{"id":278,"date":"2004-07-30T14:46:51","date_gmt":"2004-07-30T13:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=278"},"modified":"2016-03-29T09:37:31","modified_gmt":"2016-03-29T07:37:31","slug":"woran-erkennt-man-dass-es-in-deutschland-sommer-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=278","title":{"rendered":"Woran erkennt man, dass es in Deutschland Sommer ist?"},"content":{"rendered":"<p>Der Streit um die Rechtschreibreform &ndash; oder: Wie man im &bdquo;Sommerloch&ldquo; von den wirklichen Probleme ablenkt. Ein Musterbeispiel f&uuml;r die Manipulation der &ouml;ffentlichen Debatte.<br>\n<!--more--><br>\nAm Wetter kann man &ndash; jedenfalls in diesem Jahr &ndash; sicher nicht erkennen, dass es Sommer ist. Dass Leute Urlaub machen, kann beim angeblichen &bdquo;Freizeitweltmeister&ldquo; und im Land der &bdquo;Billigflieger&ldquo; auch nicht als sicherer Beweis gelten, denn die Arbeitnehmer sind doch ohnehin st&auml;ndig nur im Urlaub &ndash; wenn man den Arbeitgeberverb&auml;nden Glauben schenkt. Und die &uuml;berwiegende Mehrheit der Bev&ouml;lkerung, die sowieso kein Geld daf&uuml;r hat, Urlaub zu machen, tr&ouml;stet BILD seit Tagen mit Seiten f&uuml;llenden Tabellen, dass es den Kolleginnen und Kollegen anderer Berufsgruppen auch nicht besser geht.<br>\nDamit die Arbeitslosenhilfeempf&auml;nger im Lande dar&uuml;ber hinweg kommen, keine Sommerferien machen zu k&ouml;nnen, hat man ihnen das Ausf&uuml;llen endlos langer Frageb&ouml;gen f&uuml;r Hartz IV als Ablenkungsprogramm verpasst. Statt mit Urlaubs- sollen sie sich besser schon mal mit Umzugspl&auml;nen in billigere Wohnquartiere besch&auml;ftigen. <\/p><p>Nicht einmal Sabine Christiansen hat Sommerpause und schl&auml;gt sonntagabends wie das ganze Jahr &uuml;ber ihre Beine &uuml;bereinander. Dass der Kanzler in Italien ist, f&auml;llt bei seinen vielen Auslandsreisen in letzter Zeit auch nicht gerade auf, au&szlig;erdem meldet er sich doch fast jeden Tag zu Wort. Auch Wolfgang Clement provoziert weiter regelm&auml;&szlig;ig seine Schlagzeilen &ndash; aber der nimmt sich ja sowieso keine Zeit, Sommerurlaub zu machen. <\/p><p>Sicher die Zeitungen sind im Augenblick ein wenig d&uuml;nner und im Fernsehen erscheint mancher Kommentator, der sonst nie ran darf. Dass der Sport-Chef von BILD und BamS im Urlaub ist, ist wohl eher ein vorgeschobener Grund daf&uuml;r, dass er nicht f&uuml;r die verleumderischen Falschmeldungen &uuml;ber Oliver Kahns &bdquo;Beziehungskisten&ldquo; oder f&uuml;r die Pannen seines &bdquo;Chefkorrespondenten&ldquo; Franz Beckenbauer bei der Auswahl eines Nachfolgers f&uuml;r Rudi V&ouml;ller als Nationaltrainer verantwortlich gemacht werden kann. <\/p><p>Na ja, immerhin gibt es die &bdquo;Sommerinterviews&ldquo; in ARD und ZDF, aber da fragt und h&ouml;rt man auch nur immer wieder das, was man das ganze Jahr &uuml;ber eben so fragt und zu h&ouml;ren bekommt. Im SPIEGEL liest man ohne Unterlass weiter, was seit langem die Linie der Redaktion ist, n&auml;mlich dass die &bdquo;Reform&ldquo; zu sp&auml;t kommt und zu kurz greift. Die meisten Chefkommentatoren unserer Tageszeitungen, warnen &ndash; vermutlich beim Longdrink an der Strandbar &ndash; die Bundesregierung wie gewohnt davor, blo&szlig; nicht von ihrem &bdquo;Reform&ldquo;- Kurs abzulassen und sie versuchen, wie wir es inzwischen bis zum &Uuml;berdruss kennen, die Hartz-Gesetze als einen Segen f&uuml;r das Land darzustellen. Die Umfragezahlen f&uuml;r die SPD sinken unabh&auml;ngig von der Jahreszeit weiter. Deutschlands &bdquo;kl&uuml;gster Wirtschaftsprofessor&ldquo; Hans-Werner Sinn liest &ndash; wie gehabt &ndash; regelm&auml;&szlig;ig aus dem Kaffeesatz seinen &bdquo;Gesch&auml;ftsklimaindex&ldquo;. <\/p><p>Gibt es also wirklich nichts, woran man in Deutschland erkennen k&ouml;nnte, dass endlich Sommer ist?<br>\nDoch es gibt etwas, ein Signal, das seit nunmehr sechs bis sieben Jahren jedem, aber auch wirklich jedem klar macht, dass das Sommerloch erreicht ist: Der Streit um die &bdquo;Rechtschreibreform&ldquo;. <\/p><p>Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung ist zwar schon seit sechs Jahren in Kraft, aber schon Jahre vorher und danach f&uuml;llt dieses Thema in absoluter Regelm&auml;&szlig;igkeit p&uuml;nktlich zum Sommeranfang die Schlagzeilen und beherrscht die &ouml;ffentliche Debatte. Angez&uuml;ndet meist von irgendeinem Politiker in irgendeinem Land, das kurz vor einer Wahl steht, schl&auml;gt das Thema h&ouml;here Flammen als die sommerlichen Waldbr&auml;nde an der Mittelmeerk&uuml;ste. Mehr noch als beim Fu&szlig;ball, wo jeder (-mann) ein verkappter Bundestrainer ist, kann beim Thema Rechtschreibung, jeder (-mann) und jede (Frau), ob er oder sie nun nach den neuen oder den alten Regeln schreiben kann oder auch nicht, wenigstens mitreden. Vom t&auml;glichen BILD-&bdquo;Bauch&ldquo;-Schreiber Franz Josef Wagner, der immerhin offen zugibt, dass er noch nie in seinem Leben dar&uuml;ber nachgedacht hat, wohin er ein Komma setzt oder wie er ein Wort trennt, bis zum saarl&auml;ndischen Kultusminister Schreier oder dem nieders&auml;chsischen Ministerpr&auml;sidenten Wulff. (Vielleicht musste der ja von seiner unsinnigen Forderung ablenken, beim unterausgelasteten VW-Konzern die Arbeitszeiten zu erh&ouml;hen?) <\/p><p>Warum ist die Rechtschreibung so ein beliebtes Thema, f&uuml;r alle die es sonst kaum noch in die Schlagzeilen schaffen, f&uuml;r alle Populisten, f&uuml;r alle die von ernsthaften Themen ablenken wollen oder davor Angst haben, dass &uuml;ber die wirklichen Probleme diskutiert wird? <\/p><p>Erstens: Man braucht keine Ahnung davon zu haben, wor&uuml;ber man spricht.<br>\nZweitens: Wenn man dagegen ist, kann man sicher sein, dass die Mehrheit hinter einem steht.<br>\nDrittens: Die Mehrheit gegen die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung ist sicher, denn wer will schlie&szlig;lich etwas &auml;ndern, wor&uuml;ber er sich ohnehin nicht sicher ist?<br>\nIm Gegenteil: Je unsicherer man ist, desto nachdr&uuml;cklicher kann man seinen Standpunkt vertreten, dass man dagegen ist. <\/p><p>Statt in der Sommerpause einmal in Ruhe Bilanz zu ziehen, was die Agenda-Politik eigentlich gebracht hat, statt sich fragen zu m&uuml;ssen, was eigentlich dahinter steckt, dass sich die Vorstandsverg&uuml;tungen im Verh&auml;ltnis zu den Arbeitnehmerentgelten etwa bei der Deutschen Bank vom 32-fachen auf das 286-fache verschoben haben oder statt sich dar&uuml;ber Gedanken machen zu m&uuml;ssen, warum ein Viertel unserer Sch&uuml;ler einen Text nicht einmal versteht, geschweige denn, dass es ihn richtig schreiben k&ouml;nnte, kann man sich beim Thema &bdquo;Rechtschreibreform&ldquo; gefahrlos den Mund dar&uuml;ber zerrei&szlig;en, ob nun &bdquo;Leid tun&ldquo; oder &bdquo;leidtun&ldquo; richtig ist. <\/p><p>Unser Land kann einem wirklich Leid tun, dass es regelm&auml;&szlig;ig gelingen kann, mit oberfl&auml;chlichen &ouml;ffentlichen Scheindebatten von den wirklichen Problemen ablenken zu k&ouml;nnen.<br>\nEs gibt nur eine L&ouml;sung: Soll doch jeder schreiben &bdquo;wie&ldquo; er will, dann k&ouml;nnte man sich wenigstens wieder vor allem damit auseinander setzen &bdquo;was&ldquo; er will. Das &bdquo;Sommerloch&ldquo; k&ouml;nnte dann vielleicht zu einer spannenden &bdquo;Unterhaltung&ldquo; werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Streit um die Rechtschreibreform &ndash; oder: Wie man im &bdquo;Sommerloch&ldquo; von den wirklichen Probleme ablenkt. 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