{"id":2767,"date":"2007-11-14T15:58:01","date_gmt":"2007-11-14T14:58:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2767"},"modified":"2015-12-09T16:27:42","modified_gmt":"2015-12-09T15:27:42","slug":"buchbesprechung-butterweggeloeschptakengartner-kritik-des-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2767","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Butterwegge\/L\u00f6sch\/Ptak\/Engartner: Kritik des Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten wollen &ndash; so steht es auf der Homepage &ndash; &bdquo;eine geb&uuml;ndelte Informationsquelle f&uuml;r jene B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger werden, die am Mainstream der &ouml;ffentlichen Meinungsmacher zweifeln und gegen die g&auml;ngigen Parolen Einspruch anmelden.&ldquo; Dieser Mainstream besteht seit einigen Jahren aus einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik mit einer starken Betonung wettbewerblicher Elemente &ndash; zusammengefasst unter dem Begriff des Neoliberalismus. Wie dieser entstanden ist, was das Primat des Marktes bedeutet, wie der Sozialstaat unterminiert wird und wie der Neoliberalismus die Demokratie gef&auml;hrdet, dass haben Christoph Butterwegge, Bettina L&ouml;sch und Ralf Ptak (unter Mitarbeit von Tim Engartner) in einem neuen Buch untersucht.<br>\nEine Rezension von Klemens Himpele.<br>\n<!--more--><br>\nIm ersten Teil des Buches beleuchtet Ralf Ptak die historischen Grundlagen des Neoliberalismus. Dabei wird die theoretische und organisatorische Entwicklung insbesondere auch der deutschen Variante des Neoliberalismus ins Zentrum ger&uuml;ckt. Kenntnisreich wird die Entwicklung des Neoliberalismus hin zu seiner derzeitigen Bedeutung aufgezeigt. Der Neoliberalismus ist dabei auch als eine Gegenreaktion auf den aufbl&uuml;henden Keynesianismus zu verstehen (vgl. S. 19, alle Seitenangaben aus beziehen sich auf Butterwegge\/L&ouml;sch\/Ptak 2007). Ein zentrales ideologisches Konstrukt ist daher die die Bek&auml;mpfung des &bdquo;Kollektivismus&ldquo; als angebliche Wurzel s&auml;mtlicher Krisen. Kollektivismus als Begriff war hierbei weit gefasst und nur durch &bdquo;die Negation des Individuums&ldquo; (S. 25) beschrieben. Ziel war es, &bdquo;die sozialistische Planwirtschaft (&hellip;) ebenso wie die keynesianische Vollbesch&auml;ftigungspolitik mit der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft zu identifizieren&ldquo; (ebd.) und damit zu delegitimieren. Durch eine hohe mathematische Formalit&auml;t wird eine Stringenz vorgespielt, wobei &bdquo;die &Ouml;konomie als ein abstraktes, quasi neutrales [&hellip;] pr&auml;sentier[t wird], das ohne Bezug auf Zeit und Raum Universalit&auml;t suggeriert und die Wirtschaftswissenschaft zu einer entpolitisierten Zone werden l&auml;sst.&ldquo; (S. 29). Die logische Konsequenz aus dieser angeblichen Neutralit&auml;t  f&uuml;hrt dann dazu, dass sich der Mensch lediglich unter den &bdquo;permanenten Sachzwang&ldquo; (S. 61), des Marktes unterordnen kann &ndash; staatliche Eingriffe sind in dieser Logik nur sinnvoll, wenn sie vor Zwang im Sinne von physischer Gewalt sch&uuml;tzen (S. 63).<\/p><p>Ptak (S. 66) beschreibt dies zusammenfassend, &bdquo;dass die gesellschaftliche Entwicklung in der neoliberalen Lehre ein Prozess unbewusster Anpassungsleistungen der Menschen ist. Das menschliche Sein gr&uuml;ndet sich demnach auf den Selektionsmechanismus des Wettbewerbs, der die freie Marktwirtschaft als h&ouml;chste Form der Zivilisation hat entstehen lassen. Darin wurde der Mensch zum Individuum, weil er sich diesen Prozessen in Demut unterworfen, und nicht, weil er die Entwicklung gestaltet hat. Eigennutz ist das ethische Fundament des neoliberalen Individuums, der alles Kollektive (mit Ausnahme der Familie) als angebliches Relikt vormodernder Gesellschaft ablehnt. Das neoliberale Freiheitsverst&auml;ndnis beschr&auml;nkt den Spielraum der Individuen auf die Teilnahme am Markt, wobei strukturelle und &ouml;konomische Macht ausgeblendet werden. Wer das nicht akzeptieren will, muss mit der harten Hand des Wettbewerbsstaates rechnen.&ldquo;<\/p><p>Im vierten Teil des Buches wird die Fragestellung der demokratischen Gestaltung und Perspektive im Neoliberalismus aus einem anderen Blickwinkel aufgeworfen. Bettina L&ouml;sch setzt sich mit der Gefahr f&uuml;r die Demokratie auseinander, die die neoliberale Hegemonie mit sich bringt. Einerseits wird eine Alternativlosigkeit suggeriert, Demokratie jedoch lebt von Alternativen. <\/p><p>Andererseits wird das Marktmodell auch auf die politischen Prozesse angewendet und diese dadurch umgedeutet: &bdquo;Demokratie wird [&hellip;] nicht an Werten gemessen, sondern als Marktmodell konstruiert.&ldquo; (S. 224). Als Konsequenz daraus k&ouml;nnen sich Kandidat\/innen f&uuml;r politische F&uuml;hrungspositionen nur dann durchsetzen, &bdquo;wenn ihr Angebot den Pr&auml;ferenzen der W&auml;hlerschaft entspreche und gleichsam das Angebot der Konkurrenz &uuml;bertreffe.&ldquo; (S. 229). Dann aber sind Parteien nicht mehr Mitwirkende an der demokratischen Willensbildung. Sie treten dann nicht zu Wahlen an, um ihre Konzepte zu verwirklichen, sondern w&auml;hlen sich Konzepte aus, um Wahlen zu gewinnen. Die W&auml;hler\/innen sind insofern Kund\/innen. &bdquo;K&auml;ufer\/innen wie auch W&auml;hler\/innen sind aber nur insofern frei, wie ihnen von den Anbieter(inne)n verschiede Waren und somit Entscheidungsvarianten offeriert werden.&ldquo; (S. 229). Die Idee, f&uuml;r Alternativen zu streiten, ist in einer Welt der Unterordnung unter die spontane Ordnung der M&auml;rkte schlie&szlig;lich nicht denkbar.<\/p><p>L&ouml;sch geht auch darauf ein, dass die Zivilgesellschaft viele Denkmuster der Neoliberalen inzwischen &uuml;bernommen hat, was angesichts des betriebenen Aufwandes nur zum Teil verwundern kann: &bdquo;PR-Kampagnen wie &sbquo;Du bis Deutschland!&rsquo; [&hellip;] sollen den B&uuml;rger(inne)n vermitteln, dass die vormals an den Staat gestellten Anspr&uuml;che nun auf sie selbst zur&uuml;ckfallen.&ldquo; (S. 267). Die Hayek&rsquo;sche These der weitestm&ouml;glichen Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates (aus dem Markt- und Gesellschaftsgeschehen) wird so popularisiert. Dass die Ideen vom schlanken Staat breiten R&uuml;ckhalt finden &ndash; wenngleich Umfragen immer wieder darauf hindeuten, dass die Bev&ouml;lkerung in zentralen Fragen nicht den neoliberalen Versprechen folgt &ndash; ist eine Voraussetzung f&uuml;r deren Durchsetzbarkeit. Politische Entscheidungen sind nicht mehr Ergebnis von Argumenten, sondern von Werbebudgets &ndash; so jedenfalls scheinen manche Strategen der Neoliberalen zu planen. (Man denke nur etwa an die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, den B&uuml;rgerkonvent oder die Bertelsmann Stiftung.)<\/p><p>L&ouml;sch geht auch auf die Problematik ein, dass die Politik zunehmend in nicht demokratisch legitimierten Gremien und Kommission gemacht wird und so keine &ouml;ffentliche Kontrolle mehr stattfinden kann. &bdquo;Im Zuge der Informalisierung und Privatisierung von Politik wurde Demokratie zu einer Fassade, hinter der einflussreiche und nicht legitimierte politische bzw. private Akteure ihre Politikgesch&auml;fte betreiben und ihre Interessen durchsetzen.&ldquo; (S. 282)<\/p><p>Bereits im zweiten Teil des Buches setzt sich Tim Engartner mit den Privatisierungs- und Liberalisierungsstrategien der Neoliberalen auseinander. Dabei steht die Abwicklung der Verteilung s&auml;mtlicher G&uuml;ter &uuml;ber den Selektionsmechanismus des Marktes im Vordergrund. &bdquo;Dass in diesen Gedankengang lediglich die Zahlungsbereitschaft Eingang findet, nicht jedoch der h&auml;ufige Fall der Zahlungsunf&auml;higkeit bzw. der begrenzten finanziellen Ressourcen, zeugt von der Grundhaltung neoliberaler Theoretiker und Praktiker [&hellip;].&ldquo; (S. 90) Der Umfang des privaten Eigentums &ndash; und damit die finanziellen M&ouml;glichkeiten &ndash; werden als &bdquo;Abbild unterschiedliche[r] menschliche[r] F&auml;higkeiten&ldquo; (ebd.) verstanden, so dass die marktliche Verteilung der G&uuml;ter als gerecht angesehen wird, wobei die M&ouml;glichkeit &ouml;ffentlicher Steuerung negiert, ja sogar als sch&auml;dlich angesehen wird. An zahlreichen Beispielen illustriert Engartner den Umfang der Privatisierungen: alleine von 1982 bis 2005 &bdquo;sank die Zahl der unmittelbaren und mittelbaren staatlichen Beteiligungen auf Bundesebene von 985 auf [&hellip;] 109&ldquo; (S. 108).  Dabei &ndash; so Engartner (S. 96) &ndash; unterstreicht &bdquo;[D]er Anspruch, Marktmechanismen sektor&uuml;bergreifend zur Anwendung zu bringen, [&hellip;] die messianische Dimension des Neoliberalismus [&hellip;].&ldquo;<\/p><p>Das zentrale Probleme an diesen Liberalisierungen ist, dass &bdquo;nach erfolgter Privatisierung nicht mehr auf politischer, sondern auf privater Ebene &uuml;ber den Umfang der Leistungserstellung entschieden [wird] &ndash; h&auml;ufig unter str&auml;flicher Missachtung eines konstitutiven Merkmals demokratischer Gesellschaften: des &ouml;ffentlichen Interesses.&ldquo; (S. 107) Engartner arbeitet heraus, wie eben diese politischen Steuerungsverluste zu Ergebnissen f&uuml;hren, die im Sinne eines demokratischen Gemeinwesens und des Zusammenhalts einer Gesellschaft kaum w&uuml;nschenswert sein k&ouml;nnen.<\/p><p>Im dritten Teil setzt sich Christoph Butterwegge gewohnt kritisch mit den &bdquo;Rechtfertigungen, Ma&szlig;nahmen und Folgen einer neoliberalen (Sozial-)Politik&ldquo; (S. 135) auseinander. Im Zentrum seiner Auseinandersetzung steht dabei der Abbau des Sozialstaates, der durch die Vertreter des Neoliberalismus mit den &bdquo;zwei Gro&szlig;en Erz&auml;hlungen unserer Zeit&ldquo; (S. 136) gerechtfertigt wird: Sowohl die Globalisierung als auch die demografische Entwicklung bilden den Hintergrund, der als Sachzwang herhalten muss, um den Abbau des Sozialstaates zu rechtfertigen. Die Gegenargumente sind hinreichend bekannt und auch in den NachDenkSeiten immer wieder thematisiert worden. Butterwegge greift diese auf und erg&auml;nzt sie durch pointierte Analysen. So wird beispielsweise die Umdefinition des Gerechtigkeitsbegriffs als eine zentrale Auseinandersetzung begriffen. Die Verteilungsgerechtigkeit gilt dabei als antiquiert und nicht mehr finanzierbar, sie soll durch eine Beteiligungsgerechtigkeit ersetzt werden. Zwar spreche nichts dagegen, die Verteilungs- durch die Beteiligungsgerechtigkeit zu erg&auml;nzen. &bdquo;Zu fragen w&auml;re freilich, weshalb ausgerechnet zu einer Zeit, in der das Geld aufgrund einer zunehmenden &Ouml;konomisierung und Kommerzialisierung von Lebensbereichen wichtiger als fr&uuml;her, aber auch ungleicher denn je verteilt ist, seine Bedeutung (n&auml;mlich die der Verteilungsgerechtigkeit) f&uuml;r die Beteiligung der B&uuml;rger\/innen am gesellschaftlichen Leben gesunken sein soll.&ldquo; (S. 161). Butterwegge macht damit deutlich, dass die jeweils gegebenen immer ungleicher werdenden  &ouml;konomischen Macht- und Marktstrukturen nur durch Umverteilung ge&auml;ndert werden k&ouml;nnen, und dass eine Chancengerechtigkeit ohne mehr Verteilungsgerechtigkeit nicht zu haben ist.<\/p><p>Zusammenfassend stellt Butterwegge fest, dass die &bdquo;Konkurrenzf&auml;higkeit [&hellip;] im Zeichen der neoliberalen Modernisierung zum Dreh- und Angelpunkt individueller Lebensgestaltung&ldquo; wird (S. 216), was nicht ohne Konsequenzen auf das soziale Klima bleibt. &bdquo;Je enger die Verteilungsspielr&auml;ume (gemacht) werden, desto mehr w&auml;chst die Versuchung, sog. Randgruppen von Ressourcen auszuschlie&szlig;en&ldquo; (ebd.).<\/p><p>Das Buch von Butterwegge, L&ouml;sch, Ptak und Engartner ist ein gelungener Versuch, Theorie und Praxis des Neoliberalismus darzustellen und eine Kritik hieran zu entwickeln. <\/p><p>Christoph Butterwegge, Bettina L&ouml;sch, Ralf Ptak, unter Mitarbeit von Tim Engartner. Kritik des Neoliberalismus, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, 298 Seiten, 12,90 Euro.<\/p><p>Klemens Himpele ist Diplom-Volkswirt. Er lebt und arbeitet in Wien und ist Mitglied des erweiterten Bundesvorstandes des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten wollen &ndash; so steht es auf der Homepage &ndash; &bdquo;eine geb&uuml;ndelte Informationsquelle f&uuml;r jene B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger werden, die am Mainstream der &ouml;ffentlichen Meinungsmacher zweifeln und gegen die g&auml;ngigen Parolen Einspruch anmelden.&ldquo; Dieser Mainstream besteht seit einigen Jahren aus einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik mit einer starken Betonung wettbewerblicher Elemente &ndash; zusammengefasst unter dem Begriff<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2767\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,205,208,132],"tags":[213,477,233,413,291],"class_list":["post-2767","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rezensionen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-butterwegge-christoph","tag-keynesianismus","tag-marktliberalismus","tag-schlanker-staat","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2767","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2767"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2767\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29478,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2767\/revisions\/29478"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2767"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2767"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2767"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}