{"id":27795,"date":"2015-10-02T12:25:38","date_gmt":"2015-10-02T10:25:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27795"},"modified":"2019-01-12T11:17:28","modified_gmt":"2019-01-12T10:17:28","slug":"tage-im-oktober-wie-es-begann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27795","title":{"rendered":"Tage im Oktober \u2013 Wie es begann"},"content":{"rendered":"<p>Sechsundzwanzig Jahre ist es nun her, dass machtvolle Demonstrationen in einer gr&ouml;&szlig;eren Anzahl von St&auml;dten in der DDR das immer mehr verkrustete Land an den Rand einer Zerrei&szlig;probe brachten. Sie brachen die erstarrte Gesellschaft auf und wurden schlussendlich selbst durch den Sog der Ereignisse fortgerissen. Ein bedeutsames, historisches Ereignis mit weltpolitischen Auswirkungen &ndash; und dennoch eingebettet auch in einen ganz normalen Alltag seiner B&uuml;rger. Ein paar ganz pers&ouml;nliche Erinnerungen an diese Wochen der radikalen Ver&auml;nderungen, die jedoch die Erlebnisse so vieler von damals widerspiegeln d&uuml;rften. Von Lutz Hausstein [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDa stand ich nun also am Anfang eines historisch zu nennenden Umbruchs &ndash; und hatte doch nicht einmal die leiseste Ahnung davon, was dies wirklich f&uuml;r mich und f&uuml;r viele Millionen Menschen bedeuten w&uuml;rde. Vor gerade mal einem Monat, Anfang September 1989, hatte ich mein Studium begonnen, ohne dass dieses auch richtig begann. Denn &ndash; wie seit Jahrzehnten in Leipzig &uuml;blich &ndash; wurden f&uuml;r die Leipziger Herbstmesse alle nur verf&uuml;gbaren Unterk&uuml;nfte ben&ouml;tigt, um den Messebesuchern eine &Uuml;bernachtung bieten zu k&ouml;nnen. Dass dazu selbst die reichlich spartanisch eingerichteten Studentenwohnheime genutzt wurden, war angesichts der &uuml;berschaubaren Anzahl von Hotels in Leipzig die g&auml;ngige Praxis. Und so mussten alle Studenten der Leipziger Universit&auml;t sowie der Hochschulen ihre Pl&auml;tze in den Wohnheimen vor&uuml;bergehend r&auml;umen, bevor sie &uuml;berhaupt erst bezogen waren. Stattdessen hatten sie einen dreiw&ouml;chigen Arbeitseinsatz &ndash; h&auml;ufig in landwirtschaftlichen Einrichtungen &ndash; zu absolvieren. Diese drei Wochen gemeinsamer Bet&auml;tigung hatten f&uuml;r uns Studenten auch einige positive Aspekte: als frisch Immatrikulierter bekam man so ausreichend Gelegenheit, die neuen Kommilitonen der Seminargruppe w&auml;hrend der gemeinsamen Arbeit, aber auch beim abendlichen Zusammensein, erst einmal in aller Ruhe kennenzulernen.<\/p><p>Drei Wochen sp&auml;ter, zum &bdquo;scharfen&ldquo; Start des Studiums an der Hochschule zur&uuml;ck, begann es immer noch recht beschaulich. Wir Erstsemester besuchten Einf&uuml;hrungsveranstaltungen zu den einzelnen Studienf&auml;chern, lernten die verschiedenen H&ouml;rs&auml;le und Seminarr&auml;ume an den sehr unterschiedlichen und &uuml;ber die gesamte Innenstadt verteilten Standorten kennen. Auf der Suche nach diversen Sportpl&auml;tzen, Turn- und Schwimmhallen &ndash; im Rahmen des damals &uuml;blichen, obligatorischen Hochschulsports &ndash; lernten wir en passant so manchen Au&szlig;enbezirk Leipzigs kennen, der nicht nur mich erschreckte. Ich hatte ja schon einige verfallene H&auml;user in Dresden oder anderen St&auml;dten kennengelernt. Der <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-geschichte\/kontraste\/42448\/frust-und-verfall-in-leipzig\">Zustand mancher kompletter Stra&szlig;enz&uuml;ge (ARD &bdquo;Kontraste&ldquo; vom 12.09.1989)<\/a> in einigen Leipziger Stadtvierteln machte jedoch auch mich entsetzt und sprachlos.<\/p><p>Wir machten uns also mit den Abl&auml;ufen an der Hochschule vertraut &ndash; bis hin zum Erwerb der rechtzeitig vorher zu kaufenden Essensmarken f&uuml;r die eigene, kleine Mensa unserer Hochschule &ndash; und stellten fest, dass der eine oder andere Professor auf seine ganz eigene Art schon ein ziemliches Unikum ist. Denn wer hat schon einen Mathe-Prof, der in der Vorlesung vor &uuml;ber 300 Studenten vom Katheder steigt, um Einzelnen von ihnen Fragen zu stellen, sich nach ihrem Namen zu erkundigen und sie dann in der n&auml;chsten Vorlesung erneut, diesmal aus dem Ged&auml;chtnis heraus sogar namentlich, aufzurufen? Vor allem war da aber diese gro&szlig;e Unsicherheit, was nun auf einen zukommt. Hatte man doch immer wieder geh&ouml;rt, dass die Anforderungen beim Studium nun ganz andere seien, dass gegen&uuml;ber dem Abitur hier ein ganz anderer Wind wehen w&uuml;rde. Doch andererseits war der neue Studienalltag ja auch nur der Pflichtteil des neuen, aufregenden Lebens. Die K&uuml;r fand zumeist abends statt. Die Erkundung des Leipziger Nachtlebens mit seinen vielen, zu ergr&uuml;ndenden Studentenclubs, vor allem aber der wohnheiminterne Studentenclub, der open-end oftmals bis fr&uuml;h ein oder zwei Uhr &ndash; im Gegensatz zu den damals &uuml;blichen, allgemeinen &Ouml;ffnungszeiten &ndash; zum Feiern einlud und zu dem man notfalls auch in Hausschuhen schlurfen konnte. Ein Studium also, bei dem man nicht nur studierte, sondern auch Student war.<\/p><p>Dieses neue und aufregende Leben also war es, was ich nun f&uuml;hren sollte &ndash; und wollte. Und dennoch &ndash; etwas mischte sich unter die allgemeine Stimmungslage. Etwas, was ich bisher noch nicht kannte. Bis vor f&uuml;nf Monaten war ich noch von s&auml;mtlichen Informationen au&szlig;erhalb der offiziellen Lesart abgeschnitten. Denn bis Ende April hatte ich den 18-monatigen Grundwehrdienst bei der Armee abzuleisten und in unserer Kaserne waren private Radios strikt verboten. Die NVA-eigenen Radioempfangsger&auml;te lie&szlig;en jedoch nur die vier offiziellen DDR-Radioprogramme zu. Da erfuhr niemand etwas, was au&szlig;erhalb der offiziellen Lesart der Staatsf&uuml;hrung war. Auch nach meiner Entlassung aus der Armee blieb die Nachrichtenlage eher &uuml;berschaubar. Denn in meiner damaligen Heimatregion, im Osterzgebirge s&uuml;dlich von Dresden, war die M&ouml;glichkeit, westliche Medien zu empfangen, erheblich eingeschr&auml;nkt. Nicht umsonst hatte diese Region rund um Dresden, auch aufgrund der gro&szlig;en Entfernung zu den sendenden Weststationen, im Volksmund den Spitznamen &bdquo;ARD&ldquo; &ndash; &bdquo;Au&szlig;er Raum Dresden&ldquo;. Westdeutsche Fernsehprogramme waren generell nicht empfangbar. Gelegentlich fand eher noch ein tschechoslowakischer Fernsehsender bei entsprechender Wetterlage seinen Weg bis in diese Region. Und selbst westliche Radioprogramme waren im Gro&szlig;raum Dresden nur bei g&uuml;nstiger Wetterlage, mit zumeist starkem Rauschen und dabei nur auf Kurz- oder Mittelwelle zu h&ouml;ren. Die Informationslage der dort Lebenden war also ma&szlig;geblich auf die ziemlich <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?feature=player_detailpage&amp;v=wplPqr-hxpg#t=2050\">gleichlautenden Nachrichten (aus dem Kabarettprogramm der Dresdner Herkuleskeule von 1977)<\/a> der offiziellen DDR-Medien beschr&auml;nkt.<\/p><p>Nun also, mit einmonatiger Verz&ouml;gerung, erlebte ich in Leipzig Ende September &acute;89 die erste &Uuml;berraschung, als ich meinen Platz im Studentenwohnheim bezog. Denn ganz entgegen dem, was f&uuml;r mich bisher t&auml;gliche Normalit&auml;t war, klang mir dort, in der sechsten Etage des Wohnheims, die NDR-Verkehrsdurchsage absolut kristallklar auf UKW entgegen, als ich erstmals mein neues Zimmer betrat. Und die Informationen, die man aus deren Nachrichten entnehmen konnte, unterschieden sich deutlich von denen, die die allgemeine Nachrichtenlage der DDR-Medien hergab. Die Ausreisewelle &uuml;ber Ungarn und die &#268;SSR, Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, die ersten Montagsdemonstrationen um den Leipziger Ring ab September, die Vorg&auml;nge rund um die Fl&uuml;chtlinge in der Prager Botschaft, die daraufhin umgehend eingef&uuml;hrte Visumspflicht f&uuml;r DDR-B&uuml;rger f&uuml;r das &bdquo;sozialistische Bruderland&ldquo; &#268;SSR &ndash; all diese, sich regelrecht &uuml;berst&uuml;rzenden Ereignisse fanden eine ausf&uuml;hrliche Darstellung in den westdeutschen Medien, w&auml;hrend sich die offiziellen Medien der DDR entweder im Totschweigen dieser Vorg&auml;nge oder andernfalls dem diffamierenden Jargon von &bdquo;staatsfeindlichen Elementen&ldquo; oder &bdquo;konterrevolution&auml;ren Subjekten&ldquo; ergingen. Als &bdquo;gelernter DDR-B&uuml;rger&ldquo; vermochte man diese Darstellungen zwar einigerma&szlig;en einzuordnen. Die wirkliche Dimension der Ereignisse war dennoch nicht absch&auml;tzbar.<\/p><p>Doch es waren nicht nur die Nachrichten aus dem Radio von mehr oder minder entfernten Geschehnissen, die meine wahrgenommene Welt ver&auml;nderten. Von heute auf morgen war auch ich selbst mittendrin. In der Regel fuhren die meisten der Studenten &uuml;ber das Wochenende nach Hause, au&szlig;er diejenigen, die weiter entfernt wohnten und sich diese Strapaze einer vielst&uuml;ndigen Bahnfahrt nur aller zwei Wochen zumuten wollten. Angesichts des &auml;u&szlig;erst kurzen Wochenendes &ndash; aller zwei Wochen hatten wir an unserer Hochschule Vorlesungen bis Sonnabendmittag &ndash; h&auml;tten diese auch l&auml;nger im Zug gesessen, als sie zuhause gewesen w&auml;ren. Finanziell waren die Fahrten hingegen kein Problem, denn jeder Student hatte auf der Strecke zwischen Studien- und Wohnort mit der Deutschen Reichsbahn freie Fahrt. So war auch ich am Sonntagabend, dem 1. Oktober, wieder auf dem Weg nach Leipzig. Durch die recht unterschiedlichen Darstellungen in verschiedenen Medien jedoch vorsichtig geworden, lie&szlig; ich mich mit dem Auto auf den Dresdner Hauptbahnhof fahren, da ich mir nicht sicher war, wie zuverl&auml;ssig der &ouml;ffentliche Zubringerverkehr noch funktionierte. Was ich dort jedoch sah, lie&szlig; mir den Atem stocken. Beim Gang um den Hauptbahnhof zum Haupteingang &ndash; das Auto hatten wir etwas abseits geparkt &ndash; kamen wir am Busbahnhof, der direkt neben dem Bahnhof lag, vorbei. Und dort sah ich erstmals in meinem Leben Volkspolizisten, wie ich sie sonst nur aus den Nachrichten des DDR-Fernsehens &uuml;ber westdeutsche Polizisten kannte: mit wei&szlig;em Schutzhelm und Visier, mit Schutzschild und Schlagstock. Ein Bild, das sich mir bis heute tief eingepr&auml;gt und das seine Schrecken bis heute nicht verloren hat. Ein Bild wie aus einer anderen Welt. Bis dahin kannte ich die DDR-Polizisten nur in ihren dunkelgr&uuml;nen Uniformen, mit Schirmm&uuml;tze und ohne jegliche, sichtbare Bewaffnung. Ich eilte beklommen an ihnen vor&uuml;ber und atmete auf, ohne Probleme den Zug nach Leipzig erreicht zu haben.<\/p><p><em><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28602\">Im n&auml;chsten Teil<\/a> k&ouml;nnen Sie erfahren, was sich in den ereignisreichen Tagen auf den Stra&szlig;en Leipzigs, aus meiner ganz pers&ouml;nlichen Perspektive, abspielte.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lutz Hausstein (46), Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010, 2011 und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">2015 [PDF &ndash; 1.3 MB]<\/a> erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/feeaca9127634eb2afcc723c82b9c966\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sechsundzwanzig Jahre ist es nun her, dass machtvolle Demonstrationen in einer gr&ouml;&szlig;eren Anzahl von St&auml;dten in der DDR das immer mehr verkrustete Land an den Rand einer Zerrei&szlig;probe brachten. 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