{"id":27844,"date":"2015-10-07T09:34:19","date_gmt":"2015-10-07T07:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27844"},"modified":"2019-07-09T11:21:23","modified_gmt":"2019-07-09T09:21:23","slug":"terror-der-todesengel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27844","title":{"rendered":"Terror der Todesengel"},"content":{"rendered":"<p>Abseits der &Ouml;ffentlichkeit h&auml;ufen sich in Afghanistan die Berichte &uuml;ber Drohnen-Angriffe. Das Land ist das am meisten von Drohnen bombardierte Land der Welt. Wer dabei get&ouml;tet wird, ist oftmals unklar. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn einem seiner letzten Interviews holt der afghanische Pr&auml;sident Ashraf Ghani einen Zettel hervor, auf dem die Namen einiger afghanischer Soldaten stehen, die in den letzten Tagen get&ouml;tet wurden. Er bittet darum, sie vorlesen zu d&uuml;rfen, was er kurz darauf auch macht. Ghanis Liste ist jedoch unvollst&auml;ndig. In den letzten Tagen wurden nicht nur Soldaten der afghanischen Armee get&ouml;tet, sondern auch andere Afghanen, die allerdings namenlos bleiben. Sie wurden Opfer von US-amerikanischen Drohnen, die seit &uuml;ber einem Jahrzehnt &uuml;ber den Himmel am Hindukusch schweben und &uuml;ber die niemand spricht.<\/p><p>Am 7. Oktober 2001 begann in Afghanistan die Geschichte des US-amerikanischen Drohnen-Krieges. An jenem Tag, kurz nach den Anschl&auml;gen des 11. Septembers, hatten US-Piloten im Combined Air Operations Center (CAOC) in Saudi-Arabien eine Menschenmenge im s&uuml;dafghanischen Kandahar, dem Machtzentrum der damaligen Taliban-Regierung, im Visier. Das Ziel der Operation war der F&uuml;hrer der Gruppierung, Mullah Mohammad Omar. Pl&ouml;tzlich dr&uuml;ckte jemand auf den Knopf und eine Hellfire-Rakete schoss in die Menge. Menschen wurden zerfetzt, K&ouml;rperteile flogen durch die Luft, wie viele starben, war unklar. W&auml;hrenddessen konnte Omar fliehen und blieb lange verschwunden. Heute wei&szlig; man, dass er vor einiger Zeit einem nat&uuml;rlichen Tod erlag.<\/p><p>Seitdem geh&ouml;ren Drohnen-Angriffe zum Alltag des Krieges in Afghanistan. Laut dem &bdquo; The Bureau of Investigative Journalism&ldquo; (TBIJ), einer in London ans&auml;ssigen Journalisten-Organisation, ist das Land am Hindukusch das am meisten von Drohnen bombardierte Land der Welt. Allein im Zeitraum 2001 bis 2013 fanden in Afghanistan mindestens 1.670 Drohnen-Angriffe statt &ndash; mehr als in jedem anderen Land.<\/p><p>Wie viele Menschen durch diese Angriffe bis jetzt get&ouml;tet wurden, ist unklar. Vor Kurzem wurde bekannt, dass mindestens 6.000 Menschen Opfer des Drohnen-Krieges wurden. Dank Recherchen von Organisationen wie TBIJ oder Reprieve, einer in Gro&szlig;britannien ans&auml;ssigen Menschenrechtsorganisation, wusste man zuvor, dass rund 3.000 dieser Opfer aus Pakistan, dem Jemen und Somalia stammen. Demnach kann man davon ausgehen, dass die 3.000 weiteren Opfer haupts&auml;chlich Afghanistan zuzuordnen sind. Genau sagen kann man das jedoch nicht. Daten aus Afghanistan sind praktisch kaum vorhanden. Es existieren so gut wie keine Zahlen und Namen. Des Weiteren fliegen die Drohnen seit Jahren auch &uuml;ber den Irak und werden seit einiger Zeit auch in Libyen und in Syrien eingesetzt.<\/p><p>Vor wenigen Monaten kam TBIJ zum Schluss, dass lediglich zw&ouml;lf Prozent der bekannten Drohnen-Opfer tats&auml;chlich militante K&auml;mpfer waren. Nur vier Prozent aller Opfer konnten auf Al-Qaida zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden.<\/p><p><strong>&Uuml;ber 500 Tote in neun Monaten<\/strong><\/p><p>Berichte &uuml;ber Drohnen-Angriffe in Afghanistan h&auml;ufen sich in letzter Zeit. Vor allem der Osten sowie der S&uuml;den des Landes werden von den &bdquo;Todesengeln&ldquo;, wie die dortigen Paschtunen die Drohnen nennen, heimgesucht. Allein im Juni sollen um die zwanzig Drohnen-Angriffe stattgefunden haben. Dabei wurden &uuml;ber einhundert Menschen get&ouml;tet. Anfang Juni traf die Hellfire-Rakete einer Drohne eine Nomadengruppe in Khost im Osten Afghanistans. Die Nomaden hatten die Beerdigung eines Stammes&auml;ltesten besucht und befanden sich auf dem Nachhauseweg. Berichten zufolge wurden &uuml;ber drei&szlig;ig Menschen bei dem Angriff get&ouml;tet. Im Juli wurden mindestens neunundvierzig weitere Menschen in der &ouml;stlichen Provinz Nangarhar get&ouml;tet. Ohne jeglichen Beweis wurden alle Todesopfer von den Medien zu &bdquo;IS-Extremisten&ldquo; deklariert. Selbiges geschah in der gleichen Provinz im August ein weiteres Mal, als man von sechsundsechzig get&ouml;teten Terroristen sprach. Mindestens f&uuml;nfhundert Menschen sollen seit Beginn des Jahres 2015 get&ouml;tet worden sein.<\/p><p>&bdquo;Es ist &uuml;berhaupt nicht klar, wer bei diesen Angriffen get&ouml;tet wird. Oft stellt sich erst im Nachhinein heraus, dass jene, die Regierungssprecher oder Medien als get&ouml;tete Terroristen bezeichnet hatten, einfache Bauern, J&auml;ger oder Nomaden waren&ldquo;, meint etwa Waheed Mozhdah, ein in Kabul ans&auml;ssiger politischer Analyst.<\/p><p>Dass die Drohnen-Berichterstattung gestiegen ist, bedeutet jedoch nicht, dass tats&auml;chlich mehr Drohnen vor Ort sind. &bdquo;Das mediale Interesse scheint gestiegen zu sein, seitdem es hei&szlig;t, dass ein Ableger des IS-Kalifats in Afghanistan agiert&ldquo;, meint etwa der britische Investigativjournalist Chris Woods, der vor Kurzem ein umfangreiches Buch zum Drohnen-Krieg ver&ouml;ffentlicht hat und auch f&uuml;r das TBIJ t&auml;tig ist. &bdquo;Offiziellen Daten zufolge ist die Zahl der Luftangriffe im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich zur&uuml;ckgegangen. Besorgniserregend ist jedoch die Tatsache, dass sich die Transparenz stark verringert hat. Wir wissen nicht, wer die Ziele der Drohnen sind und wir wissen auch nicht, was f&uuml;r eine Rolle sie im Krieg in Afghanistan spielen. Aus Erfahrung wissen wir jedoch folgendes: Je weniger Transparenz, desto wahrscheinlicher sind zivile Opfer&ldquo;, hebt Woods hervor.<\/p><p><strong>Jeder ist ein Terrorist<\/strong><\/p><p>Auch in Waziristan, einer pakistanischen Region, die an Afghanistan angrenzt, tobt der Drohnen-Krieg. In Medienberichten ist immer wieder von get&ouml;teten Terroristen die Rede. Mittlerweile sind in der Region allerdings nicht nur US-amerikanische Drohnen aktiv. Vor Kurzem meldete die pakistanische Regierung ihren ersten erfolgreichen Drohnen-Angriff in Waziristan. Mindestens drei Menschen wurden dabei get&ouml;tet. Nicht nur von US-Drohnen, sondern auch vom pakistanischen Milit&auml;r wird die Region im &bdquo;Kampf gegen den Terror&ldquo; regelm&auml;&szlig;ig heimgesucht. In den letzten Monaten sind viele Menschen geflohen. Shahid Gul. lebt mit seiner Familie mittlerweile in einem Fl&uuml;chtlingscamp in Kabul. Im Zelt der Familie fehlt es an allem, vor allem die hygienischen Zust&auml;nde sind f&uuml;rchterlich. &bdquo;Meine Kinder konnten nachts nicht schlafen. Die Drohnen terrorisieren die Menschen und feuern ihre Raketen ohne Vorwarnung ab. Sie haben viele Menschen zu M&auml;rtyrern gemacht&ldquo;, meint Gul.<\/p><p>Noor Behram, ein Journalist aus Waziristan kam vor wenigen Monaten nach Gespr&auml;chen mit Journalisten aus der Hauptstadt Islamabad zum Schluss, dass oftmals ein Bart, l&auml;ngere Haare oder etwa auch ein Turban oder ein Pakol &ndash; eine typisch paschtunische Kopfbedeckung &ndash; ausreichen, um als &bdquo;Militanter&ldquo; oder &bdquo;mutma&szlig;licher Terrorist&ldquo; identifiziert und nach einem Drohnen-Angriff auch als solcher angef&uuml;hrt zu werden. Das Problem ist jedoch die Tatsache, dass die genannten &Auml;u&szlig;erlichkeiten auf nahezu alle M&auml;nner in der Region zutreffen &ndash; auch in Afghanistan. Somit ist jeder ein Terrorist.<\/p><p><strong>Auswirkungen<\/strong><\/p><p>Was die Drohnen-Angriffe in den betroffenen L&auml;nder bewirken, wird in diesen Tagen deutlich. Im Jemen t&ouml;teten Drohnen in diesem Jahr mehr Menschen als Al-Qaida. &bdquo;Der Jemen war um das Zehnfache stabiler, bevor die USA dort vor f&uuml;nf Jahren ihren Drohnen-Krieg begannen. Und Al-Qaida ist dort heute zehnmal st&auml;rker als zuvor&ldquo;, meint etwa Chris Woods. Diese Ansicht teilen mittlerweile auch hochrangige US-Milit&auml;rs wie Michael T. Flynn, ehemaliger General der US-Armee und vormaliger Direktor des milit&auml;rischen Geheimdienstes DIA. &bdquo;Der Drohnen-Krieg produziert mehr Terroristen als er t&ouml;tet&ldquo;, stellte dieser vor Kurzem fest.<\/p><p>Auch in Afghanistan ist diese Einsch&auml;tzung zur Realit&auml;t geworden. Vor allem wenn man den j&uuml;ngsten Erfolg der Taliban &ndash; die Eroberung der Provinzhauptstadt des nordafghanischen Kunduz &ndash; in Betracht zieht. Nach vierzehn Jahren Besatzung ist der Status Quo in Afghanistan f&uuml;r die westlichen Staaten ein Armutszeugnis. Die Todesengel haben ihren Anteil dazu beigetragen, dass es so weit gekommen ist &ndash; und tun das auch weiterhin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abseits der &Ouml;ffentlichkeit h&auml;ufen sich in Afghanistan die Berichte &uuml;ber Drohnen-Angriffe. Das Land ist das am meisten von Drohnen bombardierte Land der Welt. Wer dabei get&ouml;tet wird, ist oftmals unklar. 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