{"id":277,"date":"2004-04-07T14:44:54","date_gmt":"2004-04-07T13:44:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=277"},"modified":"2016-03-31T12:18:42","modified_gmt":"2016-03-31T10:18:42","slug":"das-handelsblatt-missbraucht-umfrage-zur-politischen-stimmungsmache-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=277","title":{"rendered":"Das Handelsblatt missbraucht Umfrage zur politischen Stimmungsmache"},"content":{"rendered":"<p>Mehr als zwei Drittel der Studierenden bef&uuml;rworten Studiengeb&uuml;hren, so titelt das Handelsblatt am 5. April einen Beitrag &uuml;ber eine Exklusiv-Umfrage. Die Daten sagen das Gegenteil: 57,4% sind f&uuml;r die Studiengeb&uuml;hrenfreiheit wie sie im Hochschulrahmengesetz gesichert ist.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;40 % der Befragten k&ouml;nnen sich Geb&uuml;hren schon f&uuml;r das Erststudium vorstellen &ndash; der gr&ouml;&szlig;te Teil von ihnen nach Ablauf der Regelstudienzeit. Weitere 30% sagen, Geb&uuml;hren sollten erst f&uuml;r das Zweitstudium erhoben werden.&ldquo; 70 Prozent, also &bdquo;mehr als zwei Drittel&ldquo; der befragten Studierenden spr&auml;chen sich &bdquo;f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren&ldquo; aus, so interpretiert das Handelsblatt auf seiner Internetseite vom 5. April 2004 eine exklusive Umfrage des D&uuml;sseldorfer Meinungsforschungsinstituts Innofact.<br>\nDie Autoren Barbara Gollmann und Christoph Moss sehen im Vergleich zu fr&uuml;heren Umfragen einen Trend zu einem &bdquo;aufgeschlosseneren Umgang&ldquo; der Studierenden mit dem Thema Studiengeb&uuml;hren best&auml;tigt und loben deren &bdquo;grunds&auml;tzliche Reformbereitschaft&ldquo;. Sie erwarten, dass das Bundesverfassungsgericht die Regelung zur Studiengeb&uuml;hrenfreiheit im Hochschulrahmengesetz kassieren wird. Sie gehen (richtigerweise) davon aus, dass die Union bereits in den Startl&ouml;chern zur Einf&uuml;hrung der Geb&uuml;hr steht und dass sich auch die Gr&uuml;nen damit anfreunden. Nur die SPD halte noch am Geb&uuml;hrenverbot des Hochschulrahmengesetzes fest, aber die Autoren geben auch da die Hoffnung nicht auf : &bdquo;Junge Sozialdemokraten sind jedoch f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren&ldquo;. Wenn also sich jetzt sogar zwei Drittel der Studierenden f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren ausspricht, dann m&uuml;sste doch endlich auch die SPD das &bdquo;Dogma des Verbotes&ldquo; aufgeben, so wird suggeriert. <\/p><p>Schon die Sprache ist suggestiv: Die Regelung der Studiengeb&uuml;hren-&bdquo;Freiheit&ldquo; im &sect; 27 Abs. 4 HRG, ein Gesetz, das das Grundrecht auf &bdquo;freie&ldquo; Wahrnehmung des Rechts auf Bildung und auf &bdquo;freie&ldquo;, chancengleiche Berufswahl sichern soll &ndash; eine Freiheitsgarantie also &ndash; wird von den Autoren als &bdquo;Dogma des Verbots&ldquo; denunziert.<\/p><p>Ist die Sprache schon suggestiv, so ist der Umgang der Autoren mit den Daten der Umfrage geradezu manipulativ:<br>\n28, 3 % der Befragten sind nach &bdquo;Innofakt&ldquo; der Meinung, dass grunds&auml;tzlich keine Studiengeb&uuml;hren erhoben werden sollten.<br>\n29,1% sind der Meinung, dass Studiengeb&uuml;hren erst f&uuml;r das Zweitstudium erhoben werden sollten.<br>\nDas hei&szlig;t: 57,4% der Studierende sprechen sich genau f&uuml;r die Regelung aus, wie sie im Hochschulrahmengesetz festgeschrieben ist. Dort hei&szlig;t es: &bdquo;Das Studium bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss und das Studium in einem konsekutiven Studiengang, der zu einem weiteren berufsqualifizierenden Abschluss f&uuml;hrt, ist studiengeb&uuml;hrenfrei.&ldquo;<br>\nF&uuml;r die wenigen Studierenden, die ein Zweitstudium nach ihrem Erststudium anschlie&szlig;en, steht es schon jetzt jedem Land frei, Geb&uuml;hren zu erheben.<br>\nDie &uuml;berwiegende Mehrheit der Studierenden ist also keineswegs f&uuml;r eine Gesetzes&auml;nderung und schon gar nicht f&uuml;r die Einf&uuml;hrung einer Studiengeb&uuml;hr f&uuml;r ein Erststudium bis zum Diplom oder f&uuml;r einen konsekutiven Studiengang bis zum Master-Abschluss.<br>\nNur 7,6% der Studierenden sind f&uuml;r eine generelle Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren und 33,6% k&ouml;nnen sich eine Geb&uuml;hr nach Ablauf der Regelstudienzeit vorstellen. Das ist nach wie vor eine Minderheit. <\/p><p>Interessant ist an der Umfrage noch, dass die h&ouml;chsten Zustimmungswerte von denjenigen Studierenden kommen, die in der Promotion stecken oder ihr Studium abgeschlossen haben, n&auml;mlich zwischen knapp 67 und 80%. Diejenigen die angaben, noch nicht zu studieren, lehnen Studiengeb&uuml;hren f&uuml;r das Erststudium zu &uuml;ber 88% ab. Das k&ouml;nnte einmal mehr zeigen, dass Studiengeb&uuml;hren gerade f&uuml;r die Studienanf&auml;nger eine Barriere zur Aufnahme des Studiums bedeuten. Dass so viele mit einem abgeschlossenen Studium Sympathien f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren zeigen, mag ein Hinweis darauf sein, wie sich das individualistische Denken in unserer Gesellschaft ausbreitet: Man genie&szlig;t die gesellschaftliche Unterst&uuml;tzung, die man mit einem geb&uuml;hrenfreien Studium erhalten hat und l&auml;dt anschlie&szlig;end die Last der Solidarit&auml;t gerne auf die J&uuml;ngeren ab. <\/p><p>Umfragen werden in der politischen Auseinandersetzung h&auml;ufig genutzt, um Stimmung f&uuml;r politische Ziele zumachen.<br>\nDie Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren ist f&uuml;r die Vertreter der Markgesellschaft ein wichtiges Ziel. Sie ist ein Hebel f&uuml;r einen Paradigmenwechsel, der in der Sozialpolitik schon stattgefunden, nun auch in der Bildungspolitik: Der Wechsel von solidarischen L&ouml;sungen gesamtgesellschaftlicher Aufgaben hin zu individualistischen. Eine wissenschaftlichen Ausbildung, die bisher als &ouml;ffentliches, gemeinn&uuml;tziges Gut und als Grundvoraussetzung daf&uuml;r angesehen wurde, dass unsere Gesellschaft die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich meistern kann, soll k&uuml;nftig als privates Investment in die pers&ouml;nliche Karriere behandelt werden. Bildung gilt nicht mehr als Grundrecht, sondern soll einen &bdquo;Preis&ldquo; bekommen &ndash; f&uuml;r den, der sie sich leisten kann und will.<br>\nStudiengeb&uuml;hren sind ein strategisch wichtiges Element einer fortschreitenden Verbetriebswirtschaftlichung der Strukturen und der Inhalte der Hochschulen und der Wissenschaft zum Schaden der gesamten Volkswirtschaft und zum Schaden f&uuml;r die demokratische Kultur.<br>\nWeil bekannt ist, dass sich die studentischen Proteste vor dem Jahreswechsel auch gegen die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren richtete, muss nun der &ouml;ffentliche Eindruck geschaffen werden, die &uuml;berwiegende, &bdquo;schweigende Mehrheit&ldquo; der Studierenden sei f&uuml;r die Geb&uuml;hr. An dieser Manipulation der &ouml;ffentlichen Meinung wirkt das &bdquo;Handelsblatt&ldquo; leider kr&auml;ftig mit.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als zwei Drittel der Studierenden bef&uuml;rworten Studiengeb&uuml;hren, so titelt das Handelsblatt am 5. April einen Beitrag &uuml;ber eine Exklusiv-Umfrage. 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