{"id":27957,"date":"2015-10-16T09:43:29","date_gmt":"2015-10-16T07:43:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27957"},"modified":"2024-08-22T17:26:44","modified_gmt":"2024-08-22T15:26:44","slug":"die-neoliberale-domestizierung-der-sozialen-arbeit-sowie-der-kinder-und-jugendhilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27957","title":{"rendered":"Die neoliberale Domestizierung der Sozialen Arbeit"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151016_heintz.jpg\" alt=\"Matthias Heintz\" title=\"Matthias Heintz\"><\/div><p>Wir alle sind &ndash; auf Gedeih und Verderb &ndash; auf unser Gesundheits- und Sozialsystem angewiesen. Aber wer wei&szlig; schon genau, wie die Systeme funktionieren? Wie sie sich ver&auml;ndert haben? Wer begreift noch den Sinn und die Auswirkungen staatlicher Verordnungen, der &raquo;Reformen&laquo; der letzten Jahre? Wer begreift, wie die <a href=\"http:\/\/www.kritische-psychologie.de\/files\/tg2000a.pdf\">Denkgifte [PDF]<\/a> der neoliberalen Ideologie mehr und mehr die Institutionen durchdrungen, sich in den K&ouml;pfen und Herzen der Menschen festgesetzt haben und hierdurch etwa den Armen immer besser <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">wei&szlig;zumachen<\/a> verm&ouml;gen, sie selbst seien ihres Ungl&uuml;ckes Schmied. Diese Entwicklung beobachtet der P&auml;dagoge und Familientherapeut <strong>Matthias Heintz<\/strong> auch im Bereich der Sozialen Arbeit sowie der Kinder- und Jugendhilfe, weswegen er zur Abwehr der immer massiveren Angriffe auf diesen Bereich auch das <a href=\"http:\/\/buendnis-jugendhilfe.de\/\">&bdquo;B&uuml;ndnis Kinder- und Jugendhilfe &ndash; f&uuml;r Professionalit&auml;t und Parteilichkeit&ldquo;<\/a> ins Leben gerufen hat. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach mit ihm dar&uuml;ber, wie Politik unter dem Deckmantel des Fortschritts immer deutlicher soziale Rechte unterminiert, soziale Sicherheit abschafft sowie einer &Ouml;konomisierung und Privatisierung der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge in die H&auml;nde spielt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Heintz, Sie waren knapp zwei Jahrzehnte in der Kinder- und Jugendhilfe t&auml;tig und sind Mitbegr&uuml;nder des <a href=\"http:\/\/www.buendnis-jugendhilfe.de\">B&uuml;ndnisses Kinder- und Jugendhilfe<\/a>. In einem aktuellen und lesenswerten <a href=\"http:\/\/www.budrich-verlag.de\/pages\/frameset\/reload.php?ID=1038&amp;_requested_page=%2Fpages%2Fdetails.php\">Buch<\/a> skizzieren Sie gemeinsam mit Prof. Mechthild Seithe massive Angriffe auf diesen Bereich der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge und bef&uuml;rchten dessen nahen Exitus. Wie kommen Sie zu dieser Einsch&auml;tzung?<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens seit der politischen Weichenstellung zur Agenda 2010 durch die damalige rot-gr&uuml;ne Bundesregierung k&ouml;nnen wir einen zunehmenden Wandel im Verst&auml;ndnis des Verh&auml;ltnisses vom Staat zum B&uuml;rger erkennen. Die Errungenschaften einer sozialdemokratischen &Auml;ra, gestaltete Demokratie als eine Regierungsform vom B&uuml;rger und f&uuml;r den B&uuml;rger zu definieren, verbunden mit dem System der sozialen Marktwirtschaft, geht in gro&szlig;en Schritten verloren. Wir sind mittlerweile in einem neoliberalen Zeitalter angelangt, in einem &ouml;konomisierten Staat, dessen ethische Pr&auml;misse lautet: &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes &ndash; und somit eben auch Ungl&uuml;ckes &ndash; Schmied.&ldquo; <\/p><p>Dieses System der Entsolidarisierung hat sich inzwischen in allen gesellschaftlichen Bereichen eingenistet und eben auch in der &ouml;ffentlichen Versorgung. Der Staat zieht sich zunehmend aus seiner Verantwortung zur&uuml;ck und &uuml;bertr&auml;gt sie auf den Einzelnen, gut zu erkennen etwa in dem Dogma der Agenda 2010: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">F&ouml;rdern und Fordern<\/a>. Wobei sich das F&ouml;rdern offenbar auf die Lernhilfe f&uuml;r nicht leistungswillige oder -f&auml;hige Menschen im Hinblick auf das Erlernen der funktionalen An- und Einpassung in das Regelwerk eines marktorientierten Systems bezieht. In der duldsamen und schweigenden Unterordnung finden wir die Maxime der p&auml;dagogischen Ethik des Neoliberalismus.<\/p><p>In der Praxis erkennen wir heute ein Gesellschaftssystem, in dem der Staat sich zunehmend aus dem Bereich der &ouml;ffentlichen Daseinsf&uuml;rsorge zur&uuml;ckzieht. Diejenigen Menschen, die beispielsweise durch Langzeitarbeitslosigkeit aus der gesellschaftlichen Teilhabe herausgefallen sind, werden &uuml;ber Systeme wie Hartz IV verwaltet, kontrolliert und diszipliniert. Die &ouml;ffentlichen Ressourcen werden bewusst knapp gehalten. Dort, wo die Versorgung f&uuml;r die Menschen nicht ausreicht, wird auf <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27438\">mildt&auml;tige Hilfe<\/a> aus der freien Wirtschaft und von den am System Teilhabenden gesetzt, gern verbunden mit dem viel besungenen b&uuml;rgerschaftlichen, ehrenamtlichen Engagement. <\/p><p>So k&ouml;nnen die &ouml;ffentlichen Kassen strategisch knapp gehalten sowie ggf. mit dem Prinzip des Outsourcing &ouml;ffentliche Dienstleistungen privatisiert werden, seit dem Bankencrash insbesondere auf kommunaler Ebene immer verbunden mit dem Totschlagargument des Sparzwangs und der Rettungsschirme. Hier finden wir im klassisch marktwirtschaftlichen Sinne eine Win-Win-Situation. Der Staat entzieht sich seinen sozialen Verpflichtungen, um diese in Richtung der Interessen der freien Wirtschaft zu verlagern und hierdurch in Zeiten &ouml;konomischer Globalisierung &bdquo;Standortsicherung&ldquo; zu betreiben. Die Unternehmen k&ouml;nnen wiederum mit ihrem Engagement im Sozialen Sektor, gerne &uuml;ber die Gr&uuml;ndung von Stiftungen, ihre Steuerpolitik regulieren, nehmen erheblichen Einfluss auf Politik und Meinungsbildung und haben dar&uuml;ber hinaus noch <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27438\">beste und g&uuml;nstige Publicity<\/a>.<\/p><p>Ganz nebenbei l&auml;sst sich &uuml;ber die Strategie der &Ouml;konomisierung auch ein subtiles Kontrollelement im Hinblick auf die arbeitende Bev&ouml;lkerung gestalten, da diese mit der permanenten Bedrohung des potentiellen Abstiegs in den Hartz-IV-Bereich lebt und entsprechend die Zwangssysteme des freien Marktes wie etwa Lohndumping, prek&auml;re Arbeitsvertr&auml;ge und anderes stillschweigend, bewusst oder unbewusst akzeptiert. Insbesondere die im Bereich der Sozialarbeit, des Gesundheits- und Bildungswesens T&auml;tigen sind auf diese Weise in eine erduldende Anpassungshaltung geraten, die selbst bei gro&szlig;em Leidensdruck kaum Widerstand hervorruft.<\/p><p>In der Gesamtentwicklung k&ouml;nnen wir in gewissem Sinne seit rund 20 Jahren eine R&uuml;ckentwicklung in feudalherrschaftliche Zeiten konstatieren, nur dass die Macht heute nicht mehr bei Adel und Klerus, sondern in den H&auml;nden der F&uuml;hrenden der freien Marktwirtschaft liegt. Ich bezeichne dies auch als Amerikanisierung unserer Gesellschaft oder als ein System des Neofeudalismus.<\/p><p><strong>Und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die konkrete soziale Arbeit vor Ort?<\/strong><\/p><p>Die inzwischen gesellschaftlich weitgehend geduldete systematische Politik der knappen Kassen im &ouml;ffentlichen Bereich f&uuml;hrt logischerweise auch den Bereich der Sozialen Arbeit in eine drastische Engf&uuml;hrung. Das ist durchaus weder eine schicksalhafte noch eine naturgegebene Entwicklung, sondern im von mir zuvor beschriebenen, &ouml;konomisierten Sinne gemacht und gewollt. <\/p><p>Die Einsparung von &ouml;ffentlichen Mitteln ist dabei nur ein Effekt. Im Verst&auml;ndnis der Logik des Neoliberalismus geht es immer auch darum, die Menschen zu kontrollieren, zu disziplinieren und dar&uuml;ber zu funktionalisieren. Das gilt im sozialen Bereich f&uuml;r deren Adressaten ebenso wie f&uuml;r die professionellen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. <\/p><p>Im Kern geht es darum, das dreifache Mandat der Sozialen Arbeit &ndash; sozialanwaltschaftliche Erm&ouml;glichung und Wahrung der individuellen Autonomie, Erm&ouml;glichung der gesellschaftlichen Teilhabe sowie die Reflexionsf&auml;higkeit der eigenen Situation unter den gegebenen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen- auf den Aspekt der Integration zu reduzieren, und zwar gem&auml;&szlig; eines funktionalen Anpassungsverst&auml;ndnisses. Das gilt in der Umsetzung der Sozialarbeit wiederum sowohl f&uuml;r deren Adressaten wie auch die Sozialarbeiter selbst.<\/p><p>In der Praxis zeigen sich die Auswirkungen dieser Politik vor allem in der Verknappung der professionellen Arbeitsstrukturen, insbesondere im Bereich der personellen Ressourcen, was im betriebswirtschaftlichen Verst&auml;ndnis am meisten Sinn macht, da das Einsparungspotential hier am gr&ouml;&szlig;ten ist. In privatwirtschaftlichen Sozialunternehmen steigert dies die Gewinnspanne, im &ouml;ffentlichen Bereich werden so Gelder eingespart. <\/p><p>Die Auswirkungen dieser, in der zynischen Wortwahl betriebswirtschaftlich orientierter Sozialarbeit formulierten &bdquo;effizienten und verschlankten Strukturen&ldquo; tragen die Adressaten, die auf Hilfe und Unterst&uuml;tzung angewiesenen B&uuml;rger, aber auch die Sozialarbeitenden selbst. Dies geschieht in Zeiten, in denen allgemein, aber auch speziell in der Kinder- und Jugendhilfe in den letzten Jahren ein kontinuierlicher Anstieg der Hilfebedarfe sowohl quantitativ als auch qualitativ zu verzeichnen ist. Immer &ouml;fter geraten junge Menschen und ihre Familien in Krisen, die komplexer werden und eine entsprechend umfassende und nachhaltige Hilfen erforderlich machen.<\/p><p>Parallel zu dieser Entwicklung arbeiten die Kommunen an einer Art Simplifizierung der Hilfen, was insbesondere die akuten Hilfen zur Erziehung nach dem &sect; 27 SGB VIII betrifft, auf die Eltern und ihre Kinder einen Rechtsanspruch haben. Diese Hilfeformen, die konzeptionell auf eine nachhaltige Beziehungsarbeit angelegt sind, werden heutzutage teils drastisch gek&uuml;rzt oder aber gar nicht mehr gew&auml;hrt. <\/p><p>Stattdessen agieren die Kommunen gerne mit der Strategie, den anspruchsberechtigten jungen Menschen und ihren Eltern kosteng&uuml;nstige Hilfeformen au&szlig;erhalb des Kanons der Hilfen zur Erziehung anzubieten, beispielsweise in Form von Elternkursen im Bereich von Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen oder in Gruppenangeboten f&uuml;r Kinder im Stadtteil (wobei auch in diesen Bereichen das Spar- und Verknappungsdiktat entgegen anderslautender politischer Versprechen vorherrscht). Beliebt ist auch die Verlagerung der Hilfen in den Kindergarten bzw. die Schulen, die ohnehin schon bis zum Anschlag ausgelastet sind, ins Gesundheitswesen oder in ehrenamtlich gestaltete Unterst&uuml;tzungsma&szlig;nahmen. In der professionelle Angebote ersetzenden Ehrenamtlichkeit erlebt die Soziale Arbeit aktuell einen massiven Angriff, der einen wesentlichen Teil ihres gegenw&auml;rtigen Deprofessionalisierungsprozesses ausmacht. Gut zu den Armen und Hilfebed&uuml;rftigen zu sein, das kann doch jeder und sollte auch jedem, der ein Herz hat, ein Selbstverst&auml;ndnis sein und im Ehrenamt ausgelebt werden. Schlie&szlig;lich zeigen die Gro&szlig;en aus Wirtschaft und Politik bei Benefizveranstaltungen im Blitzlicht der Fotografen, wie man die Nicht-Besitzenden bekocht, bedient und f&uuml;ttert. Also, wo hat die Soziale Arbeit hier noch ihre Legitimation?<\/p><p>Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Die oben genannten Interventionen einer gemeinwesenorientierten Arbeit, der Pr&auml;vention und erg&auml;nzender Ehrenamtlichkeit sind wichtig und unverzichtbarer Bestandteil in einer solidarisch und demokratisch orientierten Gesellschaft. Jedoch verfehlen sie in ihrer &ouml;konomisierten Variante eine umfassende und nachhaltige Unterst&uuml;tzung in den vielen F&auml;llen, in denen Familien mit hochkomplexen Problemen eine entsprechend profunde Hilfe ben&ouml;tigen. Und ganz nebenbei wird &uuml;ber diese simplifizierende und bagatellisierende Steuerungspolitik der Kinder- und Jugendhilfe zunehmend der Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung umgangen und ausgeh&ouml;hlt.<\/p><p>Wichtig ist ebenfalls zu erw&auml;hnen, dass neben den knappen personellen Ressourcen die sozialp&auml;dagogischen Fachkr&auml;fte h&auml;ufig im Rahmen schwacher und befristeter Arbeitsvertr&auml;ge arbeiten, was eine Stabilisierung der Beziehungsarbeit mit den betroffenen Familien verunm&ouml;glicht. Ein Schelm, der hier an eine Bergwacht denkt, die mit por&ouml;sen Seilen und verrosteten oder recycelten Haken und &Ouml;sen den in Not Geratenen zur Hilfe eilt.<\/p><p>Kurzum: Das System wird ausgeh&ouml;hlt, umgangen, deprofessionalisiert, kaputt rationalisiert und ist bereits jetzt kaum noch in der Lage, ad&auml;quat zu tun, wof&uuml;r es geschaffen worden ist. <\/p><p><strong>Und bei den Kindern und Familien, denen ja geholfen werden soll: Was geschieht und ver&auml;ndert sich da?<\/strong><\/p><p>Seit etwa zwanzig Jahren sind im Zuge der skizzierten Neoliberalisierung der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse die Familien einem immer gr&ouml;&szlig;eren Druck ausgesetzt. Das Leben der Familien unter marktliberalen Bedingungen fokussiert sich ganz auf die Aspekte der flexiblen Anpassung an die Anforderungen der Arbeitgeber. Und diese sind kaum kompatibel mit den entwicklungsbedingten Bed&uuml;rfnissen der Kinder. Diese werden oft deutlich zu fr&uuml;h aus der Eltern-Kind-Bindung herausgenommen. Und die Eltern sind den hohen Anforderungen des Arbeitsmarktes, der Dauererreichbarkeit und der permanenten Verf&uuml;gbarkeit und Mobilit&auml;t immer seltener gewachsen. Diese Situation hat sich durch die Wirkung der neuen Kommunikationsmedien versch&auml;rft. Weder die Partnerschaft, noch die Elternschaft k&ouml;nnen so in einer f&uuml;r die Kinder so wichtigen stabilen und gelassenen Haltung gelebt werden. So ist es auch zu erkl&auml;ren, dass Partnerschaften und insgesamt die f&uuml;r eine vitale Entwicklung des jungen Menschen wichtigen famili&auml;ren und au&szlig;erfamili&auml;ren Beziehungsstrukturen br&uuml;chig geworden sind und immer br&uuml;chiger werden. <\/p><p>In einem prinzipiell exorbitant reichen Land akzeptiert die neoliberale Politik eine hohe Armutsrate, nicht nur der Familien, die unter den oft entw&uuml;rdigenden und dem&uuml;tigenden Bedingungen von Hartz IV leben m&uuml;ssen, sondern auch einer wachsenden Zahl von Familien, die knapp oberhalb des ALG II-Bezuges leben und kaum &uuml;ber die Runden kommen. Die Zahl der Kinder, die in Deutschland in Armut leben m&uuml;ssen, steigt seit Jahren kontinuierlich an. Armut ist in besch&auml;mender Weise zu einem zentralen gesellschaftlichen Ph&auml;nomen und Problem in unserem Land geworden. <\/p><p>Die Folgen dieser chronischen Armut auf das Lebens- und Entwicklungsproblem der Familie und speziell der Kinder sind hinreichend bekannt und viel diskutiert. In der neoliberalen Praxis unserer Gesellschaft ist sie jedoch, abgesehen von plakativen medialen Emp&ouml;rungen und damit einhergehenden medial gehypten Hilfsaktionen, nicht nur akzeptiert, sondern im Denken vieler Menschen vielfach sogar als selbstverschuldet legitimiert.<\/p><p>Andererseits erleben wir in den marktliberalen Gesellschaften einen hohen Konsumdruck, der durch verschiedene Mechanismen noch k&uuml;nstlich verst&auml;rkt wird. Vor allem Kinder und Jugendliche sind als Konsumenten die wichtigste Zielgruppe der Industrie, ganz gleich, wie sinnig, unsinnig oder gar gef&auml;hrlich dieser Konsum f&uuml;r sie ist. <\/p><p>Exemplarisch m&ouml;chte ich den exzessiven Medienkonsum der jungen Menschen oft schon ab dem Kindergartenalter nennen, nicht nur in Bezug auf die Quantit&auml;t, sondern ebenso im Hinblick auf die Inhalte des Konsumierten. Kinder werden von der Wirtschaft in dieser Gesellschaftsform oft r&uuml;cksichtslos ausgebeutet und in allumfassender Weise dauerhaft &uuml;berfordert. Dieser Aspekt systematischer und struktureller Kindeswohlgef&auml;hrdung wird in Zeiten, in denen permanent die Rechte der Kinder und der Kinderschutz betont werden, jedoch tabuisiert. Dar&uuml;ber wird geschwiegen. Er ist als Ursache mannigfacher Probleme schlicht nicht pr&auml;sent. Stattdessen ist es popul&auml;r geworden, die Verantwortung f&uuml;r die Wohlstandsverwahrlosung vieler Kinder auf die Eltern zu schieben. Dies ist jedoch vor dem Hintergrund des beschriebenen Wandels zur neoliberalen Marktwirtschaft wenig mehr als eine zynische Ablenkungsstrategie. Au&szlig;erdem werden auf diese Weise in marktliberaler Logik die Nachfragepotentiale f&uuml;r eine privatisierte Sozialwirtschaft gesichert. Die S&auml;ngerin Dota Kehr hat diese Logik in ihrem Song &bdquo;die Funktionalisierer&ldquo; am Ende so treffend beschrieben: &bdquo;Und selbst aus der Angst und dem bitteren Erwachen, glaubt mir, da kann man was draus machen &hellip;. da kann man was draus machen!&ldquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/PFTe0Vm7G10\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><div style=\"text-align:center\">\n<p><strong>Dota Kehr: Die Funktionalisierer<\/strong><\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>K&ouml;nnen Sie die &Uuml;berforderung des &ouml;konomisierten Kinder- und Jugendhilfesystems im Umgang mit den komplexen Problemen der Kinder- und Jugendlichen unter den von Ihnen beschriebenen heutigen Lebensbedingungen bitte anhand eines Beispiels skizzieren?<\/strong><\/p><p>Lassen Sie mich ein Praxisbeispiel konstruieren, in dem verschiedene der genannten Faktoren kulminieren. Es ist in dieser Zusammenstellung durchaus realistisch und auch von mir in den vergangenen 10-15 Jahren so erlebte Praxis. Auch die einzelnen Elemente unzureichender Hilfe allein k&ouml;nnen bereits erhebliche negative Folgen im Hilfeprozess nach sich ziehen.<\/p><p>Nehmen wir also die 14-j&auml;hrige Jugendliche H., die seit geraumer Zeit regelm&auml;&szlig;ig dem Schulunterricht fernbleibt. H. kommt aus einem belasteten Elternhaus, da die Eltern sich vor drei Jahren nach einer lange anhaltenden Konfliktphase getrennt haben und die Konflikte nun im Hinblick auf die Gestaltung der gemeinsamen elterlichen Sorge anhalten. H. f&uuml;hlt sich zwischen den Eltern hin- und hergerissen. Die ohnehin schwierige finanzielle Situation der Eltern hat sich im Zuge der Trennung noch versch&auml;rft. Der Vater kommt seiner Unterhaltsverpflichtung nur unzureichend nach. Die Mutter h&auml;lt sich und ihre zwei Kinder &ndash; es gibt noch einen achtj&auml;hrigen Bruder &ndash; mit verschiedenen Jobs gerade so &uuml;ber Wasser.<\/p><p>Die Schule, welche anfangs &uuml;ber einen erheblichen Zeitraum die Eltern &uuml;ber das unerlaubte Fernbleiben in Unkenntnis hielt, spricht mittlerweile von Schulverweigerung. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus l&auml;uft nur schleppend, weil zum einen die Mutter mit den Alltagsbelastungen nach der Trennung &uuml;berfordert ist, sich vom Vater in der Erziehung der Kinder nicht unterst&uuml;tzt f&uuml;hlt und sich in Umgangskonflikten mit ihm und den Ex-Schwiegereltern aufreibt. Zum anderen ist die Schule selbst personell knapp ausgestattet, sodass die wichtige Elternarbeit nur m&uuml;hselig gestaltet werden kann. Au&szlig;erdem gibt es eine wachsende Zahl an auff&auml;lligen bzw. problembelasteten Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern. Bei einer Gesamtsch&uuml;lerzahl von 1.500 gibt es eine einzige Schulsozialarbeiterin, die sich neben ihrer Projektarbeit nur sporadisch einzelner Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler annehmen kann. <\/p><p>Im Elterngespr&auml;ch mit der alleinerziehenden Mutter empfiehlt der Klassenlehrer der Mutter, sich Unterst&uuml;tzung in der Erziehungsberatungsstelle zu holen. Dort erh&auml;lt sie nach l&auml;ngerer Wartezeit einen Termin, erlebt aber, dass fortlaufende Termine aufgrund der hohen Auslastung der Fachstelle nur alle paar Wochen m&ouml;glich sind. Die Mitarbeiterin empfiehlt der Mutter dringend, an dem Eltern- und Umgangskonflikt zu arbeiten, den sie als ma&szlig;geblich f&uuml;r H.&acute;s Verweigerungshaltung h&auml;lt. Die Mutter sieht sich gegenw&auml;rtig au&szlig;erstande, an dieses Thema heranzugehen, schon gar nicht gemeinsam mit dem Vater. Die Erziehungsberaterin, die nur m&uuml;hsam ihre vielen F&auml;lle terminlich koordinieren und bew&auml;ltigen kann, nimmt diese Haltung der Mutter mit Ungeduld und Unzufriedenheit zur Kenntnis. Sie r&auml;t der Mutter am Ende des zweiten Termins, H. zwecks diagnostischer Abkl&auml;rung in der kinder- und jugendpsychiatrischen Institutsambulanz anzumelden. Die Beratungsstelle darf aufgrund kommunaler K&uuml;rzungsma&szlig;nahmen keine eigene Diagnostik mehr vornehmen. Dort angekommen erf&auml;hrt die Mutter, dass H. erst drei Monate sp&auml;ter einen ersten Untersuchungstermin erh&auml;lt, da auch hier die Grenzen der Auslastung l&auml;ngst erreicht sind. <\/p><p>Es vergehen Wochen und Monate ohne greifbare Hilfe f&uuml;r H. und ihre Familie. Die Situation mit H., die sich immer mehr in ihre virtuellen PC-Welten zur&uuml;ckzieht. spitzt sich zu. Der Mutter gelingt es nur noch selten, mit H. in Kontakt zu kommen. H. besucht, trotz vieler Versprechen ihrer Mutter gegen&uuml;ber, nur noch selten den Unterricht. Schlie&szlig;lich macht die Schule Druck, indem sie der Mutter nahelegt, sich an das Jugendamt zu wenden. Ansonsten k&ouml;nne H. nicht weiter an dieser Schule verbleiben.<\/p><p>Mit Widerwillen und verunsichert sucht H.&acute;s Mutter mit ihrer Tochter den Allgemeinen Sozialen Dienst, kurz ASD, des Jugendamtes auf. Die Fachkraft dort f&uuml;hrt mit Mutter und H. ein ausf&uuml;hrliches Gespr&auml;ch, an dessen Ende zu beider &Uuml;berraschung die Empfehlung der Fachkraft steht, die bereits begonnene Erziehungsberatung fortzusetzen und zun&auml;chst einmal die Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie durchzuf&uuml;hren und deren Ergebnisse abzuwarten. Zus&auml;tzlich empfiehlt die Fachkraft eine Trennungs- und Scheidungselterngruppe f&uuml;r beide Eltern, welche im ortsans&auml;ssigen Familienzentrum angeboten wird. Diese Gruppe werde durch eine Sozialp&auml;dagogin angeleitet, die w&ouml;chentlich mit den Trennungseltern arbeite. <\/p><p>Mutter und Tochter verlassen einerseits erleichtert das Jugendamt, weil ja nichts Schlimmes dort passiert ist. Andererseits ist die Mutter irgendwie frustriert und genervt, da sie wieder kein St&uuml;ck weitergekommen ist. Eine Gruppe werde sie mit diesem f&uuml;r sie belastenden und besch&auml;menden Trennungsthema ganz gewiss nicht aufsuchen, schon gar nicht gemeinsam mit dem Ex, der seinerseits wohl kaum zur Teilnahme an einer solchen Gruppe zu bewegen sein wird. H. ist es egal. Sie m&ouml;chte einfach nur in Ruhe gelassen werden und mit allem nichts mehr zu tun haben. Die wichtige Information, dass Eltern einen Rechtsanspruch auf &ldquo;Hilfe zur Erziehung&rdquo; haben und diese beim Jugendamt beantragt werden kann, wurde der Mutter bislang nicht mitgeteilt. Die Mitarbeiterin der Erziehungsberatungsstelle kl&auml;rt nun jedoch &uuml;ber den Rechtsanspruch der Eltern auf &ldquo;Hilfe zur Erziehung&rdquo; auf. <\/p><p>Diese sucht mit dem Wissen um den Rechtsanspruch die Fachkraft beim Jugendamt ein zweites Mal auf und dr&auml;ngt auf die Antragstellung, auch unter Verweis darauf, dass sich H.&acute;s Situation verschlimmert habe und sie sich als Mutter mit all den Belastungen, der Sorge um H., dem Dauerkonflikt mit dem Vater und der kaum noch zu bew&auml;ltigenden Doppelbelastung von Beruf und Familie chronisch &uuml;berfordert f&uuml;hle. Schlie&szlig;lich willigt die Fachkraft ein und das Team des Jugendamtes kommt nach gemeinsamer Beratung zu dem Schluss, der Familie eine sozialp&auml;dagogische Familienhilfe zu gew&auml;hren, die zun&auml;chst probehalber mit einem niedrigen Stundensatz eingesetzt und auf ein halbes Jahr befristet wird.<\/p><p>H.&acute;s Mutter erlebt die f&uuml;r diese Hilfe eingesetzte Sozialp&auml;dagogin, die parallel sechs Familien zu betreuen hat, nach anf&auml;nglich gutem Beginn immer ungeduldiger. Auch der Sozialp&auml;dagogin gelingt unter den knapp bemessenen Zeitressourcen kein konstruktiver und vertrauensvoller Zugang zu H. und ihrer Mutter. Ebenso wenig gelingt eine Kontaktaufnahme zu H.&acute;s Vater, der weiterhin im Hintergrund gegen die Mutter agiert und H. selbst permanent in Loyalit&auml;tskonflikte verstrickt. H.&acute;s Mutter f&uuml;hlt sich zunehmend von der Sozialp&auml;dagogin bedr&auml;ngt, bevormundet und kontrolliert. Sie empfindet Scham und Versagensgef&uuml;hle und versucht sich nach und nach den anberaumten Terminen zu entziehen. <\/p><p>Nach negativen R&uuml;ckmeldungen der Sozialp&auml;dagogin an die fallverantwortliche Fachkraft des ASD kommt es zu zwei Versuchen, der Mutter zu erkl&auml;ren, dass sie konstruktiv mitarbeiten und sich um Umsetzung der Ratschl&auml;ge der Familienhelferin bem&uuml;hen m&uuml;sse. Kurze Zeit danach bricht das Jugendamt wegen der nicht vorhandenen Kooperationsbereitschaft der Familie die Hilfe ab. Zur&uuml;ck bleiben eine frustrierte, &uuml;berforderte Mutter und eine Jugendliche, die von allen einfach nur noch in Ruhe gelassen werden m&ouml;chte, und deren Situation sich zunehmend verschlechtert. <\/p><p>Wagen wir eine Prognose? Und wenn sie nicht gestrandet sind, dann d&uuml;mpeln sie auch heute noch, mit Tausenden von im Stich gelassener Familien auf dem Meer der Hoffnungslosen in der restlos &uuml;berf&uuml;llten und seeunt&uuml;chtigen MS Agenda 2010. N&auml;chster Zielhafen: Psychiatrie, Knast oder Stra&szlig;e? <\/p><p>In Summe: Da gibt ein System also vor, zu helfen, h&auml;lt diese Hilfe jedoch kaum &uuml;berhaupt vor, und besch&auml;digt dadurch die Betroffenen wom&ouml;glich nur noch mehr, die Ohnmacht, Hilflosigkeit und Resignation erfahren und deren Probleme in dieser Zeit nur gr&ouml;&szlig;er und gr&ouml;&szlig;er werden. Ganz zu schweigen vom allgemeinen Trend, aus Zeit- und Geldgr&uuml;nden Kinder dann eben psychiatrisch zu <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27016\">&bdquo;behandeln&ldquo;<\/a> anstatt ihnen wirklich zu helfen.<\/p><p><strong>Wenn es so schlimm um die Profession bestellt ist, warum gibt es dann scheinbar keine Gegenwehr gegen diese Negativentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe? Das System f&auml;hrt doch offensichtlich &hellip; immer mehr gegen die Wand.<\/strong> <\/p><p>Nun, was w&uuml;rden Sie machen, wenn Sie unter prek&auml;ren Arbeitsbedingungen arbeiten, sagen wir, mit einem Zwei-Jahresvertrag mit eventueller Verl&auml;ngerungsoption, eine Familie zu versorgen h&auml;tten? Unter diesen Bedingungen macht kaum jemand den Mund auf &ndash; aus Angst vor drohender Arbeitslosigkeit und den damit einhergehenden existentiellen Konsequenzen.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus f&uuml;rchte ich, dass die Zeit der gesellschaftlichen L&auml;hmung und der seit langem w&auml;hrenden &Uuml;berbetonung des Individuums gegen&uuml;ber Werten des Sozialen und der Solidarit&auml;t inzwischen zu einem quasi reflexhaften Anpassungsverhalten an die Gesetze einer marktliberalen Kultur gef&uuml;hrt hat. <\/p><p>Insofern finden wir insgesamt j&uuml;ngere Generationen vor, die sich, so sozialisiert, im Wesentlichem kaum mehr kritisch verhalten k&ouml;nnen oder aber kaum die Anstrengung kritischer Auseinandersetzung auf sich nehmen wollen bzw. k&ouml;nnen. Sie <em>kennen<\/em> h&auml;ufig &uuml;berhaupt nur noch die Bedingungen und entsprechende Deutungsmuster einer, wie Kanzlerin Merkel es so treffend bezeichnet hat &bdquo;marktkonformen Demokratie&ldquo;. <\/p><p>Und diese Ver&auml;nderungen sind inzwischen so tief in der Gesellschaft verankert, dass es auch den vermeintlich kritisch denkenden Sozialarbeitenden schwerf&auml;llt, alternative Perspektiven einzunehmen. <\/p><p>Die Ausbildung bzw. das Studium der Sozialp&auml;dagogik und &auml;hnlicher Studieng&auml;nge hat unter dem beschriebenen politischen Wandel mit der Einf&uuml;hrung der so genannten Bologna-Reformen ebenfalls enorm gelitten. Die Dogmen des Marktliberalismus werden sowohl &uuml;ber die strukturellen Erfordernisse des Studiums als auch &uuml;ber die betriebswirtschaftlich gef&auml;rbten Inhalte der Studieng&auml;nge vermittelt, sodass die nachwachsenden Generationen in diesem Berufsfeld diese &ouml;konomisierte Variante Sozialer Arbeit zumeist als selbstverst&auml;ndlich erachten. Diejenigen Hochschul- und Fachhochschullehrenden, die noch ein anderes, fachliches Verst&auml;ndnis von Sozialp&auml;dagogik vermitteln, sind in der Minderzahl und stehen zudem selbst in der Gefahr, in ihren Lehrinstitutionen unter Druck gesetzt zu werden.<\/p><p>Die <a href=\"http:\/\/www.kritische-psychologie.de\/files\/tg2000a.pdf\">neoliberale Ideologie [PDF]<\/a> ist einfach allerorten manifest und die Verh&auml;ltnisse arbeiten ihr nur weiter zu.<\/p><p><strong>Und was w&auml;re in dieser gesellschaftlichen Situation sinnvollerweise zu tun? Was w&uuml;nschen oder raten Sie?<\/strong><\/p><p>W&uuml;nschen w&uuml;rde ich mir, dass die Menschen sich endlich wieder auf die Errungenschaften humanistisch orientierter und sozialer Bewegungen in Richtung Freiheit und Demokratie besinnen, wie sie trotz allen Militarismus&lsquo;, aller feudaler, autorit&auml;rer und faschistischer Str&ouml;mungen und Epochen und ihren entsprechenden Erziehungs- und Bildungsmethoden immer wieder durchdringen konnten und so zumindest in Teilen des 20. Jahrhunderts zentrale gesellschaftliche Wertesysteme in Richtung der Achtung der Menschenw&uuml;rde, der Realisierung von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit erm&ouml;glicht haben. <\/p><p>Freiheit ist im Zeitalter des Marktliberalismus zur Freiheit des Konsums der am System Teilhabenden reduziert worden. Soziale Gerechtigkeit ist sp&auml;testens mit der Einf&uuml;hrung der Agenda 2010 weggesp&uuml;lt und durch Ellenbogendogmen wie &bdquo;Leistung lohnt sich wieder!&ldquo; oder &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern!&ldquo; ersetzt worden. Leider habe ich nur wenig Hoffnung, dass hier in absehbarer Zeit ein gesellschaftlicher Wandel eintreten wird. Daf&uuml;r funktionieren die Prinzipien des &bdquo;Teile und herrsche!&ldquo; und &bdquo;Brot und Spiele&ldquo; im medialen Zeitalter einfach zu gut. <\/p><p>Fraglich ist im Augenblick wohl vor allem, wie die aktuelle Fl&uuml;chtlings- bzw. Einwanderungssituation Einfluss auf den gegenw&auml;rtigen Stillstand nehmen wird. Nicht nur diesbez&uuml;glich d&uuml;rfen wir die jetzige Fl&uuml;chtlingswelle als echte Chance f&uuml;r unsere gesellschaftliche Entwicklung sehen.<\/p><p>Und im Hinblick auf das Thema &Ouml;konomisierung der Kinder- und Jugendhilfe rate ich allen engagierten Kolleginnen und Kollegen, den Lehrenden an Fachschulen, Fachhochschulen und Universit&auml;ten, den Studierenden, aber auch den verantwortlichen Jugendhilfepolitikern, inne zu halten und dar&uuml;ber nachzudenken, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen, welche Aufgabe die Soziale Arbeit und speziell die Kinder- und Jugendhilfe hat und was unsere ureigene sozialp&auml;dagogische Fachlichkeit ausmacht. <\/p><p>Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession und hat somit ein eindeutiges und parteiliches Mandat <em>f&uuml;r<\/em> die Menschen, die gesellschaftlich an den Rand gedr&auml;ngt bzw. ausgeschlossen werden bzw. von Marginalisierung bedroht sind. Sie hat Entwicklungen vorzubeugen, die das Prinzip von Oben und Unten bedienen oder, so diese sich realisieren, sie offen zu benennen, zu skandalisieren und zur Gegenwehr aufzurufen. <\/p><p>In diesem Sinne hat Soziale Arbeit und insbesondere die Kinder- und Jugendhilfe mit ihrem sozialp&auml;dagogischen Auftrag auf den Ebenen der Pr&auml;vention, der Gemeinwesen- und Einzelfallarbeit immer auch eine politische Dimension. Das betrifft nicht allein die Arbeit mit den Adressatinnen und Adressaten, sondern ebenso die professionellen Fachkr&auml;fte selbst. Denn wie sollen wir Menschen in ihrem Bestreben nach Autonomie begleiten, wenn wir selbst f&uuml;r uns und unsere Arbeitsbedingungen systematische Ausbeutung, Entwertung, stillschweigende Duldung teils unhaltbarer Arbeitsbedingungen und andere Formen prek&auml;rer Arbeit stillschweigend erdulden? <\/p><p>Die gegenw&auml;rtige Kinder- und Jugendhilfepolitik geht ganz im Einklang mit der &ouml;konomisierten Politik trotz scheinbarer Gespr&auml;chsbereitschaft und oberfl&auml;chlichem Verst&auml;ndnis f&uuml;r die fachlichen Positionen ihren Weg jedoch unbeirrt weiter. Hinter den aufgeh&uuml;bschten Fassaden einer Hochglanz-Jugendhilfe wird die Umsteuerung in Richtung einer &ouml;konomisierten Kinder- und Jugendhilfe unnachgiebig weiterverfolgt. Inzwischen gibt es sogar eindeutige Signale aus der Politik, die gesetzlichen Grundlagen des SGB VIII, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, der seit Jahren w&auml;hrenden kommunalen Praxis anzupassen, die sich an betriebswirtschaftlicher und verwaltungstechnischer Effizienz orientiert. <\/p><p>Unser in 2010 gegr&uuml;ndetes B&uuml;ndnis Kinder- und Jugendhilfe &ndash; f&uuml;r Professionalit&auml;t und Parteilichkeit hat sich aus diesem Grund nach verschiedenen vergeblichen Versuchen eines ernsthaften Dialogs mit der Politik &uuml;ber die Zukunft unseres Fachbereiches entschieden, diesen Dialog vorerst zu beenden. Stattdessen gehen wir nun mit einem <a href=\"http:\/\/www.memorandumjugendhilfe.de\">Aufruf zu einem Memorandum<\/a> auf allen Ebenen in die &Ouml;ffentlichkeit, um ein Bewusstsein f&uuml;r die gegenw&auml;rtige Lage der Kinder- und Jugendhilfe zu schaffen. Wir hoffen, dass alle engagierten Menschen, die mit der gegenw&auml;rtigen Fremdbestimmung der Sozialen Arbeit sowie der Kinder- und Jugendhilfe im Speziellen nicht einverstanden sind und noch nicht resigniert haben, diesen Aufruf lesen und durch ihre Zeichnung unterst&uuml;tzen.<\/p><p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p><p>Wenn ich mir eine kleine Anekdote sozusagen als Epilog erlauben darf&hellip; Ich tituliere ihn mal als &ldquo;von H&auml;uptlingen, H&auml;ppchen und Ungehorsam&rdquo;: Ich sa&szlig; vor einiger Zeit beruflich in einer Arbeitsrunde, bei der ein von Bundesmitteln gef&ouml;rdertes Projekt &ndash; &uuml;brigens ein klassisches Projekt der &ldquo;Neuen Steuerung&rdquo; &ndash; in der betreffenden Kommune als Zwischenergebnis durch einen Vertreter des Bundesministeriums &uuml;berpr&uuml;ft werden sollte. Nachdem die das Projekt ausf&uuml;hrenden Ehrenamtlichen und Professionellen zwei Stunden lang ihre wirklich kreativen und engagierten Ergebnisse monatelanger Arbeit pr&auml;sentiert hatten, sollten in einer darauf folgenden zweiten Runde nur die politisch Verantwortlichen, sprich Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer, Kommunalpolitiker und eben jener Mensch vom Bundesministerium miteinander ins Gespr&auml;ch gehen. <\/p><p>In der Pause zwischen dem einen und dem anderen Gespr&auml;chsforum wurden fein dekorierte H&auml;ppchen gereicht. In Freude auf eine kleine St&auml;rkung nach zwei intensiven Stunden und bevor wir Fachkr&auml;fte wieder in den m&uuml;hsamen Arbeitsalltag entlassen wurden, griff meine Hand in Richtung eines dieser H&auml;ppchen. Da st&uuml;rzte einer der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer auf mich zu und deutete symbolisch eine k&ouml;rperliche Ma&szlig;regelung meiner allzu selbstbewussten Hand an und sprach unmissverst&auml;ndlich: &ldquo;Stopp, das ist nur f&uuml;r H&auml;uptlinge.&rdquo; Vielleicht war meine Hand intuitiv selbstbewusster als mein Denken. Denn ich griff dennoch beherzt zu, f&uuml;hrte den wohlschmeckenden Happen in meinen Mund und sprach: &ldquo;<em>Dieser<\/em> Happen schmeckt mir besonders gut.&rdquo;<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Matthias Heintz<\/strong>, 51, ist Diplom-P&auml;dagoge und systemischer Familientherapeut. Er hat 2 S&ouml;hne. Er ist seit knapp 20 Jahren in der Erziehungsberatung t&auml;tig, heute als Berater in einer kirchlichen Sozial- und Lebensberatungsstelle t&auml;tig, sowie in eigener systemischer Praxis. Seit rund 10 Jahren arbeitet er zudem als Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal, insbesondere im Fachbereich &bdquo;Kindheitswissenschaften&ldquo;. Er ist Mitbegr&uuml;nder des &bdquo;B&uuml;ndnis Kinder- und Jugendhilfe &ndash; f&uuml;r Professionalit&auml;t und Parteilichkeit&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><p>Buch: Mechthild Seithe und Matthias Heintz: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.budrich-verlag.de\/pages\/frameset\/reload.php?ID=1038&amp;_requested_page=%2Fpages%2Fdetails.php\">Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung. Pl&auml;doyer f&uuml;r ein umstrittenes Konzept der Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten der N&uuml;tzlichkeitsideologie<\/a>&ldquo;. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/47f648777dc646c08c773f51a4ca964b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151016_heintz.jpg\" alt=\"Matthias Heintz\" title=\"Matthias Heintz\"\/><\/div>\n<p>Wir alle sind &ndash; auf Gedeih und Verderb &ndash; auf unser Gesundheits- und Sozialsystem angewiesen. Aber wer wei&szlig; schon genau, wie die Systeme funktionieren? Wie sie sich ver&auml;ndert haben? Wer begreift noch den Sinn und die Auswirkungen staatlicher Verordnungen, der &raquo;Reformen&laquo; der letzten Jahre?<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27957\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[167,209,145,132],"tags":[373,1302,1601,442,288,312,309,413],"class_list":["post-27957","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-familienpolitik","category-interviews","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-oekonomisierung","tag-daseinsvorsorge","tag-ehrenamtlichkeit","tag-eigenverantwortung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-repressionen","tag-schlanker-staat"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27957","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27957"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27957\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120085,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27957\/revisions\/120085"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27957"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27957"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27957"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}