{"id":27738,"date":"2015-09-29T09:28:12","date_gmt":"2015-09-29T07:28:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27738"},"modified":"2019-01-12T11:18:06","modified_gmt":"2019-01-12T10:18:06","slug":"wenn-die-breite-an-der-spitze-schmaler-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27738","title":{"rendered":"Wenn die Breite an der Spitze schmaler wird"},"content":{"rendered":"<p>Obgleich sich nur 30 Prozent der Bev&ouml;lkerung f&uuml;r Fu&szlig;ball interessieren, ist dieser Sport auf irgendeine Weise in unser aller Leben omnipr&auml;sent. Live-&Uuml;bertragungen an jedem Wochentag auf einem der vielen Fernsehkan&auml;le. Prominente Fu&szlig;ballspieler in jedem Werbeblock jedes Senders und jeder Zeitschrift. Keine Nachrichtensendung ohne irgendeine Meldung aus dem oder rund um das Medienspektakel Fu&szlig;ball. Man mag den Fu&szlig;ball lieben oder hassen, ihn aufregend, langweilig oder nervig finden &ndash; sich ihm v&ouml;llig entziehen, vermag keiner von uns. Weder medial noch finanziell. Von Lutz Hausstein [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4266\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-27738-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150929_Die_Breite_an_der_Spitze_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150929_Die_Breite_an_der_Spitze_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150929_Die_Breite_an_der_Spitze_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150929_Die_Breite_an_der_Spitze_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=27738-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150929_Die_Breite_an_der_Spitze_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150929_Die_Breite_an_der_Spitze_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Jens Berger widmet sich auf den 256 Seiten seines Buches <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/der-kick-des-geldes-oder-wie-unser-fussball-verkauft-wird-jens-berger.html#.Vgoy3LSGWaE\">&bdquo;Der Kick des Geldes&ldquo;<\/a> &ndash; nicht nur &ndash; der Deutschen liebstem Hobby, dem Fu&szlig;ball. Doch schnell wird klar, wenn Berger &uuml;ber Strategien und Taktiken schreibt, geht es weniger um Spielsysteme, Mannschaftsaufstellungen, kontrollierte Offensive oder Forechecking. Es dreht sich um &ouml;konomische Strategien und Taktiken, die den Wirtschaftszweig Fu&szlig;ball immer fester im (W&uuml;rge-)Griff haben. Denn der gro&szlig;e Fu&szlig;ball ist immer weniger das, was gerade die Freunde des runden Leders in der Vertr&auml;umtheit ihrer eigenen, fu&szlig;ballerischen Jugenderinnerungen oder aus den gro&szlig;en Erz&auml;hlungen der Alten &uuml;ber Rahn und Pusk&aacute;s, Seeler und Pel&eacute;, Beckenbauer und Lato, ja selbst Matth&auml;us und Maradona mit ihm verbinden. Damit hat das heutige Mega-Event Fu&szlig;ball nur noch am Rande gemein. Doppelp&auml;sse und &Uuml;bersteiger, Dropkick- und Volleysch&uuml;sse bilden nur das schm&uuml;ckende Beiwerk, sie sind die Garnitur auf der Schlachteplatte Fu&szlig;ball. Fu&szlig;ball ist inzwischen nicht nur ein Spiel F&Uuml;R Milliarden &ndash; vor allem ist es auch ein Spiel MIT Milliarden.<\/p><p>Jens Berger rollt das Gesch&auml;ft mit und um den Fu&szlig;ball in seiner vollen Breite auf. Egal ob deutsche Bundesliga, englische Premier League, spanische Primera Divisi&oacute;n, europ&auml;ische Champions League oder FIFA-Weltmeisterschaft. Und er leuchtet in so ziemlich alle dunklen Ecken, die den Fu&szlig;ballsport allerorts umgeben. Nebenbei r&auml;umt er mit so manchem Mythos auf, der immer noch das Denken der Fans beherrscht. Die Zuschauer im Stadion als wichtigste Zielgruppe der Vereine? Nur ein Nebenprodukt. Fast noch wichtiger sind die Trikotverk&auml;ufe einzelner Fu&szlig;ballidole, die in der Spitze weltweit millionenhafte Auflagen erreichen. Sie begl&uuml;cken damit zwar die jeweilige Ausr&uuml;sterfirma und auch den Verein mit Einnahmen in Millionenh&ouml;he, die vielen N&auml;herinnen in den Armutsregionen rund um den Globus hingegen sehen davon so gut wie nichts. Sie erhalten f&uuml;r ihre Arbeit nur ein paar Cent pro Schuh. Supermoderne Stadien, welche die Bundesligisten mit ihren Millionenetats selbst finanzieren? Weit gefehlt. Stattdessen lassen hohe Zusch&uuml;sse von L&auml;ndern oder ansonsten klammen Kommunen, Ausfall-B&uuml;rgschaften oder dubiose Kreislaufgesch&auml;fte wie beim K&ouml;lner Stadion uns alle daf&uuml;r bezahlen &ndash; ohne dies zu wollen, ja sogar ohne dies &uuml;berhaupt zu wissen. Oder wei&szlig; der &bdquo;gemeine Aachener von der Stra&szlig;e&ldquo; wirklich, wieviel Geld ihn pers&ouml;nlich der Bau und der Betrieb des &bdquo;Tivoli&ldquo; gekostet hat und immer noch kostet?<\/p><p>Jens Berger &ouml;ffnet dem Leser vielfach die Augen, auch wenn dieser schon so ziemlich alles rund um den Fu&szlig;ball zu wissen glaubte. Den einen oder anderen Fakt hat er zwar schon einmal geh&ouml;rt, ihn jedoch in seinen Zusammenh&auml;ngen so noch nie wahrgenommen. Berger erz&auml;hlt die gro&szlig;e Geschichte &ndash; und die dahinter stehenden vielen kleinen, oftmals vergessenen, unbekannten Geschichten. Viele Leser haben eventuell noch verst&auml;ndnislos mit dem Kopf gesch&uuml;ttelt, wenn Berger dar&uuml;ber schreibt, dass sich Adidas nach dem WM-Gewinn der deutschen Nationalmannschaft die H&auml;nde vor Freude rieb, da nur aufgrund dieses hinzugekommenen vierten (Weltmeister-)Sterns der Verkauf des nunmehr aktuellen Trikots millionenhaft neu angeheizt wurde. Dass es sich bei dieser Darstellung Bergers keineswegs um den Einzelfall eines verwirrten Fu&szlig;ballfanatikers handelt, l&auml;sst sich jedoch auch anderweitig belegen. Nach dem Wechsel Bastian Schweinsteigers von Bayern M&uuml;nchen zu Manchester United sollte er bei seinem neuen Verein die Trikotnummer 23 erhalten. Viele seiner Fans kauften umgehend Schweinsteigers neues Trikot bei den Red Devils mit dieser Nummer. Bald darauf verk&uuml;ndete Schweinsteiger jedoch den kurzfristigen Wechsel auf seine Lieblingstrikotnummer 31, die er schon bei den Bayern getragen hatte. Unter den entt&auml;uschten Fans, die sich daraufhin hilfesuchend per Facebook an ihn wandten, weil sie f&uuml;r mehr als 100 Euro das neue, nun schon wieder &bdquo;alte&ldquo;, Trikot erworben hatten, <a href=\"http:\/\/web.de\/magazine\/sport\/fussball\/international\/bastian-schweinsteiger-trikot-tausch-facebook-30824594\">verloste er<\/a> anschlie&szlig;end 31 aktuelle Trikots. Was nahelegen d&uuml;rfte, dass sich mehr als 31 Fans in den wenigen Tagen nach der Vorstellung Schweinsteigers bei ManU schon dessen Trikot mit der Nummer 23 gekauft hatten. Um wieviel schwerer wiegt dann erst ein neuer Stern auf einem Nationalmannschaftstrikot des aktuellen Weltmeisters?<\/p><p>Es sind diese Geschichten, die hinter den nackten Zahlen stehen und die Bergers Buch so unterhaltsam machen. Er begn&uuml;gt sich nicht mit der Aneinanderreihung von Zahlen und Fakten, die in ihrer schieren Menge den Leser manchmal fast schon zu &uuml;berfordern drohen. Berger gelingt es immer wieder, diese Zahlen in die dazugeh&ouml;rigen Geschichten so einzubetten, dass sie den Leser fesseln. Es ist ohnehin die besondere Art seines Schreibstils, die den aufmerksamen Leser immer wieder schmunzeln l&auml;sst. Seine h&auml;ufig leicht augenzwinkernden Formulierungen &ndash; sei es nun die vom &bdquo;Todesstern des S&uuml;dens&ldquo;, mit der er den &bdquo;Stern des S&uuml;dens&ldquo; aus Bayern M&uuml;nchens Vereinshymne mit dem Todesstern aus &bdquo;Star Wars&ldquo; verbindet und damit auf die Schippe nimmt oder seine Bezeichnung des, ausschlie&szlig;lich f&uuml;r die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, mitten in den Dschungel gesetzten Stadions von Manaus als &bdquo;teuerste Vogeltoilette der Welt&ldquo; &ndash; hinterlassen beim Leser regelm&auml;&szlig;ig ein Grienen im Gesicht.<\/p><p>Immer wieder gelingt es Jens Berger, auch eingefleischten Fu&szlig;ballfans neue Fakten zu servieren. So waren zwar die Arbeitsbedingungen auf den Stadionbaustellen f&uuml;r die Weltmeisterschaft in Katar 2022 schon vielfach hei&szlig; diskutiertes Gespr&auml;chsthema. Doch wer wusste schon, wie akribisch die katarische F&uuml;hrung auf eine m&ouml;glichst erfolgreiche, sportliche Teilnahme an ihrer Heim-WM hinarbeitet? Mit einer Vorlaufzeit von immerhin 12 Jahren zwischen WM-Vergabe und WM-Ausrichtung lotst Katar schon jetzt erfolgreiche Trainer und talentierte Kinder aus verschiedenen L&auml;ndern mit viel Geld ins Land, um sich so 2022 auch einen sportlichen Erfolg zu sichern. Einen ersten Vorgeschmack darauf bekam die Sportwelt, als der Gastgeber der Handball-Weltmeisterschaft 2015, zuf&auml;lligerweise ebenfalls Katar, mit einem aus aller Welt zusammengekauften All-Star-Team sensationell Vize-Weltmeister wurde. Bei der vorherigen WM 2013 in Spanien war Katar als 20. und damit F&uuml;nftletzter eingekommen. Das zeigt doch, dass mit richtig viel Geld der Erfolg nicht nur f&uuml;r Clubmannschaften k&auml;uflich ist, sondern auch vor Nationalmannschaften bald nicht mehr Halt machen k&ouml;nnte. Wer wei&szlig;, was passiert, falls eines Tages ein reicher &Ouml;lscheich seine Vorliebe f&uuml;r den Wintersport entdecken sollte. Dann k&ouml;nnten m&ouml;glicherweise die kommenden Biathlon- und Skiflugweltmeister die Staatsb&uuml;rgerschaft eines W&uuml;stenstaates tragen.<\/p><p>Bei aller Kritik Bergers an den Entwicklungen rund um das Finanzprojekt Fu&szlig;ball sp&uuml;rt man als Leser sein ehrliches Interesse am Fu&szlig;ballsport an sich. Er bel&auml;sst es nicht bei der akribischen Auflistung der bedenklichen Entwicklungen rund um die &bdquo;sch&ouml;nste Nebensache der Welt&ldquo;. Er arbeitet Ideen heraus, die diesen Tendenzen entgegenwirken k&ouml;nnten. Manches mag auf den ersten Blick zwar unkonventionell, gar undurchf&uuml;hrbar klingen. Dies haben jedoch neue Gedanken an sich, die nun einmal abseits der ausgetretenen Wege liegen. Doch eines muss uns allen &ndash; am Fu&szlig;ball Interessierten ebenso wie den weniger Interessierten &ndash; klar sein: Die ungehinderte Fortentwicklung in Richtung eines vollumf&auml;nglich kommerzialisierten &bdquo;Volkssports&ldquo; Fu&szlig;ball bringt keinem der beiden Vorteile. Auch die Freunde des runden Leders werden schon mittelfristig keinen Spa&szlig; mehr daran versp&uuml;ren, best&auml;ndig schon vor der Saison den neuen Meister voraussagen zu k&ouml;nnen. Der Spa&szlig; eines jeden sportlichen Wettkampfes liegt vor allem auch in seiner Spannung. Wenn hingegen nur noch ein oder maximal zwei Mannschaften eine Meisterschaft mit immerhin 34 Spieltagen deutlich dominieren, werden auch die eingefleischtesten Fu&szlig;ballfans bald das Interesse daran verlieren. Pro Saison zwei spannende Spiele und die restlichen 32 Spieltage g&auml;hnende Langeweile d&uuml;rften kaum das Umfeld sein, das Spieltag f&uuml;r Spieltag 400.000 Zuschauer in die Bundesligastadien str&ouml;men l&auml;sst.<\/p><p>Um jedoch erst einmal bis zu dieser Erkenntnis zu gelangen, ist es notwendig, um die verschiedenen Entwicklungen auch zu wissen. Jens Bergers Buch bietet hierf&uuml;r mit seiner Vielzahl an Zahlen und Fakten sowie den dahinterstehenden, grunds&auml;tzlichen Tendenzen das n&ouml;tige Wissen.<\/p><p>(Denn erst) mit dem Wissen w&auml;chst der Zweifel (Johann Wolfgang von Goethe).<\/p><p><em>Jens Berger, &bdquo;Der Kick des Geldes oder wie unser Fu&szlig;ball verkauft wird&ldquo;, Westendverlag Frankfurt, 256 Seiten, 17,99 Euro<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lutz Hausstein (46), Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010, 2011 und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">2015 [PDF &ndash; 1.3 MB]<\/a> erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/0a36c9ebcaa14112875a3ecb8f14ab13\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obgleich sich nur 30 Prozent der Bev&ouml;lkerung f&uuml;r Fu&szlig;ball interessieren, ist dieser Sport auf irgendeine Weise in unser aller Leben omnipr&auml;sent. Live-&Uuml;bertragungen an jedem Wochentag auf einem der vielen Fernsehkan&auml;le. 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