar nicht erst in sie hineinzukommen. Die Versuchung ist gro&szlig;, sich die begehrten Dinge auf anderen, das hei&szlig;t kriminellen Wegen zu besorgen. Wenn jetzt an den notwendigen emotionalen und finanziellen Mitteln gespart wird, werden wir sp&auml;ter viel Geld f&uuml;r Polizei und Gef&auml;ngnisse ausgeben m&uuml;ssen. <\/p><p>Unter Bedingungen einer fortschreitenden gesellschaftlichen und politischen Desintegration  und eines rapiden Schwundes emotionaler Bindekr&auml;fte werden wir jedenfalls mit einem R&uuml;ckgang der Zivilisation und einem Anwachsen der Barbarei rechnen m&uuml;ssen.<\/p><p>Im Verlag Brandes &amp; Apsel ist Anfang des Jahres G&ouml;tz Eisenbergs neues Buch <em>Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus<\/em> erschienen.<\/p><p>Siehe dazu die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\">Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In welchen Begriffen reden wir &uuml;ber Fl&uuml;chtlinge? Welche Bilder und Metaphern verwenden die Medien? Was sagt das &uuml;ber uns selber aus? Welche politisch-gesellschaftlichen Umst&auml;nde beg&uuml;nstigen Integrationsbem&uuml;hungen, welche behindern sie eher? 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