{"id":2772,"date":"2007-11-15T15:19:02","date_gmt":"2007-11-15T14:19:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2772"},"modified":"2015-12-09T16:18:34","modified_gmt":"2015-12-09T15:18:34","slug":"verfassungsfeinde-geben-den-ton-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2772","title":{"rendered":"Verfassungsfeinde geben den Ton an."},"content":{"rendered":"<p>Wir hatten uns am 13.11. &uuml;ber Tonlage und Inhalt einer Sendung bei Deutschlandradio Kultur <a href=\"?p=2764\">gewundert<\/a>. Leser fanden, wir h&auml;tten auf die Inhalte st&auml;rker eingehen m&uuml;ssen. Ich hatte gedacht, der Text erschlie&szlig;e sich selbst. Freundlicherweise hat einer unserer Leser uns einen Brief an Deutschlandradio Kultur zur Verf&uuml;gung gestellt. Siehe unten.<br>\nDas ist eine bestimmte, aber immer noch freundliche Kritik. Vielleicht verlangen aber die Zeit und das Gebot, unsere Demokratie und das Grundgesetz streitbar zu verteidigen, eine deutlichere Sprache. Aus meiner Sicht ist der Autor des Beitrags im Deutschlandradio ein Feind unserer Verfassung. Er kann sich mit dem Sozialstaatsgebot unseres Grundgesetzes offensichtlich nicht anfreunden. Und er ist bei weitem nicht allein. Auch und vielleicht gerade bei Deutschlandradio Kultur findet sich eine Ansammlung davon. Acht Tage vorher lief dieses St&uuml;ck <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/politischesfeuilleton\/690632\/\">&bdquo;&Uuml;ber Gleichmacher und Abstiegs&auml;ngste&ldquo;<\/a> von Ulf Poschardt &uuml;ber den gleichen Sender. Der gleiche Geist &ndash; angef&uuml;llt von antidemokratischem, elit&auml;ren Denken, und eingebettet in eine Reihe &auml;hnlicher St&uuml;cke. Es ist an der Zeit, die Verfassungsfeindlichkeit dieser Kreise beim Namen zu nennen. Um ein Begriff des unseligen Autors zu benutzen: Auf Samtpfoten werden wir diese soziale Demokratie, soweit sie noch existiert, nicht verteidigen k&ouml;nnen.<br>\nDer Verletzung des Sozialstaatsgebots in der praktischen Politik der letzten Jahrzehnte ist Lothar Kindereit nachgegangen. Er hat sich entschlossen, gegen die Verletzung des Artikel 20 GG zu klagen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nLothar Kindereit sammelt seit etlichen Jahren Daten, mit denen relativ einfach belegt werden kann, wie ungemein ungerecht die Politik handelt. W&ouml;rtlich: &bdquo;Nicht die schwachen Schultern werden durch die starken gest&auml;rkt, sondern es wurde und wird von unten nach oben verschoben. Nun gibt es ja aber den Artikel 20 Grundgesetz, der der Politik und den in ihr T&auml;tigen zur Aufgabe macht, die Entwicklung der Bundesrepublik als Sozialstaat als st&auml;ndige Aufgabe zu begreifen. Hiergegen ist massiv und immer wieder versto&szlig;en worden. Also &uuml;berlegte ich, wie ich mich hiergegen wehren kann. In Absprache mit der IG Metall, der ich als Mitglied angeh&ouml;re, werde ich klagen, von mir aus und ggf. bis zum Bundesverfassungsgericht.&ldquo;<br>\n<a href=\"upload\/pdf\/20071115_am.pdf\">Hier seine Sammlung von Daten zu den Verst&ouml;&szlig;en gegen den Sozialstaatsauftrag des Grundgesetzes [PDF &ndash; 940 KB].<\/a> <\/p><p>Und hier der Brief unseres Lesers R. Mester &hellip;<\/p><blockquote><p><strong>An die Redaktion des Deutschlandradio Kultur:<\/strong><\/p>\n<p>Ich freue mich durchaus &uuml;ber die Vielfalt an Meinungen, die im Programm des Deutschlandradio Kultur Niederschlag findet. Nicht selten sind dort Beitr&auml;ge zu finden, mit denen ich zwar inhaltlich nicht &uuml;bereinstimmen mag, die sich aber durch sprachliche Brillanz und geschliffene Argumentation auszeichnen. Umso entsetzter bin ich &uuml;ber das Niveau des Beitrages von Oliver Marc Hartwich vom 13.11.2007 mit dem Titel &ldquo;Kein Zur&uuml;ck ins Paradies: oder Deutschland tr&auml;umt weiter&rdquo;.<\/p>\n<p>Ich bin durchaus Freund einer gelungenen Polemik &mdash; denn als mehr als eine Polemik wird dieser Beitrag wohl nicht gedacht sein. Aber dennoch w&uuml;nschte ich mir, dass der Autor einer solchen Schrift mehr mitzuteilen hat als eine Widergabe seiner seelischen Befindlichkeit, die sich als eine unreflektierte Ablehnung von allem zusammenfassen l&auml;sst, was &ldquo;sozial&rdquo; oder gar &ldquo;sozialistisch&rdquo; sein mag &mdash; oder von ihm unter diese Schlagworte einsortiert wird.<\/p>\n<p>Ich lese da von einer &ldquo;staatlichen Vollkasko-Absicherung gegen alle m&ouml;glichen Unw&auml;gbarkeiten des Lebens&rdquo;, die &ldquo;die Gesellschaft gel&auml;hmt und tiefe L&ouml;cher in den Staatshaushalt gerissen hat&rdquo;, von einem &ldquo;aufgebl&auml;hten Sozialstaat mit seiner Rundumf&uuml;rsorge&rdquo;. Der Autor Hartwich, selbst noch relativ jung an Jahren, bleibt einen Nachweis schuldig, wann es einen solchen Staat, eine solche Vollkasko-Absicherung, eine solche Rundumf&uuml;rsorge jemals gegeben habe. Im Gegensatz zu Herrn Hartwich habe ich die siebziger und achtziger Jahre der Bonner Republik selbst bewusst miterlebt und frage mich, woher der Autor derartige Zerrbilder bezieht. Eine &ldquo;Rundumf&uuml;rsorge&rdquo; hat es nie gegeben, jedenfalls nicht f&uuml;r den weitaus gr&ouml;&szlig;ten Teil der Bev&ouml;lkerung, aber es gab eine einigerma&szlig;en gleichm&auml;&szlig;ige Teilhabe aller Schichten am gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand. Das was erarbeitet wird &ndash; und dies ist Jahr f&uuml;r Jahr in der Bundesrepublik nicht gerade wenig &ndash; gerecht unter denen zu verteilen, die zu dessen Entstehung beigetragen haben, wird n&auml;mlich durch die vielbeschworene Globalisierung nicht im mindesten verhindert. Wenn es &uuml;berhaupt punktuell eine &ldquo;Rundumf&uuml;rsorge&rdquo; gibt, dann besteht diese darin, dass seit einigen Jahren die selbsternannten Eliten unseres Landes in geradezu obsz&ouml;ner Gier Derartiges f&uuml;r sich selbst fordern, und zwar in Form von Verg&uuml;tungen, die schon bei kurzfristigen T&auml;tigkeiten in Vorstandspositionen ein mehr als luxuri&ouml;ses Leben f&uuml;r viele Jahrzehnte erlauben. Dass bei Verg&uuml;tungen, die in keinerlei Verh&auml;ltnis zu tats&auml;chlichen Leistungen stehen, von Anderen Risikobereitschaft und &bdquo;Eigen&ldquo;verantwortung eingefordert werden, ist Alltag in Deutschland. Die Verh&auml;ltnisse im Arbeitsleben der &ldquo;alten&rdquo; Bundesrepublik haben es im Gegensatz zu den Unverfrorenheiten, die unsere Lohn- und Verg&uuml;tungsstrukturen heute bestimmen, erlaubt, dass jedermann, der sich mit Flei&szlig; und Geschick in seinem Beruf engagiert hat, ein anst&auml;ndiges Auskommen hatte. Das Bed&uuml;rfnis der meisten Menschen nach einem Leben in Sicherheit und Geborgenheit, ohne &Auml;ngste vor Arbeitslosigkeit, Krankheit, Verbrechen und Krieg als den &ldquo;deutschen Drang zur Bequemlichkeit&rdquo; und die Sehnsucht  nach einem &bdquo;heimeligen, risikolosen Sozialstaatsparadies&rdquo; zu verh&ouml;hnen, mag man einem jungen Schn&ouml;sel ohne Geschichtsbewusstsein und Lebenserfahrung noch verzeihen, aber nicht einem Chief Economist eines sogenannten Think Tanks. Denn in einem Think Tank sollte das Denken noch erlaubt, wenn nicht sogar gefordert sein.<\/p>\n<p>Vor lauter eiferndem Hohn und Spott &uuml;ber die &ldquo;Sozialstaatsfetischisten&rdquo; f&auml;llt es Herr Hartwich allem Anschein gar nicht mehr auf, wie wenig er seine Polemik mit wenigstens einem Hauch von Argumenten unterf&uuml;ttert; au&szlig;er der alten Parole &ldquo;Freiheit statt Sozialismus&rdquo; kommt nicht viel &ndash; womit vermutlich die Freiheit derjenigen Bev&ouml;lkerungskreise gemeint ist, die ihren Lebensunterhalt aus Finanzspekulationen &ldquo;erwirtschaften&rdquo; oder die sich aufgrund ihrer hervorragenden eigenen Leistung an der Spitze eines Unternehmens freigiebig aus den Ertr&auml;gen von Umstrukturierungen, von Privatisierungen, von Lohnzur&uuml;ckhaltung und Lohnsenkungen bei Anderen (siehe Telekom) selbst beschenken. Denn Leistung findet nat&uuml;rlich nur an der Spitze statt, wer wollte das bestreiten? Nat&uuml;rlich kommen die bew&auml;hrten Verdikte zum Vortrag, dass Arbeitslosigkeit selbst verschuldet ist und auf Faulheit oder Halsstarrigkeit und mangelnde Mobilit&auml;t zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Nat&uuml;rlich darf das Abwatschen von Mitbestimmung, K&uuml;ndigungsschutz und &mdash; als kleiner Gag &mdash; der Weihnachtsbutter seligen Angedenkens nicht fehlen; wenn die Argumente schon d&uuml;rftig sind, so gewinnen sie doch durch stetige Wiederholung bei einfachen Gem&uuml;tern an Wirkung. Nur die hohen Lohn&rdquo;neben&rdquo;kosten habe ich vermisst; diese geh&ouml;ren ja normalerweise zum Pflichtprogramm. Aber ansonsten bewegen wir uns auf vertrauten Pfaden; oft begangen, selten reflektiert. Nat&uuml;rlich ist es auch f&uuml;r Herrn Hartwich als &ldquo;Chef-&Ouml;konom&rdquo; nicht n&ouml;tig zu begr&uuml;nden, was die konjunkturelle Erholung mit dem Schr&ouml;derschen &ldquo;Reform&rdquo;kurs zu tun hat. Nat&uuml;rlich befindet auch er es als unn&ouml;tig, den seltsamen Widerspruch zwischen der F&uuml;hrungsposition Deutschlands im Export und der Notwendigkeit noch viel, viel &ldquo;g&uuml;nstiger&rdquo; zu produzieren, aufzukl&auml;ren. Nat&uuml;rlich wird auch hier wieder gern auf unspezifische &ldquo;Erfolge&rdquo; der L&auml;nder mit einem &ldquo;geringeren Staatsanteil&rdquo; verwiesen, aber die Zust&auml;nde in den L&auml;ndern mit einem h&ouml;heren Staatsanteil (wie z.B. in Skandinavien) werden ausgeblendet. Wie es dort zugeht kann und darf ja offensichtlich nicht auf uns &uuml;bertragen werden, denn das ist ja fast schon sozialistisch. Aber wer ist denn eigentlich dieser mysteri&ouml;se Staat, als dessen Widersacher sich Herr Hartwich allem Anschein nach empfindet?<\/p>\n<p>Wenn der Beitrag von Herrn Hartwich als Bereicherung im Kultur-Ressort konzipiert war, ist er einfach nur misslungen;  aber vielleicht ist ja ein Nachdruck in der Bildzeitung m&ouml;glich. Als Propagandaartikel zur Festigung des Weltbildes derjenigen Zeitgenossen, denen Soziales und die sogenannte Gesellschaft (sofern es nicht die &ldquo;Society&rdquo; ist)  sowieso zuwider ist, ist Oliver Marc Hartwichs Artikel allerdings allerbestens geeignet.<\/p>\n<p>R.Mester<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten uns am 13.11. &uuml;ber Tonlage und Inhalt einer Sendung bei Deutschlandradio Kultur <a href=\"?p=2764\">gewundert<\/a>. Leser fanden, wir h&auml;tten auf die Inhalte st&auml;rker eingehen m&uuml;ssen. Ich hatte gedacht, der Text erschlie&szlig;e sich selbst. Freundlicherweise hat einer unserer Leser uns einen Brief an Deutschlandradio Kultur zur Verf&uuml;gung gestellt. Siehe unten.<br \/> Das ist eine bestimmte, aber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2772\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,183,145,132],"tags":[1010,442,374,1575,291],"class_list":["post-2772","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-medienkritik","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-deutschlandradio","tag-eigenverantwortung","tag-eliten","tag-poschardt-ulf","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2772"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2772\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29474,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2772\/revisions\/29474"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}